Attraction (2017)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Der Mann, der vom Himmel fiel

Nicht nur Hollywood produziert spektakuläre Bilder. Fedor Bondarchuks russische Science-Fiction-Romanze Attraction macht auch auf DVD und Blu-ray eine passable Figur und zeigt abseits all der erwartbaren Schauwerte Haltung.

Vom Griff nach den Sternen träumt Julia (Irina Starshenbaum) schon lange nicht mehr. Als kleines Mädchen, lässt sie als Erzählerin aus dem Off wissen, habe sie mit ihrer Mutter oft stundenlang in den Himmel geblickt und sich ausgemalt, dass die weit entfernten Lichtpunkte die Augen von Engeln seien, die über die Menschheit wachten. Heute begegnen wir Julia als gelangweilter Schülerin in einer monströsen Plattenbausiedlung im Norden Moskaus. Von ihrem Glauben ist sie abgefallen, als ihre Mutter starb. Und wie das Leben im Teenageralter eben so spielt, interessiert sie sich im Klassenzimmer mehr für ihren Freund Tom (Alexander Petrov), der draußen mit seinem tiefergelegten Wagen wartet, als für das Geschwafel ihres Lehrers über den ersten Meteoritenregen seit Jahren. Dabei wird dieses Himmelsspektakel Julias Leben nachhaltig verändern.

Denn die Engel, die über die Menschheit wachen, sind immer noch da draußen. Von einem Meteoriten getroffen, verliert ein vorbeifliegendes Raumschiff seine Tarnung, löst auf den Radarschirmen Alarm aus und stürzt schließlich von Menschenhand abgeschossen mitten in Julias Viertel. Statt auf die vom stellvertretenden Ministerpräsidenten (Sergey Garmash) geforderte Eskalation zu setzen, erklärt das Militär um Julias Vater, Oberst Lebedev (Oleg Menshikov), die Absturzstelle erst einmal zum Sperrgebiet und gewährt den Außerirdischen die Möglichkeit, ihr wasserbetriebenes Schiff selbst wieder flott zu machen. Damit stellt sich Attraction in eine Reihe sozialkritischer Science-Fiction-Filme wie District 9 oder jüngst Arrival, die die Neuankömmlinge nicht nur als Bedrohung, sondern als Chance begreifen. Und auch in Julias Schulklasse, zu der sie fortan im gepanzerten Militärbus fährt, wird heftig gestritten. Erst als die Jugendliche dem Außerirdischen Hakon (Rinal Mukhametov) begegnet und ihm bei seiner waghalsigen Mission hilft, ändert sie ihre xenophobe Meinung. Dass der Mann, der vom Himmel fiel, so unverschämt gut aussieht, dürfte dabei seinen Teil dazu beitragen.

Neben den Hauptdarstellern können sich aber auch Bondarchuks Bilder sehen lassen. Nationen wie Indien, China oder Russland mischen im Genrefilm qualitativ längst im Konzert der Großen mit. Deren Blockbuster bekommt das deutsche Publikum allerdings kaum zu Gesicht. Attraction ist solch einer. Während der bunte Mix aus bildgewaltiger Science-Fiction und obligatorischer Liebesgeschichte in seiner Heimat in 3D und Dolby Atmos in die Kinos kam, gab es hierzulande lediglich eine bundesweite Spezialvorführung an einem einzigen Termin. Doch auch DVD und Blu-ray zeigen, was mit einem im internationalen Vergleich eher niedrigen Budget alles möglich ist. Vor allem das Design des Raumschiffs und das der Kampfanzüge der Aliens begeistern. Zwar können bei Weitem nicht alle Effekte mit den großen Hollywoodstudios mithalten. Ein Blick ins Bonusmaterial offenbart aber auch, wie viel heutzutage aus dem Rechner kommt, von dem man es nicht annimmt. Der neunminütige VFX-Breakdown, der unzählige Ansichten vor und nach der Bearbeitung aneinanderreiht, offenbart, dass selbst unzählige vermeintliche Außenaufnahmen im Studio entstanden sind.

Attraction nur auf seine Schauwerte zu beschränken, täte den Machern jedoch unrecht. Sergey Garmash, der den kriegstreibenden Politiker gibt, formuliert es im Bonusmaterial so: „Das klingt vielleicht aufgeblasen, aber dieser Film vermittelt zur rechten Zeit eine notwendige und wichtige Botschaft an die jüngere Generation.“ Um ihre Botschaft an ihr junges Zielpublikum zu bringen, heben die Drehbuchautoren Oleg Malovichko und Andrey Zolotarev all der Action eine ordentliche Portion Humor und Romantik unter. Ihr extraterrestrischer Protagonist in Menschengestalt stolpert in jede Menge amüsante fish-out-of-water-Situationen. Und auch die Chemie zwischen Rinal Mukhametov und Debütantin Irina Starshenbaum stimmt.

An die großen Vorbilder reicht das freilich nicht heran. Dafür bleibt die Handlung dann doch etwas zu oberflächlich und vorhersehbar, die Figuren zu formelhaft und klischiert. Der kurzweiligen Unterhaltung tut das zumindest keinen Abbruch. Und für die Botschaft, den Politikern und dem Staatsfernsehen nicht blind zu vertrauen, Fremden aufgeschlossen und unvoreingenommen gegenüberzutreten und sich nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen, um von den eigenen Problemen abzulenken, nimmt man das gern in Kauf.
 

Attraction (2017)

Nicht nur Hollywood produziert spektakuläre Bilder. Fedor Bondarchuks russische Science-Fiction-Romanze „Attraction“ macht auch auf DVD und Blu-ray eine passable Figur und zeigt abseits all der erwartbaren Schauwerte Haltung.

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Martin Zopick · 23.07.2022

Ein russisches Sci-Fi Abenteuer, dass es mit den Blockbustern aus Hollywood durchaus optisch aufnehmen kann. Es beginnt mit einem fulminanten Anfang, in dem ein Raumschiff mit destruktiver Schönheit Wohnblocks und ihre Umgebung auf der Erde zermalmt. Die Form des Flugköpers ist ebenso innovativ wie das Outfit der Aliens.
Und inhaltlich bietet der Plot menschlich bewegende Szenen, die aus dem Sci-Fi Rahmen fallen. Die Aliens wollen die Erde gar nicht erobern. Sie sind überzeugt, dass sie dies ohnehin in 6oo Jahren tun wird.
Das schwächste Glied in der Kette ist der nichtssagende Titel. Ein Wind Ei, das zu vielen Filmen passen könnte.
Es ist die erste, unerfüllte Liebesgeschichte zwischen einem Menschen - hier die Russin Julia (Irina Starschenbaum) und dem Hominiden Hakon (Rinal Muchamemtow). Ihr Zusammentreffen enthält ernste Facetten – wie die Bluttransfusion, aber auch spaßige wie das gemeinsame Essen. Ansonsten ist für die Komik der drollig Google (Jewgeni Michejew) zuständig, der wie ein Troll daherkommt. Julias Freund Artjom (Alexander Petrow) wird mit Hakon um Julia kämpfen und verlieren. Das halbgare Ende verweist auf eine bewusst gewollte Fortsetzung. (Lazarus – Effekt für die erschossene Julia).
Fürs Herz gibt es den Vater – Tochter Konflikt, den Julia mit Walentin (Oleg Menschikow) ausficht: eine innige Hass-Liebe.
Bei einigen Passagen wird der freie Westen hellhörig. Kaum vorstellbar, dass sie dem Kreml-Potentaten gefallen, wenn z.B. bei einer Demo die Meute brüllt ‘ Wir haben nicht das Recht zu töten!‘). Etwas ambivalent kommt der Slogan daher ‘Die Erde ist unser Planet!‘ Ein Anklang an Putins imperiale Ambitionen?!
Man darf auf Teil 2 gespannt sein.