21.08.07

„Ich wollte, dass sie Sächsisch sprechen“ - Interview mit Elke Hauck zu „Karger“

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Für ihr Spielfilmdebüt Karger ist Elke Hauck in ihre Heimatstadt Riesa zurückgekehrt. Dort hat sie mit Laiendarstellern eine semi-dokumentarische Milieustudie über das Leben eines arbeitslosen, geschiedenen jungen Mannes, Mitte 30, gedreht. Im Interview mit Katrin Knauth erzählt sie von ihrer Arbeit mit den Laien, den Hürden vor Drehstart und warum sie unbedingt einen Mann als Kameramann haben wollte.

Der Auslöser für „Karger“ war ein Klassentreffen ihrer Schulklasse in Riesa. Danach hatten Sie Lust diesen Film zu machen und haben angefangen zu recherchieren. Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?
Es ist ja so, dass ich schon mit 18 aus Riesa weggegangen bin. Ich bin dort groß geworden und dann wollte ich nichts wie weg. Deswegen hatte ich relativ wenig Ahnung von der Stadt und den Leuten. Also habe ich Leute auf der Straße angesprochen und gefragt, ob sie bereit wären, zu einem Casting zu kommen. Mit denen habe ich dann etwa einstündige Interviews geführt und parallel das Drehbuch geschrieben. Ich hatte natürlich schon eine Idee für den Film, die Hauptfigur und was im Zentrum stehen sollte. Aber die Interviews haben die letztendliche Geschichte sehr stark beeinflusst.

Wie haben die Leute, die Sie angesprochen haben, reagiert?
Es sind natürlich nicht alle darauf eingegangen und nicht alle zum Casting gekommen. Wenn man als Einzelperson vor dem Supermarkt herumlungert und Leute anspricht, ist klar, dass die erstmal komisch gucken. Aber die Leute, die gekommen sind und mit denen ich gesprochen habe, die waren sehr offen.

Haben Sie bei den Interviews auch Ihre Protagonisten gefunden?
Nein, unter den Befragten nicht. Es gab zwei verschiedene Phasen: Die erste Phase war, ein Treatment zu schreiben und daraus ein Drehbuch zu entwickeln. Außerdem habe ich weiter recherchiert und unter anderem eine Art Praktikum in dem Rohrwerk gemacht, in dem wir gedreht haben. Als ich das Drehbuch fertig hatte und die Ö Filmproduktion an Bord war, haben wir ein intensives Casting gemacht, bei dem wir Leute gesucht haben, die auch richtig spielen können.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Protagonisten ausgesucht? Denn es sind ja fast ausschließlich Laiendarsteller.
Erstmal schaut man, wer einem irgendwie interessant erscheint. Dann haben wir diejenigen eingeladen. Wir haben mit denen Szenen geprobt und dann hat sich das einfach sortiert, je nachdem wer spielen konnte. Schritt für Schritt haben wir sie ausgewählt. Etwas aufwendiger als man das vielleicht mit richtigen Schauspielern machen würde.

Hatten einige von ihnen schon Erfahrungen mit Schauspielen?
Nein, die hatten alle noch gar keine Erfahrung.

Und wie haben Sie sie auf ihre jeweiligen Rollen vorbereitet?
Zum einen durch diesen langen Casting-Prozess, dass wir sozusagen diejenigen, die wir interessant fanden, immer wieder eingeladen haben. Wir haben immer wieder neue Szenen ausprobiert, die nicht alle aus dem Drehbuch waren, sondern ähnliche, die mit der Thematik verbunden waren. Die Laien spielen zwar nicht ihre persönliche Geschichte, aber sie haben schon Erfahrungen gemacht, die sich von dem Film nicht so wahnsinnig unterscheiden. Die wussten schon, worum es ging und konnten ihre eigenen Erlebnisse innerlich zu Rate ziehen.

Warum haben Sie mit Laiendarstellern gedreht? Das ist ja eigentlich viel schwieriger als mit professionellen Schauspielern zu drehen.
Es gab mehrere Gründe dafür: Der Eine war, dass ich mich in der ersten Interview-Runde so ein bisschen in die Leute verliebt hatte und gedacht habe, die bringen schon so viel mit von sich, so viel Geschichte, die man Ihnen ansieht, die sich ein Schauspieler erstmal in einem langen Prozess erarbeiten muss. Da müsste man ja wie Mike Leigh arbeiten, der die Schauspieler monatelang für sich beansprucht, damit die wirklich wissen, was sie da eigentlich spielen, woher sie kommen, aus welcher sozialen Schicht. Das haben die Laiendarsteller eben alles schon mitgebracht. Ein anderer Grund war der Dialekt. Ich wollte, dass sie Sächsisch sprechen, aber nicht so ein Fernseh-Sächsisch. Ich finde es gelingt relativ selten, dass so ein Dialekt nicht gleich eine negative Wertung mit sich bringt.

Haben Sie trotzdem auch professionelle Schauspieler gecastet?
Ja, weil ich sehen wollte, ob das die richtige Entscheidung ist mit den Laien. Gerade was die Sprache anbelangt, war das schwierig, was die Glaubwürdigkeit bei den Schauspielern betrifft. Man hätte ja auch Laien mit professionellen Schauspielern mischen können, aber ich wollte, dass es eine Homogenität in dem Film gibt, sowohl in der Art zu spielen als auch zu sprechen.

Was machen die Laien beruflich?
Jens Klemig (Karger) ist eigentlich Maurer und kommt vom Bau, er hatte sogar eine kleine Baufirma, ist jetzt aber arbeitslos und schlägt sich so durch. Marion Kuhnt, die die Ehefrau Sabine gespielt hat. ist Tierpflegerin. Und die Freundin Ulrike (Anja Dietrich) ist seit kurzem Kassiererin im Netto-Supermarkt, gelernt hat sie Hotelkauffrau, zwischendurch war sie wegen ihren Kindern längere Zeit zu Hause, weil sie allein stehend war.

Karger ist Ihr Debütspielfilm. Wo lagen die Stolpersteine für eine Newcomerin?
Den Film überhaupt machen zu können. Ich habe ja vorher an der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) studiert und dort auch Kurzfilme gemacht. Abgeschlossen habe ich aber mit einem Dokumentarfilm (Flügge, 2001), weil ich das sehr spannend fand. Ich finde überhaupt die Arbeitsweise beim Dokumentarfilm sehr inspirierend. Ich habe das allerdings nur als Zwischenstation gesehen, denn ich wollte immer Spielfilme machen. Den ersten Spielfilm umzusetzen und zu finanzieren – das war schon ein Kampf. Zumal der Film ganz bewusst auf bestimmte dramaturgische Prinzipien verzichtet, die im Spielfilm oft angewendet werden. Ich wollte keine gebaute Spielfilmgeschichte schreiben, sondern eher etwas, was beschreibender ist. Dass man nicht die ganze Zeit den Zuschauer an die Hand nimmt, sondern dieser eher von draußen drauf schaut. Das ist natürlich auch eine Form, die nicht bei jedermann auf Begeisterung stößt.

Letztendlich haben Sie aber doch Finanziers für Ihr Projekt gefunden.
Ja, es gab auch immer wieder Begeisterte. Das BKM (Beauftragter für Kultur und Medien der Bundesregierung) hat das Drehbuch gefördert, der MDR und die Mitteldeutschen Medien den Film. Es gab aber auch viel Diskussion, gerade vom BKM zum Beispiel, die wollten, dass wir mit Schauspielern drehen. Die hatten kein Vertrauen in die Laien-Idee.

Hinter der Kamera stand Patrick Orth, der bereits mit Regisseuren der Berliner Schule gedreht hat, darunter Ulrich Köhler und Stefan Krohmer. Spielte das eine Rolle dafür, dass sie sich für ihn entschieden haben?
Den Patrick habe ich über Ulrich Köhler kennen gelernt. Ich kannte damals Bungalow (2002), den ich sehr gemocht habe, obwohl das eine ganz andere Art von Kameraarbeit ist. Deshalb habe ich ihn auch getroffen. Ausschlaggebend war allerdings nicht so sehr das Schlagwort "Berliner Schule", obwohl ich mich den Leuten verbunden fühle und mit vielen auch befreundet bin. Auf der Suche nach einem Kameramann habe ich verschiedene Leute getroffen. Es war mir wirklich wichtig, dass es ein Mann sein sollte, weil Karger für mich auch ein Männerfilm ist. Mit dem Patrick hat das einfach wahnsinnig gut funktioniert. Wir haben uns ziemlich schnell sehr gut verstanden. Das hat dann den Ausschlag gegeben.

In zehn Jahren haben Sie drei Filme gedreht: 1997 den Dokumentarfilm 7 Ärzte und eine Leiche, 2001 Flügge und jetzt Karger. Hätten Sie mehr machen wollen?
Die Zeiten sind natürlich lang. Zum einen arbeitet man zwischendurch, um Geld zu verdienen. Ich habe als Regieassistentin gearbeitet. Das Andere ist, wenn man selber schreibt, dann geht es nicht so schnell. Natürlich hätte ich auch gern noch mehr gemacht, aber das war einfach auch schon viel Arbeit, den Film zu machen. Von 2003 bis 2007 habe ich an Karger gearbeitet: recherchiert, geschrieben, Geld aufgetrieben, wieder geschrieben...Allein acht Monate davon haben wir gecastet, knapp ein Jahr haben wir für die Postproduktion gebraucht. Drehschluss war im Februar 2006 und Premiere beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken im Januar 2007, wo wir den Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten bekommen haben.
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