11.05.10
Starker Wettbewerb und großer Andrang - Ein Rückblick auf das 17. Internationale Trickfilmfestival Stuttgart
Die ganze Breite und Vielfalt der Animation war beim 17. Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart zu sehen. Das Spektrum reichte von der medienwirksamen Welturaufführung von Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland bis zu höchst künstlerischen Experimenten.
Die wichtigste und am höchsten dotierte Reihe ist in Stuttgart traditionell der Internationale Wettbewerb, wo in diesem Jahr 44 Kurzfilme zu sehen waren. Den Hauptpreis gewann A Family Portrait von Joseph Pierce, ein Viereinhalbminüter, der viele Elemente in sich vereinigt: einen realistischen Hintergrund, viel künstlerische Fantasie und eine skurril-surrealistische Zuspitzung. Es geht um eine Familie, die sich im Fotostudie für ein repräsentatives Gruppenbild versammelt. Doch aus der angestrebten Harmonie wird ein übles Zerwürfnis. Pierce nutzt dafür das Rotoskopie-Verfahren, bei der reale Filmbilder auf einer Mattglasscheibe abgezeichnet und übermalt werden. Auf ebenso kunstvolle wie witzige Weise verfremdet Pierce die Familienkonstellation dadurch, dass er Gefühlen wie Wut oder Eifersucht in bizarren Gesichtsveränderungen Ausdruck verschafft.
Minimalistischer im Stil, aber genauso pfiffig ist Sam’s Hot Dogs von David Lopez Retamero. Der schwarz-weiß gezeichnete Beitrag gewann den erstmals verliehenen Lotte-Reiniger-Förderpreis. Sam’s Hot Dogs handelt von einem Wurstbuden-Betreiber und seinem Bären, die beide auf den ersten Blick ein zufriedenes Leben führen. Doch sowohl der Mann wie auch der Bär haben eine dunkle Seite in sich, die sie ins Verderben treibt.
Für die beste Musik zeichnete die Internationale Jury Love & Theft von Andreas Hykade aus. Der Film ist in seiner ganzen Machart musikalisch – ein Spiel mit Gesichtern, die ineinander übergehen. Da gibt es anschwellende und abschwellende Phasen, "lautere" und "leisere" Stellen, schnellere und langsamere Passagen – ein Farben- und Formenfluss, in den man nach und nach hineingezogen wird.
Auch einen Publikumspreis gibt es im Internationalen Wettbewerb. Er ging an den anrührenden Angry Man von Anita Killi, einer der Filme mit der klarsten moralischen Botschaft. Der zornige Mann ist der Vater eines kleinen Jungen, der es nicht mehr mit ansehen kann, wenn der Vater die Mutter schlägt. Durch den märchenhaften Ton wird der Sozialrealismus gebrochen, so dass die aufgezeigte Handlungsalternative ihren eigenen, gar nicht platten Charme gewinnt.
Vermutlich hatte es die Jury schwer, eine Entscheidung zu treffen. Denn bei aller Unterschiedlichkeit in der Formensprache war der Wettbewerb stark besetzt. Etwa mit dem oscar-prämierten Logorama, einer temporeichen Konsumismuskritik. Oder dem von Antonio Banderas mitproduzierten The Lady and the Reaper, einer actiongeladenen Groteske über eine alte Frau, die die Ärzte am Sterben hindern wollen. Preiswürdig war ebenfalls die Computeranimation 12 Jahre von Daniel Nocke. Sie handelt davon, wie ein Dackel auf überaus brüske Art mit einer Rottweilerhündin Schluss macht – wunderbar in Szene gesetzt in einem gepflegten Restaurant, in dem man eigentlich ein ganz anderes Gespräch erwarten würde.
Ebenfalls viel gelacht wurde bei Speechless von Daniel Greaves. Der Achtminüter zeigt, wie man am Familientisch vermeiden kann, mit einander zu reden: Jeder legt einfach sein Handy neben den Teller und wenn man die Butter möchte, schickt man einfach eine SMS. Das ist großartig zugespitzt und übertrieben, aber nicht ganz ohne Wahrheitsgehalt.
Und dann gab es noch die amüsanten Animationen, die sich mit dem Allzumenschlichen befassen. Mobile von Verena Fels etwa. Wer schon einmal einen solchen Zimmerschmuck zum Aufhängen entwirrt hat, der immer zum Verheddern neigt, durfte sich herzlich erfreuen an der Kuh, die sich in der Mobile-Gemeinschaft von den anderen Tieren ausgeschlossen fühlt, sich dann in eine Fliege verliebt und mit ihrem Wunsch nach Nähe die Gemeinschaft der Tiere gründlich auf den Kopf stellt. Erfrischend gut gemacht ist auch Granny O’Grimm’s Sleeping Beauty von Nicky Phelan. Schon bald versteht man, warum die Enkelin das Märchen von Dornröschen gar nicht hören will. Denn die furiose Großmutter verpackt darin ihren ganzen Zorn auf die Vergänglichkeit der Schönheit.
Was in diesen Beiträgen überzeugte, traf auch auf viele andere Filme zu: eine famose Übertreibung, die ihren wahren Kern durchschimmern lässt und ihn dadurch umso treffender beschreibt. So lag es sicher auch an der Qualität des Programms, dass das Stuttgarter Festival in diesem Jahr 20 Prozent mehr Besucher zählen konnte.
(Peter Gutting)
Die wichtigste und am höchsten dotierte Reihe ist in Stuttgart traditionell der Internationale Wettbewerb, wo in diesem Jahr 44 Kurzfilme zu sehen waren. Den Hauptpreis gewann A Family Portrait von Joseph Pierce, ein Viereinhalbminüter, der viele Elemente in sich vereinigt: einen realistischen Hintergrund, viel künstlerische Fantasie und eine skurril-surrealistische Zuspitzung. Es geht um eine Familie, die sich im Fotostudie für ein repräsentatives Gruppenbild versammelt. Doch aus der angestrebten Harmonie wird ein übles Zerwürfnis. Pierce nutzt dafür das Rotoskopie-Verfahren, bei der reale Filmbilder auf einer Mattglasscheibe abgezeichnet und übermalt werden. Auf ebenso kunstvolle wie witzige Weise verfremdet Pierce die Familienkonstellation dadurch, dass er Gefühlen wie Wut oder Eifersucht in bizarren Gesichtsveränderungen Ausdruck verschafft.
Minimalistischer im Stil, aber genauso pfiffig ist Sam’s Hot Dogs von David Lopez Retamero. Der schwarz-weiß gezeichnete Beitrag gewann den erstmals verliehenen Lotte-Reiniger-Förderpreis. Sam’s Hot Dogs handelt von einem Wurstbuden-Betreiber und seinem Bären, die beide auf den ersten Blick ein zufriedenes Leben führen. Doch sowohl der Mann wie auch der Bär haben eine dunkle Seite in sich, die sie ins Verderben treibt.
Für die beste Musik zeichnete die Internationale Jury Love & Theft von Andreas Hykade aus. Der Film ist in seiner ganzen Machart musikalisch – ein Spiel mit Gesichtern, die ineinander übergehen. Da gibt es anschwellende und abschwellende Phasen, "lautere" und "leisere" Stellen, schnellere und langsamere Passagen – ein Farben- und Formenfluss, in den man nach und nach hineingezogen wird.
Auch einen Publikumspreis gibt es im Internationalen Wettbewerb. Er ging an den anrührenden Angry Man von Anita Killi, einer der Filme mit der klarsten moralischen Botschaft. Der zornige Mann ist der Vater eines kleinen Jungen, der es nicht mehr mit ansehen kann, wenn der Vater die Mutter schlägt. Durch den märchenhaften Ton wird der Sozialrealismus gebrochen, so dass die aufgezeigte Handlungsalternative ihren eigenen, gar nicht platten Charme gewinnt.
Vermutlich hatte es die Jury schwer, eine Entscheidung zu treffen. Denn bei aller Unterschiedlichkeit in der Formensprache war der Wettbewerb stark besetzt. Etwa mit dem oscar-prämierten Logorama, einer temporeichen Konsumismuskritik. Oder dem von Antonio Banderas mitproduzierten The Lady and the Reaper, einer actiongeladenen Groteske über eine alte Frau, die die Ärzte am Sterben hindern wollen. Preiswürdig war ebenfalls die Computeranimation 12 Jahre von Daniel Nocke. Sie handelt davon, wie ein Dackel auf überaus brüske Art mit einer Rottweilerhündin Schluss macht – wunderbar in Szene gesetzt in einem gepflegten Restaurant, in dem man eigentlich ein ganz anderes Gespräch erwarten würde.
Ebenfalls viel gelacht wurde bei Speechless von Daniel Greaves. Der Achtminüter zeigt, wie man am Familientisch vermeiden kann, mit einander zu reden: Jeder legt einfach sein Handy neben den Teller und wenn man die Butter möchte, schickt man einfach eine SMS. Das ist großartig zugespitzt und übertrieben, aber nicht ganz ohne Wahrheitsgehalt.
Und dann gab es noch die amüsanten Animationen, die sich mit dem Allzumenschlichen befassen. Mobile von Verena Fels etwa. Wer schon einmal einen solchen Zimmerschmuck zum Aufhängen entwirrt hat, der immer zum Verheddern neigt, durfte sich herzlich erfreuen an der Kuh, die sich in der Mobile-Gemeinschaft von den anderen Tieren ausgeschlossen fühlt, sich dann in eine Fliege verliebt und mit ihrem Wunsch nach Nähe die Gemeinschaft der Tiere gründlich auf den Kopf stellt. Erfrischend gut gemacht ist auch Granny O’Grimm’s Sleeping Beauty von Nicky Phelan. Schon bald versteht man, warum die Enkelin das Märchen von Dornröschen gar nicht hören will. Denn die furiose Großmutter verpackt darin ihren ganzen Zorn auf die Vergänglichkeit der Schönheit.
Was in diesen Beiträgen überzeugte, traf auch auf viele andere Filme zu: eine famose Übertreibung, die ihren wahren Kern durchschimmern lässt und ihn dadurch umso treffender beschreibt. So lag es sicher auch an der Qualität des Programms, dass das Stuttgarter Festival in diesem Jahr 20 Prozent mehr Besucher zählen konnte.
(Peter Gutting)
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