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07 13/08

Interview mit Robert Thalheim zu Am Ende kommen Touristen

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Leben in Auschwitz

Seinen Zivildienst hat der gebürtige Berliner Robert Thalheim, Jahrgang 1974, in einer Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz absolviert. Seine Erlebnisse inspirierten ihn zu seinem zweiten Spielfilm Am Ende kommen Touristen, der auf dem diesjährigen Filmfestival Cannes seine Weltpremiere feierte. Von 2000 bis 2006 studierte Thalheim Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Kurzfilme sowie der Spielfilm Netto (2005), der unter anderem den Jurypreis der Berlinale-Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gewann. Am Ende kommen Touristen ist sein erster Film nach dem Studium und wurde von Juli bis September 2006 in Polen gedreht.

Herr Thalheim, Sie haben Ihren Zivildienst in einer Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz absolviert. Wie viel von Ihren eigenen Erlebnissen stecken in dem Film?

Meine Erlebnisse sind eigentlich nicht konkret in die Geschichte eingeflossen, sie dienten eher als Grundlage für die fiktionale Geschichte. Zum Beispiel habe ich dort Mädchen kennengelernt, die gern weg wollten. Und es gibt auch ein Kumpel, der dort Rockmusik macht. Das sind alles so einzelne Versatzstücke. Aber die Geschichte an sich ist fiktional.

Und Sven ist ihr Alter Ego?

Nein, ich bin damals sehr überzeugt dahin gegangen. Nach der Schule wollte ich die Welt retten. Ich bin mit einem sehr klaren politischen Konzept dahin gefahren und mit sehr vielen Fragen wieder weggefahren. Da ist unser Sven ein bisschen anders.

Warum haben Sie daran etwas geändert? Warum nicht eine Figur erfinden, die sozusagen näher dran ist? Eben politisch an die Sachen heranzugehen und dann zu merken, dass es doch ganz anders ist.

So eine Figur hatten wir auch entwickelt, aber wir haben gemerkt, dass das schwer zu vermitteln ist. So jemand wirkt auch schnell unsympathisch und entspricht vielleicht weniger einer Identifikationsfigur. Außerdem ist es immer mit ganz viel reden verbunden. Ich fand es besser, jemand zu haben, der das Ganze eher beobachtet und ein Führer durch das Panorama ist. Sven ist zwar die Hauptperson, aber letztendlich sind die Figuren, die wir durch ihn kennenlernen, auch die Hauptfiguren. Das kam mir dann als die bessere Lösung vor.

Gibt es in Auschwitz tatsächlich noch ehemalige Häftlinge, die als Zeitzeugen wie Herr Krzeminski über ihre Erinnerungen erzählen?

Ja, als ich dort meinen Zivildienst gemacht habe, gab es noch fünf ehemalige Häftlinge, die in der Stadt gelebt haben, drei davon auf dem Lagergelände in der ehemaligen Kommandantur. Das ist so ein Gebäude zwischen Lager und Krematorium. Die sagen eben, nach dem Krieg herrschte Wohnungsmangel, wir wollten das Museum aufbauen und wir haben das Gebäude, was am besten erhalten war, zur Wohnung umgebaut – seitdem leben die da.

Diente einer von ihnen als Vorbild für Herrn Krzeminski?

Ja, das war Kasimir Smolen, der jetzt als Einziger noch dort lebt. Der geht durch dieses Museum wie durch einen Park. Das ist wie sein Altersheim. Ich kann mir den auch nicht mehr woanders vorstellen. Das ist sein Lebensinhalt. Er macht manchmal vier Zeitzeugengespräche an einem Tag. Das Merkwürdige ist, je mehr er davon macht, desto besser geht’s ihm. Der hat mich da manchmal angerufen, wenn zwei Tage nichts passiert ist, und nach einer Gruppe gefragt. So was steckt ja auch in diesem Arbeiten an den Koffern wie bei Krzeminski.

Sie zeigen in Ihrem Film auch das Leben in der an Auschwitz angrenzenden Kleinstadt Oswiecim. Hat es das überhaupt schon mal in einem anderem Auschwitz-Film gegeben?

Ich kenne keinen Film über die Stadt Oswiecim, weder Dokumentar- noch Spielfilm. Insofern waren mir die Leute dort auch sehr dankbar, weil die natürlich gewohnt sind, dass Millionen von Menschen jedes Jahr in die Stadt kommen, um sich das Lager anzuschauen. Ab und zu verirrt sich ein Journalist zu ihnen und fragt sie, wie es ist, an so einem schrecklichen Ort zu leben. Wenn sie irgendwo in der Welt gefragt werden, woher sie kommen, gibt’s sofort betretenes Schweigen und sie werden mit der deutschen Vergangenheit identifiziert.

Sie sind ja Schüler von Rosa von Praunheim? Was ist das Besondere an ihm?

Das Tolle an Rosa ist, dass er ein unkonventioneller Filmemacher ist, sich nicht um Finanzen oder Technik schert, sondern nur um den Inhalt. Der hat uns aus dem Ghetto Filmhochschule rausgeholt, wo man versucht, möglichst perfekt Kurzfilme zu machen: ordentlich auf Film gedreht, mit schicken Kamerafahrten, gut ausgeleuchtet. Er hat gesagt, das ist alles Quatsch. Wenn ihr Filme machen wollt, dann müsst ihr ohne Geld und mit ganz wenig technischem Aufwand berührende Geschichten erzählen. Bei meinem Film Netto hatte er mich quasi dazu gezwungen. Ich hoffe, dass ich viel von dieser Spontanität und Leidenschaft in die Industrie retten kann.

War das bei Ihrem zweiten Film nicht schon anders als bei "Netto", der mit einem sehr niedrigen Budget entstanden ist?

Klar, das Budget für Am Ende kommen Touristen hört sich viel größer an, das war knapp eine Million Euro. Aber ich hatte oft das Gefühl, weniger zu haben als bei Netto. Die Leute wollten natürlich bezahlt werden, es war ein großes Team. Man hat viele Leute, die direkt beim Drehen gar nicht so dabei sind, z.B. Beleuchter, Fahrer, Kostümassisten. Die wollen alle auch irgendwann Mittag essen. Da geht es manchmal eher darum, dass man fertig sein muss, damit alle rechtzeitig ihr Essen bekommen, als darum, dass man die Szene mit den Schauspielern so erarbeitet hat, wie man sich das wünscht. Das ist dieser Spagat, das Handwerk, dass man als Regisseur zwischen den Inhalten, der Arbeit mit den Schauspielern und dem technischen Apparat vermitteln muss.

Mit einigen Leuten haben Sie bereits bei "Netto" zusammen gearbeitet. Dazu gehören unter anderen Stefan Kobe (Schnitt), Yoliswa Gärtig (Kamera) und Michal Galinski (Szenenbild). Wollen Sie auch zukünftig mit einem festen, vertrauten Team arbeiten?

Ich würde es mir wünschen. Man braucht das auch. Man ist ja während des Drehs mit so vielen Zweifeln konfrontiert. Jeden Tag, wenn man aufwacht, denkt man, das ist alles unlösbar, was man heute machen soll. Und da braucht man einfach Leute, denen man vertraut und die einem auch vertrauen. Wo man nicht den autoritären Supermann herauskehren muss, damit die weiter dabei sind. Und dafür, glaube ich, muss man schon einiges zusammen durchgemacht haben.

Sie haben immer noch Selbstzweifel nach diesem großen Kritikerlob und der Bestätigung für "Netto"?

So einfach funktioniert das leider nicht. Man ist eigentlich noch viel unsicherer. Ich dachte immer, jetzt kommt raus, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe und gar nicht, weiß wie es geht, dass sich alle geirrt haben bei Netto. Das ist jetzt keine Koketterie, man denkt das halt. Man ist allein mit so einem Stoff und fragt sich, nachdem man zwei Jahre daran herumgeschrieben hat, was mache ich hier eigentlich? Das ist total autistisch.

Produziert wurde "Am Ende kommen Touristen" von Hans-Christian Schmid, der normalerweise als Regisseur selbst hinter der Kamera steht. Wie sehr hat er Ihre Arbeit als Autor und Regisseur beeinflusst?

Ich bin bewusst zu Hans-Christian gegangen, weil ich für das Thema jemand gesucht habe, der aktiv mitdenkt und mitarbeitet und nicht ein Produzent ist, der sagt, gucken wir mal, ob wir Geld kriegen und dann machen wir mal. Diese aktive Rolle hat er auch wahr genommen. Im Drehbuch hat er sehr viel eingegriffen und sich mit mir auseinandergesetzt. Manchmal habe ich auch verflucht, dass ein Produzent so stark eine eigene Vision entwickelt, wenn man sich wirklich über alles streiten muss. Aber mit dem Abstand von heute, denke ich, dass wir die richtigen Entscheidungen zusammen getroffen haben. Beim Drehen hat sich Hans-Christian dann ganz zurückgehalten. Da hat er nur knallhart als Produzent eingegriffen und gesagt, wann das Geld alle ist und wie lange wir welche Szene drehen können.

Das Gespräch führte Katrin Knauth.

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