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12 21/11

"Ich habe natürlich die Ambition, mich in Hollywood durchzusetzen" - Stefan Ruzowitzky im Gespräch über "Cold Blood – Kein Ausweg, keine Gnade"

© Studiocanal
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Tags: Stefan Ruzowitzky
Seitdem er im Jahr 2007 mit Die Fälscher den Oscar für den besten nicht-amerikanischen Film gewann, hat sich bei Stefan Ruzowitzky einiges getan: Cold Blood - Kein Ausweg, keine Gnade sein erster Film, der in den USA produziert wurde, steht kurz vor dem Kinostart und zeigt einmal mehr, dass der Schritt nach Hollywood nach wie vor die logische nächste Stufe auf der Karriereleiter erfolgreicher europäischer Regisseure ist.

Unsere Autorin Anne Facompre traf sich mit dem Regisseur, um über seinen neuen Film, seine Zukunftspläne und Hollywood zu sprechen.

Wie kommt man von einem Nazi-Drama (Die Fälscher) zu einem Kinderfilm (Hexe Lilli) und jetzt zu Cold Blood?

Na ja, ich glaube, der Sprung ist gar nicht so groß, wie er zunächst scheint. Ich denke, es gibt da schon wiederkehrende Themen und Charakterkonstellationen, die sich durch meine Filme ziehen. Und ich habe auch immer so etwas Opern-haftes, so ein großes Gefühl in meinen Werken. Ich reize die Gefühle gerne aus und gebe immer Vollgas. Filme, die mit feiner Klinge gemacht werden müssen, sind eher nicht so das Meine.

Wie viele Angebote haben Sie nach Ihrem Oscar denn bekommen?

Mit den Angeboten ist das immer so ein Missverständnis, bei der Frage muss ich immer lächeln. Man denkt, ich wäre der deutsche Jungregisseur, der nach Hollywood geht und 30 Angebote bekommt. In Wahrheit ist es aber so, dass es 30 Drehbücher sind. Teilweise sind da pro Buch fünf andere Regisseure im Gespräch, oder die Drehbücher lagen bei irgendwem fünf Jahre lang im Schrank. Es gibt ganz sicher kein Angebot im Sinne eines deutschen Produktionsablaufes. Es ist eher so, dass man ein unfertiges Drehbuch bekommt, an dem noch viel gearbeitet werden muss. Wenn man dann soweit ist, dass man sich nach Schauspielern umsieht, dann sieht es meistens so aus, dass 94% dieser Projekte gar nicht erst stattfinden. Das System sieht so aus, dass du vielleicht zehn Drehbücher hast, die dir gefallen und du versuchst, sie alle gleichzeitig voran zu treiben. Am Ende hängt es dann aber alles von den Stars ab. Wenn Brad Pitt sagt, er findet eines der Projekte interessant, dann funktioniert das. Aber bei den vielen Büchern, die keinen der vielleicht 15 A-List Stars abkriegen, die sind dann ohne die großen Namen nicht finanzierbar. Auch, wenn es vielleicht tolle Stories sind.

War es denn so, dass die Produzenten beim Schneiden des Films mit eingegriffen haben und einiges in ihrem Sinne verändern wollen?

Da gab es eigentlich keine gravierenden Eingriffe. Uns fiel schnell auf, dass, wenn man an einem der Erzählstränge etwas verändert, das auch einen Einfluss auf all die anderen Geschichten hat. Da wäre dann leicht etwas aus dem Lot geraten. Wir haben ein paar grobe Umstellungen gemacht, bis der Film dann funktionierte. Aber es kann natürlich passieren, dass bei dem Prozess Schnittstellen entstehen können, die vielleicht etwas unstimmig wirken. Aber es war zu keinem Zeitpunkt so, dass der Produzent reinkam und meinte "Das müssen wir jetzt ganz anders machen!". Ich hatte Glück, meine Produzenten waren in den Schnittprozess sehr eingebunden und haben sich die Fortschritte immer angeschaut und manchmal Vorschläge gemacht. Ich hatte aber das Glück, dass nie jemand sagte "Ich habe gezahlt und du schneidest das jetzt raus." Das ist das einzig Unangenehme, was einem passieren kann. Bei Cold Blood war das glücklicherweise nicht der Fall.

Dass der Produzent dem Regisseur den Film kaputt machen könnte, ist ja ein bekanntes Hollywood-Klischee. Als Sie nun das erste Mal rübergingen, hatten Sie da Klischees, die sich bestätigt haben, oder eben nicht?

Der große Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Film ist sicherlich der Entstehungsprozess, wie ich vorhin schon sagte. Das ist mir erst im Nachhinein richtig bewusst geworden, aber es war erst wenige Wochen vor Drehbeginn wirklich entschieden, dass der Film gemacht wird. Dabei waren wir schon wochenlang mit den Vorbereitungen beschäftigt. In Europa hat man einfach wesentlich mehr Planungssicherheit. Aber sobald man am Set steht, ist es nicht viel anders. Bei den Schauspielern ist es wie überall: mit manchen kann man besser, mit anderen nicht so gut.

War es denn also eher so, dass die Schauspieler das Projekt erst wirklich ermöglicht haben?

Naja, also es gab das Buch, dann kam ich dazu und hatte offensichtlich ähnliche Vorstellungen wie die Produzenten. Dann geht die Suche nach den Stars los. Man braucht eben jemanden, mit dem man den Film produziert bekommt. Als wir Eric Bana an Bord hatten, wussten wir, dass es klappen würde. Er galt auch bei seinen Kollegen als eine Art Qualitätsgarant. Dann ging das Casting los. Für Olivia Wilde's Rolle haben zum Beispiel so gut wie alle Schauspielerinnen in der Altersklasse vorgesprochen. Es ist eben auch ein guter Part für junge Mädchen, weil sie mehr als nur ein Love Interest sein dürfen.

Hatten Sie Angst, dass Ihnen ein ähnliches Schicksal widerfährt wie Florian Henckel von Donnersmarck mit „The Tourist“? Der war ja nicht besonders erfolgreich.

Ich habe natürlich die Ambition, mich in Hollywood durchzusetzen und der erste Film entscheidet da viel. Ich glaube aber, dass Cold Blood von der Größe her der vernünftigere Weg ist. Das ist ja doch noch ein relativ kleineres Projekt, bei dem meine eigene Handschrift als Regisseur wichtig ist. Hier ist nicht so viel Geld im Spiel und daher ist der Druck auch geringer. Aber natürlich, wenn mir jemand 80 Millionen in die Hand gedrückt und Johnny Depp und Angelina Jolie vor die Nase gestellt hätte, dann hätte ich auch zugegriffen und wäre sehenden Auges in mein Verderben gelaufen. Aber, wie gesagt, das gesündere ist schon eher ein Projekt wie Cold Blood, wir hatten "nur" 12,5 Millionen. Das ist einfach eine andere Liga. Da kann man dann auch sagen, dass man nicht ganz so mainstream-mäßig sein kann. Wir konnten ein bisschen was riskieren. Wir haben eher eine Zielgruppe angesteuert, die den Film dann wirklich mögen soll. Dann verzichten wir lieber auf andere, denen der Film vielleicht zu brutal oder zu wenig politisch korrekt ist.

Wie schwer war es für Sie, einen Film zu drehen, der inhaltlich sehr amerikanisch ist? Man merkt ja eigentlich gar nicht, dass ein europäischer Regisseur am Werk war.

Danke, das sehe ich durchaus als Kompliment. Das war auch mein Anspruch. Es kommt ja vor, dass europäische Regisseure Filme machen, bei denen die Amerikaner dann sagen "Was? Das spielt aber nicht bei uns!" Genau aus dem Grund hatte ich ein rein amerikanisches Team. Das war durchaus ein Wagnis, weil ich mit niemandem von ihnen zuvor gearbeitet hatte. Wenn ich hier drehe, lege ich immer Wert darauf, auch vertraute Leute dabei zu haben. Ich dachte, bei einer Geschichte, die im heutigen Amerika spielt, wäre es interessant, wenn ein bisschen meiner Außenperspektive mit einfließt. Aber ansonsten wollte ich schon, dass der Film authentisch amerikanisch wird. Sonst hat man drüben überhaupt keine Chance. Nicht, wenn die Amerikaner das Gefühl haben, wir Europäer wollen ihnen das Leben erklären. Bei der Thanksgiving Szene war es zum Beispiel so, dass sich die Frage stellte, ob Sissy Spaceks Figur die Nachspeise verteilen sollte, oder ob sie rumgereicht werden sollten. Ich dachte, dass es kameratechnisch besser wäre, wenn sie von einem zum nächsten geht, aber da ging schon fast ein Aufschrei durch die Reihe meiner amerikanischen Crew. Anscheinend ist es beim Thanksgiving Dinner Tradition, dass das Essen rumgereicht wird. Das hätte ich also grundlegend falsch gemacht.

Was reizt Sie denn so an Amerika? Was ist der Ehrgeiz, der dahinter steckt?

Zum Einen ist es so, dass ich einfach mal in dem amerikanischen System etwas machen wollte. Dann ist es aber natürlich auch so, dass, wenn man eine Liebe zum Pop-Mainstream-Kino hat, dann ist Amerika einfach das El Dorado. Die nehmen das ganze Entertainment wirklich ernst. In Amerika hat am Montag einfach jeder den größten Blockbuster des Wochenendes gesehen. Da ist das wirklich Thema. Bei uns ist das einfach nicht so der Fall. Und wenn man in den USA mit den Dingen, die man macht, bestehen kann, dann ist das schon sehr ehrenvoll.

Also würden Sie gerne wieder in Amerika drehen?

Der große Luxus wäre, wenn man zwei gute Standbeine hat. Das amerikanische Standbein müsste ich da sicher noch mal verfestigen, mit einer größeren Produktion. Aber das wäre ideal.

Haben Sie da Traumvorstellungen, mit welchen Schauspielern Sie gerne einmal arbeiten würden?

Das wechselt so schnell. Es war auch beim Casting zu Cold Blood eine Art Lotteriespiel. Gerade bei den jungen Darstellern. Ich hab dann zum Beispiel auch Jessica Chastain getroffen. Die kannte damals noch niemand, nur die Casterin meinte, dass sie einmal ganz groß herauskommen würde. Und das ist dann ja auch eingetreten. Olivia Wilde kannte auch kaum jemand und nun ist sie wegen Tron und Cowboys & Aliens trotzdem ein Begriff, auch, wenn die Filme gefloppt sind. Und bei den jungen Männern habe ich Chris Hemsworth getroffen. Sein Lebenslauf bestand damals aber aus 2,5 Minuten „Star Trek“ und einer australischen Daily Soap. Thor oder Cabin in the Woods waren damals noch nicht draußen. Daher ist das wirklich immer ein bisschen Glückssache und man verlässt sich auf die Caster, die dir sagen, wer gerade durchstartet oder auf dem absteigenden Ast ist. Man sucht dann schon sehr projektbezogen aus. Dann denkt man vielleicht, dass Ryan Gosling super ist, aber dann bekommt man ein Buch und denkt, dass er da vielleicht genau der Falsche ist. So groß ist die Liebe zum einzelnen Star dann doch nicht.

Wenn man sich in den USA ein Standbein aufbauen möchte, muss man doch aber eigentlich mit Sack und Pack dorthin, so wie es Christoph Waltz gemacht hat, oder nicht?

Als Schauspieler muss man das auf jeden Fall. Als Regisseur ist es sicherlich hilfreich, einfach wegen des Networkens. Darin bin ich aber eh nicht gut und für mich ist das keine Option. Ich habe zwei Kinder, die 15 und 13 sind und da kann ich nicht einfach mal eben rübergehen. Es hat über drei Jahre gedauert, bis Cold Blood zu Stande gekommen ist und ich kann meine Familie nun auch nicht drei Jahre in Los Angeles durchfüttern, in der Hoffnung, dass sich etwas ergibt. Dort zu wohnen wäre sicherlich hilfreich. Aber Dank Skype geht das zum Glück auch so. Besonders, wenn man bereit ist, ab und zu einfach für ein paar Tage in die USA zu fliegen. Als Schauspieler ginge das sicherlich nicht.

In den USA ist der Film "Rated R", also nicht für Kinder oder Jugendliche freigegeben. Was halten Sie von dem amerikanischen Altersfreigabesystem im Vergleich zum europäischen?

In den USA ist das einfach sehr standarisiert. Da kommt es nur auf eine bloße Brust an und schon ist der Film quasi ab 18. Bei uns geht es ja mehr um die Verbindung von Sex und Gewalt, dann wird es heikel. Das amerikanische System ist für Europäer schon schwer zu verstehen. Sex ist da absolut Tabu und Gewalt fällt rein gar nicht ins Gewicht. Als ich neulich in den USA war, lief Samstagmorgens um 10 Uhr Sieben im Fernsehen. Ein toller Film, aber zu einer Zeit, zu der vor allem Kinder vor dem Fernseher sitzen, müsste das vielleicht nicht sein. Bei Nacktheit oder Schimpfwörtern sind die Amerikaner eben ganz streng, aber wenn jemand aufgeschlitzt wird, ist das egal. Das ist schon absurd.

Wie viel steckt von Ihnen selber in Cold Blood, obwohl sie das Script nicht selber geschrieben haben?

Mit dem Autoren lief das alles sehr gut und ich hatte schon das Gefühl, mich gut einbringen zu können. Wir sind gemeinsam ganz genau durch das Drehbuch gegangen und haben dann zusammengearbeitet und eine gemeinsame finale Fassung abgegeben.

War es schwer, die Landschaft und die Szenerie für den Drehort zu finden?

Die Landschaft zu finden war nicht schwer. Wir hatten das große Glück, dass es ein sehr kaltes Jahr war und dadurch hat das sehr gut gepasst. Aber die Schneesturmszenen waren ein Albtraum. Die Windmaschinen sind unglaublich laut und wir haben in einem Naturschutzgebiet gedreht, da brauchten wir dann biologisch abbaubaren Kunstschnee. Der bestand aus Hefe und wenn die nass wird, wird sie zu einem klebrigen Schleim. Das war nicht so spaßig.

Haben Sie schon ein nächstes Projekt in Planung?

Ich befinde mich gerade wieder in der Phase, in der ich einige Projekte im Kopf habe. Ich hoffe natürlich, dass Cold Blood da auch ein bisschen helfen wird. Dass die amerikanischen Produzenten sehen, dass ich mit Stars und mit dem wirtschaftlichen Druck umgehen kann. Das ideale wäre, wie gesagt, abwechselnd in den USA und in Europa arbeiten zu können. Das wäre ein Traum.

Warum passiert in Österreich momentan eigentlich gerade so vieles, wenn es um Film geht?

Ich glaube, das liegt an dem merkwürdigen Luxus, den wir in Österreich haben. Wir wissen, dass das Land so klein ist, dass es praktisch unmöglich ist, dass ein Film sein Geld einspielt. Und deswegen ist das ganze Denken der Fördersysteme nicht von den Einspielergebnissen abhängig. Die Fälscher war zum Beispiel eine deutsch-österreichische Co-Produktion. Aus beiden Ländern kam gleich viel Geld. Das österreichische Geld einzutreiben war aber viel einfacher als das deutsche. Denn in Deutschland musst du erst nachweisen, dass ein KZ/Holocaust Film wirtschaftliches Potential hat. In Österreich muss man die Leute lediglich überzeugen, dass es ein guter Film ist. Haneke ist da ein gutes Beispiel. Er hat Jahre lang Filme gemacht, die niemand gesehen hat. Aber da hat man gesagt, dass sie trotzdem gut waren und hat ihn gefördert. Und irgendwann war er dann eben richtig erfolgreich. Da lohnt sich das im Nachhinein.

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