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12 27/11

"Wir Filmemacher sind gleichzeitig Voyeure und Manipulatoren" - Interview mit Francois Ozon zu "In Ihrem Haus"

© Concorde Filmverleih
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Tags: Francois Ozon
Am 29.11.2012 startet mit In Ihrem Haus der neue Film des französischen Regisseurs Francois Ozon (Swimming Pool, Ricky - Wunder geschehen). Der Film handelt von dem frustrierten Französisch-Lehrer Germain und von dessen hochbegabtem Schüler Claude, der es schafft, den Lehrer mittels seiner Aufsätze zu begeistern und zu manipulieren.

Das feinsinnige Spiel um Dichtung und Wahrheit feierte beim diesjährigen Filmfestival von Toronto seine Premiere und erhielt beim ehrwürdigen Festival von San Sebastian die "Goldene Muschel". Unsere Mitarbeiterin Anne Facompre traf den Regisseur, um sich über seinen neuen Film zu unterhalten.

Die Hauptfigur ist ein Voyeur, der Geschichten aus seinem Umfeld zieht und sie dann auch verändert. Ist das ein Kommentar von Ihnen als Filmemacher ? Sehen Sie sich als Voyeur ?

Ja, als ich Juan Mayorgas Stück las, habe ich es schon als Gelegenheit gesehen, über meine eigene Arbeit zu sprechen. Während ich das Drehbuch schrieb, fand ich, dass der Film das Drehbuchschreiben selber noch einmal thematisierte. Insofern ist In Ihrem Haus auch ein Film über mich als Regisseur, denn wir Filmemacher sind meiner Meinung nach gleichzeitig Voyeure und Manipulatoren. Außerdem wollte ich in dem Film zwei Facetten des Geschichtenerzählens aufzeigen. Das kann etwas sehr Spielerisches und Fröhliches haben, weil man Charaktere erschafft. In seiner eigenen Geschichte ist man quasi wie Gott. Aber es gibt auch etwas Gefährliches, denn dadurch, dass man mit diesen Charakteren hantiert und sie manipuliert, ist man in seiner eigenen Geschichte wie gefangen. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können, aber für mich als Erzähler war das so.

Denken Sie, dass es als Filmemacher oder Künstler in Ihrer Macht liegt, die Welt durch Ihre Kunst zu beeinflussen oder zu verändern?

Ich halte die Kunst für sehr wichtig, ich persönlich brauche sie zum Überleben. Für mich ergibt sich daraus eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Deswegen habe ich den Film mit den beiden Figuren enden lassen, die die Welt um sich herum beobachteten. Das war mein Weg zu sagen, dass Geschichten ihnen einen Ausweg aus der Einsamkeit ermöglichen. Selbst, wenn sich diese Geschichten aus der Realität um sie herum ergeben. Ich persönlich brauche das Kino, um der Welt entfliehen zu können. Aber ich weiß nicht, ob das die Welt verändert und ob es anderen Menschen auch so geht.

In dem Film gibt es eine Passage, in der gesagt wird, dass wir aus Literatur nichts lernen können und aus Kunst auch nicht. Was sagen Sie dazu?

In dem Film gibt es zwei verschiedene Versionen der Kunst. Germain hat eine sehr klassische Sichtweise, was Literatur und Kunst angeht. Literatur ist ihm sehr wichtig. Kristen Thomas' Figur sieht das anders. Sie muss sich mit Geld beschäftigen und damit, wie die Kunst ihr welches einbringt. Ich fand es interessant, diese klassische und modernere Sichtweisen einander gegenüber zu stellen.

Sie sagten, dass In Ihrem Haus auch Ihre eigene Arbeit als Filmemacher widerspiegelt. Sehen Sie sich selber denn eher in der Rolle des Schülers im Film oder in der des Lehrers?

Ich fühle mich definitiv eher wie ein Schüler, als wie ein Lehrer. Ich habe das Gefühl, dass ich noch viel lernen und üben muss. Es gibt viele Regisseure, die ich sehr bewundere und die ich als viel professioneller ansehe als mich selber. Daher fühle ich mich wesentlich näher an der Rolle des Claude.



Was macht die Beziehung zwischen dem Schüler und dem Lehrer im Film so wichtig?

An dem Verhältnis zwischen dem Lehrer und dem Schüler interessierte mich vor allem die Doppeldeutigkeit. Es ist nicht nur der Lehrer, der den Schüler unterrichtet, sondern der Schüler selbst bringt auch dem Lehrer etwas bei. Er weckt in ihm etwas, das zuvor nicht da war. Die Beziehung der beiden ist daher alles andere als einseitig.

Haben Sie da eigene Schulerfahrungen mit einfließen lassen?

Ja, ich habe Lehrer gehabt, die mir sehr wichtig waren. Ich war in der Schule immer sehr schlecht. Ich habe mir erst Mühe gegeben, als ich anfing, über das Filmemachen zu lernen. Denn das hat mich wirklich interessiert. Professoren wie Eric Römer, der an meiner Universität unterrichtet hat, haben mich sehr inspiriert. Er hat mir auch geholfen, zu erkennen, das ich auch Filme machen möchte und kann.

Ihre Eltern sind auch Lehrer.

Ja, ich weiß also, wie das Leben eines Lehrers aussieht und dass das sehr undankbar und langweilig sein kann. Oder dass man am Wochenende zu Hause sitzt und Arbeiten korrigieren muss. Ich wusste also, wie Gemains Alltag aussehen würde und habe daher auch da meine eigenen Erfahrungen mit einfließen lassen.

Was denken Sie motiviert Claude zu seinem Verhalten? Möchte er das Schreiben lernen, möchte er provozieren?

Ich denke, dass Claude sehr naiv und unschuldig ist. Einigen Zuschauern macht er vielleicht Angst, oder Sie denken, dass er pervers ist. Oder dass Sie sich in einem Film von Michael Haneke befinden. Vielleicht glauben sie auch, dass er alle anderen töten wird, so wie in „Funny Games“. Aber für mich ist er einfach jemand, der versucht, ein guter Schüler zu sein. Er möchte seine Geschichte so gut wie möglich erzählen und dem Unterricht seines Lehrers wirklich folgen. Doch dann nimmt seine Geschichte eine Dimension an, die er so nicht erwartet hatte.

Warum ist Germain so fasziniert von Claude? Es gibt einen Punkt, an dem man als Zuschauer schon fast denkt, da wäre ein sexuelles Interesse.

Ja, aber dem ist nicht so. Es ist eine Kombination vieler Dinge. Ich glaube Claude erweckt in ihm seine eigene Passion zum Unterrichten. Er ist sehr gerne Lehrer, aber dadurch, dass er so selten positive Rückmeldungen erfährt, ist diese Leidenschaft etwas eingeschlafen. Also macht es ihn glücklich zu sehen, wie gerne Claude seinen Rat annimmt. Und ich denke, vielleicht weiß er auch, dass er es selber nie zu einem guten Schriftsteller gebracht hat und er sieht Claude als eine Art jüngeres Ich. Claude hat noch die Chance, es zu dem zu bringen, was er nie erreichen konnte. Außerdem hat Germain keine eigenen Kinder, das spielt sicher auch noch mit in die Beziehung hinein. Aber letzten Endes liegt es an dem Zuschauer, zu entscheiden, was wirklich dahinter steckt.

Sie sind sehr hart zu Ihren Figuren. Glauben Sie, dass diese sich erst wirklich entfalten, wenn sie unter großem Druck stehen.

Ich mag es einfach, mit Figuren zu arbeiten, die eine Art Maske tragen. Und Schritt für Schritt erkennt man das wahre Gesicht der Charaktere. Am Ende sehen sie vielleicht ganz anders aus als zu Beginn. Das fasziniert mich.

Ihre vorherigen Filme hatten oft etwas Komödiantisches. Warum haben Sie sich nun dem Thriller zugewandt?

Ich habe keine Lust, mich zu wiederholen. Da ich einen Film pro Jahr mache, versuche ich jedes Mal eine neue Richtungen einzuschlagen. Ich hatte mir da gar kein besonderes Genre vorgestellt. Was ich an diesem Film mochte, war, dass er es mir erlaubte, verschiedene Genres mit einfließen zu lassen. Mal ist der Film wirklich lustig, dann wieder spannend. Ähnlich wie in der Geschichte, die Claude im Film erzählt. Er ist sich selber nicht sicher, ob er ein Drama schreibt, oder einen Krimi. So ähnlich ging es mir auch. Ich empfand den Film als Möglichkeit, verschiedene Ideen und Genres aufzugreifen. Genau das hat mich dabei so fasziniert.

Sie sagten, dass Sie gerne neue Dinge ausprobieren. Aber es gibt ein paar Dinge, die in Ihren Werken immer wieder auftauchen, so wie starke Frauenfiguren oder eine Bindung zum Theater. Das ist sozusagen ihr Markenzeichen.

Ich muss zugeben, dass ich mich eigentlich nur selber ausdrücken möchte, wenn ich meine Filme mache. Ich hoffe einfach nur, dass ein Film erfolgreich genug ist, dass ich dann auch den nächsten machen kann. Ich weiß, wer ich bin. Ich muss es akzeptieren, wenn man einige Dinge als Markenzeichen ansieht, aber ich sehe das eigentlich nicht so.

Eine andere Sache, die in Ihren Filmen immer wieder auftaucht, ist die Zerstörung der Familie. Dieses Mal überlebt die Familie.

(lacht) Ja, bei diesem Film war die Familie ausnahmsweise einmal stärker als ich. Was mir wichtig war, war es zu zeigen, dass Claude aus einer ganz anderen Schicht kommt als die Familie, die er beobachtet. Am Ende wird ihm bewusst, dass er gerne ein Teil von ihnen wäre, aber da ist einfach kein Platz für ihn. Er ist sehr einsam. Ich glaube nicht, dass er die Familie zerstören möchte, er wäre nur gerne Teil von ihr.

Wie schätzen Sie die momentane Situation des französischen Kinos ein? Auf die Deutschen wirkt es, besonders wegen Filmen wie Ziemlich beste Freunde sehr stark.

Für mich hat sich an der Situation eigentlich nicht viel verändert, sie kommt mir eigentlich immer gleich vor. Es gab schon immer eine große Vielfalt im französischen Kino. Aber es gibt natürlich wenig Filme, sie so erfolgreich sind wie Ziemlich beste Freunde.

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