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10 20/04

"Wer Gewalt unter den Teppich kehrt, pflanzt sie fort" – Interview mit Miraz Bezar zu seinem Film "Min-Dît – Die Kinder von Diyarbakir"

© Bezar Film
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Mit seinem ersten Langfilm Min-Dît – Die Kinder von Diyarbakir hat der Berliner Regisseur Miraz Bezar ein außergewöhnliches Debüt hingelegt. Er greift ein Tabu-Thema in der Türkei auf, die Morde an Kurden durch eine paramilitärische Einheit während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren. Aber er tut es nicht um der Abrechnung willen, sondern um einen Ausweg aus der Gewalt zu erkunden. Dabei wendet sich Bezars Film auf der ästhetischen wie auf der inhaltlichen Ebene gegen allzu einfache Antworten. Er erzählt die Geschichte zweier Waisenkinder so, dass sie deutsche Zuschauer genauso berührt wie Kurden oder Türken. Peter Gutting sprach mit dem Regisseur über stehende Ovationen, die Weisheit eines Märchens und eine wunderbare Laienschauspielerin.

Ihr Film hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Sie sind Ende 2005 von Berlin nach Diyarbakir gezogen, um dort einen Film zu drehen. Aber Sie hatten damals noch keine Story. Wie kam es zu dem Entschluss, in die größte kurdische Stadt in der Türkei zu ziehen?
Ich bin Kurde, habe aber die letzten 25 Jahre vorwiegend in Deutschland gelebt. Nach dem Abschluss der Filmhochschule in Berlin hatte ich das Bedürfnis, etwas Abstand zu gewinnen. Außerdem hatte ich die Geschichte der verschwundenen und ermordeten Kurden in den 1990er Jahren von Deutschland aus intensiv verfolgt. Über diese mordende paramilitärische Einheit der Türkei wussten praktisch alle Kurden Bescheid, es wurde auch in den kurdischen Medien darüber berichtet. Aber in der türkischen Öffentlichkeit war das Thema sehr tabuisiert. Der Stoff ist im Kino noch nicht erzählt worden. Außerdem wollte ich ihn in kurdischer Sprache drehen, was auch etwas Außergewöhnliches ist. In Diyarbakir konnte ich Menschen treffen, die mir ihre Geschichte erzählt haben. Mein Ziel war es, einen Film zu machen, der nicht nur in Kurdistan, sondern auch im Westen der Türkei und im Ausland die Menschen bewegt.

Wie haben Sie Diyarbakir erlebt?
Ich war berührt und schockiert, dass man der Stadt nicht anmerkt, was passiert ist. Weil die Opfer über Jahre hinweg kein Gehör gefunden haben, gibt es auch nicht mehr den Drang, das zu erzählen. Die Erlebnisse werden unter den Teppich gekehrt und es fehlt die Möglichkeit der inneren Verarbeitung. Vielleicht ist der Film eine Möglichkeit des Gehör-Findens.

Ihr Film wurde als erster kurdischsprachiger Film im nationalen Wettbewerb auf dem Filmfestival in Antalya gezeigt, dem prestigeträchtigsten Festival in der Türkei. Wie wurde der Film dort aufgenommen?
Das Publikum war sehr berührt und reagierte mit stehenden Ovationen. Trotzdem gab es unter den vielleicht 800 bis 900 Zuschauern etwa 50 bis 100, die rausgegangen sind. Manche dieser Leute protestierten vor laufenden Kameras. Man wollte, dass der Film aus dem Wettbewerb genommen wird. Mich hat dabei gestört, dass es eine kleine Minderheit geschafft hat, die ausgestreckte Hand und die Friedensbotschaft des Films, die die meisten Zuschauer verstanden haben, ins Gegenteil zu verkehren.

Sie waren neun Jahre alt, als Ihre Familie 1980 nach dem Militärputsch die Türkei verließ. Welche persönlichen Anliegen sind in den Film eingeflossen? Gab es jemanden in Ihrer Familie, der ermordet wurde?
Zum Glück nicht. Aber wenn man in einer politisch engagierten kurdischen Familie aufwächst, empfindet man mit den Angehörigen jedes Opfers mit. Ende der 1970er Jahre habe ich als Kind miterlebt, dass meine Onkel verhaftet und gefoltert wurden und nach Schweden emigrieren mussten. Wir selbst haben auch aus diesen Gründen die Türkei verlassen.

So schrecklich das Schicksal der beiden Waisenkinder auch ist: Der Film zeigt, wie sie sich in einem neuen Alltag einrichten – in einer Normalität, wo es eigentlich keine Normalität geben kann. Warum war es Ihnen wichtig, das zu zeigen?
Die Menschen haben ja keine andere Möglichkeit als weiterzuleben, und zwar mitten unter den Mördern, die ihre Nachbarn sein können. Ich wollte genau das erzählen: dass der Krieg uns als Kurden auch verändert hat. Jeder muss um sein Überleben kämpfen und stumpft mit der Zeit ab, auch gegenüber dem eigenen Leid.

Die beiden Kinder sind Laiendarsteller. Wie haben Sie mit Ihnen gearbeitet?
Senay Orak in der Rolle der Gulistan ist ein Naturtalent. Ihre Leistung vor der Kamera hat mich selber überrascht. Ich wusste, dass sie eine große Ausstrahlung hat. Aber sie ist auch schauspielerisch ambitioniert und kann innerlich ein Potenzial an Fantasie abrufen, das sehr erstaunlich ist.

Die Figur des Mörders zeichnen Sie durchaus differenziert. Hatten Sie nicht das Bedürfnis, einen solchen Täter stärker an den Pranger zu stellen?
Es hat mich interessiert, wie es möglich sein kann, dass dieselbe Hand, die tagsüber foltert, am Abend das Kind streichelt. Für mich liegt die Antwort darin, dass das politische System Menschen das Recht und die Legitimation gibt, solche Dinge zu tun. Es geht nicht um die Verurteilung des Menschen, sondern es geht um das System. Durch die Abkehr von der Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere kann ich am Ende glaubhaft machen, dass man einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt finden muss.

Die beiden Kinder in Ihrem Film könnten den Mörder ihrer Eltern töten, tun es aber nicht. Warum?
Ein Hauptthema meines Films ist, dass die Gewalt weiter existiert, wenn sie nicht thematisiert werden kann. Wenn die heutige Kindergeneration die Gewalterfahrung, durch die sie traumatisiert wurde, nicht bearbeiten kann, wird sich die Gewalt fortpflanzen. Deswegen wollte ich einen Film über diese Kinder machen. Wie man als Opfer der Gewalt andere Wege finden kann, die Gewalt zu beenden – das ist die entscheidende Frage. Die Kinder in meinem Film tun etwas, was zur Bestrafung des Täters führt, aber sie widerstehen der Versuchung der Rache. Dabei folgen sie der Weisheit eines Märchens, das ihnen ihre Mutter beim Einschlafen erzählt hat. Das zeigt, dass in diesem Märchen eine ungeheure Weisheit steckt, die nur vorübergehend vergessen wurde.

Weil der Film in der Türkei keinen Verleih gefunden hat, spielen Sie jetzt selbst den Verleiher. Wollte man den Film boykottieren?
Nein, es geht einfach um eine normale Angst. Die Verleiher haben gesehen, dass der Film in Antalya auf eine Minderheit so gewirkt hat, dass sich Menschen ganz persönlich angegriffen fühlten und entsprechend reagierten. Man braucht Mut, um den Film in die Kinos zu bringen. Ich glaube aber, dass er durch meine Aktion, ihn mit 15 Kopien selbst zu verleihen, ganz normal laufen wird.

Gibt es schon Ideen für den nächsten Film?
Ich habe zwei Projekte. Das eine ist etwas größer angelegt und spielt in Deutschland. Das ist eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Das andere Projekt wäre einfacher zu drehen, wobei ich trotzdem gerne professioneller Strukturen hätte als bei Min-Dît. Nach der Verleihtätigkeit werde ich einen ruhigeren Kopf haben, um an den Geschichten zu schreiben. Ich hoffe, dass ich Anfang nächsten Jahres ein Drehbuch habe, das ich umsetzen kann.

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