As We Like It (2021)

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Eine moderne Adaption von Shakespeares Wie es euch gefällt mit Frauen in sämtlichen Rollen, angesiedelt in einem utopischen In-Viertel von Taipeh ohne Handyempfang – das ist genauso wild wie es klingt.

As We Like It (2021)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

So gefällt es uns

Vielleicht müssen wir gar nicht weiter nach einem Paradies auf Erden suchen. Vielleicht gibt es schon eines. Vielleicht ist es Ximending, das angesagte, bunte In-Viertel im Zentrum von Taipeh. Zumindest ist es das in As We Like It“, einer taiwanischen Shakespeare-Adaption von Chen Hung-i und Muni Wei: Ein neuer Wald von Arden mit Geschäften für absolut jeden Geschmack, wo jeder völlig selbstverständlich jeden lieben darf und alle Farben irgendwie noch ein bisschen kräftiger strahlen. Wo Mädchen ihre weißen Hasen im Kinderwagen spazieren fahren und man sich seit fünf Jahren vom Internet abgekoppelt hat.

Gut, As We Like It beschreibt eine Utopie – aber vielleicht sind wir dieser Utopie schon viel näher gekommen als wir es gelegentlich zu hoffen wagen. Der Film entstand unter dem Eindruck eines historischen Moments: Im Mai 2019 erlaubte Taiwan als das erste asiatische Land per Gesetz die gleichgeschlechtliche Ehe. Gleich die erste Szene spielt darauf an: Rosalind und ihre beste Freundin kommen mit einem Taxi in Ximending an und direkt hinter der Grenze zum Viertel bricht nicht nur ihr Handynetz zusammen, ihr Taxifahrer beginnt auch zu erzählen: Seit fünf Jahren ist er inzwischen verheiratet, er und sein Partner seien den Schritt gegangen, sobald es möglich war. Jetzt müsse es nur noch mit der Adoption klappen.

Damit sind die Pole des Films sofort gesetzt: As We Like It ist ein modernes Mädchen, eine schöne Utopie. Aber verwurzelt in den Errungenschaften ebenso wie den Baustellen der zeitgenössischen Realität. Das Regieduo filmt immer wieder an den gleichen Orten: an geschäftigen Straßenecken, in vollgestopften Läden, einer Handvoll Wohnungen. Ein größeres, von außen kunstvoll mit Graffiti besprühtes Gebäude, das in der Realität wahrscheinlich so etwas wie ein Nachbarschaftszentrum ist, wirkt hier beinahe wie ein Kloster. Ein Ort der Ruhe inmitten der geschäftigen Metropole, wo Pflanzen in gepflegten Beeten wachsen, wo frisch geschöpfte und zum Trocknen aufgehängte Papierbögen sacht im Luftzug wehen. Die wenigen Male, die die Kamera diese Gegend verlässt, kommen einem unsanften Erwachen gleich. Die Welt außerhalb von Ximending ist hier ein Corporate Dystopia, mit gesichtslosen Bürogebäuden und Parkplätzen, grau in grau. Man muss nicht in Taipeh gewesen sein, um dieses Gefühl wiederzuerkennen: Wenn man seine wohlige Blase verlässt und sich in einer Realität wiederfindet, die man bis eben noch wunderbar ausblenden konnte. Mehr als alles andere erweist sich As We Like It auf diese Weise als ein Film über Safe Spaces. Darüber, wie schützenswert Orte sind, die in erster Linie von und für Menschen gemacht sind, für die queere Community, alternative Lebensentwürfe, Künstler, alteingesessene Nachbarschaften.

Innerhalb der Grenzen von Ximending ist As We Like It ein überwältigend wilder, verspielter Film. Obwohl er sich weitgehend an der Handlung von William Shakespeares Wie es euch gefällt entlang hangelt, wäre es ohne rudimentäre Kenntnis der Vorlage wahrscheinlich unmöglich, durchgängig zu folgen. Boxkämpfe wechseln sich rasant mit Huangmei-Oper ab, animierte Bildelemente täuschen in den Actionsequenzen charmant über das eingeschränkte Budget hinweg. In einer Szene durchbricht eine der Figuren für einen Moment die vierte Wand, dann wiederum gibt es Zeitraffer, Videospielsequenzen und am Ende entschwebt alles in digitalen rosa Wolken. Eigentlich reicht es aber völlig, sich die Grundkonstellation der Hauptfiguren zu merken und sich ansonsten im Rausch der Bilder treiben zu lassen: Orlando und Rosalind verlieben sich ineinander. Doch Rosalind muss versuchen ihren verbannten Vater zu finden und gibt sich zu diesem Zweck als junger Mann namens Roosevelt aus.

Der große Clou: In As We Like It werden ausnahmelos alle Rollen von Schauspielerinnen verkörpert. Von Rosalind über Orlando bis hin zu Geschäftsmännern, Schlägertypen, alten Opis, die in eierschalenfarbene Strickjacken gekleidet vor ihren Läden sitzen. Chen Hung-i und Muni Wei spielen damit auf alte Schauspieltraditionen an: Zu Zeiten Shakespeares wurden auf der Bühne sämtliche Rollen von Männern übernommen. Der Effekt ist subversiv, aber er ist auch einfach witzig. Wenn eine Schauspielerin mit aufgeklebtem Schnurrbart Orlando bei seiner Arbeit ermahnt, dass Tempo bei einem Mann nicht immer von Vorteil sei, wirkt das wie ein Witz, den Frauen untereinander überall auf der Welt machen. Vor allem den älteren Nebendarstellerinnen ist ihr unbändiger Spaß anzumerken. Mit Bart, Kurzhaarfrisur und Anzug werfen sie sich in jeder Szene voll rein, imitieren Stimmen und Körperhaltungen mit einer Leidenschaft, bei der man fast vermuten möchte, dass sie ihre Inspiration von all den Produzenten und Castingdirektoren schöpfen, denen sie in ihren Leben gegenübertreten mussten. Es sieht so aus, als hätten die Filmemacher mit As We Like It auch direkt am Set ein kleines Utopia geschaffen.

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