1986 (2019)

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Um ihren Vater aus dem Knast zu holen, geht eine Studentin ungewöhnliche Wege. Die Zusammenfassung von Lothar Herzogs in Belarus spielendem Langfilmdebüt klingt nach einem Krimi, ist aber etwas ganz anderes.

1986 (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Zonenkind

Seit den Massenprotesten gegen Machthaber Lukaschenko ist die Lage in Belarus immer mal wieder eine Schlagzeile wert. Der 1977 in Freiburg im Breisgau geborene und in Paris aufgewachsene Lothar Herzog hat sein Langfilmdebüt dort angesiedelt. Um Politik geht es nur am Rand, dafür um private und soziale Sperrgebiete.

Lena (Daria Mureeva) lebt in Minsk. In einer gesichtslosen Plattenbausiedlung teilt sie sich ein Zimmer mit einer Kommilitonin. Die Vorlesungen an der Uni langweilen sie, bekommt sie dort doch nur vorgekaut, wie großartig ihr Land sei. Lenas Leidenschaft ist die Fotografie, die sie mit einer handelsüblichen Kamera und einer selbstgebastelten Camera obscura im Miniaturformat ausübt. Doch niemand will ihre Arbeiten ausstellen. Sie seien zu bedrückend und düster und folgten keinem Konzept.

Dass sich ihr künstlerischer Erfolg nicht einstellen will, ist Lenas geringste Sorge. Ihr Freund Viktor (Evgeni Sangadzhiev) geht permanent fremd, von ihm lösen kann sie sich aber ebenso wenig wie von ihrem Vater (Vitali Kotovitski), der wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis sitzt. Um dessen Steuerschuld zu begleichen, lässt sich Lena auf dieselben krummen Geschäfte ein, die ihren Vater ins Gefängnis brachten: Sie schmuggelt Metall aus dem Schutzgebiet, das nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf belarussischer Seite errichtet wurde und sich an die ukrainische Sperrzone anschließt.

Lena kennt die Gegend. Das zurückgelassene Haus ihrer Großmutter (Tatiana Markel) hält dort Dornröschenschlaf. Das riesige Areal gleicht einer Zeitkapsel. Seit 1986 steht alles still. Nur die Farbe der Baumstämme hat sich verändert. Deren Jahresringe wechseln von Weiß zu Rot. Der Farbübergang markiert den Zeitpunkt der Katastrophe. Damit es in Lenas Leben nicht ebenfalls zur Katastrophe kommt, muss auch sie sich ändern. Mit dem hübschen, aber verheirateten Ljosha (Aleksei Filimonov), der sie mit nach Moskau nehmen möchte, läuft sie Gefahr, dieselben Fehler wie in ihrer Beziehung zu Viktor zu wiederholen. 

Philipp Baben der Erde, der bereits bei drei Kurzfilmen Herzogs Kamera geführt hat, fängt die Landschaften, Stadtansichten und Gesichter in kühlen Farben ein. Immer wieder schwebt seine Kamera über der nebelverhangenen Natur. Das ist zwar düster, aber beglückend und folgt einem Konzept. Wir sehen einer jungen Frau dabei zu, wie sie sich nach und nach aus drei kontaminierten Beziehungen befreit und irgendwann über den Dingen steht. 

Die Theaterschauspielerin Daria Mureeva, die unter Herzogs Regie ihr Spielfilmdebüt gibt, ist wie gemacht für die große Leinwand. Sie gibt Lena mit einer umwerfenden Zurückhaltung, die ungemein energetisch ist. Ein einziger Blick und ihre Körperspannung genügen, um die Entschlossenheit ihrer Figur greifbar zu machen. Diese Frau, die auf außenstehende Männer mitunter wie ein unschuldiges Kind wirkt, lässt sich nicht länger herumschubsen. Lena geht ihren Weg, bevor sie heimlich, still und leise irgendwo in der Sperrzone und aus diesem Film verschwindet.

1986 (2019)

Elena ist Studentin in Minsk, Weißrussland. Sie hat eine intensive, aber zunehmend zerstörerische Liebesbeziehung mit Viktor. Als ihr Vater verhaftet wird, muss sie, um seine illegalen Geschäfte weiterzuführen, immer wieder in die gesperrte Zone von Tschernobyl fahren. Sie ist fasziniert von der trügerischen Schönheit – doch bald scheint ihr Leben kontaminiert von einer zerstörerischen Kraft.

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