20.05.09
Über Geheimnisse, Familie und Geister – Interview mit Atom Egoyan zu „Simons Geheimnis / Adoration“
Atom Egoyan, geboren 1960 in Kairo, wuchs als Sohn armenischstämmiger Eltern in Kanada auf. Zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Arsinée Khanjian, verwirklichte er mit Anfang Zwanzig, seinen Traum vom Filmemachen. Seitdem hat er 13 Filme gedreht. Mit seinen Filmen, wie z.B. Exotica (1994), The Sweet Hereafter / Das süße Jenseits (1997) und Ararat (2002) war er oft zu den Filmfestspielen in Cannes eingeladen und etablierte sich damit als Kanadas bekanntester Autorenfilmer. Im Interview mit kino-zeit.de spricht er über seinen neuen Film Simons Geheimnis.
Was halten Sie von dem deutschen Titel Ihres Films?
Ich finde ihn ziemlich gut. Er leuchtet mir ein. Der englische Titel "Adoration" ist sehr speziell. Die Bedeutung, die er in der englischen bzw. in der französischen Sprache kann man nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzen. "Adoration" hat die Bedeutung, sich so obsessiv oder zwanghaft mit einer Sache zu beschäftigen als wäre sie etwas Heiliges.
Wie kann man das auf Ihren Film beziehen?
Es gibt verschiedene Figuren und Gegenstände, die andere Figuren dazu inspirieren in einer bestimmten Art und Weise zu handeln. Simons Vater und auch die Mutter sind Figuren, die von anderen angebetet bzw. verehrt werden. Das veranlasst Simon und auch Sabine, sehr extrem zu agieren. Außerdem gibt es Objekte der Anbetung im Film wie z.B. die Geige.
Die Figur Simon bewegt sich zwischen Wahrheit, Lüge und Geheimnissen. Themen, die immer wiederkehren in Ihren Filmen. Was reizt Sie daran?
Geheimnisse haben etwas mit Neugier zu tun. Neugier auf andere Menschen. Man will herausfinden, wer sie wirklich sind. Oft sind die Dinge ganz anders als wir glauben. Wenn wir miteinander reden, klärt sich das meist auf. Man erfährt, wer der andere in Wirklichkeit ist. Aber das ist auch oft mit Mitverständnissen, Frustration und Blockaden verbunden. Manchmal verstehen bestimmte Figuren nicht, warum sich andere so und so verhalten. Ich glaube, dass jede Familie Geheimnisse hat und bestimmte Dinge lieber für sich behalten will. Es ist nicht immer das Beste, jemand zu zwingen, die Wahrheit zu sagen und dann zu glauben, dass sich derjenige befreit fühlt.
Wie ist das bei Ihrer eigenen Familie?
Ich komme aus einer Familie, die sehr vertraut miteinander ist, aber dennoch gibt es auch Geheimnisse. Da gibt es Dinge, die man vor allem als Kind verstehen will. Es gibt bestimmte Denkmuster, andere Familien, die man beobachtet – und das beeinflusst einen. Aber in unserer Familie liegen letztendlich unsere Wurzeln. Von ihr hängt unsere Erziehung ab, unsere Wertevorstellungen. Allerdings glaube ich auch, dass es ein Mythos ist, zu glauben, dass die Familie, in die wir hinein geboren worden sind, gleichzeitig auch die beste für uns ist.
Man kann sich seine Familie aber nicht aussuchen...
Nein, aber später schon. Später kann man seine eigene Familie aufbauen. Man kann sich auch eine Fantasiefamilie schaffen. Literatur, Kino und Fernsehen hat darauf einen starken Einfluss genommen. In Filmen hat man andere Familien gesehen und das wiederum auf seine eigene Familie und Erziehung bezogen. In vielen meiner Filme denken sich die Figuren eine Familie aus, die sie selbst organisieren können. Das ist zwanghaft, aber sehr zufriedenstellend für sie.
Sind Sie mit Ihrer Familie in Kanada aufgewachsen?
Ich bin in Ägypten geboren und kam als kleines Kind nach Kanada. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in der wir die einzige armenische Familie waren. Englisch ist nicht meine Muttersprache. Ich habe sie sehr früh gelernt und war mir der Assimilation sehr bewusst. Unsere Familie war immer anders als die anderen Familien um mich herum. Deshalb habe ich auf Familienkonstruktionen immer besonders geachtet, vielleicht mehr als andere Kinder.
Ihre Frau Arsinée Khanjian spielt in fast allen Ihrer Filme mit.
Das ist richtig. Und auch in anderen Arbeiten von mir. Wir haben uns vor 25 Jahren kennengelernt und davon geträumt, gemeinsam Filme zu drehen. Sie hat eine sehr ungewöhnliche und spezielle Energie. Alle Rollen habe ich extra nur für sie kreiert und alles darum entwickelt. Ich denke, nur sie kann diese Figuren verkörpern.
Sie haben an der Universität Toronto Internationale Beziehungen und klassische Gitarre studiert. Wie sind Sie zum Film gekommen und was hat Ihre Filmleidenschaft geweckt?
Cinephilie. Als ich Anfang Zwanzig war, habe ich wunderbare Filme gesehen. Das hat mich inspiriert, selbst welche zu drehen. Das waren Filme von Bergman, Fassbinder, Bresson, Bunuel usw. Meine Frau und ich haben viele davon zusammen gesehen. Das war alles sehr aufregend. Ich hatte vorher Theater gemacht und viele Stücke geschrieben. Die Vorstellung, dass man mit Film bestimmte Themen genauso erforschen kann wie die Stücke von Ibsen oder Strindberg, hat mich sehr beeindruckt.
Dennoch haben Sie kein Film- bzw. Regiestudium absolviert.
Nein, aber es gab einen Filmclub und dort habe ich angefangen, Filme zu drehen. Offiziell studiert habe ich es nicht. Aber ich denke, das hat seine Vor- und Nachteile. Bei meinen ersten Filmen hatte ich keine Ahnung von den technischen Aspekten beim Filmedrehen. Anderseits habe ich dadurch erstmal ein Gespür dafür bekommen. Ich habe etwas ganz anderes, ungewöhnliches gemacht. Und ich hatte das Gefühl, dass ich etwas mache, was keiner vor mir getan hat. Meine Idee war, dass die Kamera selbst eine abwesende Figur spielt. In vielen meiner Filme gibt es Figuren, die abwesend sind, z.B. eine abwesende Mutter oder ein abwesender Vater. Die Kamera fungierte als ein Geist, der auf diese abwesenden Figuren zurückschaute.
Besonders Ihre frühen Filme erinnern an den Stil von David Lynch. Hat er Sie stark beeinflusst?
Als Eraserhead 1978 in Toronto ins Kino kam, habe ich darüber die erste Filmkritik in Nordamerika geschrieben. Ich erinnere mich noch genau an die Vorführung und wie sie mich beeinflusst hat. Ich liebe diesen Film. Lynchs Arbeit ist großartig. Er ist einer der Regisseure, die ich sehr bewundere. Ich habe auch seinen letzten Film Simons Geheimnis gesehen und war begeistert. Es gibt bei Lynch verschiedene Arten der Interpretation. Das gefällt mir.
Mit welchem aktuellen Filmprojekt beschäftigen Sie sich gerade?
Letzte Woche habe ich den Film Chloe abgedreht, den ich nicht selbst geschrieben habe. Das war das erste Mal für mich. Mein Job war also ein ganz anderer als sonst. Das war wie in alten Zeiten, als ich Mitte, Ende Zwanzig war und Serien für das Fernsehen wie z.B. Twilight Zone gedreht habe. Das ist sehr konventionelles Arbeiten. Alle Entscheidungen werden im Schnitt getroffen. Das ist großartig, weil man sich so auf die Performance der Schauspieler und den Look des Films konzentrieren kann. Man kann das mit Musik vergleichen: Einen Film wie Chloe zu drehen, ist wie als würde man nach Noten spielen. Das andere, also wenn man seine eigenen Drehbücher schreibt und inszeniert, dann ist das, als würde man Phrasen komponieren.
Was ist Kino für Sie in einem Satz gesagt?
Es ist eine Möglichkeit, Vorstellungen und Träume aufzuzeichnen. Eine Art Beschreibung unseres Unterbewusstseins.
(Das Gespräch führte Katrin Knauth)
Was halten Sie von dem deutschen Titel Ihres Films?
Ich finde ihn ziemlich gut. Er leuchtet mir ein. Der englische Titel "Adoration" ist sehr speziell. Die Bedeutung, die er in der englischen bzw. in der französischen Sprache kann man nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzen. "Adoration" hat die Bedeutung, sich so obsessiv oder zwanghaft mit einer Sache zu beschäftigen als wäre sie etwas Heiliges.
Wie kann man das auf Ihren Film beziehen?
Es gibt verschiedene Figuren und Gegenstände, die andere Figuren dazu inspirieren in einer bestimmten Art und Weise zu handeln. Simons Vater und auch die Mutter sind Figuren, die von anderen angebetet bzw. verehrt werden. Das veranlasst Simon und auch Sabine, sehr extrem zu agieren. Außerdem gibt es Objekte der Anbetung im Film wie z.B. die Geige.
Die Figur Simon bewegt sich zwischen Wahrheit, Lüge und Geheimnissen. Themen, die immer wiederkehren in Ihren Filmen. Was reizt Sie daran?
Geheimnisse haben etwas mit Neugier zu tun. Neugier auf andere Menschen. Man will herausfinden, wer sie wirklich sind. Oft sind die Dinge ganz anders als wir glauben. Wenn wir miteinander reden, klärt sich das meist auf. Man erfährt, wer der andere in Wirklichkeit ist. Aber das ist auch oft mit Mitverständnissen, Frustration und Blockaden verbunden. Manchmal verstehen bestimmte Figuren nicht, warum sich andere so und so verhalten. Ich glaube, dass jede Familie Geheimnisse hat und bestimmte Dinge lieber für sich behalten will. Es ist nicht immer das Beste, jemand zu zwingen, die Wahrheit zu sagen und dann zu glauben, dass sich derjenige befreit fühlt.
Wie ist das bei Ihrer eigenen Familie?
Ich komme aus einer Familie, die sehr vertraut miteinander ist, aber dennoch gibt es auch Geheimnisse. Da gibt es Dinge, die man vor allem als Kind verstehen will. Es gibt bestimmte Denkmuster, andere Familien, die man beobachtet – und das beeinflusst einen. Aber in unserer Familie liegen letztendlich unsere Wurzeln. Von ihr hängt unsere Erziehung ab, unsere Wertevorstellungen. Allerdings glaube ich auch, dass es ein Mythos ist, zu glauben, dass die Familie, in die wir hinein geboren worden sind, gleichzeitig auch die beste für uns ist.
Man kann sich seine Familie aber nicht aussuchen...
Nein, aber später schon. Später kann man seine eigene Familie aufbauen. Man kann sich auch eine Fantasiefamilie schaffen. Literatur, Kino und Fernsehen hat darauf einen starken Einfluss genommen. In Filmen hat man andere Familien gesehen und das wiederum auf seine eigene Familie und Erziehung bezogen. In vielen meiner Filme denken sich die Figuren eine Familie aus, die sie selbst organisieren können. Das ist zwanghaft, aber sehr zufriedenstellend für sie.
Sind Sie mit Ihrer Familie in Kanada aufgewachsen?
Ich bin in Ägypten geboren und kam als kleines Kind nach Kanada. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in der wir die einzige armenische Familie waren. Englisch ist nicht meine Muttersprache. Ich habe sie sehr früh gelernt und war mir der Assimilation sehr bewusst. Unsere Familie war immer anders als die anderen Familien um mich herum. Deshalb habe ich auf Familienkonstruktionen immer besonders geachtet, vielleicht mehr als andere Kinder.
Ihre Frau Arsinée Khanjian spielt in fast allen Ihrer Filme mit.
Das ist richtig. Und auch in anderen Arbeiten von mir. Wir haben uns vor 25 Jahren kennengelernt und davon geträumt, gemeinsam Filme zu drehen. Sie hat eine sehr ungewöhnliche und spezielle Energie. Alle Rollen habe ich extra nur für sie kreiert und alles darum entwickelt. Ich denke, nur sie kann diese Figuren verkörpern.
Sie haben an der Universität Toronto Internationale Beziehungen und klassische Gitarre studiert. Wie sind Sie zum Film gekommen und was hat Ihre Filmleidenschaft geweckt?
Cinephilie. Als ich Anfang Zwanzig war, habe ich wunderbare Filme gesehen. Das hat mich inspiriert, selbst welche zu drehen. Das waren Filme von Bergman, Fassbinder, Bresson, Bunuel usw. Meine Frau und ich haben viele davon zusammen gesehen. Das war alles sehr aufregend. Ich hatte vorher Theater gemacht und viele Stücke geschrieben. Die Vorstellung, dass man mit Film bestimmte Themen genauso erforschen kann wie die Stücke von Ibsen oder Strindberg, hat mich sehr beeindruckt.
Dennoch haben Sie kein Film- bzw. Regiestudium absolviert.
Nein, aber es gab einen Filmclub und dort habe ich angefangen, Filme zu drehen. Offiziell studiert habe ich es nicht. Aber ich denke, das hat seine Vor- und Nachteile. Bei meinen ersten Filmen hatte ich keine Ahnung von den technischen Aspekten beim Filmedrehen. Anderseits habe ich dadurch erstmal ein Gespür dafür bekommen. Ich habe etwas ganz anderes, ungewöhnliches gemacht. Und ich hatte das Gefühl, dass ich etwas mache, was keiner vor mir getan hat. Meine Idee war, dass die Kamera selbst eine abwesende Figur spielt. In vielen meiner Filme gibt es Figuren, die abwesend sind, z.B. eine abwesende Mutter oder ein abwesender Vater. Die Kamera fungierte als ein Geist, der auf diese abwesenden Figuren zurückschaute.
Besonders Ihre frühen Filme erinnern an den Stil von David Lynch. Hat er Sie stark beeinflusst?
Als Eraserhead 1978 in Toronto ins Kino kam, habe ich darüber die erste Filmkritik in Nordamerika geschrieben. Ich erinnere mich noch genau an die Vorführung und wie sie mich beeinflusst hat. Ich liebe diesen Film. Lynchs Arbeit ist großartig. Er ist einer der Regisseure, die ich sehr bewundere. Ich habe auch seinen letzten Film Simons Geheimnis gesehen und war begeistert. Es gibt bei Lynch verschiedene Arten der Interpretation. Das gefällt mir.
Mit welchem aktuellen Filmprojekt beschäftigen Sie sich gerade?
Letzte Woche habe ich den Film Chloe abgedreht, den ich nicht selbst geschrieben habe. Das war das erste Mal für mich. Mein Job war also ein ganz anderer als sonst. Das war wie in alten Zeiten, als ich Mitte, Ende Zwanzig war und Serien für das Fernsehen wie z.B. Twilight Zone gedreht habe. Das ist sehr konventionelles Arbeiten. Alle Entscheidungen werden im Schnitt getroffen. Das ist großartig, weil man sich so auf die Performance der Schauspieler und den Look des Films konzentrieren kann. Man kann das mit Musik vergleichen: Einen Film wie Chloe zu drehen, ist wie als würde man nach Noten spielen. Das andere, also wenn man seine eigenen Drehbücher schreibt und inszeniert, dann ist das, als würde man Phrasen komponieren.
Was ist Kino für Sie in einem Satz gesagt?
Es ist eine Möglichkeit, Vorstellungen und Träume aufzuzeichnen. Eine Art Beschreibung unseres Unterbewusstseins.
(Das Gespräch führte Katrin Knauth)
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