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13 19/06

Mary Poppins, Konterrevolutionärin

© René Gebhardt
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Originaltitel: Sitzplatzerhöhung: Die Kinderfilm-Kolumne
Tags: Kolumne , Rochus Wolff
Es könnte sein, dass man sich mit der Elternschaft auch eine gehörige Portion Nostalgiefühligkeit einhandelt. So wie die Soziologen und Psychologen ja auch beobachten, dass man nach Geburt eines Kindes gerne in die geschlechtsspezifisch abgeguckten Verhaltensmuster verfällt – Mutti macht allein die Kinder und den Haushalt, während Papi im Büro Überstunden schiebt –, so greift man wohl auch für Filme (und Bücher und Musik und ...) auf die Erinnerungen aus der eigenen Kindheit zurück. Das ist ja nicht mal verwerflich: Was aus mir keinen schlechten Menschen gemacht hat, kann so schlimm ja nicht sein.

Wenn man sich dann den Medienkonsum der eigenen Kindheit erstmals mit dem reflektierten Bewusstsein des Erwachsenen ansieht, kann man auch schon mal die eine oder andere Überraschung erleben. Der König der Löwen? Eine brutale Rachegeschichte. Wie ja überhaupt Disney-Streifen nicht unbedingt ein Hort progressiver Gesellschafts- und Geschlechtermodelle sind oder diese Sache mit der geschichtlichen Genauigkeit immer so eng sehen. Pocahontas, I’m looking at you. Wie wäre es stattdessen mit Kult-Abenteuern? Die Goonies? Kämpft mit so einigen rassistischen Stereotypen. Und so weiter.

Wer sich solche Filme oft und öfter angesehen hat, dem ist mit zunehmendem Alter wohl schon ins Hirn durchgesickert, welcher Haltung Kind diese Filme sind – und, das macht es nicht leichter, deswegen ist ja auch nicht immer gleich der ganze Film schlecht.

Mary Poppins hatte ich seit meiner eigenen Kindheit nicht mehr gesehen, als wir den Film vor einigen Wochen ins heimische Wiedergabegerät schoben, und natürlich hat der Film nichts von seinem Charme verloren, den beschwingten Liedern, den Tänzen auf dem Dach – die Kinder der Gegenwart waren gefesselt und begeistert und sprechen noch heute von dem Film. In der Tat ist der Film auch handwerklich gut gealtert. Dafür zeigt er an anderen Stellen Runzeln.

Denn natürlich ist das Weltbild, auf dem dieser Film aufbaut, zutiefst konservativ. Deutlicher noch: Ohne genau diese Basis könnte der Film nicht existieren. Die Familienstruktur, die Mary Poppins zeigt, ist conditio sine qua non für seine Haupt- und Titelfigur.

Falls jemand den Film nicht kennt (und dies allerdings alsbald und dringend nachholen sollte): Im London des frühen 20. Jahrhunderts haben Jane und Michael Banks noch jedes Kindermädchen vertrieben bekommen, und ihr Vater George, leitender Angestellter bei einer großen Bank, will nun die Auswahl selbst übernehmen. Als der Wind dreht, fliegen allerdings alle Anwärterinnen auf den Posten fort, während an ihrem Regenschirm Mary Poppins herabfliegt, die dann, stets britisch-korrekt, den Haushalt und das Leben der Banks ziemlich auf den Kopf stellt.

Mary Poppins ist so sehr Fantasyfilm wie Musical, mit Zeichentricksequenzen – ein musikalisches wie tricktechnisches Glückserlebnis. Dafür grummelt es dann im Magen, wenn die Dame des Hauses, Winifred, sich als Suffragette versteht und ganz nebenbei die Frauenbewegung als ziemlich lächerliche Angelegenheit verhohnepiepelt wird. Das Chaos, das die zwei Kinder angeblich verbreiten, geht stets mit sehr manierlicher Erziehung, sauberer Kleidung und ordentlichen Frisuren einher: Wenn man’s recht bedenkt, eine Kindheit des Grauens.

Der Film überspielt das alles mit guter Laune; und die Botschaft hier ist natürlich die von emotionaler Befreiung. Den Kindern fehlen Eltern, die sich ihnen zuwenden. Mary Poppins erreicht diese Zuwendung über die Befreiung von allen Pflichten: George verliert seinen Job bei der Bank und eilt glücklich nach Hause, um ganz gelöst mit seinen Kindern im Park einen Drachen steigen zu lassen.

Für einen kurzen Moment schwebt da der Film am Rande der Anarchie, so wie zugleich Mary Poppins – der Wind hat sich wieder gedreht – an ihrem Regenschirm davon. Aber zugleich schwebt er im Zustand der Unmöglichkeit, weil er sich – Fantasy hin oder her – natürlich in aberwitzige Realitätsferne begibt. Und so kann es nicht bleiben: Der Bankdirektor setzt den zuvor gefeuerten George auf seinen eigenen Posten. Das soll das Glück in der emotionalen Logik des Films perfekt machen – und dreht doch alles auf den Kopf, wie das große Kind spontan begriff: „Aber jetzt hat er ja doch wieder keine Zeit für seine Kinder.“

Und so legt das Kind der Gegenwart den Finger in die schwärende Wunde von Mary Poppins: Da wird zwar die Titelheldin als Revolutionärin inszeniert, die Krusten aufbricht. Sie ist dann aber doch nur der Schmierstoff, der die Maschinerie am Laufen hält, während wirklicher Wandel nicht stattfindet – denn dafür geht ihre Revolution der kleinen Gefühle nie weit genug. Mary Poppins, die Konterrevolutionärin.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff ist freier Journalist und Filmkritiker. In seinem Blog bespricht er tolle Kinderfilme und manchmal nicht ganz so tolle. Vor allem letztere hält er vor seinen Kindern geheim.

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