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13 29/05

"Ich glaube, dass es in Filmen stets um die Fragen geht, nicht um die Antworten" - Interview mit Olivier Assayas

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Tags: Interview, Siebziger Jahre, Politik, Frankreich, Olivier Assayas
Der Film Die wilde Zeit zeigt die Nachwehen des Revolutionsmonats Mai 1968. Er spielt 1971, als die französische Linke noch stark war, aber auch zerrissen. Gilles, Kunststudent, linksradikal und anarchistisch, lässt sich durch die revolutionären Zeiten treiben und sucht dabei seinen Weg, politisch, künstlerisch, persönlich. Anne Facompre hat sich mit dem Regisseur Olivier Assayas unterhalten.

Wie viele Ihrer eigenen Erfahrungen und Ihrer eigenen Entwicklung als Filmemacher in jener Zeit haben Sie in "Die wilde Zeit" mit einfließen lassen?

Das kommt auf die Sichtweise an. In gewisser Weise basiert fast der ganze Film auf meinen eigenen Erfahrungen. Er basiert auf Erinnerungen, Fakten, auf Dingen, die ich beobachtet habe. Sehr weniges ist reine Fiktion. Aber gleichzeitig ist alles fiktionalisiert worden, wie man es auch bei einem Roman getan hätte. Denn es ist ein Film, und in einem Film kann man mit den ganzen kleinen Genauigkeiten nicht so umgehen, wie man es vielleicht in einer Autobiografie getan hätte. Ich habe also viel Persönliches mit einfließen lassen, aber ich habe diese Elemente eher wie Bausteine verwendent, um etwas Größeres zu schaffen. Die ganze Logik des Filmemachens steht im krassen Gegensatz zur autobiografischen Erzählweise. Letzten Endes sind dann auch viele andere Dinge wichtig, so wie das richtige Casting und die passenden Sets. In dem Drehbuch fasst man dann auch die Erlebnisse mehrerer Jahre zusammen, es ist also alles stark gekürzt. Ich würde sagen, es ist so was wie eine fiktionalisierte Autobiografie meinerseits. Letzen Endes ist der Film der kollektiven Geschichte aber näher als meiner Persönlichen. Ich glaube, Die Wilde Zeit ist der einzige Film, in dem ich meine eigenen Erlebnisse zu etwas Größerem habe werden lassen, und das ist die kollektive Geschichte einer ganzen Generation. Ironischerweise benutze ich also viele eigene Erlebnisse, erzähle damit aber die Geschichte vieler Menschen.

Es ist das zweite Mal, dass Sie sich mit der Jugend auf diese Art und Weise auseinandersetzen. Gibt es Dinge, denen Sie nun auf den Grund gehen wollten, die Sie bei "L'eau froide" (1994) versäumten?

Ich war mit L'eau froide wirklich sehr zufrieden, ich habe den Film geliebt und war stolz auf ihn, aber was mich nie losließ, war eine gewisse Frustration darüber, dass ich die Details des Ganzen nicht wirklich zur Geltung brachte. Der Film war eher eine poetische Repräsentation der Siebziger Jahre und ich bin nicht so sehr auf die Details gewisser Dinge eingegangen. Wie es zum Beispiel in damaligen Schulen ablief, oder die ganze Counter Culture. Und ich habe mich in L'eau froide auch nicht mit der Kunst an sich auseinandergesetzt, damals war mir das in der Zeit besonders wichtig. Trotzdem habe ich es versäumt, jegliche Art von künstlerischem Ausdruck mit einzubringen, wie bei Die wilde Zeit zum Beispiel die Filmemacherei. Ich war mir nie sicher, ob ich noch einmal die Gelegenheit bekommen würde, all dies umzusetzen, aber es ließ mich nie los. Daher bin ich natürlich besonders froh, diesen Film nun gemacht zu haben und einige Dinge noch einmal neu aufrollen zu können. Es geht um die selbe Zeit, aber die Perspektive ist eine andere.

"Die wilde Zeit" wirkt manchmal auch wie eine ganz persönliche Perspektive. Als würden Sie Ihre eigene Herangehensweise an die Filmemacherei darstellen.

Ja, das stimmt. Wenn es etwas gibt, das an dem Film wirklich persönlich ist, dann ist es der seltsame Weg, der mich zur Filmemacherei brachte. Wenn man einen Film wie Die wilde Zeit zusammenfassen will, dann geht es quasi um einen Jungen, der Tinte auf ein Blatt Papier spritzt und dann auf einmal dahinter steigt, dass man das wahre Leben auch durch eine Kamera beobachten kann. Und so war es bei mir auch. Von einer so abstrakten Kunstform wie der Malerei bin ich plötzlich an die Filmemacherei gekommen. Das war schon ein kurioser Werdegang. Und der ist im Film natürlich dargestellt. Gilles Geschichte ist also meiner sehr ähnlich. Die anderen Figuren im Film basieren eher auf Freunden, die ich hatte, oder auf anderen Menschen. Aber Gilles wiederum existiert nur so, wie er es tut, wegen der Menschen, die ihn umgeben. Damit wären wir dann wieder bei der allgemeinen, kollektiven Geschichte der ganzen Generation. Es ist dieses Zusammenspiel, das den Film ausmacht.

Und natürlich ist Gilles Geschichte auch von der Zeit beeinflusst, in der sie spielt. Wie Sie schon sagen, es geht ja gar nicht so sehr um die Einzelschicksale, sondern um eine ganze Ära...

Ja, was ich in dem Film sagen will, ist, dass das die Zeit war, in der ich aufwuchs. Und die Siebziger wurden durch gewisse Fragen geformt. Fragen, die bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zurückreichen. Wie die Diskussionen über Avantgarde im Gegensatz zu der sozialen Wirklichkeit zum Beispiel. Künstlerische, ästhetische Fragen. Wir waren damals besessen von solchen Dingen, um die man sich heutzutage gar nicht mehr kümmert. Ich möchte sagen, dass ich aus einer Welt komme, in der man sich über seine eigenen Antworten auf eben solche Fragen definierte. Man konnte dem gar nicht aus dem Weg gehen, man musste anerkennen, dass diese für uns so grundlegenden Fragen existierten. Ich habe 30 Filme gemacht und es ziemlich klar verlauten lassen, dass ich mich als Geschichtenerzähler sehe. Und zwar als einen, der in seinen Filmen die wahre Welt repräsentiert. Aber was auch immer ich in meinen Filmen darstelle, ist nichts weiter als eine Antwort auf künstlerische Fragen, die ich mir in den Siebzigern gestellt habe.

Würden Sie sich wünschen, dass es solche Diskussionen auch heute noch unter jungen Filmemachern gäbe?

Wenn man heute über diese Dinge redet, dann ist das anders. Die Sprache, die man heute benutzt, ist vielleicht etwas verrückter, aber im Zusammenspiel mit der heutige Zeit nicht weniger relevant. In den Siebzigern hatten wir keine 100 Fernsehsender, DVD-Player oder das Internet. Junge Filmemachern waren damals besessen von der Idee, dass es alternative Informationskanäle geben müsste, die eben nur durch junge, militante Filmemacher geschaffen werden konnten. Wir wollten die Arbeiter filmen und ihre Schwierigkeiten darstellen, denn das war damals geschichtlich gesehen sehr wichtig. Unsere Sprache war sehr dogmatisch, aber es hat uns etwas bedeutet, denn das, was wir tun wollten, tat sonst niemand. Aber eben weil diese Zeit so dogmatisch war, glaubte man, dass wir, wenn wir das eine taten, wir nichts anderes tun konnten. Ich will damit sagen, dass wir glaubten, wir müssten uns für eine Seite entscheiden. Wenn wir den Kampf der Arbeitergesellschaft realistisch darstellen wollten, dann bedeutete das, dass wir keine fiktiven Filme drehen durften. Das war eine komplexe Debatte. Ich glaube, das ist heute ganz anders.

Haben Ihre Darsteller diese Debatte verstanden? Sie sind ja alle noch sehr jung.

Nein, ich glaube, sie haben die sozial-politischen Implikation nicht verstanden. Sie sind alle sehr schlau und zielorientiert und ich glaube, sie definieren sich auch in gewisser Weise als Rebellen. Aber unsere damalige Denkweise und die Dynamik der Zeit konnten sie sicherlich nicht nachvollziehen. Für mich war das ein bisschen seltsam, weil mir nicht bewusst war, wie wenig die heutige Jugend von der sozialen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts weiß.

Wenn Sie sich die heutige Generation ansehen, wünschen Sie sich manchmal, dass die jungen Leute heute politisch aktiver und involvierter wären?

Ich glaube, dass man nie besser sein kann, als es einem die Zeit, in der man lebt, erlaubt. Die Siebziger waren ja an sich nichts besonderes. Es war eine furchteinflößende Zeit, weil die Energie alles einnahm. 1968 hatte man in Frankreich das, was am nächsten an eine Revolution herankam. Sie hätten fast die Regierung überworfen. Also wurden wir von dieser Welle getragen. Auf der ganzen Welt gab es diese Jugendbewegung und wir fühlten uns von etwas sehr Mächtigem angetrieben. Die Jugendlichen meiner Generation waren politisch aktiv, weil sich zu dem Zeitpunkt alles darum drehte. Es war ihre Gegenwart. Man war überzeugt, dass die alte Welt zurückgelassen werden musste. Man glaubte ganz fest daran, dass eine Revolution kurz bevorstand. Also wurde man von diesem Aufschwung mitgerissen. Und weil wir uns damit indentifizieren wollten, belasen wir uns, was politische Geschichte angeht. Die russische Revolution, der spanische Bürgerkrieg, Marxismus, all diese Dinge. Nicht, weil es uns persönlich interessierte, aber weil es relevant war. Und nur indem wir über die Fehler der Vergangenheit lernten, würden wir in der Lage sein, es bei der kommenden Revolution richtig zu machen. Es gab diesen Glauben an die Zukunft, der durch ein Interesse an der Vergangenheit definiert wurde. Wir hatten unglaubliche Hoffnung. Und ich glaube, das gibt es jetzt nicht mehr. Diese unbegrenzte Hoffnung auf die Zukunft existiert nicht mehr und daher gibt es auch weniger Interesse, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Aber ich denke, dass es immer noch viele junge Leute gibt, die sich für die Politik ihrer Zeit interessieren. Das kommt wieder. Es ist eine andere Welt.

Sehen Sie sich und Ihre Generation da in der Verantwortung? Ist es Ihre Schuld, dass es so gekommen ist?

Nein, das denke ich nicht. Ich glaube einfach an das Rad der Zeit. Ich glaube nicht, dass die Menschen sich von der Politik entfernt haben. Im Gegenteil, die Politik hat sich von den Menschen entfernt, so habe ich es empfunden. Die Welt veränderte sich und die Leute hatten auf einmal weniger Einfluss. Man bewegte sich von ihnen weg und überließ sie sich selber. Ich habe wirklich das ganz starke Gefühl, dass diese Dinge einfach passieren. Die Welt dreht sich weiter, Dinge verändern sich. Ich bin ein Filmemacher, kein Politiker, daher kann ich nur sagen, was ich sehe. Ich glaube, der Fehler der europäischen Linksbewegung war Dogmatismus. Man ging sehr unvorsichtig mit totalitären Ideologien um. Besonders mit denen, die in China oder Russland vorherrschten. Die Linken waren gegen den Kommunismus, aber man schreckte sehr davor zurück, die Menschenrechtsproblematik dort zu konfrontieren. Ich glaube, die starke Linksbewegung hat sich irgendwann einfach zum Terrorismus entwickelt, was alle erschreckte und dafür sorgte, dass man sich abwandte. Europäischer Terrorismus ist die letzte desaströse Institution, die aus der Linksbewegung hervorging. Das führte zu dem Zusammenbruch einer Bewegung, die die Hoffnung so vieler Menschen trug.

Wenn Sie ein finales kurzes Statement abgeben könnten, das Ihren Film und die Zeit beschreibt, was würden Sie sagen?

Ich glaube, dass es in Filmen stets um die Fragen geht, nicht um die Antworten. Eine zentrale Sache ist, dass die Siebziger immer missrepräsentiert wurden. Entweder stellt man sie als Karikatur von dem dar, das wirklich war, oder man idealisiert sie. Und beides ist falsch. Es ist sehr einfach, sich über diese Zeit lustig zu machen. Alles war bunt und easy-going. Aber nichts davon war lächerlich. Alles ging darum, die materialistischen Wertevorstellungen der Zeit in Frage zu stellen und einen Bruch mit der Gesellschaft zu erlangen. Und wenn man die Zeit idealisiert, dann lässt man die ganzen Konflikte außer Acht. Die politische Meinung war nicht einfach, sie war kompliziert. Es gab die radikalen Linken und die Counter Culture. In der Erinnerung vieler fließt das einfach zusammen, dabei war die Lage sehr antagonistisch und die beiden standen sich gegenüber. Es war nicht einfach nur dieses entspannte Hippieflair, an das viele denken.

(Anne Facompre)

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