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13 15/05

Wahre Herzensangelegenheiten – Eindrücke vom 28. Internationalen Dokumentarfilmfestival München

© Dok. Fest München
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Tags: Festival, Dokumentarfilm, Preisträger, DOK.fest München 2013
Schon am ersten Tag des Münchner Dokumentarfilmfestivals 2013 war sie zu spüren: diese Begeisterung des Publikums, das sich auf die unterschiedlichsten Filme mit offenbar lange angestautem Bildungshunger stürzt. Wer hierherkommt, will Einblicke in Lebenswelten bekommen, die einem das übliche Kino- und Fernsehprogramm vorenthält. Das sind dann zum Beispiel die in mehreren Festivalreihen stark vertretenen Filme aus der Ferne, aus Entwicklungs- und Krisenländern. Oder Dokumentationen, die am Markt vorbei produziert sind, weil ihre Macher sie vor allem als persönliche Herzensangelegenheit betrachten.

Nach dem Erfolgsjahr 2012, als mit 16500 Besuchern 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor kamen, erlebt das Festival heuer erneut einen rund 20prozentigen Zuwachs an Zuschauern. In diesen Zahlen spiegelt sich nicht nur der anhaltende Boom des Dokumentarfilms. Etliche der hier zwischen dem 8. und dem 15. Mai 2013 aufgeführten 91 Langfilme würden, wenn sie ins Kino kämen, vielleicht doch nur vor leeren Sälen gespielt. Das Festivalpublikum jedoch saugt sie begierig auf. Offenbar brauchen Nischenfilme und potenziell interessierte Zuschauer gleichermaßen den stützenden Rahmen eines solchen Events, um zueinander zu finden.

Da gibt es die Werke, die soziale oder ökologische Themen aus fernen Ländern in ästhetischen, sorgfältig inszenierten Bildern präsentieren. Zu ihnen zählt Nishtha Jains Gulabi Gang über die gleichnamige, wehrhafte indische Frauenorganisation. Oder die optisch ansprechenden und dabei sehr aussagekräftigen Beobachtungen dreier Familien im ländlichen Kambodscha in Kalyanee Mams A River Changes Course. Dann gibt es Filme, die Dokumentarisches wie einen dramatischen Spielfilm inszenieren. Der dänische Regisseur und Schriftsteller Daniel Dencik liefert in Moon Rider ein ungemein spannendes Porträt des jungen Radrennfahrers Rasmus Quaade. Die Strapazen des Trainings und der Wettkämpfe teilen sich nicht nur dank enger Kamerabegleitung mit, sondern beispielsweise auch im laut pochenden Herzschlag, der als aussagekräftiger akustischer Kommentar unterlegt wird.

Aus der Fülle der Filme über Menschen, die in Armut, in Krisengebieten, in akuter oder chronischer Not leben, verankert sich meistens einer besonders im Gedächtnis. Das geschieht individuell unterschiedlich, oft sogar unbewusst, und es muss sich auch nicht um den handwerklich besten oder spektakulärsten Beitrag handeln. In A World Not Ours - dem Preisträger der Wettbewerbsreihe Dok.horizonte - nimmt einen der dänische Regisseur Mahdi Fleifel mit in die abgeschottete Welt eines Flüchtlingscamps für Palästinenser im Libanon. Als ehemaliger Bewohner darf Fleifel das Lager Ain el-Helweh regelmäßig besuchen. In seinen Gesprächen mit dem Großvater, einem Onkel und dem besten Jugendfreund offenbart sich die Perspektivlosigkeit der Menschen, die in vielen Berufen außerhalb des Lagers nicht arbeiten dürfen und ihr ganzes Leben am gleichen Ort verbringen. Der vollkommen desillusionierte Freund macht sich schließlich auf den Weg nach Europa und wird von dort doch nur wieder zurückgeschickt. Heimatlosigkeit erscheint hier als politisch gewollter Dauerzustand auf Kosten von Menschen, die die Welt vergessen hat.

Viele Filme schildern aktuelle Themen am Beispiel eines Einzelschicksals. Ob sie gelingen, hängt entscheidend von der Persönlichkeit des Porträtierten ab. Dem 65-jährigen kurdischen Flüchtling, den Mano Khalil im Schweizer Film Der Imker – Sieger im Wettbewerb Dok.deutsch - vorstellt, fliegen die Sympathien nur so zu. Der Mann, der vom türkischen Militär verfolgt und gefoltert wurde, nimmt in der Schweiz eine Reihe bürokratischer Hürden. Ohne Sprachkenntnisse und mit Hilfe seiner Leidenschaft für die Bienenhaltung findet er sogar Freunde und einen Lebenssinn im Exil.

Die deutschsprachigen Filme, die auch in der Sektion Münchner Premieren vertreten sind, entpuppen sich besonders oft als wahre Herzensangelegenheiten ihrer Macher. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Regisseure über sich oder ihre Familie erzählen. Der Münchner Hochschulabsolvent Wolfram Huke zermartert sich in Love Alien den Kopf, weil er 30 wird und die Liebe noch nicht kennengelernt hat. Der Österreicher Marko Doringer wiederum grübelt in Nägel mit Köpfen, der Fortsetzung von Mein halbes Leben, wie so viele Menschen der Generation über 30, ob er schon bereit ist für eine Dauerbeziehung samt Familiengründung. Dabei schaut er sich ratsuchend bei drei Paaren im Freundeskreis um und entdeckt Geschichten, die das Thema mindestens so aussagekräftig und unterhaltsam beackern, wie es derzeit im Spielfilmgenre der romantischen Komödie passiert.

Was herauskommen kann, wenn man den subjektiven Blick nach außen richtet, ohne ein bestimmtes inhaltliches Ziel zu verfolgen, zeigt einer der von der Filmkritik vielbeachteten Beiträge, Fahrtwind – Aufzeichnungen einer Reisenden. Die Österreicherin Bernadette Weigel hat ihn im Amateurstil mit der Super-8-Kamera gedreht. Sie hängt sie aus dem Zugfenster, fahndet nach Anhaltspunkten im Trubel der Straßen auf ihrer Reise durch Osteuropa und Vorderasien. Optische und akustische Schnappschüsse verbinden sich unkommentiert zum Erlebnis des Unterwegsseins mit allen Sinnen.

Wie man spröde und eher abstrakte Themen zu einer filmischen Herzensangelegenheit machen kann, führt Der große Irrtum vor. Er ist die Teamarbeit des Drehbuchautors Olaf Winkler und des Kameramanns Dirk Heth, zweier Familienväter, die sich mit schlechter Auftragslage plagen. Aus dieser persönlichen Betroffenheit gehen sie der Frage nach, welche Alternativen es in Deutschland für Menschen ohne Beschäftigung gibt, die erfahren, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nur einen geringen Wert besitzen. Sie beobachten die Eigeninitiative und die Ideen, die in ostdeutschen Gemeinden mit hoher Arbeitslosigkeit entstehen und verfolgen den Weg des politischen Projekts Bürgerarbeit. Ihr Fazit fällt verhalten bis resigniert aus.

Auch vergangene Zeiten können zur Herzensangelegenheit werden, gerade für Dokumentarfilmer in reiferem Alter. Das große Zuschauerinteresse für drei deutsche Filme mit solchen Themen belegt, wie gerne das Festivalpublikum Distanzen nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich überbrückt. Klaus Stanjek begibt sich in Klänge des Verschweigens auf Spurensuche in der eigenen Familie: Der schon verstorbene Onkel Willi Heckmann war als Homosexueller acht Jahre in Konzentrationslagern der Nazis und musizierte im Orchester von Mauthausen. Stanjeks Nachforschungen bei KZ-Überlebenden, ehemaligen Nachbarn des Onkels und eigenen Angehörigen sind mühsam und bleiben lückenhaft. Aber sie offenbaren eher beiläufig eine Fülle auch heute noch wichtiger Aspekte für das gesellschaftliche Selbstverständnis.

Michael Teutsch schaut sich in Café Ta'amon, King George-Street, Jerusalem in dem kleinen, 1936 gegründeten Lokal gerade noch rechtzeitig um, bevor es seine Pforten schließt. Er porträtiert den über 80-jährigen Betreiber, in dessen Bistro sich seit den späten Sechzigern Gäste unterschiedlicher religiöser und politischer Färbung wohlfühlten. Der Dokumentarfilm erinnert gleichzeitig an die radikale linke Opposition in Israel nach dem Sechstagekrieg, die den Rückzug aus den besetzten Gebieten forderte. Klaus Dexel ermittelt in Zum Schweigen gebracht: Georgi Markov und der Regenschirmmord investigativ im konspirativen Agentenmilieu des Kalten Krieges. Der Mord am bulgarischen Dissidenten Georgi Markov im Jahr 1978 in London ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. In spannender Atmosphäre spürt die minutiöse Detektivarbeit einen untergetauchten Verdächtigen auf und schließt mit der Hypothese, dass den britischen Behörden, insbesondere dem Geheimdienst, wenig an der Aufklärung des Falls liegt. Es gibt noch viel zu entdecken für passionierte Dokumentarfilmer und ihr dankbares Publikum.

(Bianka Piringer)

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