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08 16/10

Wenn das Mutterglück sich nicht einstellen will... - Emily Atef im Gespräch zu ihrem Film „Das Fremde in mir“

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Kinostart: 01.01.2005

Die Filmemacherin über postpartale Depression, die Mauer des Schweigens, das dieses Thema umgibt und ihre Deutschland-Nostalgie

Beim Filmfestival von Cannes wurde ihr Film Das Fremde in mir, der in der Nebenreihe „Semaine de la Critique“ zu sehen war, begeistert aufgenommen. Nun startet Emily Atefs Drama um eine Frau, die an postpartalen Depressionen leidet, in den deutschen Kinos und rührt an einem der letzten gesellschaftlichen Tabus unserer Zeit: Was passiert, wenn sich das viel beschworene Mutterglück nach der Geburt einfach nicht einstellen will? Joachim Kurz sprach mit der Regisseurin über ihren Film.

Was hat sie bewogen, einen Film zu diesem Thema zu drehen, das bislang noch nicht thematisiert wurde?
Das Thema hat mich schon lange beschäftigt. Vor allem dann, als in meinem Bekanntenkreis viele Frauen schwanger wurden und ich gemerkt habe, wie sehr diese Frauen sich verändert haben. Von Beginn der Schwangerschaft an haben sie dieses Mutterglück ausgestrahlt, sie bekamen eine ganz besondere, beinahe heilige Aura, ein Leuchten, erst recht natürlich nach der Geburt. Was geschieht aber, wenn sich bei einer Frau dieses Strahlen nicht einstellt, habe ich mich gefragt. Als ich dann recherchiert habe, bin ich auf das Krankheitsbild der postpartalen Depression gestoßen, von der in Deutschland Jahr für Jahr rund 80.000 Frauen betroffen sind. Und dann habe ich schnell gespürt, dass dieses Thema ein wirklich heißes Tabuthema ist. Denn dass eine Mutter – aus welchen Gründen auch immer – nichts für ihr eigenes Kind empfindet: das kann, das darf es einfach nicht geben.

Wie sind Sie denn mit diesem Tabuthema umgegangen? Haben Sie viele Gespräche geführt?
Meine Co-Autorin Esther Bernstorff und ich haben lange recherchiert und viele Gespräche geführt, was gar nicht so einfach war. Denn die unmittelbar betroffenen Frauen kapseln sich ab und können nicht mal mit ihrer Familie über ihre Empfindungen sprechen. Zumal sie von ihrer Umwelt auch einem enormen Druck ausgesetzt sind. Und selbst bei manchen Frauen, die geheilt wurden – insgesamt liegt die Heilungsprognose bei fast 100 Prozent – , stießen wir auf eine Mauer des Schweigens. Sie schämten sich noch immer dafür, als Mutter "versagt" zu haben.

Wie gingen Sie dann weiter vor?
Es hat lange gedauert, bis wir auf eine Psychiaterin stießen, die sich sehr eingehend mit diesem Thema beschäftigt hat. Und mit der haben wir uns dann sehr intensiv unterhalten und der wir auch immer wieder unser Drehbuch gezeigt haben. Außerdem fanden wir ein Internet-Forum, wo sich betroffene Frauen über ihre Erfahrungen ausgetauscht haben. Das hat uns sehr weitergeholfen.

Beim dem Titel, den der Film trägt, könnte man ja zuerst meinen, dass die werdende Mutter den Embryo als Fremdkörper empfindet. Doch im Film ist es ja so, dass sich das Gefühl erst nach der Geburt einstellt. Was meinen Sie also mit dem Titel Das Fremde in mir?
Es geht in dem Titel vor allem um die Erfahrung der Depression, die die Hauptperson Rebecca vollkommen unvorbereitet trifft. Es war mir wichtig, dass die postpartale Depression wirklich jede Frau treffen kann. Rebecca ist eine Frau Mitte Dreißig, die einen Beruf hat, der sie ausfüllt, eine glückliche Beziehung und eine komplikationsfreie Schwangerschaft. Sie freut sich auf ihr Kind und hat keine Sorgen und Probleme. Doch dann fällt sie durch die Hormonschwankungen in ein tiefes Loch; sie entdeckt an sich selbst eine dunkle Seite, von deren Existenz sie nicht einmal etwas geahnt hat. Das ist das Fremde in ihr.

Das Fremde in mir ist nicht nur ein Film über eine postpartale Depression, sondern über jede Form der Depression. Das erfordert eine andere Art der Inszenierung, denn die Depression ist eine Krankheit der Stille, des Verstummens, so dass man auch im Film die Dialoge auf das Notwendigste reduzieren und stattdessen noch mehr mit Bildern arbeiten muss. Und zugleich ist Das Fremde in mirauch eine Art Liebesfilm, der genau hinschaut, wie sich eine vormals intakte Beziehung im Laufe einer solchen Krankheit verändern kann.

Das Fremde in mir ist ein Film, der sich vollkommen auf die Perspektive der Protagonistin konzentriert. War es schwierig, die richtige Hauptdarstellerin für diese Rolle zu finden?
Mir war eigentlich sehr schnell klar, dass ich unbedingt Susanne Wolff, die eine wunderbare Theaterschauspielerin am Thalia Theater in Hamburg ist, für die Rolle der Rebecca haben wollte. Nur musste ich noch viele Menschen um mich herum überzeugen. Aber als Regie-Neuling muss man eben immer kämpfen. (lacht)

Susanne und ich haben dann sehr intensiv zusammen an der Rolle gearbeitet, sehr viel geprobt und unglaublich viel Zeit miteinander verbracht, um Vertrauen zueinander zu fassen. Denn das ist für so eine schwierige Rolle die Grundvoraussetzung. Und mir war schnell klar, dass ich diese Ebene nur mit einer Theaterschauspielerin mit sehr langem Atem erreichen kann.

Sie arbeiten bereits an einem neuen Film und schreiben am Drehbuch, er wird Töte Mich! heißen. Worum wird es bei diesem Film gehen?
In meinem neuen Film, den ich wieder gemeinsam mit Esther Bernstorff schreibe, geht es um ein 13-jähriges Mädchen, das auf einem Bauernhof aufwächst. Ihr Leben ist hart und freudlos, Zuneigung findet sie bei ihren Eltern nicht. Als ihr Bruder bei einem Unfall stirbt, will auch sie sich das Leben nehmen, doch sie schafft es einfach nicht, von der Klippe zu springen. Eines Tages findet sie einen entflohenen Häftling, der schwer verletzt ist. Das Mädchen bietet dem Entflohenen einen Handel an: Wenn sie ihn pflegt und ihm die Flucht vor seinen Verfolgern ermöglicht, soll er ihr dabei behilflich sein zu sterben. Doch im Verlauf der Flucht entwickelt sich zwischen den beiden Ausgestoßenen eine Bindung, so dass beide zum ersten Mal in ihrem Leben echte Zuneigung erfahren.

Noch eine persönliche Frage: Ihre Eltern stammen aus Frankreich und dem Iran, Sie sind in Berlin geboren und haben dort bis zum Alter von sieben Jahren gelebt, sind dann in den USA, in Frankreich und in Großbritannien aufgewachsen und dann zum Studium nach Deutschland zurückgekehrt. War das eine bewusste Entscheidung, in Deutschland Film zu studieren?
Egal wo ich gewohnt habe, ich habe immer ein ganz starkes Gefühl für Deutschland empfunden, eine Art Deutschland-Nostalgie. Das liegt vielleicht an dem Alter, das ich hatte, als wir in die USA gingen. Und als sich die Gelegenheit ergab, Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, der dffb, zu studieren, war das ein großer Glücksfall für mich.

Sie haben ja auch den Blick von außen: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation des deutschen Films?
Der deutsche Film ist insgesamt auf einem sehr guten Weg. Es gibt eine ganze Menge hervorragender Filmemacher wie Fatih Akin (Gegen die Wand, Auf der anderen Seite), Andreas Dresen (Wolke 9, Sommer vorm Balkon), Hans Christian Schmid (23, Lichter) oder Stefan Kromer (Sie haben Knut, Sommer 04).

Dieses Reservoir an Talenten muss man noch mehr fördern. Manchmal wünsche ich mir eine Quote für einheimische Filme, wie dies in Frankreich oder auch in Südkorea der Fall ist. Wenn man sich anschaut, was dort für eine Filmszene entstanden ist, dann sind wir davon trotz aller Erfolge noch weit entfernt.

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