17.11.08

„Meine bislang intensivste Arbeit“ – Anna Maria Mühe im Interview zu „Novemberkind“

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Anna Maria Mühe hat früh angefangen mit dem Schauspielberuf: Als 15-Jährige wurde sie in einem Berliner Lokal von der Regisseurin Maria von Heland für den Film Große Mädchen weinen nicht entdeckt. Seitdem war die Tochter von Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Peter Gutting hat sie auf der Preview-Tour für den Film Novemberkind in Heidelberg getroffen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Regisseur Christian Schwochow zustande?
Ich habe das Treatment gelesen, das sehr schön geschrieben war. Daraufhin habe ich ihn angerufen und gefragt, für welche Rolle er mich haben möchte. Er sagte, für beide.

Sie haben sich also entschieden, bevor es ein Drehbuch gab?
Ja. Wir haben uns in einem Café getroffen und ich habe schnell gemerkt, dass Christian Schwochow weiß, was er will. Das ist bei jungen Regisseuren eine gute Eigenschaft.

Das Drehbuch hat Christian Schwochow zusammen mit seiner Mutter Heide Schwochow geschrieben. Wie hat sich das auf die Geschichte ausgewirkt?
Es war toll, dass an diesem Drehbuch zwei Generationen geschrieben haben. Zu dieser Geschichte gehören ganz wesentlich die unterschiedlichen Blickwinkel der Älteren und der Jüngeren.

Sie verkörpern in dem Film sowohl die Hauptfigur Inga als auch deren Mutter Anne, die in Rückblenden zu sehen ist. Wie groß ist die schauspielerische Herausforderung einer Doppelrolle?
Sehr groß. Bei einer Doppelrolle wird man die ganze Zeit verglichen, in jeder Szene müssen die Unterschiede präsent sein. Daher war es wichtig, bestimmte Details herauszuarbeiten und die Figuren so verschieden wie möglich zu spielen. Hinzu kommt, dass beide Rollen schon für sich genommen ein Geschenk für eine junge Schauspielerin sind.

Der Unterschied zwischen beiden Frauen ist, dass die Mutter an dieser Geschichte zerbricht, aber die Tochter die Kraft hat, zu überleben. In welche der Figuren konnten Sie sich besser einfühlen?
Das kann ich so nicht sagen, weil die Rollen so verschieden sind. Bei der Tochter war die Schwierigkeit, eine Natürlichkeit so zu spielen, dass die Zuschauer den Eindruck haben, das ist nicht gespielt, da ist jemand wirklich so natürlich. Inga, die Tochter, ist ein bodenständiges Mädchen, sie ist lebenslustig und sehr normal. Die Herausforderung, das zu spielen, ohne dass es gespielt wirkt, kann auch zu Komplikationen führen.

Die Mutter dagegen hat ein Schicksal, das alles andere als normal ist.
Die Mutter ist unglaublich zerbrechlich. Sie ist heimatlos, weiß nicht, zu wem sie gehört. Sie zerbricht an dem Schmerz, dass sie ihre Tochter nach der Flucht aus der damaligen DDR doch nicht nachholen kann.

Eine der ersten Szenen zeigt Inga beim Eisbaden mit ihrer Freundin. Die beiden haben sonst nichts an, aber sie tragen Mützen. Das ist ein Bild mit starker Symbolkraft. Wer hatte die Idee mit der Pelzmütze?
Die hatte der Regisseur Christian Schwochow, ich glaube, das stand schon so im Drehbuch. In den ersten Gesprächen habe ich ihn gefragt, ob das mit der Nacktheit wirklich sein muss. Er hat mir erklärt, dass er diese Körperlichkeit und Natürlichkeit haben möchte, die Inga mit ihrer besten Freundin Steffi teilt. Sie kennen sich schon seit der Kindheit und gehen ganz unverkrampft und körperlich miteinander um. Das hat mir sehr eingeleuchtet und dadurch war es für mich klar, dass es wichtig ist, nackt zu sein. Es ist ein Ritual für die beiden, das machen sie jedes Jahr. Und die Mützen gehören einfach dazu.

War es denn wirklich November, als diese Szene gedreht wurde?
Schlimmer. Es gibt ja noch die andere Szene, in der die Mutter in den Bodensee geht. Da war es Januar und es herrschte Schneesturm. Die Szene dauerte ungefähr drei Minuten und wurde an Land weitergespielt, wo einen der Wind erwischt, wenn man ganz nass ist. Die andere Szene, die Sie ansprechen, wurde im März gedreht. Beide Male war es wirklich Eisbaden, mit allem, was man sich dazu vorstellt.

Liefert die Szene mit der Mütze auch einen Schlüssel zu der Figur der Inga: Einerseits setzt sie sich ungeschützt den schmerzhaften Wahrheiten aus, die das Leben für sie bereithält, andererseits ist sie irgendwie geschützt durch eine innere Stärke?
Ich würde in den Beginn des Films nicht zu viel Schwere hineininterpretieren. In dieser Anfangsphase des Films ist noch alles gut. Da braucht sie keinen Schutz. Wenn es gleich am Anfang bergab gehen würde, wäre das fatal. Erst im Verlauf des Films zeigt sie sich als sehr starkes Mädchen, das sich nicht unterkriegen lässt, auch wenn sie manchmal nicht weiter weiß. Sie ist eine Kämpferin.

Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit Ulrich Matthes, dem sehr erfahrenen und vielfach ausgezeichneten Theaterschauspieler, der auch im Kino schon eindrucksvolle Rollen gespielt hat?
Es war eine sehr intensive Arbeit zwischen uns Dreien, also dem Regisseur Christian Schwochow, Ulrich Matthes und mir. Wir hatten eine schöne und lange Vorbereitungszeit, was mittlerweile selten geworden ist. Es ist eine Freude, mit Ulrich Matthes zu spielen, weil ich oft einfach nur spontan auf ihn reagieren musste, ohne lange nachzudenken. Genauso war es mit Hermann Beyer und Christine Schorn, die die Großeltern von Inga spielen und die ebenfalls sehr erfahrene und erfolgreiche Theaterschauspieler sind. Oft brauchte ich einfach nur zuzuhören und das aufzunehmen, was sie mir gegeben haben. Natürlich hat man als junge Schauspielerin Angst, wie man neben solch großen Schauspielern bestehen wird. Aber diese Angst wurde mir zum Glück genommen, zum Beispiel auch von Ulrich Matthes.

Auf welche Weise?
Er hat mir das Gefühl gegeben, dass es richtig ist, dass wir beide zusammen spielen und dass er sich auf die Arbeit freut. Wir haben uns zum Glück von Anfang an gut verstanden und hatten viel Freude beim Drehen.

Würden Sie selber auch gerne Theater spielen?
Sehr gerne. Ich musste leider schon einige Angebote ablehnen, weil ich in dieser Zeit gedreht habe. Aber ich würde gerne Theater spielen.

Ist es Zufall, dass Sie vor allem in anspruchsvollen Filmen zu sehen sind?
Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich gleich in meinem ersten Film mit dem Titel Große Mädchen weinen nicht in das ernste Fach hineingerutscht bin. Denn in Deutschland wird man als Schauspieler sehr schnell in Schubladen gesteckt. Außerdem habe ich das große Glück, dass Regisseure mir so viele verschiedene und so facettenreiche Rollen zutrauen.

Schließen sich Anspruch und Komödie aus?
Nein, natürlich nicht. Ich habe ja zwei Komödien gedreht. In 1 1/2 Ritter von Til Schweiger, der im Dezember in die Kinos kommt, gibt es einen Gastauftritt von mir. Und im letzten Jahr lief Wir sagen Du! Schatz. Das war keine platte Komödie, sondern ein Film mit einem ernsthaften Gedanken dahinter.

Wie wählen Sie Filmrollen aus?
Wenn ich beim Lesen des Drehbuchs das Gefühl habe, es kribbelt und ich fange an, die Rolle laut zu lesen, dann ist das ein gutes Zeichen.

Lehnen Sie Angebote ab, wenn sie zu flach und zu mainstreammäßig sind?
Ja, wenn sie flach sind. Aber ich lehne nicht generell Mainstream-Filme ab. Auch da gibt es tolle Figuren und tolle Rollen für einen Schauspieler. Ich sage nicht Dinge ab, nur weil sie kommerziell wirken.

Sie sind zurzeit sehr präsent in den Medien. Ist Novemberkind so etwas wie ein Durchbruch in Ihrer Karriere?
Nein, das würde ich nicht so sagen. Novemberkind ist bis jetzt die intensivste Arbeit gewesen. Aber Durchbruch ist für mich ein schwieriges, ja fast absurdes Wort. Ich übe den Beruf seit acht Jahren aus und habe das Glück, immer tolle Rollen spielen zu dürfen. Das Medieninteresse hat in diesem Fall auch viel mit dem Film zu tun, der vom Publikum sehr gut aufgenommen wird.

In welchen Filmen wird man Sie demnächst außerdem sehen?
Am 17. November wird im ZDF ein Krimi mit dem Titel „Der Tote in der Mauer gesendet. Dann läuft am 18. Dezember der neue Til-Schweiger-Film an. Im Januar gibt es einen Kölner Tatort, in dem ich mitspiele. Und im Frühjahr werde ich in einem Film von und mit Julie Delpy zu sehen sein.
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