06.11.08

Waltz with Bashir – Interview mit Ari Folman

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Am 6.11.2008 startet Waltz with Bashir, Ari Folmans bewegend-persönliche Auseinandersetzung mit dem Libanon-Krieg. Jüngst wurde die Zeichentrick-Dokumentation als israelischer Beitrag für die Nominierung um den besten nichtenglischsprachigen Film bei der Oscarverleihung 2009 ausgewählt. Der Regisseur sprach am Rande des Münchner Filmfests, wo der Film seine umjubelte Deutschlandpremiere feierte, über die komplexe Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Waltz with Bashir.

In München war es nach der Vorführung gespenstisch still. Haben Sie diese Reaktion erwartet?

Der Film feierte seine Premiere in Cannes. Bereits dort war eine große Intensität zu spüren. In München und in allen anderen Städten und Ländern wird Waltz with Bashir ähnlich aufgenommen. Ein Unterschied dazu ist Israel. Dort geht das ganze Publikum emotionaler mit. Viele fangen an zu weinen, in Deutschland herrscht am Ende eher eine Schockstarre. In Israel spielen natürlich die Erinnerungen an die grausame Zeit eine viel stärkere Rolle.

Gab es auch negative Reaktionen in Israel, weil die Menschen nicht an die Gräueltaten erinnert werden wollen?

Ja, aber erstaunlich wenige. Hauptsächlich im Internet ließen sich Leute in Kommentaren darüber aus. Die meisten dieser Autoren haben den Film am Ende gar nicht gesehen. Aber sonst sind fast alle Reaktionen erstaunlich gut. Das ist eine echte Überraschung für mich. Ich dachte es entzündet sich an Waltz with Bashir eine richtige Debatte. Denn in Israel werden Filme normalerweise schnell in Schubladen gesteckt: Links, rechts, anti-zionistisch, europäisch vertrottelt. Aber diesmal blieb diese simple Kategorisierung aus. Überrascht hat mich auch die überaus positive Resonanz in der arabischen Welt. Wir wollen Waltz with Bashir auch noch in Beirut zeigen, aber das wird nicht leicht.

Die fantastische Musik von Max Richter trägt einen großen Teil zur Emotionalität des Films bei, wie kamen Sie auf ihn?

Während meiner Drehbuchtätigkeiten für Waltz with Bashir habe ich mir häufig seine Alben angehört. Richters Musik ist sehr stark, deprimierend und melancholisch. Auf ihre Art ist sie der Soundtrack meines Drehbuchs. Ich fand Richter im Übrigen über google. Dann habe ich ihm eine Mail geschrieben, in der ich ihm erklärte, dass ich diesen abgedrehten Zeichentrick-Dokumentarfilm drehe und ob er mir die Musik dafür schreiben wolle. Er sagte sofort zu und ich flog zu ihm nach Edinburgh. Als mein Videoboard fertig war, hatte er den Soundtrack zwar noch nicht aufgenommen, aber bereits auf seinem Computer gespeichert.

Wie viele Schwierigkeiten ergaben sich für Sie, einen animierten Dokumentarfilm drehen zu können?

Es gibt ein großes Problem bei der Filmkategorisierung. Was ist eigentlich eine Dokumentation? Wann ist ein Film wieder fiktional? Wenn ich den gleichen Film im Vorfeld als fiktional charakterisiert hätte, hätte ich fünfmal so viel Geld dafür bekommen. Ich war leider nicht so klug. Ich dachte, Waltz with Bashir als animierten Dokumentarfilm zu deklarieren, würde mir helfen. Das Gegenteil ist passiert. Als ich in Toronto auf dem Dokfestival drei Minuten daraus zeigte, sagten alle Produzenten: "Eine coole Idee, aber warum drehst du deinen Film nicht mit echten Menschen." Da sagte ich: "Das sind doch reale Figuren." Dann kam die Antwort: "Nein, wirklich ‚echte’ Menschen." Kurz zusammengefasst: Es war wahnsinnig schwierig für die Finanzierung von Waltz with Bashir das nötige Geld aufzutreiben.

Wie kamen sie auf den sehr speziellen Zeichenstil von Waltz with Bashir?

Ich suchte mir zuerst die talentiertesten Leute für das Projekt. Dann wählte ich zwischen drei verschiedenen Designs. Das erste war das Realistischte. Dort konnte man sich am ehesten mit den dargestellten Charakteren identifizieren. Schließlich kamen die Traumsequenzen, die ich wesentlich freier stilisieren konnte - vor allem bei den Linien und Farben. Am Ende musste ich auch noch diese deprimierende Stimmung in Licht und zwischen orange bis schwarz oszillierenden Farben rüberbringen.

Wann kam es zur Idee, diese Geschichte als Animationsfilm zu erzählen?

Ich machte bereits vor vier Jahren eine fünfstündige TV-Zeichentrick-Doku mit dem Titel The Material That Love is Made Of. Sie behandelte acht Liebesgeschichten, die ich drei Jahre lang verfolgte. Sie reichten von einem siebenjährigen Jungen bis zu einem 80-jährigen Pärchen, das gemeinsam Selbstmord begeht. Ich wollte zwischen den episodenhaften Zeichentrick-Geschichten reale Wissenschaftler einblenden, die sich über Liebe äußern sollten. Aber immer wirkte es so gönnerhaft, wenn sie zwischen den bewegenden Geschichten dazwischenfunkten und über Neuro-Transmitter schwadronierten. Deshalb dachte ich, es wäre besser sie zu malen und nur ihre Stimmen zu benutzen. Das hat super funktioniert und deswegen übernahm ich die Technik auch für Waltz with Bashir.

Warum blenden Sie in Waltz with Bashir in der letzten Szene vom Zeichentrick in die Realität über?

Das stand von Beginn an so im Drehbuch fest. Ich wollte damit auch ein Statement machen und die Leute aufwecken: Das ist nicht nur ein cool gemachter Zeichentrickfilm, das ist wirklich passiert. Das ist die Realität und so schrecklich sieht sie aus.

Können Sie sagen, warum Sie alle ihre Erinnerungen an die schreckliche Kriegszeit vergessen hatten?

Es ist eine Entscheidung, die ich getroffen hatte, als ich aus der Armee austrat. Ich wollte mich damit die nächsten 20 Jahre nicht mehr beschäftigen. Ich wollte mit niemandem, den ich aus diesen Kriegstagen kannte mehr etwas zu tun haben.

Hat es Sie so angewidert, was Sie damals gesehen oder auch getan haben?

Ich denke immer noch, dass man es hier nicht mit einem klassischen Trauma zu tun hat - wie wenn ein Kind missbraucht wird und die Tat einfach vergessen wird. Damit würde ich es mir zu leicht machen.

Wollten Sie auf Grund der brutalen Vergangenheit nie Israel verlassen?

Nein, ich bin ein Künstler. Ich arbeite mit Sprache, auch als Drehbuchautor. Da schreibe ich auf Hebräisch. Ich habe viel an meinem Land zu kritisieren, aber hier lebe ich und auch meine Frau und meine drei Kinder. Das ist meine Heimat. Nur für ein wichtiges Projekt würde ich für ein oder zwei Jahre aus Israel wegziehen.

Werden Sie wieder eine Zeichentrick-Dokumentation drehen?

Nein. Das wäre mir zu langweilig. Allerdings werde ich weitere Zeichentrickfilme drehen. Mein nächstes Projekt, eine Adaption des Stanislaw Lem-Romans Der futurologische Kongreß wird sowohl reale wie animierte Szenen enthalten. Es brauchte Jahre, bis ich die Rechte dafür bekam. Das ganze wird wieder eine deutsch/israelische Co-Produktion.

Gibt es eigentlich einen Austausch zwischen palästinensischen und israelischen Filmemachern?

Nein. Aber ich kenne einzelne Filmregisseure wie Hany Abu-Assad (Paradise Now), wir schauen die Filme des anderen an, aber wir können auch in eine Bar gehen und uns einfach so unterhalten. Wir haben praktisch die gleichen politischen Ansichten. Er ist vielleicht ein bisschen extremer, was von seiner Herkunft herrührt. Aber es ist kein kalter Krieg zwischen uns Künstlern, sondern eine ständige Diskussion.

Was halten Sie von Paradise Now?

Es ist ein großartiger Film. Ich habe nur ein Problem damit. Als der Attentäter zum ersten Mal in den Bus einsteigt, sieht man darin Kinder. Deshalb sprengt er sich nicht in die Luft. Das finde ich einfach scheinheilig.

(Florian Koch)
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