29.08.05

Kinos in der Krise? Besucherrückgang um 16,6 Prozent

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Berlin - Geradezu katastrophale Zahlen meldet die Filmförderungsanstalt (FFA) für das erste Kinohalbjahr in Deutschland. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres verzeichneten die deutschen Kinos einen dramatischen Besucherrückgang von 72,3 Millionen (2004) auf 60,3 Millionen (2005). Prozentual ausgedrückt bedeutet das ein Minus von 16,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Gegensatz zu den meisten Kommentatoren sieht die FFA jedoch keine strukturelle Kinokrise und macht auch nicht die üblichen Verdächtigen, DVD und Raubkopien, für den Rückgang verantwortlich. Nach Auffassung der FFA ist der Besucherrückgang schlicht und einfach darauf zurück zu führen, dass Hollywood derzeit Filme produziert, die am deutschen Publikumsgeschmack vorbei gehen. Diese Hypothese wird durch die von der FFA vorgelegten Zahlen eindrucksvoll untermauert.

Für exzellente Beuscherzahlen sind nach wie vor die amerikanischen Blockbuster unabdingbar - und die blieben im ersten Halbjahr 2005 aus. Die US-Produzenten produzieren derzeit nicht nur am europäischen Publikumsgeschmack vorbei - ja sogar an dem der Kinofans im eigenen Land. Unter dem Strich standen beinahe weltweit Besucherrückgänge mit meist zweistelligen Prozentzahlen. Über 8 Prozent in Großbritannien, über 10 Prozent in den USA, über 13 Prozent in Frankreich und über 17 Prozent in Italien.

Überall in Europa gab es ähnliche Phänomene zu beobachten wie in den deutschen Kinos. Nur zweimal lockten US-Filme an einem Wochenende über eine Million Fans an, 2004 war dies im gleichen Zeitraum fünfmal der Fall. An einem der mageren Wochenenden im April verzeichnete Barfuss den Besucherrekord - mit nicht einmal 200.000 verkauften Karten. Vor allem der Vergleich der Top 10 der ersten Halbjahre 2005/2004 spricht eine deutliche Sprache: Im vergangenen Jahr erreichten neun der zehn stärksten Filme über zwei Millionen Besucher, in diesem Jahr nur drei. Offensichtlich aber hat sich auch die Erwartungshaltung der Filmliebhaber geändert. So hat ein Viertel jener Besucher, die sich vor einem Jahr noch an Special Effects - jenem Pfund, mit dem etliche US-Blockbuster über Jahre wucherten - begeistern konnten, diese Leidenschaft verloren. Dafür sind andere Kriterien wichtiger geworden. Die Kinofans achteten im ersten Halbjahr 2005 verstärkt auf die Qualität der Schauspieler, auch der Gehalt von Thema und Story des Films bekam eine größere Bedeutung.

Dass es sich in Deutschland nicht um eine generelle Kinomüdigkeit handelt, sondern das Interesse ganz wesentlich vom Filmangebot abhängig ist, zeigt der Monat März: Da stimmte das Filmangebot und prompt stimmten auch die Zahlen. Im März konnte ganz gegen den Trend sogar ein Besucherplus von 7,7 Prozent verzeichnet werden, da mit Hitch - Der Date Doktor (über 2,5 Millionen Besucher an den März-Wochenenden) sowie den deutschen Produktionen Die wilden Kerle 2 und Sophie Scholl - Die letzten Tage (zusammen knapp 400.000 Besucher an den März-Wochenenden) attraktive Filme auf die Leinwände gebracht wurden. Ebenso eindeutig ist die Erklärung für den desaströsen Juni, in dem sich im Vergleich zum Juni 2004 der Kinobesuch nahezu halbierte: Die vermeintlichen US-Blockbuster Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith (der nach starkem Start verlor) und Batman Begins (der vom Start weg floppte) konnten die hohen Erwartungen, zusammen rund zehn Millionen Besucher zu interessieren, nicht erfüllen.

Deutscher Film entwickelt sich positiv
Auch der positive Trend beim deutschen Film spricht gegen eine strukturelle Krise. Die Befürchtung etlicher Skeptiker, die Freude über das Wirken der neuen Generation deutscher Filmemacher werde nur von kurzer Dauer sein, ist inzwischen der Gewissheit gewichen, dass der Trend äußerst stabil ist. So entschieden sich im ersten Halbjahr 11,8 Millionen Besucher für eine deutsche Produktion, das bedeutet gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von fast 25 Prozent. Dadurch konnte das Gesamtminus, das vor allem auf die US-Flops zurückzuführen ist, immerhin spürbar abgemildert werden.

Wie weit der deutsche Film in der Publikumsgunst aufgeholt hat, zeigt sich auch darin, dass in diesem Halbjahr in der deutschen Top 10 fünf Besuchermillionäre versammelt sind, im vergangenen Jahr gab es nur einen. Im Februar, als die beiden Kinderfilme Die wilden Kerle II und Felix - Ein Hase auf Weltreise Furore machten, kletterte der deutsche Marktanteil sogar auf fast 30 Prozent. Nicht nur im Inland - hier wurde mit 62 Erstaufführungen deutscher Filme fast schon mit dem bislang übermächtigen US-Output (69 Erstaufführungen) gleichgezogen - sondern auch im Ausland lohnt sich die neue deutsche Welle. Amerika hat ganz offensichtlich seine Liebe zu den deutschen Themen entdeckt, Filme wie Sophie Scholl - Die letzten Tage und Alles auf Zucker wurden bereits von US-Verleihern angekauft. Das kontinuierlich steigende Box-Office im Ausland ist für die deutschen Produzenten inzwischen zu einer festen wirtschaftlichen Größe geworden.

"Es wäre aber angesichts dieser Erklärungen grundfalsch", sagt FFA-Vorstand Peter Dinges, "wenn die Kinobetreiber nun glaubten, es gebe für sie keinen Handlungsbedarf - es gibt ihn gerade jetzt". Zwar finden sich für die These, nun stehe ein großes Kinosterben bevor, keine Belege in der offiziellen FFA-Statistik: Die Zahl der Spielstätten blieb unverändert, die Zahl der Kinosäle und damit der Leinwände stieg um 28, die der Sitzplätze gar um 1081. Es gibt allerdings Warnsignale für möglicherweise anstehende gravierende Konsequenzen. So musste gerade erst mit dem "Kosmos" das erste Multiplex-Kino, das in Berlin errichtet worden war, geschlossen werden - der Wettbewerb mit benachbarten Großkinos war angesichts der hohen Investitionen bei Multiplexen, die wieder eingespielt werden müssen, nicht durchzuhalten gewesen.
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