12.11.09

Zum zehnten Mal: britspotting-Festival in Berlin

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Die Deutschen lieben Ordnung und Pünktlichkeit, die Briten den Humor. Kein Wunder, dass kein Kino so eng mit dem Humor verbunden ist wie der britische Film. Dass der rabenschwarz, trocken und bitterböse sein kann, wissen wir nicht nur aus klamaukigen Monty-Python-Filmen und schrägen Mister-Bean-Komödien. Da ist es nur konsequent, wenn das britspotting-Festival in seiner zehnten Ausgabe mit einer urkomischen Politsatire eröffnet. In the Loop von Armando Iannucci lässt kein gutes Haar an Politikern und Staatsdienern. Er schickt sie in eine Schlammschlacht aus Intrigen, Lügen und hinterlistigen Machenschaften. Schlagfertige Dialoge, ein skurriler Plot und brillante Darsteller wie James Gandolfini und Anna Chlumsky versprechen einen höchst kurzweiligen Kinoabend.

Neben der berühmten British Comedy hat das Berliner Independent Festival natürlich auch ernsten Stoff im Programm. Insgesamt werden vom 13. bis 15. November 2009 rund 20 künstlerisch wertvolle, ästhetisch spannende und innovative Spiel- und Dokumentarfilme sowie sechs Kurzfilmreihen aus Großbritannien und Irland gezeigt. Dabei sind neue und unbekannte Talente, aber auch etablierte Namen wie Michael Winterbottom. Dessen mehrfach ausgezeichnetes, einfühlsames Familiendrama Genova ist der Abschlussfilm des diesjährigen britspotting-Programms. Darin verkörpert der britische Schauspieler Colin Firth einen Mann, der mit seinen beiden Töchtern versucht, über den tragischen Tod der Ehefrau und Mutter hinwegzukommen. Definitiv ein Highlight, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

britspotting-Stammgästen wird sicher der Name Daniel Mays ein Begriff sein. Der 31-jährige britische Darsteller war bereits vor zwei Jahren mit der nordirischen Produktion Middletown auf dem Festival vertreten. In dem nun gezeigten Regiedebüt Shifty von Eran Creevy spielt er einen erfolgreichen jungen Mann, der seinen alten Freund aus Kindertagen, den Drogendealer Shifty (Riz Ahmad) besucht. Das spannende Drama erzählt aus dem von Drogen bestimmten Leben zweier Jugendlicher in London.

Mit dem Thriller The Hide von Marek Losey steht ein weiteres Spielfilmdebüt im Programm. Der Ornithologe Roy Tunt (Alex Macqueen) möchte eigentlich ganz für sich allein sein, als er sich auf den Weg ins Watt an der Ostküste Englands macht. In einer einsamen Holzhütte will er dem äußerst scheuen Regenpfeifer aufspüren. Doch als plötzlich ein Fremder mit blutenden Wunden namens Dave John (Phil Campbell) vor seiner Tür steht, kommt alles anders. Das brillante Kammerspiel lebt vor allem von der Leinwandpräsenz seiner beiden Hauptdarsteller.

Eher untypisch britisch sind Sadik Ahmed’s Eastern The Last Thakur und Thomas Clays Soi Cowboy. Beide Filme sind in Asien gedreht. The Last Thakur hatte seine Weltpremiere vor ausverkauftem Publikum beim London Film Festival. Ein bewaffneter, mysteriöser Fremder kommt eines Tages in ein Dorf in Bangladesch, um Rache am Tod seiner Mutter zu üben. Dabei gerät er in den Konflikt zwischen den verfeindeten Ortsoberhäuptern. Soi Cowboy erzählt in ruhigen und meditativen Bildern die Geschichte eines Dänen und seiner schwangeren, thailändischen Freundin, mit der er ein kleines Appartement in Bangkok teilt.

Interessant dürfte auch der Zombiefilm des 30-jährigen Taxifahrers Marc Price sein. Mit Colin hat er sich seinen Traum vom Filmemachen erfüllt und dafür gerade mal 45 Pfund ausgegeben. Auf die Frage wofür er das Geld ausgegeben hat, sagt er in einem Interview: "Wir haben eine Brechstange, mehrere Bänder sowie Kaffee und Tee der billigen Sorte gekauft, nur um die Zombies glücklich zu machen." Wie es sich für einen Zombiefilm gehört, läuft er auf dem Festival als Mitternachts-Screening.

Nothing Personal, der beim diesjährigen Filmfest in Locarno fünf Preise gewann, ist der Debütfilm der in den Niederlanden lebenden polnischen Regisseurin Urszula Antoniak. Darin schildert sie die Begegnung einer jungen holländischen Frau (Lotte Verbeck) und eines alten Einsiedelers (Stephen Rea) in einem abgelegen Teil Irlands. Sie sucht Ruhe, er bietet ihr Kost und Logis gegen Arbeit – unter der Bedingung, auf Distanz zu bleiben.

In der Provinz angesiedelt ist auch Duane Hopkins erster Langspielfilm Better Things. Es geht um die Jugend in einer englischen Kleinstadt, deren Leben von Drogenmissbrauch, Liebeskummer und Ausweglosigkeit geprägt ist. Damit greift Hopkins Probleme aus seiner eigenen Vergangenheit auf, mit denen er sich bereits in seinen Kurzfilmen Field und Love Me or Leave Me Alone beschäftigte.

Wer den außergewöhnlichen Film White Lightnin’ des britischen Regisseurs Dominic Murphy auf der Berlinale 2009 verpasst hat, kann ihn sich jetzt bei britspotting ansehen. Erzählt wird die Kultstory um Jesco White, den man in seiner Heimat West Virginia den "tanzenden Outlaw" nennt. Jesco lebt zurückgezogen in einem heruntergekommenen Wohnwagen in den Appalachen, dort, wo auch heute noch jeder ein Gewehr und eine Schwarzbrennerei sein Eigen nennt.

Interessante Einblicke in fremde und bizarre Lebenswelten geben die Dokumentarfilme des Festivals. Aufklärung über das schweigsame Leben römisch-katholischer Nonnen gewährt No Greater Love von Michael Whyte. Eine komplett andere Welt eröffnet sich auch in Vittoria Colonna Di Stiglianos Identities: Losgelöst von den traditionellen Geschlechtergrenzen erzählen fünf Mitglieder der irischen Transgender-Community ihre Lebensgeschichten. Um das Leben in einem walisischen Dorf geht es in Sleep Furiously von Gideon Koppel, der damit eine Hommage an sein Heimatdorf geschaffen hat.

Das Erstlingswerk Sounds Like Teen Spirit von Jamie Jay Johnson schaut hinter die Kulissen des Eurovision Song Contests für Kinder. Emotional und musikalisch wird es auch in Jonathan Caouettes Dokumentation All Tomorrow’s Parties, die ein alternatives Rockfestival in England in den Mittelpunkt rückt. Über das Surfen an der rauen Westküste Irlands erzählt der irische Schauspieler Cillian Murphy in Joel Conroys Dokumentation Waveriders. In dem humorvollen Dokumentarfilm A Complete History Of My Sexual Failures will der britische Regisseur Chris Waitt herausfinden, warum er ein Versager bei den Frauen ist.

Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gedenkt britspotting an das historische Ereignis von britischer Seite aus. In dem Dokumentarfilm Memory of Berlin von 1998 begibt sich der englische Filmautor John Burgan auf eine Erinnerungsreise in seine eigene Kindheit. Auslöser ist der Berliner Mauerfall. 33-jährig macht er sich auf die Suche nach seiner leiblichen Mutter. Entstanden ist ein filmisches Essay, das eine tiefgehende Autobiografie mit einem authentischen Portrait Berlins verbindet.

Neben fünf verschiedenen Kurzfilmprogrammen zeigt britspotting mit Between Truth And Fiction außerdem ausgewählte "No Wave"-Werke von Vivienne Dick. Die irische Filmemacherin zog es in den 1970er Jahren nach New York, wo sie Teil einer Gruppe junger Filmschaffender war, deren Vorliebe für Musik und Ästhetik der Punk-Bewegung als "New Wave" bekannt wurde. Vivienne Dicks Filmstil wechselt zwischen Fiktion und Dokumentation, gepaart mit bruchstückartigen Erzählungen, abstrakten Bildern und fesselnden Darstellungen der Akteure.

Die Filme werden vom 13. bis 15. November 2009 im "Babylon Mitte" und im "Downstairskino" des Filmcafés in Prenzlauer Berg in Berlin gezeigt. Wiederholungen laufen beim britspotting rewind vom 16. bis 18. November 2009 in den gleichen Kinos.

Weitere Informationen unter www.britspotting.de
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