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Die Tochter will, der Mann will, die Mutter will. Und Ina gibt. Bis sie merkt, dass Geben nicht immer das ist, was sie will. In Alle wollen geliebt werden lässt sie sich irgendwann nicht mehr von den egozentrischen Kreisen der anderen stören.

Alle wollen geliebt werden (2022)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Das Geben und das Nehmen

Der Mond kreist um die Erde, die Erde um die Sonne. Die Sonne, zusammen mit vielen anderen Planetensystemen, um ein großes schwarzes Loch im Zentrum der Galaxis. Eine Nebelspirale, die mit anderen Nebelspiralen rund ums Universum kreist. Alles wohlgeordnet im großen Chaos. Perfekte Harmonie. Wunderschön. Und so ganz anders als bei uns hier unten, die wir von all dem nichts wissen, wo im Zwischenmenschlichen jede Ordnung zum Chaos führt. Wo alle um sich selbst kreisen, ohne Bezug zum anderen. Wo Ina (Anne Ratte-Polle) versucht, als Psychotherapeutin die schlimmsten Symptome zu lindern, Beziehungen zu glätten, Schlaflosigkeit zu lindern. Wo Ina für andere da ist, für all die anderen, für die ihr Ego-Zentrum im Mittelpunkt steht.

Regisseurin Katharina Woll blickt nicht aufs kosmologische Ganze, sondern auf einen Scheißtag im Leben von Ina. Die muss mit ihrer Elli (Lea Drinda) zurechtkommen, die als einzige Figur im Film ihren Egoismus ausleben darf: Weil sie ein Teenager ist, weil sie daher stur und trotzig sein darf. Und weil sie hinter dem großen Nerv-Faktor die Mutter wirklich liebt. Ina muss sich auch mit Reto (Urs Jucker) herumschlagen. Den liebt sie. Er ist Ellis Stiefvater, ein bäriger Typ, Doktor mit nahender Berufung zum Professor – in Tampere, Finnland. Da will er hin, dahin will er auch Ina ziehen. Elli soll erst einmal nichts davon erfahren. Und dann ist da noch Inas Mutter Tamara (Ulrike Willenbacher), die noch dazu ihren 70. Geburtstag feiert. Und sie ist manipulativ durch ihre Aggressivität, mit der sie Ina herumkommandiert, die Stühle reichen nicht, die Terrassenstühle müssen her. Sie ist nur glücklich, wenn sie jemanden herumscheuchen kann, wenn alles sich nach ihr richtet.

Eine bezeichnende Szene: Ina hat auf Geheiß von Mutter Tamara Tochter Elli dazu gebracht, mitzuhelfen, die Stühle durchs Treppenhaus runter ins Auto zu tragen. Was schon einmal nicht so leicht war. Die Stühle sind auch nicht leicht zu tragen: So sperrig wie diese sind, verengen sich auch die Kurven. Elli voran, mit jugendlichem Schwung. Ina verschnauft. Pause. Die hat sie nötig. Will sie aber nicht nehmen. „Geht schon!“ „Ich schaff das!“ Ina steht sich selbst im Weg; sie will durchhalten, für andere, für ihr eigenes Selbstbild.

Und dann ist da noch der Arztbericht. Ina hat einen Druck auf der Brust, träumt schwer, die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind da. Die Ärztin aber nicht. Der Umschlag mit den Werten steckt in Inas Handtasche, und sie hat keine Minute, sich damit auseinanderzusetzen.

Nur eine Minute, das ist doch nicht zu viel! Das verlangt die Mutter. Die steht plötzlich da, mitten in einer Therapiesitzung von Ina, nimmt die Praxis in Beschlag, nimmt Ina in Beschlag, vertreibt die Patientin. Stress. Die Stühle zur Mutter. Die sitzt entspannt im Gartenstuhl: Ach, ist doch alles super. Und die Einkäufe, die können auch später noch … Ina kauft ein. Sie macht immer, was andere wollen. Die anderen wollen geliebt werden, Ina soll ihnen das Leben recht machen. Ina will geliebt werden, aber sie muss sich selbst zurechtfinden.

Was das ganz große Plus ist an Katharina Wolls Langfilmdebüt: All die Menschen um Ina, die so selbstbezogen agieren, sind nicht einfach als negative Egoistiker gezeichnet. Man versteht sie bis zu einem gewissen Grad. Sie haben nichts als ihre eigene Perspektive. Woran es mangelt, ist das Einfühlen in den anderen, das geht vor allem der Mutter ab, und auch den beiden Männern um Ina; Reto überredet sie zum Umzug nach Finnland, weil er sich nicht vorstellen kann, dass sie etwas anderes wollen könnte als er. Der Ex-Mann, Ellis Vater, hat ein neues Leben und kümmert sich sporadisch um den Spaß der Tochter – er fühlt sich zuständig für die schönen Seiten der Elternschaft. Holt sie ab zum Billie Eilish-Konzert. Liefert sich einen kleinen sportlichen Wettkampf mit Reto, dem Nachfolger. Was schnell zu einem handfesten Kampf der Alphamänner führt. Währenddessen hat sich Ina auf dem Klo Zeit genommen, den Arztbrief zu lesen…

Anne Ratte-Polle trägt den Film, ihre Ina zweifelt und ist verzweifelt und ist doch eine Frau, die ein eigenes Leben hat und ihr Leben selbst führen kann. Sie muss es nur bemerken. Und auch so ein Scheißtag kann zu guter Letzt helfen.

Alle wollen geliebt werden (2022)

Ein brütend heißer Sommertag. Die Psychotherapeutin Ina merkt, etwas stimmt nicht mit ihr. Doch sie hat keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen: In der Praxis warten die Patienten:innen, ihre Tochter droht zum Vater zu ziehen, ihr Freund will nach Finnland auswandern und ihre egozentrische Mutter feiert den 70. Geburtstag. Ina will es allen recht machen. Doch dann kommt alles anders. (Quelle: Filmfest München 2022)

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Meinungen

Rohm · 01.09.2022

Schlechtester Film den ich je gesehen habe.(In der Sneak Preview gesehen)
Es werden Situationen aufgebaut, aber einfach offen stehen gelassen. Oft fehlten Zusammenhänge. Schauspieler zu langweilig und monoton.