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12 21/03

"Offline ist ganz schön" – Interview mit Isabel Kleefeld zu ihrem Film "Ruhm"

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Ruhm heißt der jüngste Roman von Daniel Kehlmann. Er ist der erste, der fürs Kino verfilmt wurde, zwei weitere werden folgen. Aus dem Roman in neun Geschichten hat Regisseurin Isabel Kleefeld einen klugen, raffiniert erzählten Ensemblefilm über Handy-Wahn, Menschen im falschen Leben und die Sehnsucht nach Selbstfindung gemacht. Mit dabei: eine Top-Riege deutscher Schauspieler, von Senta Berger über Justus von Dohnányi und Heino Ferch bis Stefan Kurt und Julia Koschitz. kino-zeit.de-Mitarbeiter Peter Gutting hat sich in Köln mit Isabel Kleefeld über die Kunst des Geschichten-Verwebens, die Liebe zu den Figuren und das Offline-Leben unterhalten.

Sie haben Daniel Kehlmanns Roman schon vor der Veröffentlichung zu lesen bekommen. Wie kam es dazu?
Der Kontakt kam über Christoph Friedel zustande, einen Freund, der auch Koproduzent des Films ist. Wir redeten über deutschsprachige Schriftsteller und ich empfahl ihm einen meiner Meinung nach sehr guten, interessanten Autoren, von dem ich einiges gelesen hatte, Daniel Kehlmann. Es stellte sich heraus, dass Christoph ihn gut kennt. Durch seine Vermittlung lernte ich Daniel Kehlmann dann persönlich kennen und es ergab sich die Möglichkeit, bereits vor der Druckfahne sein neues Werk zu lesen. Ich war begeistert. Ruhm eignet sich hervorragend für eine Kino-Adaption, mit seinem skurrilen Humor und diesem unausgesprochenen Geheimnis, dem man als Leser auf die Schliche kommen möchte. Ich war von diesem Roman in neun Geschichten sofort fasziniert, von der subtilen Raffinesse, mit der feine Zusammenhänge der Geschichten und Figuren hergestellt werden und man als Leser schließlich nach drei, vier Episoden erahnt, dass es nicht eine dezidierte Auflösung des Ganzen geben wird, sondern gerade der Weg das Ziel ist.

Hatten Sie nie den Zweifel, dass dieses Buch eigentlich unverfilmbar ist?
Nein, ganz einfach deshalb, weil ich bei der Lektüre des Manuskripts einen Film im Kopf hatte. Und zwar einen, der immer interessanter wurde, sich mit Schicksalen und Parallelwirklichkeiten anfüllte und sich nach und nach wie ein Sudoku zu einem logischen, großen Ganzen zusammenfügte, auch wenn die einzelnen Geschichten überraschend und unvorhersehbar sind.

Wie haben Sie Daniel Kehlmann dazu gebracht, einen kleinen Gastauftritt in dem Film zu übernehmen, als Laudator bei der Preisverleihung für den Schriftsteller Leo Richter, gespielt von Stefan Kurt?
Er hat sich über die Anfrage sofort gefreut. Und ich mich über seine Zusage, weil ich es für die Tonlage des Films passend fand, dass der Erfinder der Geschichten einer seiner Figuren einen Preis überreicht, die ihn wiederum schnöde abwimmelt. Dieser spielerisch ironische Umgang mit Metafiktion und auch mit Ruhm ist, glaube ich, sehr im Sinne von Daniel Kehlmann.

Worin unterscheidet sich das Drehbuch zu Ruhm von anderen Adaptionen?
Bei Ruhm war ja ein benanntes Ziel von Daniel Kehlmann, das Prinzip des Episodenfilms auf den Roman zu übertragen. Die größte Herausforderung beim Drehbuch war, wie weit man beim Verweben der Geschichten geht, wobei jedes Schicksal einzigartig bleiben und trotzdem klar werden sollte, dass alle Teil eines großen Ganzen sind. Beim Schreiben des Drehbuchs dachte ich, ich hätte den äußersten Punkt des Verwebens erreicht. Interessant war, dass wir beim Schnitt dann doch über das Drehbuch hinausgegangen sind. Meine Cutterin Andrea Mertens und ich haben uns dafür entschieden, möglichst früh den gesamten Fächer an Figuren und Geschichten aufzumachen, ohne dass der Zuschauer das Gefühl haben muss, er habe die Aufgabe, alles sofort sinnstiftend zusammenzusetzen. Wir wollten ihm das Gefühl geben, in Ruhe zuschauen zu können, wie das alles miteinander zusammenhängt.

Wobei das Drehbuch ja auch schon zahlreiche Mittel einsetzt, um die Episoden stärker miteinander zu verzahnen, als das im Buch der Fall ist.
Ja, die Übergänge waren schon im Drehbuch ähnlich der Übergabe eines Staffelholzes konzipiert. Jemand geht ans Telefon, ein anderer nimmt ab, der eine Figur aus einer anderen Geschichte ist. Die Figur Maria Rubinstein klopft in einem fremden Land verzweifelt an die Tür des verschlossenen Hotels, Schnitt, wir sehen ihren daheimgebliebenen Mann, der "Herein" sagt und der Angestellte Lobenmeier betritt das Büro. Diese Übergänge gibt es auf rein inhaltlicher Ebene, aber vor allem auf der Bildgestaltungs- und Tonebene.

Worin sehen Sie die Gemeinsamkeiten der Figuren?
Alle befinden sich in einem Umbruch. Alle bekommen die Chance, sich zu verändern und alle Figuren ergreifen diese Chance. Das unterscheidet sie von uns "normalen" Menschen. Wir sehnen uns zwar nach solchen Chancen, nehmen sie häufig aber nicht wahr. Verbindend für alle Figuren ist auch der Motor, der sie antreibt. Sie alle haben die Angst zu verschwinden, sich zu verlieren, sich aufzulösen und deshalb eine große Sehnsucht, wahrgenommen und erkannt zu werden. Damit meine ich nicht, Ruhm zu ernten. Sondern letztendlich geliebt zu werden. Was ist Liebe anderes als tiefes Erkennen und erkannt werden?

Ein weiteres Thema des Films sind die modernen Kommunikationsmittel wie Handy und Internet. Wie kritisch sehen sie die?
Ich denke, man fühlt sich durch manche Szenen ein wenig ertappt. Ich simse, also bin ich. Ich habe tausend Freunde auf Facebook, also existiere ich. Das alles dient ja eigentlich der Selbstvergegenwärtigung und wir landen mit diesen Techniken doch eher bei der Selbstentfremdung. Das ist das Absurde an unserer modernen Welt.

Können Sie sich vorstellen, eine Woche ohne Handy auszukommen und ohne Internet zu sein?
Diese Selbstversuche sind ja aktuell mehrfach veröffentlicht worden. Ich glaube, offline ist ganz schön. Es geht mir aber weniger um eine Wertung als um ein Feststellen. Was machen diese Geräte mit uns und unserem Tag? Man muss ja nur einmal überlegen, wie viel Tageszeit man heute darauf verwendet. Welchen anderen Möglichkeiten, meinen Tag zu verbringen, ziehe ich die Zeit, die ich am Computer sitze, eigentlich ab?

Sie haben viel Fernsehen gemacht, Ruhm war die erste Arbeit als Regisseurin, die auch ins Kino kommt. Wo liegen für Sie die entscheidenden Unterschiede?
Es geht für mich eher um die Frage, welche Geschichten man in welchem Medium am besten erzählen kann. Bei Ruhm denke ich, dass der Film dem Kinozuschauer, der sich den Abend frei hält, sich auf den Weg macht und eine Kinokarte kauft, auf Augenhöhe begegnet. Und ich finde, dass der Zuschauer gut und ungewöhnlich unterhalten wird, auch über das Filmende hinaus.

Werden Sie weiterhin Fernsehen machen oder vor allem Kino?
Ich möchte vor allem gute Bücher verfilmen. Ich denke, es sollte immer dem Stoff geschuldet sein, wo er seinen besten Auftritt und sein Publikum findet, im Fernsehen oder im Kino. In Deutschland werden immer noch großartige und interessante Filme fürs Fernsehen gemacht, allerdings in etwas geringerer Stückzahl. Über das Programm außerhalb des Fiktionalen möchte ich lieber nichts sagen. Und bei den Serien hapert es im internationalen Vergleich meiner Meinung nach eher.

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