25.01.12

"Ich mag das Thema der spürbaren Last der Geschichte." - Interview mit Alexander Payne zu seinem Film "The Descendants"

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Nicht erst seit den Nominierungen für die Oscars gilt The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten von Alexander Payne (About Schmidt, Sideways) als einer der vielversprechendsten Neustarts in diesem an Attraktionen nicht gerade armen Kinojahr 2012. kino-zeit.de traf den "Typen vom Film", wie sich der Regisseur im Interview gern selbst nennt, zu einem Gespräch über Hawaii, das Privileg des "Final Cut" und die Angst vor zu viel Sentimentalität.

Welche Veränderungen machst Du bei Deinen Romanverfilmungen?
Payne: Ein Weg ist, das Buch ein paarmal zu lesen, beiseite zu legen und ein Drehbuch nach der Erinnerung zu schreiben; so als sei es ein Originalscript. Das hier habe ich eher mit dem offenen Buch auf dem Schreibtisch verfasst. Ich glaube nicht, dass ich eine Adaption eines sehr populären Buchs machen könnte, wo es eine große Erwartungshaltung seitens der Fans gibt.

Was zog Dich zu der Geschichte eines Ehemannes, der erst nach dem Tod seiner Frau ihren Betrug entdeckt?
Payne: Dass es so alptraumhaft ist und befremdlich. Einen abwesenden Workaholic-Vater, der ein besserer Elternteil wird, oder jemanden, der Untreue entdeckt, haben wir in unterschiedlichen Formen gesehen, doch nie in dieser Kombination und bestimmt nicht auf Hawaii.

Hast Du Dich in Hawaii verliebt?
Payne: Ich war schon vorher verliebt. Es ist ein seltsamer Ort da draußen. Es ist sehr provinziell mit einer kleinstädtischen Mentalität, sogar Bananenrepublik, aber mit dem ständigen Pulsieren der ganzen Welt. Man trifft in Honolulu Menschen aus Tonga, Fidschi, Tahiti, den Gilbert-Inseln, Marshall-Inseln, Tuvalu. Außerdem macht es Spaß "Tuvalu" zu sagen.

Scheust Du die typischen Hollywood-Momente?
Payne: Es ist schön, aufzusparen wenn jemand später in Großaufnahme vor der Kamera weint. Will man die ganze Zeit Geheule? Wer will so was sehen?

Der Tod tritt entspannt zwischen die Charaktere, die erst am Ende emotional werden.
Payne: Ich habe solche Angst einen sentimentalen Film zu machen, dass ich Distanz wahren will. Vielleicht ist das ein Drama, aber gedreht von einem Komödien-Regisseur. Emotionale Momente sollten verdient werden. Sie sollten rar sein, damit sie ihre Kraft behalten.

Hollywood will sie.
Payne: Schön für die. Ich bin nicht Hollywood. Ich bin nur irgendein Typ.

War es schwierig Sympathien für die Ehefrau zu erhalten, ohne sie sich ausdrücken zu lassen?
Payne: Es ist ein interessanter Aspekt des Films, dass die Charaktere und die Zuschauer ein ständig wechselndes Verhältnis zu dieser Frau hätten. Ich bin der Schauspielerin, die sie spielt, sehr dankbar.

Dachtest Du daran Rückblenden, zu verwenden?
Payne: Daran hatte ich kein Interesse. Sogar die Romanautorin mag keine Rückblenden, aber hat dennoch zwei oder drei Rückblenden im Buch. Ich mochte das Mysterium mehr.

Ist es schwer, auf Hawaii unberührtes Land wie das im Film zu finden?
Payne: Es ist ein ständiger Kampf, in Hawaii unberührtes Land unberührt zu lassen. Ich habe mir wohl zehn verschiedene Gebiete angesehen, bevor ich das auswählte.

Wie bedeutsam sind Wurzeln und Familienerbe für Dich?
Payne: Eine Geschichte ist spezifisch, aber die darunterliegenden Themen sind universeller. Außerdem mag ich das Thema der spürbaren Last der Geschichte. Welche Verantwortung hat man bezüglich seiner Wurzeln? Was erwarten andere Leute von einem bezüglich der eigenen Tradition? Oft werde ich gefragt: war das Thema der Familienbeziehung mit seinen Töchtern interessant für Dich? Und meine Antwort ist: Eigentlich nicht. Es ist präsent, aber nicht mein Lieblingsteil der Geschichte.

Welcher war das?
Payne: Die Suche nach Wahrheit. Diese Frau stirbt und plötzlich steht er diesen Rätseln gegenüber und will nur die verdammte Wahrheit wissen. Das ist auch ein sehr griechischer Gedanke wie bei Ödipus.

Die Versöhnung der älteren Tochter mit der Mutter wird vom Vater erzwungen. Glaubst Du man sollte sich mit Menschen versöhnen, nur weil sie sterben?
Payne: Im weiteren Sinne: ja. Vergebung, Versöhnung ist der einzig wahre Weg. Universelle Liebe. Wenn man LSD nimmt, ist das die Botschaft.

Du bist einer der wenigen Regisseure mit Final Cut.
Payne: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer einen hat und wer nicht. Nur, dass ich danach gefragt und ihn bei About Schmidt gekriegt habe. Danach ist es wie bei American Express: Geh niemals ohne los. Aber selbst wenn man keinen Final Cut hat, möchten die Studios nicht zu sehr in deinen Film pfuschen. Ich weiß, dass ich ihn leichter behalten kann, wenn ich das Budget meiner Filme niedrig halte. Meine Filme brauchen bloß einen Dollar einzuspielen, dann kann ich weiter Filme machen.

Ist es für die Studios wichtig, dass Du ihnen einen Star präsentierst?
Payne: Sideways war der erste Film, bei dem ich nicht unbedingt einen Star brauchte, um Finanzierung zu erhalten. Mit einem Star scheinen alle etwas großzügiger zu sein, aber ich habe nie soviel Geld gebraucht, um einen Film zu machen. Ich glaube nicht, dass Regisseure jemals Kompromisse bei der Besetzung machen sollten. Das wichtigste Element eines Films ist, wer spielt den Protagonisten. Wie ich zuvor sagte, man ist immer davon gefangen, wer während der sechsmonatigen Casting-Zeit berühmt ist.

Gibt es einen gemeinsamen Nenner all Deiner Filme?
Payne: Es geht immer um Alltagsereignisse vor dem Hintergrund einer im Grunde trübsinnigen Geschichte.

Was sagt das über Dich aus?
Payne: Das müsst ihr selbst raus finden. Ich bin nur ein Typ vom Film.

(Das Gespräch führte Lida Bach)
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