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11 21/07

"Ich finde Filme spannend, die sich erlauben Filme zu sein" - Interview mit Peter Luisi über seinen Film "Sommersandtraum"

© Neue Visonen
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Beim Festival um den Max Ophüls Preis war Sommmersandtraum des Schweizer Regisseurs Peter Luisi der Publikumsfavorit. Heute startet der Film in den deutschen Kinos. Kirsten Kieninger hat den Regisseur während der Kinotour seines Films in Heidelberg getroffen.

"Ein Filmemacher sollte versuchen, die Filme zu machen, die er auch selber sehen möchte." Mit diesem Satz wirst du im Presseheft zu Ein Sommersandtraum zitiert. Dein neuer Film ist eine romantische Liebeskomödie, die schön skurril und fast surreal daherkommt.

Ich finde Filme spannend, die sich erlauben Filme zu sein, also ein bisschen eine überhöhte Realität haben. Das war bei meinen anderen Filmen auch so. Das ist eine Freiheit des Kinos, die man sich unbedingt nehmen muss, weil man so die Möglichkeiten vom Geschichtenerzählen ausschöpfen kann.Wenn man limitiert ist durch die absolute Realität – so ist das echte Leben, so muss der Film auch sein – dann finde ich das eigentlich ziemlich langweilig.
Man sollte als Filmemacher nicht unterschätzen, dass der Zuschauer bereit ist auf etwas einzugehen, sonst wäre er nicht im Kino. Darum kommt er ja eigentlich: um eine Geschichte erzählt zu bekommen. Die Geschichte kann ja trotzdem Wahrheit enthalten, auch wenn sie nicht voll in der Realität verankert ist.

Die Hauptfigur Benno teilt seine Träume mit Sandra. Im übertragenen Sinne, aber auch ganz praktisch. Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit wird ja oft und gerne gespielt in Filmen. Trotzdem habe ich bei Ein Sommersandtraum weniger an Inception denken müssen, als an "Der goldene Topf" von E.T.A Hoffmann, ein romantisches fantastisches "Märchen aus der neuen Zeit" von 1814. Wo lagen deine Einflüsse, als du das Drehbuch entwickelt hast? Was war dein Ausgangspunkt?


Die Idee war, dass jeder Mensch zwischen seinem "schlechtesten Ich" und seinem "besten Ich" lebt, wie ich finde. Eine Idee bei der Konzeption des Drehbuchs war: Was wäre, wenn wir hundert Prozent ehrlich sein könnten mit uns selber und mit den anderen, was wäre dann?
Der Traum ist eigentlich ein Mittler zwischen dieser Idealwelt und der echten Welt, die beide parallel verlaufen. Und in der einen, in der sie die beste Form ihrer selbst sind, sind sie ineinander verliebt. Sie sind liebenswert und liebend. In der echten Welt sind sie verknorrzt und regen sich übereinander auf – wie es halt im Leben eben ist. Und da wird der Traum als Tür von der einen in die andere Welt gebraucht. Und mir hat die Idee gefallen, dass man jemanden nicht ausstehen kann, aber dann doch im Traum deutlich in diese Person verliebt ist – und auch beide gegenseitig. Das fand ich eine spannende Situation.

Benno ist ja im echten Leben ein echter Kotzbrocken. Ein regelrechtes Arschloch, mit dem die Zuschauer trotzdem Sympathie haben. War diese Gratwanderung mit der Hauptfigur schwierig ?


Die gelungene Gratwanderung hat ganz viel mit dem Schauspieler Fabian Krüger zu tun, der es schafft sympathisch zu bleiben. Was er laut Drehbuch machen muss ist einfach von A bis Z unsympathisch. Aber er hat den Charme und den Witz, dass man ihm das alles verzeiht und trotzdem zuschauen möchte.

Benno verliert Sand. Sand ist tatsächlich eine wunderbar vielseitige Metapher: jemandem Sand in die Augen streuen, etwas in den Sand setzen, Sand im Getriebe haben, den Kopf in den Sand stecken, etwas auf Sand bauen, wie Sand durch die Hände rinnen, und sogar die Zeit verrinnt in der Sanduhr. Mit all diesen Assoziationen spielt der Film. Wie bist du auf Sand gekommen?


Damals in der Filmschule war eine Aufgabe, einen Film nur mit Bildern zu machen. Wenn nicht über den Dialog, sondern in Bildern erzählt wird, dann ist das immer viel spannender. Auf der Suche nach der Lösung ist mir die Idee gekommen, dass ein Mann zu Sand zerrinnt. Das habe ich dann in diesem Kurzfilm umgesetzt. Das hat mir wahnsinnig gefallen und ich dachte immer: Da liegt eigentlich mehr drin als dieser Kurzfilm, weil es ja sehr viel mit sich bringt, dieses Zerinnen von Sand, die Substanz, die Zeit rinnt davon. Gleichzeitig ist es auch einfach eine witzige Situation: Was, wenn du plötzlich merkst, dass du Sand verlierst? Es ist auch lustig, wenn ich Leuten den Plot erzähle, die fragen immer: "Um was geht's? – Ein Mann verliert Sand. – Was verliert er??? – Sand." Das ist so ungewöhnlich, das erwartet man nicht. Das Ziel ist, einen unterhaltenden Film zu machen, der aber auch etwas aussagt. Und diese Idee bringt das zusammen.

Wie habt ihr den ganzen Sand beim Dreh gemanagt? Habt ihr wirklich tonnenweise Sand in die Wohnung geschippt?


Ja, aber der Produktionsleiter hat irgendwann ausgerechnet, dass – wenn überall 20 cm Sand liegen – der Boden einkracht. Dann haben wir von unten gestützt. Wir haben drei Tonnen Sand gekauft und in der Wohnung verteilt. Wenn es dann wirklich so hoch geht, dann ist das unterbaut mit Plastik-Harassen. Ich glaube, wir waren schon schwer an der Grenze.

Ein Sommersandtraum wurde nicht nur beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, der Film hat auch schon bei einigen US-amerikanischen Festivals Preise gewonnen. Hat dich überrascht, dass die fantastischen Elemente und der skurrile Humor auch in anderen Ländern so gut ankommen?

Ja, das hat mich schon überrascht. Ich bin eigentlich extrem froh, dass der Film so ankommt. Er ist schon sehr schräg, aber ist auch sehr kompliziert. Wenn Benno den Traum steuern kann und Sandra dann mit in den Traum kommt, und dann das Konzert und die "Neun" und das das die Lösung ist... Man mutet dem Zuschauer extrem viel zu. Wenn ich im Kino sitze und mir viel zugemutet wird und ich verstehe es, dann habe ich eine Riesenfreude, weil ich stolz bin auf mich, dass ich das begriffen habe. Wenn ich es aber nicht verstehe bei gewissen Filmen, dann schaltet man ab oder man regt sich auf, weil da auf einmal irgendwas willkürlich passiert. Das war bei diesem Film meine Angst, dass man da den Zuschauer verliert und er nicht mehr der Geschichte folgt. Es ist nicht so, dass man dann trotzdem unterhalten wird, sondern es funktioniert einfach nicht mehr. Die Preise zeigen: obwohl der Film eine nicht kommerzielle schräge Geschichte erzählt, funktioniert er doch auch für ein großes Publikum und wird geschätzt. Und das finde ich super.

Der Originaltitel ist Der Sandmann. In Deutschland kommt der Film als Ein Sommersandtraum in die Kinos. Warum wurde der Titel geändert?

Der Verleih war der Meinung, dass Der Sandmann zu stark an das Sandmännchen erinnert und auch an die berühmte Geschichte vom E.T.A. Hoffmann. Und dann gab es auch noch den gleichnamigen Film mit Götz George. Wir waren auf der Suche nach einem Titel für die Schweiz und ganz lange hieß der Film Benno im Sand. Das kam aber überhaupt nicht an und das war auch irreführend, weil es zu klamaukig wirkte. Dann dachten wir, machen wir es so simpel wie möglich: Der Sandmann. Der deutsche Verleih fand aber, dass das doch nicht geht – auch weil das in Deutschland im Osten noch viel zu sehr an das Sandmännchen erinnert.

Der Sommersandtraum ist deine dritte lange Regiearbeit. Auch Verflixt Verliebt und Love Made Easy waren skurrile Liebes-Komödien...

Ja immer. Sie wurden aber immer auch ein bisschen weniger lustig (lacht). Also nicht, weil sie nicht lustig sind. Die ersten waren: Komödie, Komödie. Und das nenne ich jetzt ein Comedy-Drama.

Ist da eine Tendenz? Zieht es dich als Regisseur woanders hin?


Mein neuer Film ist ein Drama. Aber eigentlich mache ich extrem gerne Komödien. Ich liebe das: Wenn du im Kinosaal sitzt und das Publikum lacht.
Wenn Zuschauer lachen, dann ist das eine direkte, unzensierte Reaktion auf das, was sie sehen. Oft sind Dramen und andere Filme so intellektuell, dass man da erst im Nachhinein denkt "ach, das fand ich eigentlich gut, ja ich war berührt" und das ist beim Lachen anders.

Welches Genre ist für dich die größte Herausforderung als Autor und Regisseur?


Ich finde Komödien sind sehr schwierig. Das richtig gut zu machen. Meine Idole sind Tragikomödien. Das finde ich das Beste, wenn man das wirklich gut hinkriegt, dass es eigentlich lustig ist aber auch dramatisch. Ich finde es immer schade, wenn Regisseure finden, dass in ihren Filmen das Lachen verboten ist: Das Thema ist ernst, also darf nichts Lustiges im Film sein. Das stimmt einfach nicht. Oft ist das Leben schrecklich dramatisch und es hat immer noch lachende Leute und lustige Momente.

Du bist Drehbuchautor und Regisseur. Wie verhältst du dich denn im Schneideraum, wo ja der Film nach Buch und Dreh sozusagen zum dritten Mal geschrieben wird? Kannst du das Material gut loslassen und den Editor damit arbeiten lassen?

Überhaupt nicht. Ich schneide meistens sehr intensiv mit. Ich habe eigentlich als Werbecutter angefangen und finde, dass der Schnitt extrem entscheidend für die Geschichte ist. Das Timing und die Auswahl der Takes und all das ist extrem wichtig. Ich denke auch, dass die besten Cutter insgeheim auch gute Regisseure sind, weil sie Entscheidungen fällen müssen und die Geschichte zusammensetzen. Und wie du sagst: Die letzte Fassung entsteht im Schnitt. Wenn man alles selber macht, dann kommt man immer auf die gleichen Ideen und dreht sich im Kreis. Ich brauche Hilfe, aber ich bin nicht so, dass ich einfach sagen kann: "Du schneidest das und ich komm dann wieder und schau ein bisschen rein." Ich muss das immer auch ausprobieren, damit ich weiß, dass es keine bessere Lösung gibt.

Wie lange habt ihr an Ein Sommersandtraum geschnitten?


Eben lange. Wir haben vor zwei Jahren abgedreht. Und dann sicher ein Jahr lang – mit Unterbrechungen, aber immer wieder – dran geschnitten. Aber ich finde es auch einen Vorteil, wenn man schneiden kann, zufrieden ist, dann was anderes machen darf und dann ein, zwei Monate später kommt und dann sofort merkt: "Oh, das hier geht ja gar nicht" und dann schneidet man es um.
Wir haben auch Testscreenings vor Publikum gemacht. Manche Kollegen sagen: "Was bist du denn hörig, was das Publikum findet?". Doch: nur weil die Zuschauer sagen, dass die sie etwas anders wollen, mach ich das noch nicht. Wenn allerdings achtzig Prozent sagen, das zweite Drittel sei irgendwie zu langsam, dann schau ich das selber anders an, dann merke ich: irgendwas ist faul. Die erste Frage auf den Fragebögen beim Testscreening war "Was hat euch gut gefallen?", die zweite "Was hat euch nicht gefallen?" Und dann lese ich das und die einen schreiben: "Das war super super super, aber du hast alles kaputt gemacht mit dem..." und dann liest du das nächste und die anderen sagen das absolute Gegenteil. Das war total befreiend, weil man dann so merkt: die einen mögen es, die anderen nicht, du kannst es nicht allen recht machen – super, ich darf machen, was ich möchte!
Man muss wissen, wann man zuhört und wann man nicht zuhört. Wenn man nie zuhört, macht man einen schlechten Film, wenn man immer zuhört, macht man einen noch schlechteren Film. Und klar, wenn du da zwanzig Mal liest, das und das ist scheiße und du findest es eigentlich lustig und lässt es drin, dann hilft es, wenn du dann auch noch zwanzig Mal liest, dass andere das auch noch gut finden.

Wie kommt es, dass der Film in Deutschland früher anläuft als in der Schweiz?


Die Schweizer Verleiher dachten, Spätsommer sei gut für den Film. Nach den Sommerferien, nach Locarno, wo die Medien nur über das Festival berichten, also dann Ende August.

Die Reaktionen des deutschen Publikums und der deutschen Kritiker machen dann ja jetzt so ein bisschen die Stimmung für das heimische Publikum in der Schweiz.

Es ist ja nicht absichtlich, aber ich finde es ganz gut so. Auch die Preise in den USA sind extrem nützlich. Weil die Schweizer – ich glaube jedes Land ist ein bisschen so, aber eigentlich besonders die Schweizer – finden: Selber darf man es nicht gut finden. Wenn es aber irgendwie gut geheißen wird vom Ausland, dann darf man es ernst nehmen. Das könnte uns also noch helfen.

Du bist gebürtiger Schweizer und hast in den USA Film studiert.


Meine Mutter ist Amerikanerin, mein Vater ist Italiener, aber ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ich habe drei Pässe.

Deinen zweiten langen Film Love Made Easy hast du in den USA gedreht. Die kleine Schweiz und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - Wo ist es einfacher einen Film zu realisieren?


Das ist eine gute Frage. Ich denke... (überlegt lange) Also, was toll ist an den USA: die sind extrem optimistisch. Love Made Easy war ein Low Budget Film, da hatten wir fast kein Geld. Eigentlich wollte ich den in der Schweiz machen, habe aber das Geld nicht zusammen gekriegt und in den USA hieß es: "Das machen wir dann schon!" Es war zwar dann auch nicht so einfach, wie die alle gesagt haben, aber immerhin entsteht da was. Aber ich glaube, es sind grundsätzlich die gleichen Regeln überall: Man muss eine gute Geschichte haben, man muss – am allerwichtigsten – die Leute finden, die mitmachen und die gut sind. Die guten Schauspieler, den guten Kameramann, das gute Team, die wirklich alle an das Produkt glauben und dass man das zusammen dann so durchzieht.

Ist das System der Filmförderung in der Schweiz ähnlich kompliziert wie in Deutschland?


Genau gleich. Mit dem Nachteil, dass es nur eine Fernsehanstalt gibt. Wenn die dann nein sagen, dann ist es blöd (lacht). Aber genau die haben diesmal Geld gegeben für Ein Sommersandtraum.

Und Migros (der größte Einzelhandelskonzern der Schweiz) ist auch immer dabei?


Migros ist auch immer dabei. Ohne Migros wäre ich kein Filmemacher, die geben mir immer Geld. Die geben es aber erst am Schluss. Man muss schon gedreht haben, dann geben sie noch Geld, um den Film fertigzustellen.

Ich habe das Gefühl, ich sehe das in jedem Abspann eines Schweizer Films.

Das ist einfach eine gute Förderung. Aber sie haben es natürlich ein bisschen einfacher, weil sie die Filme schauen und dann sagen: Das ist gut geworden, da wollen wir unser Logo drauf.

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