17.01.11

"Ich sehe mich als ein Mann, der ein Werk in seiner Ganzheit fertig stellen will" – Ein Interview mit Darren Aronofsky zu seinem Film "Black Swan"

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Darren Aronofskys Film Black Swan ist imposant, wuchtig und tief verstörend. Eine Irrfahrt durch die Untergründe der menschlichen Seele. Schon jetzt ist sein neuestes Werk nach The Wrestler ein hoch gehandelter Oscar-Kandidat und ein Garant für aufrüttelnde Kinostunden. Im kino-zeit.de-Interview spricht der amerikanische Regisseur mit Tomasz Kurianowicz über seelische Obsessionen, Natalie Portmans baletttänzerische Aufopferung und über das Leid, ein Künstler zu sein.

Herr Aronofsky, worum geht es in Ihrem neuen Film "Black Swan"?
Ach, es geht um so vieles: Es geht um eine Coming-out-of-Age-Geschichte, um ein Mädchen, das sich in eine Frau verwandelt, um eine Künstlerin, die einen Weg findet, sich auszudrücken. Es gibt so viele Aspekte, die ich wichtig finde.

Wie etwa die Parallelen zu "The Wrestler", Ihrem letzten Film über einen altersschwachen Ringer, der hart dafür kämpft, sein Bühnen-Comeback zu feiern. Nina wiederum, Ihre aktuelle Heldin in "Black Swan", tut alles dafür, um am New York Ballett die Hauptrolle in Tschaikowskys Schwanensee zu tanzen. War diese Parallele zweier in Selbstzweifel geratener Künstler beabsichtigt?
Ich denke, ja. Zusammengenommen sind beide Filme ein Diptychon. Beide Werke behandeln Selbstdarsteller, die um alles in der Welt spielen und ihr Publikum unterhalten wollen. Hier sehe ich die Parallelen.

Haben Sie also eine Fortsetzung von "The Wrestler" gedreht?
Nein, das nicht. Sie bilden lediglich einen Zusammenhang. Der eine Film erzählt von einem 90 Kilogramm schweren Wrestler und der andere von einer 35 Kilogramm leichten Tänzerin. Sehen sie die Parallelen? Beide Charaktere benutzen ihre Körper, um Kunst zu kreieren. Sie sind bereit, sich zu verletzen und sich bis an die Grenze des Möglichen zu treiben, um ihrem Talent Ausdruck zu verleihen.

Natalie Portman muss ziemlich hart trainiert haben für diese Rolle, in der sie eine professionelle Balletttänzerin verkörpert.
Ja, sehr hart. Ein Jahr lang, 5 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche.

Nina ist ganz ohne Zweifel eine Perfektionistin, die ihr Privatleben für ihren Beruf opfert. Sind Sie das auch? Steckt ein bisschen Darren Aronofsky in dieser obsessiven, von der Kunst besessenen Gestalt?
Im Vergleich zu Nina muss ich sagen: nein. Es gibt einen wesentlichen Unterschied in unserem Verhältnis zur Arbeit. Ich sehe mich als ein Mann, der ein Werk in seiner Ganzheit fertig stellen will. Bei Nina geht es nur um den Moment und um nichts anderes. Das heißt: frei sein und sich lebendig fühlen.

Welcher Film ist Ihnen wichtiger? "The Wrestler" oder "Black Swan"?
Als ich meinen Abschluss an der Filmhochschule machte, habe ich eine Liste mit Themen erstellt, die ich filmisch umsetzen wollte: dort tauchten dann Begriffe auf wie "Wrestling" und "Ballett". Es gab keine Hierarchie. Beide Filme sind mir genauso wichtig.

War das Ihre erste Konfrontation mit dem Medium Ballett?
Meine Schwester war eine Balletttänzerin. Insofern kenne ich den Hintergrund und die Anstrengungen dieses Berufes nur allzu gut.

Der Film ist ein bisschen wie ein Traum. Erst beginnt er mit einer eindeutigen Perspektive, der Zuschauer fühlt sich sicher und wohl. Und dann geraten die Welten ins Wanken. Man beginnt sich zu fragen: Ist das echt, was hier passiert? Was ist Wirklichkeit und was ist Traum? So ein bisschen wie in einer Gothic Novel. Haben Sie sich durch Bücher und Filme dieser Art inspirieren lassen?
Es gab natürlich große Einflüsse aus Filmen, Büchern, Dokumentationen, Autobiographien und natürlich auch aus der Musik. Aber es stimmt. Wir wollten, dass der Film ein wenig wie ein Traum aussieht: erst glaubt man, alles sei wirklich, und dann mutiert die Handlung allmählich zum Alptraum.

War Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" eine Inspiration? Das Motiv der Selbstkasteiung scheint in Ihrem Werk ein ähnlich wichtiges Element zu sein.
Ja, wir haben den Film viel und oft geschaut. Die Mutter-Tochter-Beziehung ähnelt sicherlich in vielen Teilen Hanekes Konstellation aus Die Klavierspielerin. Es war eine Inspiration.

Ist die Mutter-Tochter-Beziehung also ein Schlüssel dafür, um Ninas obsessives Verhalten zu verstehen?
Es ist nur ein Teil des Ganzen. Es geht für mich eher um das Dämonische in ihr. Das Zusammenspiel zwischen schwarzem und weißem Schwan im Inneren des Menschen. Und dann geht es natürlich auch noch um den Prinzen. Nina und ihre Konkurrentin - sie beide ringen um die Hauptrolle als Schwan, aber eben auch um den Prinzen. An dieser Stelle überlappen sich zwei Geschichten: die des Filmes und jene aus Tschaikowskys Schwanensee.

Und was für eine Rolle spielt Ninas Mutter dabei, die ihrer Tochter diesen selbstzerstörerischen Konkurrenzsinn einflößt?
Wir haben einen komplizierten Charakter kreiert und wir wollten, dass Ninas Mutter ambivalent erscheint, damit der Zuschauer lange nicht weiß, ob sie gut oder böse ist. Sie ist einerseits sehr distanziert, andererseits kümmert sie sich unglaublich aufopferungsvoll um ihre Tochter. Bis zum Ende hin ist nicht ganz klar, was Ninas Mutter eigentlich will.

Warum zeigen Sie in "Black Swan" so viele Spiegel und Spiegelaufnahmen? Ist das eine Obsession von ihnen?
Wir wussten immer, dass Spiegelmotive eine zentrale Rolle im Film spielen würden. Aus mehreren Gründen: Wenn man ein Ballettstudio betritt, dann sieht man überall diese breitflächig konstruierten Spiegel. Einfach darum, weil Ballerinas sich ständig selbst betrachten wollen, um ihre Position im Raum zu studieren. Tänzer fragen sich fortwährend, ob sie alles richtig machen. Eine befreundete Balletttänzerin hat mir einmal erzählt, dass sie, wenn sie beim Proben in den Spiegel schaut, sich gleichzeitig hasst und liebt. Ein Tänzer hat eine enge Reflexionsbeziehung zu sich selbst. Genau diese Haltung will der Film betonen, diese Doppeldeutigkeit, diese multiple Identität. Wir wussten, dass wir jene Spiegelsymbole strapazieren würden in Anlehnung an Horrorfilme, wo Spiegeleinstellungen Schockeffekte provozieren. Diese Strategie geht tatsächlich auf. Es macht einfach unglaublich viel Spaß, wenn ein Spiegelbild plötzlich ein Eigenleben bekommt.

Apropos Reflexionen: Haben Sie beim Drehen dieses Films auch etwas über sich selbst erfahren?
Naja, nicht mehr als jeder andere Mensch, der an einem Projekt arbeitet. Es gibt nicht viel Zeit zum Nachdenken, wenn man einen Film macht. Es ist wirklich sehr harte Arbeit. Die Lehrstunden bekommt man danach, wenn das Publikum den Film zu sehen bekommt. Erst dann beginnt die Zeit des Nachdenkens.

Herr Aronofsky. Vielen Dank für das Gespräch.
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