Auf der Couch in Tunis (2019)

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Die aus dem dramatischen Fach bekannte Golshifteh Farahani zeigt nicht zum ersten Mal, dafür eindrücklich, ihr komödiantisches Talent. In Manele Labidis Spielfilmdebüt legt sie nicht nur Menschen, sondern eine ganze Gesellschaft auf die Couch

Auf der Couch in Tunis (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Therapie auf Tunesisch

Manele Labidi kommt aus einem Vorort von Paris, ihre Eltern aus Tunesien. Lange Zeit verbrachte sie jedes Jahr mehrere Monate dort. Ausgrenzung erfuhr sie in beiden Gesellschaften. In ihrem Kinofilmdebüt kehrt die Regisseurin und Drehbuchautorin nun ins Heimatland ihrer Eltern zurück und legt gemeinsam mit ihrer resoluten Protagonistin, einer Psychoanalytikerin, die ganze Nation auf die Couch.

Labidis Heldin heißt Selma (Golshifteh Farahani) und hat einen wagemutigen Plan. Weil die berufliche Konkurrenz in ihrer Pariser Heimat ihr zu übermächtig scheint, will sie ihre Praxis für Psychotherapie lieber in Tunesien eröffnen. Nach dem Sturz des Regimes ist der Redebedarf groß. Endlich können die Menschen wieder ungestraft aussprechen, was sie denken. Doch sind sie auch bereit für eine Therapeutin aus Frankreich und deren österreichischen „Boss“, Psychoanalyse-Übervater Sigmund Freud, der als Porträt an Selmas Wand hängt?

Mit ihrer selbstbewussten, offenen und direkten Art kommt Selma anfangs nicht weit. Also geht sie Umwege. Um Patientinnen zu gewinnen, lässt sie sich von Beautysalon-Besitzerin Baya (Feriel Chamari) schon mal eine neue Frisur verpassen, die sie gar nicht haben will. Auf dem Amt wähnt sie sich schneller am Ziel, wenn sie der zuständigen Sekretärin Nour (Najoua Zouhair) ein paar unter dem Schreibtisch verkaufte Dessous abnimmt, die sie nie tragen wird. Und ihre Praxis richtet sie mangels Alternativen kurz entschlossen auf dem Dach ihrer Verwandtschaft ein.

Dieser Alltagspragmatismus und das Wechselspiel aus Verdecken und Enthüllen, zwischen dem Offensichtlichen und dem Unausgesprochenen machen den Charme und Witz dieser Komödie aus. Von alten italienischen und amerikanischen Schlagern getragen und in prächtig leuchtenden Farben gefilmt, weht ein Hauch Nostalgie durch dieses Debüt. Die Hauptfigur wiederum bringt ordentlich frischen Wind in ein für westliche Augen verstaubtes System, ohne ihre Lebensweise jedoch als überlegen anzusehen. Selma hört ihren Mitmenschen zu und biegt diese nicht zurecht. Das Kinopublikum lacht mit ihnen, nicht über sie.

Bevor die 1982 geborene Manele Labidi zum Film kam, studierte sie Politik- und Wirtschaftswissenschaften, arbeitete in der Finanzbranche und wechselte schließlich ins Theater, zum Radio und Fernsehen. Dass sie sich bei ihrem Kinodebüt für eine Komödie entschieden hat, ist ein cleverer Schachzug, ermöglicht das Genre ihr doch, „ernste Themen mit mehr Distanz zu betrachten und auf eine weniger brachiale Art und Weise vor der Kamera zu verhandeln, als das oft in einer Tragödie der Fall ist“, wie Labidi es selbst in einem Interview formuliert.

Diese Themen reichen weit und quer durch die Mittelschicht der Gesellschaft. Abseits ihrer Hauptfigur, aber stets durch deren Augen erzählt Labidi mit Zuneigung und sanfter Ironie mehrere Geschichten des (Ver-)Zweifelns: von der Geschichte des Bäckers Raouf (Hichem Yacoubi), der mit seiner Sexualität hadert, über die Geschichte des Imams Fares (Jamel Sassi), der zwar nicht mit seinem Glauben, dafür aber mit den Gläubigen hadert, bis zur Geschichte von Selmas Nichte Olfa (Aïcha Ben Miled), die mit ihrer Zukunft hadert, und deshalb beinahe eine Scheinehe eingeht.

Mit der gebürtigen Iranerin Golshifteh Farahani, die seit 2009 in Frankreich lebt, hat Labidi die perfekte Vermittlerin für all diese Geschichten gefunden. Farahani hat ihre stärksten Eindrücke bislang in Dramen wie Asghar Farhadis Alles über Elly (2009), Hiner Saleems My Sweet Pepper Land (2013) oder Eva Hussons Les filles du soleil (2018) hinterlassen, beweist nun aber nicht nur eindrücklich ihr komödiantisches Talent, sondern auch, dass sie einen Film mühelos über manch erzählerische Schwäche hinweg tragen kann. Zwischendurch hängt Labidis Debüt ordentlich durch. Dann reicht ein Blick Farahanis und das Publikum bleibt bei ihr.

Für Labidi ist die Hauptfigur eine Art Cowgirl: „Schweigsam, einsam, mysteriös, voller Elan und weit davon entfernt, eine Familie oder einen Partner als ihre Bestimmung im Leben anzusehen“. Ihr zur Seite stellt sie mit dem Polizisten Naim (Majd Mastoura) eine Art Cowboy: überkorrekt, unbestechlich, in Stiefeln, mit karierten Hemden und einer offen zur Schau getragenen Waffe. Dass sich Selma von diesem Möchtegern-Macho nicht entwaffnen lässt, sondern mit ihren eigenen Waffen für ihre Sache kämpft, ist eine der vielen schönen Entwicklungen ihrer Erzählung. Eine Beziehung der beiden bleibt über das offene Ende des Films hinaus nur Vorstellung. Um erfolgreich zu sein, braucht Selma nur sich selbst – und das Vertrauen darauf, dass ihr „Boss“ ihr in der Not einen Ausweg aufzeigen wird.

Auf der Couch in Tunis (2019)

Nach dem Sturz des Diktators Ben Ali kehrt Selma in ihren Heimatort zurück und eröffnet dort eine Klinik für Psychoanalyse, um die psychologische Verfassung der Anwohner zu untersuchen. Davon ist aber nicht jeder im Ort begeistert.

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Meinungen
Jan R · 27.07.2020

Dieser Film ist so durch und durch französisch, ich kann mir nicht vorstellen, dass das Leben der Tunesier autentisch dargestellt wird. Der Film könnte eher in einer verschlafenen Kleinstadt im Südwesten Frankreichs spielen. Dem würde man eher Glauben schenken. Typisch für den französischen Film: Die Dialoge, symbolträchtige Szene (in diesem Film nur Wirkung) und in jeder Szene mindestens eine Zigarette. Der Film entlässt uns mit mehr Fragezeichen zu den Charakteren als es gut tut und unterm Strich ist es schade, dass die Hauptfigur, die man tatsächlich in sein Herz schließt, in einem so öden Film spielt. Schade. 1 Punkt.

Kommentare

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