• Home
  • News
  • "Vom Wald und von der Natur gezwungen" - Julian Pölsler im Interview zu "Die Wand"
Zurück zur Übersicht
12 11/10

"Vom Wald und von der Natur gezwungen" - Julian Pölsler im Interview zu "Die Wand"

Meinungen
0
Tags: Julian Pölsler
Julian Pölsler kommt sehr entspannt zum Gespräch, obwohl er sicher nicht seinen ersten Interviewtag zu Die Wand absolviert. Er spricht langsam, was nicht nur seinem kaum ins Schriftliche transportierbaren steirischen Sprachduktus zu verdanken ist, sondern anscheinend auch einer gewissen Gelassenheit und Bedächtigkeit. Seinen Hund Luchs hat er nicht dabei, aber wir sind ja auch in einem schicken Hotel in der Großstadt Berlin.

Als Sie den Roman zum ersten Mal gelesen haben, wie unterscheidet sich Ihre Wahrnehmung des Romans damals zu der Wahrnehmung nachdem Sie sich jetzt so lang und intensiv damit beschäftigt haben?

Ich habe den Roman zum ersten Mal 1986 gelesen, also vor 25 Jahren. Für mich ist das Hauptthema in Die Wand, das sich nicht gewandelt hat, das Thema der Wandlung und Verwandlung. Es geht darum, wie diese Katastrophe die Frau verändert und wie sie bereit ist, sich selbst zu verwandeln. So hat sich natürlich auch mein Zugang zu diesem Buch in 25 Jahren verwandelt.

Und was für mich ganz interessant ist: Ich reise jetzt ja mit dem Film rund um die Welt zu allen möglichen Festivals, erst letzte Woche war ich in Helsinki und vorher in Budapest, und dort kommen Fragen, zumeist von Frauen, und dann so eigene Interpretationen, an die ich eigentlich nie gedacht hätte, und die sind dann immer ganz verwirrt, weil sie sagen: das ist doch in Ihrem Film! Und dann denke ich mir, ja das stimmt, das ist in meinem Film.

So verwandelt sich das jetzt immer noch, dieser Zugang. Das ist das spannende an dem Roman, dass er so nicht greifbar ist, das er so etwas offenes hat. Ich freue mich schon auf das nächste Screening in Mumbai, wie die Inder darauf reagieren.

Wenn man darüber nachdenkt, wie alt der Roman ist, und sie verfilmen jetzt, 2012, diese Geschichte. Wie zeitgemäß finden Sie tatsächlich das Buch noch, welche gesellschaftliche Relevanz kann der Film jetzt auch haben?


Ich habe das auf der Berlinale gesagt, wo er ja Weltaufführung hatte. In einer Stadt, in der Wände und Mauern eine Rolle spielen, ist der Film gut aufgehoben. Ich glaube, dass gerade unsere Zeit sich mit dieser Thematik, die da in Die Wand von Marlen Haushofer vor 50 Jahren angesprochen wurde, sehr relevant ist. In unserer Zeit heißt es scheinbar immer "alles geht und nichts ist aufzuhalten", aber ich muss ehrlich sagen, ich höre bei allem immer so ein Katastrophenszenario, ob das nun die Katastrophe mit Europa ist oder mit dem Euro oder mit der Weltwirtschaft ist, immer ist so von Katastrophen die Rede, und keiner bedenkt …

Aber ist das nicht nur ein deutsches Problem?

Nein – da muss ich heftig widersprechen. Nein, im Gegenteil, ich finde gerade, dass die Deutschen sich weit entfernt haben von dieser Katastrophenlarmoyanz. Eher Österreichisch. Aber ich sehe das in ganz Europa. Für mich ist es aber auch so, was dieser Roman und ich hoffe auch der Film bietet, ist dieses Innehalten.

Alle Leute, die man trifft, die sagen, ah, es ist so stressing und keine Zeit, für nix keine Zeit. Mir ist es ja genauso gegangen. Ich nehme mir halt immer wieder Auszeiten, wo ich in den Wald gehe für ein paar Wochen, und dann merke ich, man muss sich die Zeit für sich selbst nehmen. Ich hoffe, dass die Kinobesucher sich eine Kinokarte kaufen und dann 108 Minuten haben, etwas entschleunigt zu werden und trotzdem die Chance haben, über Fragen und Probleme unserer Zeit nachzudenken, auch wenn es scheinbar um Probleme aus den 60ern geht. Deshalb habe ich den Film ja auch nicht zeitlich genau definiert.

Man sieht im Grunde nur durch wenige Signale, dass der Film eher in unserer Gegenwart spielt. Sie haben sich aber offenbar sehr bewusst dafür entschieden, den Text weitgehend in der Form zu lassen, wie sie ihn vorgefunden haben, in einer Sprache, die eher nicht die unserer Gegenwart ist. Haben Sie ein bestimmtes Ziel damit verfolgt?


Ich werde heftig kritisiert für den vielen Offtext und dafür, dass ich meinen Bildern nicht vertraue. Ich vertraue meinen Bildern schon, nur wollte ich mit der Verfilmung diesem Roman eine Plattform geben, damit noch mehr Menschen ihn lesen, weil ich ihn für einen der wichtigsten deutschsprachigen Texte halte.

Ich habe schon in der Drehbuchphase oft gehört, das ist zu viel Offtext. Dann habe ich eine Variante komplett ohne Offtext geschrieben – dabei kam so ein mittelmäßig interessanter Fernsehfilm heraus. Das hat mich dann aber nicht interessiert.

Ich habe diese Sprache in drei Ebenen versucht, in den Film zu kriegen. Es gibt die Sprache, die Martina Gedeck wunderbar spricht in der Voice-Over. Und dann gibt es eine zweite Ebene, das sind die Bach-Partiten, die ich nicht als Musik eingesetzt habe, sondern als eine andere Form der Sprache. Und wenn Sie sich den Film noch einmal ganz in Ruhe anschauen und analysieren, dann werden Sie sehen, dass Bach im Film in jenen Kapiteln ist, in denen Haushofer bestimmte Zustände beschreibt. Und die dritte Ebene ist die Ebene der Stille, wo gar nichts passiert. Wo sie nur geht, oder nur in der Sonne sitzt.

Ich wollte bewusst auf diesen Text hinweisen. Vielleicht hab ich ihn auch nur für mich selbst so häufig hineingenommen, weil ich ihn so großartig finde.

In einem Interview zu Anna und der Prinz haben Sie gesagt, dass Sie bewusst auf die Sprache dieses Briefwechsels verzichtet haben, weil diese ganz nah am Kitsch sei. Das heißt, hier ist die Sprache schon mit künstlerischer Qualität, Sie mochten das?


Ja, ich mochte das sehr.

Diese Sprache läuft ja auch in keiner Silbe Gefahr, an Kitsch heranzugeraten.


Da Frau Haushofer es schafft, in einer sehr ruhigen, einfachen Wortwahl Dinge anzusprechen, die weit entfernt sind vom Kitsch, habe ich mich entschlossen, das auch deshalb in den Film zu übernehmen. Aber um zu Anna und der Prinz zurückzukommen: Diese Briefe in ihrer Verdrechslung und Verdruchslerung und Verherzöglichung, das ist ja unerträglich für uns. Das waren ja alles vorgefertigte Floskeln – das wollte ich nicht. Ich finde, dass wenn Frau Haushofer in ihrem Roman über die Liebe spricht oder über die Zeit und über das Vergehen von Zeit, das ist schon etwas, was auch in der Jetztzeit noch seine Gültigkeit hat. Vielleicht sogar mehr als damals.

Der Stoff hat ja eine unheimliche Ausstrahlung sowohl auf die Frauen- als auch auf die Friedensbewegung gehabt. Woran glauben Sie liegt es, dass er in bestimmten Zeiten derart unterschiedlich wahrgenommen werden kann?

Weil es ein großer Text ist. Und große Texte zeichnen sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass sie nicht von der Tagesaktualität abhängig sind. Das ist etwas, was ich der Literatur, die derzeit so in ist, ein bisschen abspreche. Oder sagen wir, ich bin schon neugierig, was davon noch übrig bleibt in zehn, in zwanzig Jahren. Es gibt ja so Autoren, die vor zehn Jahren absolut Hype waren, und kein Mensch liest die jetzt mehr. Ich finde, dass ist für mich auch das Phänomenale an der Haushofer, dass die immer noch gelesen wird – und ich hoffe nach dem Film von noch mehr Leuten.

Aber trotzdem gibt es da anscheinend bei den Rezipienten das Bedürfnis, diesen Text, der mit dieser breiten Metapher arbeitet, möglichst eng zu fassen und auf die Gegenwart zu beziehen, was ja genau das Gegenteil ist von dem, was Sie jetzt beschreiben.

Ich glaube, diese Intention ist immer da, man will immer etwas eingrenzen, um es begreifen zu können, das ist aber meiner Meinung nach nicht nötig. Ich hätte gerne, dass sich die Kinobesucher, und das ist teilweise schon so passiert, wenn sie aus dem Kino kommen, weiter mit dem Film beschäftigen und ihn als Zündschnur sehen für eine Beschäftigung in ihrem eigenen Kopf, dass sie ihren eigenen Film weiterspinnen, denn er lässt sehr viel Raum dafür.

Haben Sie sich schon einmal überlegt, was denn jetzt passiert mit der Frau? Was wird mit der passieren? Wozu dieser ganze Kampf? Sagen wir, sie ist vierzig – in spätestens fünfzig Jahren ist es eh sowieso vorbei, wozu weiterkämpfen? Aber das fragt sie sich ja auch nach neun Minuten sechsunddreißig. Und wir schauen ihr die weiteren hundert Minuten zu, wo wir sehen, wie sie das macht. Weil etwas passiert, was ganz wichtig ist, nämlich, dass sie sich verwandelt. Und dieses Zulassen von Verwandlung ist etwas, dass uns auch alle betrifft, denke ich.

Ich musste sehr viel an den Film Into the Wild denken, weil [dessen Hauptfigur] ja auch genau daran scheitert, an dieser Idee der Verwandlung, an der Idee loszulassen und an diesem Ideal: Wir können noch diesen Schritt wieder zurückgehen. Ihm gelingt es nicht, was, glaube ich, auch eine sehr realistische Umgangsweise damit ist. … Bei [der Protagonistin von Die Wand] wiederum erscheint das alles sehr leicht, das war doch sehr verblüffend, nach kürzester Zeit … hat sie das Reh auf dem Rücken, obwohl man denkt, jeder von uns, dem das passieren würde, würde gar nicht so schnell reagieren, ich wüsste ja nicht, wie schlachte ich das Reh, wie mache ich das.


Ich bin sicher, wenn Sie eine Woche nichts gegessen haben: Wissen Sie, wie schnell Sie wissen, wie man Erdäpfel einsetzt, wie schnell Sie wissen, wie Sie ein Reh erlegen? Wenn Sie eine Woche nichts gegessen haben, das geht ganz schnell, glauben sie mir, ich war oben in den Wäldern, es passiert alles sehr schnell. Wenn Sie abgeschnitten sind von Aldi an der Ecke und vom Internet, von Ihrem Handy, Sie lernen einfach ganz schnell und zwar ganz andere Dinge, existentiellere Dinge.

Ist das uns so angeboren oder ist es nur, weil wir das zivilisatorische Wissen haben?

Ich glaub, dass uns das angeboren ist. Oder: das haben wir in der Evolution einfach so lernen müssen. Also verstehen Sie mich recht, ich bin nicht gegen Internet, ich finde das toll, alles ist gut so, wie es da ist. Was wir daraus machen, ist die Frage.

Ich glaube ja immer, dass der Countdown für das Unternehmen Orion 319, wo wir ja im Jahr 4651 landen werden, schon begonnen hat. Und dazu muss man sich von dieser Natürlichkeit dieses Trabanten entfernen. Das hat schon begonnen, das dauert halt ein paar tausend Jahren. Aber vielleicht ist es dann nötig, dann gibt es nur mehr wirklich Autobahnen, Landepisten, Bahnhöfe unter-, ober-, nebenirdische, kann sein. Wie gesagt, ich habe es jetzt nicht ganz ernst gemeint, ich hab's jetzt ein wenig ironisch formuliert, aber die existentiellen Fragen werden bleiben. Diese Fragen stellt Frau Haushofer in diesem Text.

Mich würde schon noch etwas genauer interessieren, was das ausmacht, dass man in der Konfrontation mit der Natur und aus dem Zwang heraus, in der Natur zu überleben anscheinend einen direkteren Weg zu sich selbst findet als in unserem zivilisatorischen Alltag. Ist das so, und dann: wie das funktioniert, was das ausmacht?

Ich glaube, das ist individuell unterschiedlich; ich sag ja, dass ich ein Naturneurotiker bin und kein Stadtneurotiker. Aber Woody Allen kann das sicher in Manhattan auch gut. ich glaub, dass das in der Natur leichter ist, weil die Natur so ein Spiegel ist, der einen zwingt, dass man in sich selbst hineinschaut. Und ich merk das, wenn ich mit Luchs [Pölslers Hund, der auch eine zentrale Rolle in Die Wand spielt] ein paar Wochen so fern von allem im Wald unterwegs bin, dann merke ich, wie ich vom Wald und von der Natur gezwungen werde, mich mit gewissen Themen auseinanderzusetzen.

Das kann auch im Börsenviertel in Frankfurt passieren, ganz sicher, und es gibt bestimmt auch Menschen, denen es dort leichter fällt – mir fällt es leichter in der Natur und ich glaube auch, weil es dort leichter ist. weil wir halt da her kommen, vielleicht gehen wir, was Manhattan betrifft, dorthin, das kann schon sein, aber herkommen tun wir, glaube ich, vom Wald. Peter Rosegger – ich komme ja aus der Steiermark … der Nationaldichter ist Peter Rosegger, der ist auch auf einem Bergbauernhof aufgewachsen –, der hat geschrieben: "Ich bin zeitlebens ein Waldmensch geblieben." Und das gilt für mich auch. Gott sei Dank. Und ich hoffe, dass das so bleibt.

Ich habe mal eine filmgeschichtliche Frage, ich hatte den Eindruck, dass sie vielleicht weltanschaulich und auch filmgeschichtlich in der Tradition von Andrei Tarkowski stehen. Also ganz besonders der Stalker , Opfer, an diese Filme habe ich gedacht, als ich Ihren Film gesehen habe, mit der Unvereinbarkeit zwischen der Natur und dann noch das fast schon Science-Fiction-Element einer Wand.

Ich bin natürlich ein großer Bewunderer, Tarkowski ist natürlich ein ganz Großer für mich. Ich mag den Andrej Rubljow so sehr, da gibt es Einstellungen, von denen ich bis heute noch nicht weiß, wie er die gemacht hat. Beim ersten Mal ansehen war ich so hineingezogen, dass es mir egal war, wie er es gemacht hat, ich war einfach in einer anderen Welt, in einem anderen Kosmos.

Das passiert mir bei guten Filmen so, und das war auch eine Intention von mir; deshalb die viele Natur, weil ich wollte, dass die Menschen, wenn sie da im Kino sitzen, das Gefühl haben: ich war da, ich war im Wald. Natürlich verkettet mit der Problemstellung, die diese Frau hat, aber die Natur und der Wald schwingen ja immer mit, sie sind ja immer mit da.

Das Gespräch wurde als Tischgespräch von Julian Pölsler mit mehreren Journalisten geführt, darunter auch unser Autor Rochus Wolff.

Ihre Meinung zu dieser Meldung

Ihre Meinung zu dieser Meldung. (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Cineplex Kinos