A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani (2021)

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In seinem bitteren und vielschichtigen Gesellschaftsdrama erzählt Asghar Farhadi von einem unfreiwilligen Helden und fächert dabei immer neue Aspekte ein und derselben Geschichte auf. Ein multiperspektivischer Blick, der Ambiguitäten nicht nur zulässt, sondern geradezu provoziert.

A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Helden und Verlierer

Rahim Soltani (Amir Jadidi) hat es nicht leicht. Wegen Schulden, die er nicht begleichen kann, sitzt er im Knast, seine Frau hat sich von ihm getrennt, der gemeinsame Sohn Siavash, der unter heftigem Stottern leidet, ist still und in sich gekehrt und lebt bei seinem Onkel und seiner Tante. Und die Aussicht, früher aus der Haft entlassen zu werde, indem er seine Schulden bei Bahram (Mohsen Tanabandeh) , einem Verwandten seiner Ex-Frau, zurückzahlt, sind eher schlecht. Und doch widerfährt ihm so etwas wie ein Wunder: Seine Freundin Farkondeh (Sahar Goldoost) entdeckt während eines Freigangs von Rahim eine Handtasche voller Goldmünzen, die offensichtlich jemand hat liegen lassen. Mit dem Verkauf der Münzen könnte ihr Freund einen Teil der Schulden zurückzahlen, früher aus dem Gefängnis entlassen werden und seine Freundin heiraten. Doch dann plagt ihn das schlechte Gewissen, und gemeinsam mit Farkondeh macht er sich auf die Suche nach der Besitzerin, die schließlich ausfindig gemacht werden kann. 

Eigentlich eine ganz normale Alltagsgeschichte, die aber alsbald große Wellen schlägt. Denn als die Gefängnisverwaltung Wind davon bekommt, wird Rahim Soltani zu einem Helden und leuchtenden Vorbild der Gesellschaft stilisiert und gerät in den Fokus der Öffentlichkeit. Der plötzliche Ruhm und damit die Aussicht auf baldige Freilassung erweisen sich aber als überaus schwierig, denn im Lichte der medialen Aufmerksamkeit tauchen Ungereimtheiten auf, die die Geschichte um den gefundenen und zurückgegebenen Schatz in einem anderen, zwiespältigeren Licht erscheinen lassen. Ist Rahim Soltani womöglich gar kein Held, sondern ein raffinierter Betrüger und Manipulator, der einfach nur die Gunst der Stunde für sich ausgenutzt hat?

Behutsam und äußerst geschickt baut Asghar Farhadi seine Geschichte auf, indem er immer neue Facetten und Aspekte enthüllt, die sowohl die Geschichte wie auch den Helden wider Willen in ein immer wieder neues und zunehmend diffuseres Licht rücken und die uns als Publikum daran zweifeln lassen, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Könnte nicht vielleicht doch alles ganz anders sein, als wir es zunächst gesehen haben? Ist Rahim Soltanis ostentatives Lächeln wirklich echt oder ist er ein Heuchler, der nicht davor zurückschreckt, den eigenen Sohn mit seinem Stottern und der Neigung zu Tränenausbrüchen auf offener Bühne für seine Zwecke einzuspannen? Und umgekehrt: Ist Bahram, der Gläubiger, der ihn in den Knast brachte, wirklich ein Bösewicht oder hat nicht vielmehr auch er in seiner Unbarmherzigkeit und seiner Unfähigkeit zu verzeihen gute Gründe? Gründe, die durchaus verständlich sind, wenn man sie einmal genauer betrachtet? Und sind es nicht solche Gründe, die Schatten auf die „Heldentat“ von Herrn Soltani werfen? Und was ist mit der Neigung zu Gewaltausbrüchen, die sich recht unvermittelt in Rahims Verhalten einschleichen? Passen sie wirklich zu dem Bild, das er seiner Umwelt versucht zu vermitteln?

Wie häufig bei Asghar Farhadi sind es kleine Ereignisse, die enorme Folgen haben: Wie beim sogenannten Schmetterlingseffekt setzt eine zunächst nebensächliche Handlung enorme Folgen in Gang, in deren Verlauf die scheinbar stabile Ordnung und sämtliche Gewissheiten auf den Prüfstand gestellt werden und Gewissheiten zunehmend fragil und sogar trügerisch erscheinen. Was zunächst eindeutig wirkt, verästelt sich durch diverse moralische Fallgruben und Doppel- beziehungsweise Mehrdeutigkeiten in ein immer komplexeres Gebilde, das die Beziehungsgeflechte zwischen den Menschen immer weiter verkompliziert und sie als Gefangene der eigenen Haltungen, Ansichten und Verhaltensweisen erscheinen lässt. Am Ende, als Rahim Soltani erneut ins Gefängnis zurückkehrt und sein Äußeres sich völlig verändert hat, erscheint das beinahe wie eine Rückkehr zur Eindeutigkeit, eine Befreiung aus den Komplexitäten einer Gesellschaft, an der zwar nicht offen und mit dem Holzhammer Kritik geübt wird, deren Widersprüchlichkeiten gerade unter den besonderen Bedingungen des Iran aber mit der feinen Klinge eines scharfen Skalpells seziert und freigelegt werden. 

In Cannes gab es für den Film, der mühelos mit Farhadis Nader und Simin — Eine Trennung heranreicht und einige schwächere Filme vergessen lässt, den Grand Prix der Jury — und das völlig zu Recht. A Hero — Die Ehre des Herrn Soltani ist ein gewaltiger Film, ein Kleinod in Sachen Raffinesse und Vielschichtigkeit, eine feine Beobachtung des Lebens der kleinen Leute und zugleich ein beeindruckendes Gesellschaftspanorama über den Wunsch nach einem guten und richtigen Leben und der gleichzeitigen Unmöglichkeit, den Irrwegen und Fallen auf dem Weg dorthin zu entkommen.

A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani (2021)

Weil er Schulden nicht zurückzahlen konnte, sitzt Rahim im Gefängnis. Während eines zweitägigen Hafturlaubs, sucht er seinen Gläubiger auf. Rahim versucht diesen zu überzeugen, die Klage gegen Zahlung eines Teilbetrags zurückzuziehen. Es kommt aber anders als geplant.

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