Artemis Fowl (2020)

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Disney+ als Resterampe: Der Unterhaltungsriese hat die mehrfach verschobene Verfilmung des ersten Artemis-Fowl-Buches statt ins Kino direkt in die Streaming-Flatrate gepackt. Beim Ansehen wird schnell klar, warum man der jüngsten Regiearbeit von Kenneth Branagh keinen Kassenerfolg zutraute.

Artemis Fowl (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Abgeschoben

Bei Disney scheinen sie derzeit in einem Dilemma zu stecken. Einerseits war da der kometenhafte Europastart von Disney+ pünktlich zu Beginn der Corona-Pandemie, der dem hauseigenen Streaming-Dienst innerhalb weniger Wochen eine Verdopplung der Abonnementzahlen bescherte. Andererseits pfuschte die Pandemie auch mächtig in den streng getakteten Kinorelease-Zeitplan für die neuen Blockbuster hinein. Anstatt Verschiebung um Verschiebung bekanntgeben zu müssen, scheint man sich jetzt auf ein paar Experimente einlassen zu wollen.

Dabei zeigt die Veröffentlichung von Artemis Fowl (gerade im Vergleich zu anderen aktuellen Großprojekten), wie wenig Vertrauen Disney in die Jugendbuchverfilmung und jüngste Regiearbeit von Kenneth Branagh (Cinderella, Mord im Orient Express) gehabt haben muss. Denn während Disney+-Abonnent*innen ab September für Mulan 22 Euro blechen müssen und dem über Jahre verschobenen New Mutants sogar ein regulärer Kinostart vergönnt ist, hat man Artemis Fowl (ebenfalls ursprünglich fürs Kino angekündigt) direkt in die Flatrate von Disney+ abgeschoben. Im Juni zunächst in den USA, nun auch hierzulande. Nach dem Film ist auch klar, wieso.

Denn obwohl die inzwischen achtteilige Romanreihe ein prinzipiell vielversprechendes Settings-Gemisch aus Science-Fiction und Fantasy etabliert hat, in dem Elfen, Zwerge und andere klassische Mystikwesen versteckt in der Gegenwart leben, haben Branagh und sein Team daraus einen generischen Abenteuerfilm gemacht, in dem die entscheidenden Elemente – die Welt, die Dynamik und die Hauptfigur – an der unteren Qualitätsgrenze kratzen.

Eben jene Hauptfigur verleiht dem Film auch seinen Titel: Artemis Fowl ist ein zwölfjähriger Junge aus Irland und überaus wohlhabenden Verhältnissen. Sportlich begabt und hochintelligent: Schon mit sieben Jahren hat er einen Schachmeister in fünf Zügen besiegt, mit neun einen Architekturwettbewerb gewonnen, mit zehn eine Ziege geklont. Zumindest behauptet das ein großer, stark behaarter Mann (Josh Gad), der zu Beginn des Films vor Fowl Manor inmitten einer aufgebrachten Reportermenge festgenommen und anschließend in einer Hochsicherheitsanlage auf dem Meer verhört wird. Zu sehen bekommt man das Behauptete aber nicht: Bis auf ein wenig Detektivarbeit bleibt der offenbar vierstellige IQ von Artemis Fowl junior ungenutzt und ohne erzählerische oder visuelle Belege.

Das klingt dennoch zunächst nach einer Figur, die geradezu prädestiniert ist als Protagonist für eine solche Coming-of-Age-Abenteuergeschichte. Statt eines Sympathieträgers zeigt der Film allerdings einen arroganten Heranwachsenden, der jeden in seinem Umfeld, inklusive seiner Lehrer, mit beachtlicher Verachtung von oben herab straft. Einzige Ausnahmen: sein Leibwächter Domovoi Butler (Nonso Anozie) und sein Vater Artemis Fowl senior (Colin Farrell). Der ist ein Experte in Sachen irische Mythen und Folklore, weiß um die reale Existenz der magischen Wesen und begeistert seinen Sohn allabendlich mit Geschichten von Elfen, Zwergen und Trollen.

Dann landet Fowl senior in den Fängen einer dunklen Macht, und um ihn zu befreien, soll sein Sohn ein altes Artefakt beschaffen. Nach dem sucht auch die Elfin Holly Short (Lara McDonnell), um damit den Namen ihres in Verruf geratenen Vaters reinzuwaschen. Die erste Begegnung zwischen Holly und Artemis junior mündet in einer Gefangennahme Ersterer durch Letzteren, woraufhin eine Elfen-Armee unter Leitung von Kommandantin Root (Judi Dench) vor Artemis‘ Anwesen auftaucht. Alles verläuft genau nach seinem Plan …

Die Geiselnahmesituation (aus der letztlich eine enge Freundschaft erwächst) spielt sich so auch im ersten Roman von Eoin Colfer ab. Die geforderte Tonne Gold wird im Film jedoch durch einen klassischen McGuffin ersetzt, der irgendwo im Anwesen versteckt ist. Da dieser Plotpart rund um die Belagerung von Fowl Manor fast zwei Drittel der Laufzeit verschlingt, verharrt Artemis Fowl viel zu lange am selben Ort und vergisst, die große Stärke solcher Fanatsy-Abenteuergeschichten auszuspielen: das Erforschen und Ausschmücken der mystischen Welt(en). Kurzum: das World-Building. Die wenigen Einblicke, die der Film gewährt, machen aber schnell deutlich, dass sich dies ohnehin nicht gelohnt hätte.

Denn im mit mittelmäßigem CGI generierten, farbarmen Höhlenkomplex, in dem die Elfen und Co. leben, gibt es zwar diverse generische Science-Fiction-Elemente (Hologramme, Raumgleiter, glänzende Metalloberflächen) plus einige Fantasy-Accessoires (grüne Lederrüstungen, Runen, Steinbauten) – aber nichts Außergewöhnliches oder Anderweitiges, das irgendwie interessant oder innovativ wäre. Wohl deshalb bekommt die Fabelwelt nur rund 15 Minuten Screentime spendiert. Und auch an der Erdoberfläche kann Artemis Fowl ästhetisch nicht beeindrucken, insbesondere die Actioneinlagen kranken unter einer hyperaktiven Kamera sowie einem Schnittgewitter, das Michael Bay stolz machen würde.

Dass man Judi Dench und Colin Farrell ansieht, dass sie keinen Spaß dabei hatten, spiegelt das allgemeine Gefühl, das beim Schauen von Artemis Fowl entsteht, gut wieder. Einzig Josh Gad scheint spürbar Freude an seiner Rolle gehabt zu haben. Die Auftritte des vom ihm verkörperten, großgewachsenen Zwergs Mulch Diggums sind deshalb auch die einzigen Lichtpunkte in den 88 Minuten, die vergehen, bevor die Credits anrollen. Eine (im Gegensatz zum übrigen Humor) tatsächlich amüsante Tunnelgräber-Szene sowie Mulchs sehnlicher Wunsch, endlich so klein wie all die anderen Zwerge zu sein, können immerhin ein Schmunzeln abringen.

So erweist sich die von Mulch während des immer wieder eingespielten Verhörs geäußerte Behauptung, er sei der wahre Held dieser Geschichte, trotz seines Grinsens tatsächlich als zutreffend. Was im Wesentlichen aber an Titelheld Artemis Fowl liegt, respektive seiner Eigenart, sich jeglicher charakterlicher Weiterentwicklung zu verwehren. Jeder seiner Pläne geht auf – also muss auch kein persönlicher Reifeprozess in Gang gesetzt werden. Der von Beginn an arrogante, ungreifbare und wenig bis kaum sympathische Protagonist bleibt bis zur finalen Szene, die sich einem prätentiösen End-Twist anschließt, genau das: arrogant, ungreifbar und unsympathisch. Die denkbar ungünstigsten Eigenschaften für den Helden einer solchen Geschichte.

Artemis Fowl (2020)

Artemis Fowl ist der zwölfjährige Spross einer alten irischen Gangsterdynastie und ein kriminelles Genie. Er entführt die temperamentvolle und angriffslustige Elfe Holly Short, um Gold als Lösegeld zu erpressen und somit den finanziellen Untergang seiner Familie zu verhindern. Das führt zu einem erbitterten Kampf um Stärke und Gerissenheit mit dem mächtigen, unterirdischen Elfenvolk, das auch hinter dem Verschwinden seines Vaters stecken könnte. 

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Meinungen
wignanek-hp · 02.03.2020

Oh mein Gott, warum musste das von Disney verfilmt werden. Ich ahne Schlimmes.

Kommentare

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