Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas (2020)

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Zwei Brüder aus dem ländlichen Bayern brechen zu einer Reise durch die USA auf. Sie legen die Strecke von Ost nach West auf Mopeds zurück, die nicht mehr als 40 Stundenkilometer schaffen. Wie der Dokumentarfilm über ihr Abenteuer im heimatlichen Gasthaus ankommt, zeigt eine fiktionale Rahmenhandlung.

Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas (2020)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Mit der Zündapp auf der Route 66

Irgendwo in Arkansas nähern sich Julian und Thomas Wittmann in der Dunkelheit einem Gehöft im Wald. „Wer seid ihr?“, ruft ein Mann mit warnender Schärfe in der Stimme. Sie kämen aus Bayern, antwortet einer der Brüder. Wo das denn sei, fragt der Amerikaner zurück. Dieser Dialog aus dem dokumentarischen Roadmovie, das Julian Wittmann inszeniert und gemeinsam mit seinem Bruder produziert hat, bestätigt ein regionalpatriotisches Klischee. Demnach sagen Bayern nicht ohne Not, dass sie aus Deutschland kommen.

Die beiden reiselustigen Brüder, die aus einem oberbayerischen Dorf stammen und in der Film- und Fernsehbranche aktiv sind, erzählen in ihrem Debütfilm vom Abenteuer ihrer Reise nach Las Vegas. Damit das Ganze eine pfiffige Komponente erhält und das heimische Kinopublikum auch interessiert, haben sie die dreimonatige Tour im Jahr 2018 auf zwei alten Zündapp-Mopeds zurückgelegt, die maximal 40 km/h fahren. Und der Titel verrät, welche Beinkleidung Julian und Thomas trugen. Sie sind in die Welt gezogen, um als Bayern erkannt zu werden, nicht um kulturelle Klischees zu widerlegen.

Klar, dass die Brüder auch unterwegs so miteinander sprechen, wie sie es immer tun, bayerisch eben. Und da sie noch jung sind – in den Zwanzigern – und das ganze Projekt etwas Amateurhaftes ausstrahlt, kokettieren sie als Protagonisten auch stets ein wenig mit der Unschuld der Narrenfigur. Sie kundschaften die Fremde manchmal wie einen Jahrmarkt der Skurrilitäten aus und sehnen sich dann wieder nach dem immergleichen Wurstsalat daheim im Dorfgasthaus. Das Roadmovie ist der erste Film im Verleih des neuen Labels Majestic Sunseitn, das bayerische Filme in die Kinos bringen will.

Julian und Thomas fahren also in Amerika der großen Freiheit entgegen, die mit der Route 66, den Harley-Bikern, der Country-Metropole Nashville verbunden ist. Auf der Manhattan Bridge in New York geht ihr Anhänger kaputt. Bald kommen sie in strömenden Regen und frieren. Ein Veteran der Irak- und Afghanistankriege nimmt sie mit in eine Halle zu Schießübungen. Das Credo des Mannes, dass die Freiheit mit Waffen verteidigt werden muss, verstört die friedliebenden jungen Europäer ein wenig. Mulmig ist ihnen auch, als ein bulliger Mann, der sich als Mitglied der Hells Angels vorstellt, ihre Bekanntschaft sucht. Wohler fühlen sie sich als Gäste des Aussteigers im Wald von Arkansas, der mit seiner Frau dem hektischen Alltag in der Zivilisation den Rücken gekehrt hat.

Die Heimat darf vor lauter Fremde im Film aber nicht zu kurz kommen, und so gibt es den originellen Einfall einer fiktionalen Rahmenhandlung im bayerischen Dorfgasthaus. Dort wollen die Brüder nach der Rückkehr ihren Reisefilm vorführen. Aber die Technik spielt nicht mit und die böse Wirtin (Angelika Sedlmeier) funkt heimlich dazwischen. Denn ihre Tochter (Stephanie Liebl), die dort im Familienbetrieb als Kellnerin versauert, soll gar nicht erst auf die Idee kommen, auch in die große weite Welt abzuhauen. Man fragt sich, in welchem Jahrhundert dieses Bayern angesiedelt sein soll, aber gut, ein Anflug kindlicher Unbedarftheit ist bei diesem Filmprojekt ja wie gesagt wohl auch gewollt.

Geknickt suchen die Brüder die Toilette im Gasthaus auf, wo sie auf die Putzfrau (Monika Gruber) treffen, die beschließt, sie emotional wieder aufzurichten. Irgendwie sorgt sie, vielleicht mit ein bisschen Magie, dafür, dass die Vorführung im Gastraum wieder läuft und die Stammtischler dort auch hören, was ihnen die Wittmann-Brüder von ihrer Reise erzählen. Diese Gespräche ersetzen den üblichen Reisekommentar aus dem Off. Im Wesentlichen teilt die Frau den Brüdern Folgendes mit: „Scheißt’s Eich nix, dann feid Eich nix!“ Sie sollen sich also nicht zu viel den Kopf darüber zerbrechen, was sich gehört oder was die Leute denken, und schon wird es ihnen gut gehen. Das Toilettenraum-Gespräch ist der schwächste Teil des ganzen Films.

Aber auch oben im Gastraum dümpelt die Handlung halbherzig dahin zwischen den kritischen Kommentaren der Stammtischbrüder zur Reise und ihrer allmählich vom Film geweckten Abenteuerlust. Warum, ist in den Augen des einen oder anderen zu lesen, habe ich so etwas Verrücktes nicht auch einmal gewagt?

Eine dreiköpfige Filmcrew hat die Brüder auf ihrem Trip begleitet. Sie hat die Protagonisten auf den Mopeds oder beim Campen gefilmt, Drohnen über den Schauplätzen kreisen lassen. Die Reiseimpressionen ergeben visuell eine durchaus interessante Mischung aus Schnappschüssen jenseits der Postkartenmotive und Landschaftspanoramen. Es gibt viele schöne Aufnahmen im Gegenlicht. Die Landstraße verläuft oft schnurgerade an Getreidefeldern und Rinderweiden vorbei, im Monument Valley kommt Western-Feeling auf. Die anregende Musik mit ihren Countryklängen schürt die Reiselust.

Aber so richtig froh und zufrieden scheinen die Abenteurer unterwegs selten zu sein. Er habe sich das aufregender vorgestellt, sagt Julian einmal. Das Klischee des amerikanischen Freiheitsversprechens, das die Popkultur und mit ihr die zahllosen Roadmovies transportieren, darf hier ein wenig Federn lassen. So hat der Film seine reizvollen Ansätze, nur macht er zu wenig daraus. Die Begegnungen mit Amerikanern sind oft recht kurz und wenig ergiebig. Und die Erkenntnisse der Brüder fallen sehr spärlich aus. Irgendwie war vielleicht zu viel Heimat im Gepäck, um sich neugierig auf Neues einzulassen.

Las Vegas wird dann tatsächlich erreicht, und was hört man im Moment dieses Triumphs den einen jungen Mann zum anderen sagen? „Jetzt brauch ich erst einmal ein Bier!“ Das klingt zwar bayerisch gedacht, kann aber auch als Bekenntnis zu einer globalen Konsumgewohnheit durchgehen. So versöhnlich endet die Reise, und der Film lässt sein Publikum mit gemischten Gefühlen zurück. Denn er bestätigt zwar das Sprichwort „Frisch gewagt ist halb gewonnen“, bleibt aber die andere Hälfte des Gelingens schuldig.

Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas (2020)

Die Brüder Julian und Thomas Wittmann wollen raus aus dem Alltag in ihrem bayerischen Dorf — und reißen aus. Um die große Freiheit, das Abenteuer und das Glück in der Ferne zu suchen. 12.000 km auf zwei alten Mopeds, die sie von Bayern an die Nordsee, über den großen Teich nach New York und weiter durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten führen. In Lederhosen nach Las Vegas!  Und mit jedem Kilometer, jedem Abenteuer und jeder Herausforderung kommen sie sich und ihrer Suche nach Freiheit ein Stück näher.

 

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Meinungen
Christian Kahlstain · 24.07.2020

Ein sehr frischer authentischer Film von zwei bayrischen Jungs die die Welt auf ihre Art mit viel Herzblut erkunden. Unbedingt Sehenswert!!

Josef K. · 14.07.2020

Ein Super Film. Ich kenne die zwei Jungs und das sind die Absolut besten. Geht in den Film und lasst euch von der Magie der bayrischen Leichtigkeit verzaubern.

Kommentare

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