03.08.07

Interview mit Kameramann Lutz Reitemeier zu Tuyas Hochzeit

Kinostart: 03.08.2007
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Seine erste Begegnung mit China waren die Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm Jenseits von Tibet im Jahr 1998. Seitdem hat der in Stuttgart geborene Kameramann Lutz Reitemeier gleich mehrere Dokumentar- und Spielfilme in China gedreht. Sein jüngster Film Tuyas Hochzeit von Regisseur Wang Quan'an gewann den Goldenen Bären der Berlinale 2007. Im Interview mit Katrin Knauth spricht er über die chinesische Arbeitsweise und die Dreharbeiten in der Mongolei.

Herr Reitemeier, Sie haben bereits drei Dokumentar- und drei Spielfilme in und über China gedreht. Wie kam es zu dieser besonderen Beziehung zu China?

Ich kam zum ersten Mal nach China, als ich mit meiner damaligen Freundin Jenseits von Tibet (2000, Regie Solveig Klaßen) gedreht habe. Das war ein Dokumentarfilm über einen tibetischen Mönch, der mit einer deutschen Punk-Sängerin verheiratet ist. Dafür haben wir auch drei Wochen in Tibet gedreht. Ein paar Jahre später bekam meine Freundin ein Stipendium für China und ich bin zusammen mit ihr nach Peking gegangen. Auf dem Neujahrsfest der Berlinale 2000 hatte ich den Regisseur Wang Quan'an kennen gelernt, der dort seinen allerersten Film Yue shi / Lunar Eclipse (1999) präsentierte. Ich hatte ihm damals gesagt, dass ich gern mal mit ihm zusammenarbeiten würde. Das war eher locker daher geredet, aber er kam tatsächlich darauf zurück. Wiedergetroffen haben wir uns bei den Dreharbeiten zu Meine Kamera lügt nicht (2003, Regie Solveig Klassen und Katharina Schneider-Roos), einem Dokumentarfilm über die 6. Generation der Filmemacher in China, zu der auch Wang Quan'an gehört. Da stand gerade sein nächster Film an: Jing zhe / The Story of Ermei (2004). Das war unser erster gemeinsamer Film.

Was glauben Sie war der Auslöser, dass sich Wang Quan'an für sie als Kameramann entschieden hat?

Unser erster gemeinsamer Film war sehr stark Handkamera-lastig. Er sollte fast wie ein Dokumentarfilm wirken. So ähnlich wie ein 70er-Jahre-Roadmovie oder wie Wim Wenders in der 70er und 80er Jahren gedreht hat. Man hat so eine Art vages Drehbuch, man dreht sehr viel spontan, an normalen Drehorten, nicht im Studio. Und da glaube ich, suchte er einen Kameramann, der auch Dokumentarfilmerfahrung hat. Davon gibt es in China nicht so viele. Im Westen haben wir natürlich eine große Tradition, weil wir aus einen freien System kommen, in dem der Dokumentarfilm als Filmkunstform entstanden ist. Das gab es in China, einem kommunistischem Land, erstmal überhaupt nicht. Da gab es hauptsächlich Propagandafilme oder vielleicht mal einen Dokumentarfilm über ein Stahlwerk oder den Riesenstaudamm.

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten zu Tuyas Hochzeit in der Mongolei?

Es war zunächst einmal sehr, sehr kalt. Es wurde teilweise 25 Grad kalt. Man konnte gar nicht so ein großes tägliches Pensum absolvieren. Die Arbeitsweise mit Chinesen war mir durch die anderen Film schon vertraut. Das ist eine eher langsame Arbeit, manchmal geht es dann auch wieder irre schnell. Das hat so eine ganz eigene Arbeitsdynamik. Obwohl es kein Studiofilm ist, sondern ein Independent-Film, wird in großen Teams mit ca. hundert Leuten gearbeitet. Das ist eine stark sozialistisch gesprägte Arbeitsweise. Bei uns in Deutschland ist das beim Independent-Film ganz anders: Da will man wenig Leute haben, einen möglichst kleinen Apparat. Von einem großen Apparat wird man sich in China aber nicht so schnell verabschieden.

Haben auch viele Mongolen mitgearbeitet?

Ja, sehr viele Mitarbeiter waren Mongolen, die mongolisch sprachen, wenn sie unter sich waren und herum scherzten, aber die ansonsten zweisprachig dort leben. Die Mongolen in der Inneren Mongolei sind eigentlich eine Minderheit in ihrem eigenen Territorium. Da ist seit 200 Jahren stetig von China eingewandert worden. Anderseits leben aber viele Mongolen weit verteilt im übrigen China.

Wie kommunizieren Sie, wenn Sie in China drehen? Sprechen Sie chinesisch?

Einige wenige können nur Englisch, vielleicht 5 Prozent des Teams. Der Regisseur kann eigentlich auch kein gutes Englisch. Für ihn ist das auch ein bisschen zu unbequem, alles auf Englisch abzuhandeln. Deswegen habe ich dann immer ein, zwei Übersetzer um mich herum. Die Kommunikation am Set funktioniert eigentlich überraschend gut. Gerade wenn man weiß, man kann sich auf den Übersetzer verlassen, der auch in Konfliktsituation nicht davon rennt und das Gespräch zu meinem Verständnis moderiert. Mit einem guten Übersetzer, der auch unsere Denke kennt, können dann Bemerkungen chinesischer Seite entsprechend dechiffriert werden.

Waren Sie der einzige Westler am Set?

Der einzige zusätzliche Westimport ist mein Oberbeleuchter, Daniel Pauselius, der auch aus Deutschland kommt. Der ist mit der wichtigste Partner an meiner Seite. Er kann so ein paar chinesische Begriffe, weil er ja mit den anderen Beleuchtern kommunizieren muss.

Haben Sie bei Tuyas Hochzeit mit einer festen Drehbuchvorlage gearbeitet oder war das ähnlich improvisiert wie bei The Story of Ermei?

Nein, bei Tuyas Hochzeit gab es ein Drehbuch, das war auch relativ gut ausformuliert. Der Drehbuchautor Lu Wei war auch der Autor von Lebewohl, meine Konkubine (1993, Regie Chen Kaige). Also wirklich ein ausgewiesener Profi, der aber komischerweise nie am Drehort war. Wang Quan'an meinte mal als Witz, er dürfte gar nicht an den Drehort. Das war vielleicht so eine Abmachung zwischen den Beiden. Vielleicht ist das auch so ein kleine Marotte, dass er immer im Hotelzimmer war. Er war auch bis zum Schluss vor Ort und hat das Drehbuch angepasst. Den Schluss haben die Beiden dann nochmal gemeinsam korrigiert.

Wie langen dauerten die Dreharbeiten?

Meine Aufenthaltsdauer war etwas über drei Monate. Die Drehzeit vielleicht so 50 Tage, aber wie gesagt, alles verlief ein bisschen langsamer aufgrund des Klimas und weil man sich dann schon den Luxus gönnt, auch auf das Wetter mal zu warten.

Gibt es schon ein nächstes gemeinsames Filmprojekt mit Wang Quan'an?

Wir wollen wieder einen Spielfilm gemeinsam drehen. Diesmal aber wahrscheinlich in der Stadt. Eventuell in dieser Bürgerschicht der Neureichen. Es wird auch wieder eine Frauengeschichte. Es soll ein Haushalt thematisiert werden, in dem die Frau sehr viel Geld verdient hat.

Der Fokus in Ihrer Arbeit liegt also weiterhin auf China?

Ja, wobei ich auch hier in Deutschland einige Angebote habe, die in den nächsten ein, zwei Jahren hoffentlich realisiert werden. Das kommt auch darauf an, wie sich die Finanzierung entwickelt.

Wollen Sie weiterhin sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme drehen?

Auf jeden Fall. Das auch meine Auffassung von meinem Beruf und macht mir sehr viel Freude. Das ist immer so eine Wechselwirkung. Bin ich in einem Spielfilm, sehne ich mich nach dem Dokumentarfilm. Bei einem chinesischen Spielfilm eigentlich nicht, weil die haben meist von vornherein diesen dokumentarischen Look, obwohl wir immer mit viel Licht auch arbeiten. Dokumentarfilme sind sehr inhaltsstark. Als Kameramann bin ich natürlich auch ganz stark an einer Spielfilmgeschichte interessiert, aber die ist dann manchmal sehr abgekapselt im Kopf das Regisseurs. Beim Dokumentarfilm führe ich als Kameramann führe ich oft mit Regie, weil es auch nicht wiederholbar ist.

(Katrin Knauth)
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