20.04.07
"Lügen ist etwas, was wir alle immer wieder tun" - Interview mit Alexander Adolph zu "Die Hochstapler“
Kinostart:
01.01.2007
Andere Menschen belügen, betrügen, manipulieren und damit Geld, Aufmerksamkeit und Liebe erschwindeln? Wie das funktioniert erzählen vier Betrüger in Alexander Adolphs Dokumentarfilm Die Hochstapler und geben einen faszinierenden Einblick in eine Lügenwelt, aus der es kein Entkommen gibt. Mit dem Regisseur sprach Katrin Knauth.
Herr Adolph, Sie haben einen Film über Betrug und Lügner gemacht. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?
Lügen ist etwas, was wir alle immer wieder tun: Das fängt bei einer Notlüge an, das geht bei einer kleinen Schummelei weiter und irgendwann hört es da auf, wo wir etwas aufstellen, aus dem es kein Entkommen gibt. Das interessiert mich brennend. Dieses Thema zieht sich auch durch meine fiktiven Arbeiten als Autor.
Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?
Durch ein riesige Recherche in allen Bereichen: Eine Presserecherche, eine Recherche bei Fachleuten, durch gezieltes Rumfragen, selbst durch Fragen im Bekanntenkreis. Das war eine ziemliche Odyssee, ein sehr langsamer Prozess.
Wie lange hat das gedauert? Von der Idee bis zum fertigen Film?
Fünf Jahre würde ich fast sagen. Es war ja auch schon ziemliche Arbeit, den Bayrischen Rundfunk dazu zu bewegen, diesen Film machen zu dürfen.
Hatten Sie für Ihren Film bestimmte Vorbilder aus dem dokumentarischen Bereich im Kopf?
Es gibt berühmte Interviewfilme wie die von Errol Morris, der mit The Thin Blue Line einen Kriminalfall aufgerollt hat, der sich sogar im Film beantwortet. Dieser Film war sicherlich eine Inspiration. Aber wie sich mein Film zusammengefügt hat, das kam aus sich selbst.
Sie haben eine sehr minimalistische Darstellungsweise gewählt. Wie kam es zu der Entscheidung, ohne Rekonstruktionen und Spielszenen zu arbeiten?
Erst wollte ich gern Spielszenen einbauen, aber als ich gehört habe, was mir die Männer erzählten, fand ich es überflüssig. Was man da hört, kann man nicht nachspielen. Es würde auch keinen Sinn machen, das mit Bildern zu illustrieren oder mit so genannten 'Reenactments' nachzumachen. Das Spannendste, was man von diesen vier Männern und den Zeugen bekommt, ist die Wahrhaftigkeit des sprechenden Menschens.
Waren die Fragen der Interviews vorher festgelegt? Oder haben Sie gesagt: "Erzählen Sie so viel, wie Sie Lust und Kraft haben?"
Weder noch. Ich habe den Männern von Anfang an gesagt, dass ich in den Interviews gern über die Märchen- und die Lügenwelt sprechen möchte und dass ich dafür eine Ehrlichkeit von ihrer Seite brauche. Das heißt Einblick in ihre Gerichtsakten und die Befreiung ihrer Rechtsanwälte von der Schweigepflicht. Vor den Interviews haben wir nicht über persönliche Dinge gesprochen. Das haben wir alles erst vor der Kamera getan. Als wir damit anfingen, kannte ich ihre Biographien sehr gut. Daran entlanghangelnd habe ich nachgefragt, nicht nach Anekdoten oder lustigen Dingen gefragt, sondern nach Gefühlen und nachdem, was mir bemerkenswert erschien. So entsprang das.
Wie lange dauerten die Interviews?
Das waren Mammutinterviews. Die dauerten bis zu fünf Tage á sechs Stunden.
Wie haben Sie das Vertrauen der Hochstapler gewonnen?
Ich bin ihnen mit dem Respekt begegnet, dem man jemandem entgegenbringen muss, der so etwas getan hat. Ich habe sie nicht bewertet und gesagt, ihr seid schuld, ich will Reue sehen. Ich habe auch nicht gesagt, ich bin euer Kumpel. Wir sind auch per Sie geblieben. Ich habe nur das gemacht, worüber etwas abgesprochen war. Wenn im Film ein Betrüger und sein Opfer zu sehen sind, dann hat der Betrüger dieses Opfer sozusagen gewollt. Er wollte, dass diese Konfrontation entsteht.
Wie tritt man jemandem gegenüber, der so kriminell gehandelt hat? Wie schützt man sich gegen Emotionen?
Ich habe diese Emotionen ausgeschaltet. Das ist eine Aufgabe, die ich auch als Autor habe. Wenn ich mir einen Menschen ausdenke, der von uns als Mörder als Missetäter bewertet wird, muss ich diesen Menschen so erschaffen, dass ihn ein Schauspieler wahrhaftig verkörpern kann. Ich muss diesen Menschen verstehen und darf ihn nicht richten. Das ist die Voraussetzung, mit so etwas zu verfahren, eine Grundhaltung.
Beeindruckend ist der Score von Dieter Schleip. Wie lauteten Ihre Anweisungen für die Komposition der Musik?
Wir wollten eine falsche Fährte setzen. Am Anfang verspricht der Film lustig, anekdotisch zu sein. Dieter Schleip hat dafür dieses wunderbare Rondò-Veneziano-artige Stück komponiert, was ich sehr liebe. Aber die Reise geht ja woanders hin, ist ernst und traurig, weil es um menschliche Schicksale geht. Dann kommen die traurigen, ernsten Momente. Da hilft der Score gewaltig.
Wie geht’s weiter?
Ich möchte auf alle Fälle weiter Regie führen. Auch bei einem Spielfilm.
Wieder über das Thema Hochstapler?
Eigentlich schulde ich dem Thema noch eine Geschichte. Einen Film, in dem ich das, was man jetzt nicht gesehen hat, noch einmal erzähle. Das wäre schon was. Die Chancen stehen sehr gut, dass das was wird.
Herr Adolph, Sie haben einen Film über Betrug und Lügner gemacht. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?
Lügen ist etwas, was wir alle immer wieder tun: Das fängt bei einer Notlüge an, das geht bei einer kleinen Schummelei weiter und irgendwann hört es da auf, wo wir etwas aufstellen, aus dem es kein Entkommen gibt. Das interessiert mich brennend. Dieses Thema zieht sich auch durch meine fiktiven Arbeiten als Autor.
Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?
Durch ein riesige Recherche in allen Bereichen: Eine Presserecherche, eine Recherche bei Fachleuten, durch gezieltes Rumfragen, selbst durch Fragen im Bekanntenkreis. Das war eine ziemliche Odyssee, ein sehr langsamer Prozess.
Wie lange hat das gedauert? Von der Idee bis zum fertigen Film?
Fünf Jahre würde ich fast sagen. Es war ja auch schon ziemliche Arbeit, den Bayrischen Rundfunk dazu zu bewegen, diesen Film machen zu dürfen.
Hatten Sie für Ihren Film bestimmte Vorbilder aus dem dokumentarischen Bereich im Kopf?
Es gibt berühmte Interviewfilme wie die von Errol Morris, der mit The Thin Blue Line einen Kriminalfall aufgerollt hat, der sich sogar im Film beantwortet. Dieser Film war sicherlich eine Inspiration. Aber wie sich mein Film zusammengefügt hat, das kam aus sich selbst.
Sie haben eine sehr minimalistische Darstellungsweise gewählt. Wie kam es zu der Entscheidung, ohne Rekonstruktionen und Spielszenen zu arbeiten?
Erst wollte ich gern Spielszenen einbauen, aber als ich gehört habe, was mir die Männer erzählten, fand ich es überflüssig. Was man da hört, kann man nicht nachspielen. Es würde auch keinen Sinn machen, das mit Bildern zu illustrieren oder mit so genannten 'Reenactments' nachzumachen. Das Spannendste, was man von diesen vier Männern und den Zeugen bekommt, ist die Wahrhaftigkeit des sprechenden Menschens.
Waren die Fragen der Interviews vorher festgelegt? Oder haben Sie gesagt: "Erzählen Sie so viel, wie Sie Lust und Kraft haben?"
Weder noch. Ich habe den Männern von Anfang an gesagt, dass ich in den Interviews gern über die Märchen- und die Lügenwelt sprechen möchte und dass ich dafür eine Ehrlichkeit von ihrer Seite brauche. Das heißt Einblick in ihre Gerichtsakten und die Befreiung ihrer Rechtsanwälte von der Schweigepflicht. Vor den Interviews haben wir nicht über persönliche Dinge gesprochen. Das haben wir alles erst vor der Kamera getan. Als wir damit anfingen, kannte ich ihre Biographien sehr gut. Daran entlanghangelnd habe ich nachgefragt, nicht nach Anekdoten oder lustigen Dingen gefragt, sondern nach Gefühlen und nachdem, was mir bemerkenswert erschien. So entsprang das.
Wie lange dauerten die Interviews?
Das waren Mammutinterviews. Die dauerten bis zu fünf Tage á sechs Stunden.
Wie haben Sie das Vertrauen der Hochstapler gewonnen?
Ich bin ihnen mit dem Respekt begegnet, dem man jemandem entgegenbringen muss, der so etwas getan hat. Ich habe sie nicht bewertet und gesagt, ihr seid schuld, ich will Reue sehen. Ich habe auch nicht gesagt, ich bin euer Kumpel. Wir sind auch per Sie geblieben. Ich habe nur das gemacht, worüber etwas abgesprochen war. Wenn im Film ein Betrüger und sein Opfer zu sehen sind, dann hat der Betrüger dieses Opfer sozusagen gewollt. Er wollte, dass diese Konfrontation entsteht.
Wie tritt man jemandem gegenüber, der so kriminell gehandelt hat? Wie schützt man sich gegen Emotionen?
Ich habe diese Emotionen ausgeschaltet. Das ist eine Aufgabe, die ich auch als Autor habe. Wenn ich mir einen Menschen ausdenke, der von uns als Mörder als Missetäter bewertet wird, muss ich diesen Menschen so erschaffen, dass ihn ein Schauspieler wahrhaftig verkörpern kann. Ich muss diesen Menschen verstehen und darf ihn nicht richten. Das ist die Voraussetzung, mit so etwas zu verfahren, eine Grundhaltung.
Beeindruckend ist der Score von Dieter Schleip. Wie lauteten Ihre Anweisungen für die Komposition der Musik?
Wir wollten eine falsche Fährte setzen. Am Anfang verspricht der Film lustig, anekdotisch zu sein. Dieter Schleip hat dafür dieses wunderbare Rondò-Veneziano-artige Stück komponiert, was ich sehr liebe. Aber die Reise geht ja woanders hin, ist ernst und traurig, weil es um menschliche Schicksale geht. Dann kommen die traurigen, ernsten Momente. Da hilft der Score gewaltig.
Wie geht’s weiter?
Ich möchte auf alle Fälle weiter Regie führen. Auch bei einem Spielfilm.
Wieder über das Thema Hochstapler?
Eigentlich schulde ich dem Thema noch eine Geschichte. Einen Film, in dem ich das, was man jetzt nicht gesehen hat, noch einmal erzähle. Das wäre schon was. Die Chancen stehen sehr gut, dass das was wird.
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