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13 10/05

Kurzfilmtage Oberhausen: Auf der Suche nach dem Kino

© Kurzfilmtage Oberhausen 2013
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Tags: Kurzfilm, Festival, Kurzfilmtage Oberhausen
Was war das Kino noch? Das war mal ein Ort der kollektiven Seherfahrung. Heute entstehen zwar mehr Filme denn je, aber nur wenige werden im Kino gesehen. Wird es bald nur noch die Einzelerfahrung vor dem Bildschirm anstatt der Leinwand geben? Das Leitthema der 59. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen hieß "Flatness – Kino nach dem Internet" und schickte sich an, Bildschirmgrenzen auszuloten, metaphorisch zu öffnen, den Zuschauer einzubeziehen.

Das filmische Angebot aus etwa 450 Filmen selbst war unheimlich breit gefächert: Da gab es handwerklich eher traditionelle, aber auch experimentelle Animationsfilme wie beispielsweise den verstörenden Ziegenort (Tomasz Popakul, Poland 2013), der auch den Hauptpreis der Jury des Internationalen Wettbewerbs erhielt, oder Imagined Communities (Ishii Haruyuki, Japan 2012), der den drastischen Anstieg der Population auf eindrücklich minimalistisch Art visualisiert. Aber auch reale, dramaturgisch geschlossene Geschichten, enigmatische Bildertableaus und Dokumentarfilme fanden sich im Programm. Die Auswahl auch an experimentellem Kino und assoziativen Kombinationen aus Voice Over Audio- und Bildmaterial wie in Buffalo Death Mask (Mike Hoolboom, USA 2013), in dem ein beinah zufriedenes Gespräch über verlorene HIV-infizierte Freunde mit einer traumartigen Collage an Filmmaterial kombiniert wird, erinnern stark an Forum-Filme der Berlinale.

Buchstäblich neben dem Kino boten sich den Festivalbesuchern in diesem Jahr einige Diskussionsrunden und Podiumsbeiträge zum Hauptthema. Im Festival Space ging man so Fragen nach dem Stand der deutschen Filmkritik oder dem Kino als Ort selbst nach. Filmwissenschaftlerin Maeve Connolly richtete mit ihrem Beitrag über räumliche Verortung den Blick in die Zukunft, wollte wissen, was aus dem Kino in diesem Sinne werden könnte und besprach einige künstlerische Versuche, das Kino in ungewohnte Gegenden zu versetzen. Ungewohnt ist es im Kino schon lange nicht mehr, das Musikvideo. Ursprünglich wurden diese Kurzfilme für die Bildschirme zu Hause gemacht. Aber durch das allmähliche Verschwinden des Musikfernsehens, hat sich hier eine eigenständige und einzigartige Filmarbeit entwickelt, die wieder zurück in das Kino migriert.

Für Luther Price (formerly known as Tom Rhoads et al) ist der Ort klar, arbeitet dafür immer wieder am Material selbst, zerkratzt, schneidet, klebt Film. Nur von einer handvoll seiner Filme sind Kopien vorhanden. Alle anderen sind Unikate. Es geht also um die elementaren Bausteine eines Films, die verloren gehen können: Film, Farben, Ton. Wenn man sich über Digitalisierung Gedanken macht, kommt man unweigerlich zu dem Punkt, an dem man sich diese eben auch über bestehende Materialien machen muss: Super8, 16mm, usw. und ihre Projektoren – bei der Umstellung der Kinos auf digitale Vorführungen darf nicht vergessen werden, was damit ausgeschlossen wird. Es gibt nunmal eine Filmgeschichte und nicht nur aktuelles Kino.

Um diesem unwiederbringlichen Verlust entgegenzuwirken, Filme zu restaurieren und dann vor allem auch wieder zugänglich zu machen, bevorzugterweise im Kino, hat sich das Festival mit seiner neuen Sektion „Archive“ einen großen und wunderbaren Gefallen getan. So konnte einmaliges Filmmaterial von Albert Perru aus der Cinémateque Francaise, von James Broughton aus dem Pacific Film Archive und von Karpo Godina aus der Slovenska Kinoteka aus Ljubljana gesehen werden – restauriert und nicht remastered.

Das Festival hatte sich in diesem Jahr zum Ziel gesetzt, sich kritisch mit den Rahmenbedingen seiner eigenen Arbeit auseinanderzusetzen. Das hat es auf vielfältige Weise getan und im Grunde ergänzten die diesjährigen Kurzfilmtage auf praktische und reale Art, was Lars Henrik Gass in seinem Buch Kunst und Film nach dem Kino theoretisch im vergangenen Jahr durchspielte. Wohin mit dem Film, wenn das Kino als Auswertungsort, soziales Gemeinschaftserlebnis und räumliches und zeitliches Kontinuum nicht mehr genutzt wird? Aber auch wenn eine Filmmigration ins Netz nicht zu leugnen ist, war die Gesamtkomposition des Programms aus neu und alt, aus Film und Diskussion, Imagination und Realität, aus Kopie und Original im Ganzen ein Plädoyer für Kino und Filmfestival gleichermaßen als immer noch einzigartiges rezeptives Gruppenerlebnis.

(Jennifer Borrmann)

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