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07 15/06

Lächeln ist meine Überlebensmedizin - Ein Interview mit Sam Garbarski zu Irina Palm

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Wichsende Witwen, die Angst der Produzenten und der Zufall, der durch Fenster und Türen kommt

Sam Garbarski, geboren in München, lebt seit vielen Jahren in Belgien. Mit seinem zweiten Spielfilm Irina Palm hat er sich ins Rotlichtmilieu von London begeben und eine wundervolle Tragikomödie mit Marianne Faithful als "wichsende Witwe" gedreht. Gefeiert auf der Berlinale, ist der Film jetzt offiziell im Kino gestartet. Vor der abendlichen Premiere in Berlin hat sich www.kino-Zeit.de mit ihm zum Interview getroffen.

Herr Garbarski, Ihr letzter Film Der Tango der Rashevskis spielt im jüdischen Milieu in Frankreich. Irina Palm führt Sie mitten ins Herz von Soho, dem Rotlichtviertel Londons. Wie sind Sie zu diesem Film gekommen?
Ein Freund von mir hatte einen Dokumentarfilm über dieses "Gloryhole" in Japan gesehen. Als er mir davon erzählte und mir den Stoff als Drehbuchidee für einen Spielfilm vorschlug, dachte ich, dass sei total verrückt. Aber dann haben wir das immer weiter gesponnen, aber gar nicht so richtig daran geglaubt, dass das wirklich mal ein Film wird.

Wie lange haben Sie dann mit der Entwicklung dieser Idee und letztendlich dem Drehbuch zugebracht?
Das ist eine ziemlich lange Geschichte. Das Drehbuch gab es bereits vor meinem letzten Film Der Tango der Rashevskis. Es ist immer wieder dieselbe alte Geschichte: Produzenten suchen originelle Ideen und wenn man eine hat, kriegen sie Angst. Aber es ist klar: Wenn man die Geschichte erzählt oder liest, könnte man glauben, das ist etwas ganz anderes.

Was ist es denn für Sie?
Für mich ist es eine richtige Tragikomödie. Aber die Leute sehen, merken, fühlen ganz unterschiedlich. Das hat überhaupt nichts mit dem Film selbst zu tun. Das ist die Empfindung, die man gegenüber irgendeiner Situation oder einem Gesichtsausdruck oder irgendwas, was gesagt wird, hat. Es gibt Leute, die lachen über einen Witz und die anderen finden ihn total blöd. Bei diesem Film trifft das genauso zu: Es gibt Leute, die fast weinen und anderseits lachen sie sich kaputt - über dieselbe Szene.

Sie haben mal gesagt "Mir ist ein Lächeln lieber als ein Lachen". Trifft das auch für diesen Film zu?
Das ist genau dasselbe. Ich lache auch gerne, aber Lächeln ist meistens tiefer. Lachen kann ich gar nicht richtig, aber tut gut, wenn es passiert. Lächeln ist wie eine Überlebensmedizin für mich. Wenn man über Sachen lächeln kann, hat man ein gutes Gefühl, das ist wie Singen.

Einer der größten Lacher im Film ist der "Penis-Arm" von Irina Palm. Gibt es den wirklich?
Klar gibt’s den (lacht). Nein, den habe ich natürlich erfunden. Maggies Arm schmerzt, also musste das benannt werden. Wenn Tennisspieler einen "Tennis-Arm" bekommen können, warum sollte dann eine wichsende Witwe keinen „Penis-Arm“ bekommen? Es gehört ja dazu, dass man Geschichten erfindet und Sachen, die es geben könnte, die ganz logisch sind.

Und gibt es den Club „Sexyworld“ tatsächlich?
Klar gibt’s den. Alle Außenaufnahmen in London haben an den tatsächlichen Locations stattgefunden.

Die Rolle der Irina Palm ist Marianne Faithful wie auf den Leib geschrieben. Hatten Sie sie von Anfang an schon im Kopf?
Überhaupt nicht. Das war eher zufällig: Im Flugzeug nach Paris las ich in der Zeitung, dass sie gerade Sofia Coppolas Film Marie Antoinette (2006) macht. Da blitze es mir im Kopf. Ich dachte, das wäre vielleicht eine Idee. Als ich gelandet bin, habe ich sofort meinen Produzenten angerufen. Der fand die Idee super. Und ich habe meine Castingdirektorin in Paris angerufen. Sie hat eine Stunde später schon dem Agenten von Marianne das Drehbuch zukommen lassen. Und dann rief Marianne ziemlich schnell an, einige Tage später hat sie mir in einer Hotelbar gesagt: "Sam, Ich muss diese Rolle haben!"

Das englische Vorstadtmilieu kennt man gut aus den sozialkritischen Filmen des New British Cinema von Stephen Frears, Mike Leigh und Ken Loach. Waren das Vorbilder für Sie?
Bestimmt. Das sind Regisseure, die mich immer mit ihren Filmen verführt haben. Das ist die Art von Film, die ich sehr gern mag und selbst gern mache. Aber richtig inspiriert nicht. Das war viel unbewusster alles, ich habe nicht nach irgendwelchen Vorbildern gesucht. Der Film war da und ich wusste von Haus aus, wie ich ihn machen wollte. Aber wenn mir das jetzt so gesagt wird, sind das natürlich Komplimente.

Warum spielt die Geschichte ausgerechnet in London?
Das hat etwas mit der Finanzierung zu tun. Das erste Drehbuch war auf Französisch und die Geschichte ist in Belgien passiert. Auf dem Filmfestival in Rotterdam hat uns eine englische Filmproduzentin vorgeschlagen, den Film doch in England auf Englisch zu drehen. Das war dann auf einmal wie eine Erleuchtung. In England ist das Verhältnis der ärmeren Leute zur Kranken- bzw. Sozialversicherung ganz anders. Auch diese Hypocracy, die Heuchelei unter Freundinnen, die ist dort viel stärker. Englisch als Sprache hat schon so eine Selbstironie.

In Der Tango der Rashevskis haben Sie hauptsächlich mit französischen Schauspielern gedreht, diesmal sind es vorwiegend Englischsprachige gewesen. War das eine große Umstellung für Sie?
Nein, eigentlich nicht. Ich spreche mehrere Sprachen und keine davon ohne Fehler. Das macht mir nichts aus, im Gegenteil. Ich mag gerne von einer Kultur zur anderen zu springen. Jede Kultur hat so ihre Eigenheiten und es ist schön, sich damit zu imprägnieren und ein paar Monate mitzumachen.

Sprechen wir etwas über ihre Arbeit mit den Schauspielern...
Ich sage ihnen schon genau, was ich will. Es gibt oft Situationen, in denen Schauspieler oder Mitarbeiter tolle Ideen haben und die nehme ich dann gern mit. Bestimmte Vorstellungen dürfen sie mir aber nicht versuchen auszureden, das ist wichtig. Ich habe mal mit Bernardo Bertolucci zu Abend gegessen und der hat mir erzählt, dass er beim Drehen immer alle Fenster und Türen offen lässt, so dass der Zufall hereinkommen kann. Das mag ich auch gern. Man muss schon wissen, was man will, das Ziel genau vor Augen haben, aber gleichzeitig offen bleiben.

Wie stark haben Sie sich bei diesem Films ans Drehbuch gehalten?
Das Drehbuch ist ganz nah am Film. Wenn man das liest, dann sieht man den Film. Da steckte schon sehr viel Vorbereitung dahinter. Diese Art, zu filmen, ohne Sachen zu zeigen, die wir nicht zeigen wollten, dass wir vieles nur durch Körpersprache und Gesichtsausdrücke erzählten wollten - das muss man schon sehr präzise vorbereiten.

Wie geht’s weiter?
Ich arbeite gerade an einem Drehbuch, einer Adaption eines Mangas. Das ist ein sehr schöner Manga, sehr poetisch, eine Familiengeschichte. Und wenn das schwierig werden sollte, habe ich auch eine richtige Komödie parat,

Mit Sam Garbarski sprach Katrin Knauth.

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