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11 08/12

"Ich denke immer an Superhelden und Superbösewichte" - Interview mit Alex de La Iglesia zu "Mad Circus"

© Cineglobal/Koch Media
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Alex de la Iglesia ist ohne Zweifel das Enfant terrible der spanischen Filmszene – und spätestens seit Aktion Mutante (1993) und Perdita Durango (1997) das, was man wohl einen Kultregisseur nennt. Anlässlich des Kinostarts seines neuen Werkes Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod traf Dennis Demmerle den Filmemacher zum Gespräch über traurige Clowns, Seelenpein und Spanien als gigantischen Zirkus.

Señor de La Iglesia, Ihr Film ist 1973 angesiedelt, er spielt also zu einer Zeit, in der Sie selbst noch ein Kind waren. Verarbeiten Sie Erinnerungen aus Ihrer Kindheit?
Alex De La Iglesia: Ich erinnere mich sehr genau an diese Zeit. Sie war wie ein Alptraum. Alles war so abnormal. Rückblickend wirkt alles umso merkwürdiger, da alle sich verhielten, als sei alles ganz normal. Bombenanschläge, Demonstrationen, Terrorismus vor der Haustüre, nahe meiner Schule… Diese indirekte Gewalt um mich herum, war Teil meines Alltags. Niemand spricht mehr über diese Zeit der Diktatur.

Wieso ist das Thema tabu?
Die Leute hatten Angst! Und es liegt an dieser extremen Spaltung der Bevölkerung. Eine Hälfte war zufrieden mit der Politik, die andere ganz und gar nicht. Die Lösung war, nicht darüber zu sprechen. Das war mein Grund, diesen Film zu drehen. All das Geschehene ist in unseren Köpfen. Mein Film reflektiert diesen Alptraum und treibt ihn den Menschen gleichzeitig aus. Ein Exorzismus. Mein Publikum soll sich in den Clowns, die für ihre Überzeugungen kämpfen, wieder erkennen. Es ist ein sehr politischer Film.

Ihre beiden Hauptfiguren, ein lustiger und ein trauriger Clown, kämpfen wild um eine Frau. Sie sagen: "Ich mache Filme, um einen Schmerz in meiner Seele zu lindern." Können Sie den Schmerz beschreiben?
Filmen funktioniert für mich wie eine Schmerz-Therapie. Ich fühle mich jeden Tag wie diese Clowns, während ich meine Rolle spiele. Ich arbeite seit vielen Jahren als Regisseur. Mit Mad Circus sage ich "Stopp!" Ich versuche meinen Geist mit diesen Figuren, mit diesem Film zu regenerieren. Wo die sich hinter ihrem Make-Up verstecken können, bin ich allerdings ein echter Filmemacher.

Wieso gerade Clowns?
Ich fürchte mich vor ihnen. Die sind nicht sehr witzig. Der schwache Clown ist wie eine Frau. Über ihn kann man sich doch nicht lustig machen. Seine Funktion ist es, Hiebe von dem anderen Clown einzustecken. Clowns machen mich immer traurig. Aber: Clowns stehen immer vollkommen außerhalb jeden Kontextes. Wie sie sich ausdrücken ist nicht lustig, ihre Kleidung oder auch ihre Schminke sind nicht lustig. Eher altmodisch und merkwürdig. Wir sind daran gewöhnt, Clowns so wahrzunehmen, aber warum müssen die so aussehen? Warum die rote Nase? Sind alle Clowns Alkoholiker? Diese roten Ohren… Das nervt alles. Aber genau das mag ich an ihnen. Sie lassen sich nicht in gängige Schemata pressen, weil sie so altmodisch sind. Genau, wie ich.

Die ganze Welt des Zirkus, in der Sie die Geschichte ansiedeln, steht doch außerhalb von allem Realen. Fällt es Ihnen leichter, in einer solchen Umgebung diesen politischen Film zu drehen?
Für mich war das Spanien damals nichts anderes, als ein trauriger Zirkus. Das Land war am Ende, wie der Zirkus im Film. Sie bauen ihre Zelte in Ruinen auf. In meiner Erinnerung stehen Zirkuszelte immer im Regen oder in der Kälte. Da sind überall Schimmel und der Gestank der Tiere.

Ihr Zirkus ist eine Truppe voller Gescheiterter, egal ob die menschliche Kanonenkugel oder die Hundezüchter, die sich andere Tiere wünschen, sich die aber nicht leisten können. Alle leben von dem einen Star, dem Clown.
Ein Clown, der nur in dieser Welt für irgendjemanden ein König sein kann. Als ich das Buch zum Film schrieb, schrieb ich es über das Kino in meinem Land. Es fehlt immer an Geld und alle arbeiten unter den schlechtesten Bedingungen. Wir haben den Film in acht Wochen unter schrecklichen Umständen gedreht. Ohne Geld, mit bis zu zwanzig Stunden Arbeit täglich. Die Leute kollabierten. Wenn es regnete, war das echter Regen, den wir in den Film einbauten.

Sie erzählen sehr metaphorisch Ihre Geschichte...
… in der Natalia für Spanien steht. Das ist symbolisch eindeutig zu erkennen, spätestens als sie die spanische Flagge als Umhang nimmt.

Wird Spanien jemals diese Zerrissenheit überwinden? Gerade wurde wieder gewählt und die Regierung wechselte von A nach B, während vorher A auf B gefolgt war.
Genau so ist es.

Fehlt es nicht an einer dritten Kraft, einer dritten Partei?
Es wäre fantastisch, wenn es die gäbe. Das Problem ist: Dazu wird es nicht kommen. Genau das ist Aussage, aber auch die Hoffnung des Films. Spanien hat mehr als nur zwei Gesichter. Die Denke, dass man nur für oder gegen etwas sein kann, gilt es aufzubrechen. Der eine ist nicht gleich Feind des anderen, nur weil er nicht dessen Freund ist. Das ist die schlechteste Art zu denken, aber so denkt Spanien. Wir brauchen mehr Parteien. Es gilt den Geist für andere Optionen zu öffnen. Jetzt könnte dieser Moment gekommen sein. Die Spanier folgen keinen Ideen und sind auch nicht abhängig von einer Person, die für eine Gruppe von Menschen und deren Ideen steht. Diese Person braucht man nicht. Im Gegenteil, die Idee der Gruppe steht im Vordergrund. Mit Hilfe des Internets können wir die Art, wie Politik gedacht wird, verändern. Politik ist heute nicht mehr von Personen abhängig. Politiker sind nicht mehr so wichtig.

Spanien erlebt politisch brisante Tage: Viele junge Menschen sind arbeitslos und gehen auf die Straße, während sich die Politik gleichzeitig sehr schwach präsentiert.
Wir erleben einen der Momente, in denen wir erfahren, wie es den Menschen im Land geht. Das tut Spanien sehr gut. Denn die Leute denken ähnlich. Die Empörung kam aus Spanien heraus. Aber sie ist überall in der Welt. Wichtig ist, dass es nicht um Ideologien geht, sondern darum den Wahlvorgang zu verändern. Momentan stehen den Wählern nur zwei Alternativen zur Verfügung. Das ist problematisch. Das Parlament steht nicht für das Volk. Wir müssen das verändern, um in einer wahren Demokratie zu leben.

Um zum Film zurück zu kehren: Das wäre die Lösung für Natalia, die sich im Film weder dem einen noch dem anderen Clown hingeben will.
Genau, das wäre ihre Lösung. Sie könnte einfach einen dritten Clown auswählen. Es gibt mehr als nur zwei Möglichkeiten. Sie könnte den einen verlassen und wieder zu ihm zurückkehren. Oder auch nicht.

Wie wichtig ist Ihnen, mit Ihrem Film eine politische Botschaft zu verbreiten?
Es ist in keinem Fall der Hauptgrund für mich, denn der ist, meine Erinnerungen zu verarbeiten. Ich erinnere mich an die Angst vor Blanco oder Franco. Irgendwann entstand die Idee zweier miteinander kämpfender Clowns, für die es keine Lösung gibt. Deren Begierde am Ende stirbt. So entsteht zwar die Metapher über mein Land, aber die klare Linie, die durch den Film führt, sind meine Erinnerungen. Filme machen ist mein Beruf, meine Verpflichtung. Wenn ich eine Geschichte erzähle, dann mit der großen Leinwand. Beim Essen unterhielt ich mich gestern mit einigen Deutschen, die den Film gesehen haben, die meinten, dass es solche Filme hier sonst nicht zu sehen gibt. Ich hätte die Eier, ihn so zu drehen. In Spanien machen wir momentan eben solche Filme und halten uns nicht für sonderlich tapfer. Filmemachen ist in Spanien nicht einfach. Es gilt mit wenig Geld Blockbuster zu drehen, was nicht möglich ist, also musst du scheitern. Machst du einen Sandra Bullock-Film ohne Sandra Bullock, hast du ein Problem. Für mich sieht so die Lösung für mutiges, europäisches Kino aus. Das Jammern über zu wenig Geld bringt nichts. Du hast die Idee und die Leidenschaft, also versuch es.

Superhelden, wie wir sie aus Comics kennen, haben Sie offensichtlich inspiriert...
Die sind natürlich sehr kindisch, gehören aber zu meinen Kindheits-Erinnerungen dazu. Ich denke immer an Superhelden und Superbösewichte. Sie erzählen unheimlich viel von der Realität. Es gibt Typen, wie meine Clowns, die sich gegenseitig bekämpfen und fühlen, dass sie Superkräfte haben. Und doch drehen sie am Ende durch. Auch die Guten, wie Batman. Ich persönlich fühle mich mit Batmans Gegenspieler, dem Joker, verbunden. Der Joker ist ein Clown. Clownsmasken verbergen Emotionen, eine weitere Eigenschaft, die mich ihnen nahe fühlen lässt.

Wessen Joker-Interpretation mögen Sie am liebsten?
Jack Nicholson. Ich liebe das Groteske. Der Moment, in dem der Nicholson-Joker im Museum zu dem Bacon-Bild geht, ist schlicht perfekt – egal, was man vom Rest der Story hält.

In der Rezeption der deutschsprachigen Presse wurde immer auf die Brutalität von "Mad Circus" hingewiesen. Können Sie sich erklären, warum er so wahrgenommen wird?
Erklären nicht, aber ich stimme damit vollkommen überein. Deswegen sitze ich auch heute hier. Ich will Rache – wie meine Figur im Film. Der einzige Weg glücklich zu sein, ist die Rache. Das Leben ist nicht fair. Sobald du eine Vergangenheit hast, entsteht eine Tradition, die mit Krieg oder Gewalt zusammenhängt. Daran trägst du keine Schuld. Niemand ist Schuld an der Gewalt, die sein Vater in der Vergangenheit ausübte. So soll die Vergangenheit auf keinen Fall vergessen werden, aber es muss die Möglichkeit geben zu sagen: Es ist nicht unsere Schuld. Lass uns darüber sprechen. Ich erwarte keine Absolution dafür, aber wehre mich auch gegen eine Schuld, die Ewigkeiten zurückliegt und Teil der Welt ist. Gerade die Deutschen verstehen das. Sie werden für Taten belastet, für die sie nichts können. Eine ganze Generation liegt dazwischen. Darauf bin ich sehr wütend.

Ihr Film wurde im letzten Jahr beim renommierten Filmfest in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie und für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Jury-Präsident Quentin Tarantino soll Ihren Film geliebt haben...
Eine wirklich tolle Jury, in der auch Guillermo Arriaga saß. Aber ich widerspreche der Aussage von vielen Menschen, dass Quentin und ich die gleichen Filme machen. Wir haben keine Verbindung, abgesehen davon, dass wir Filme lieben und Filme mit enormer Energie drehen. Vielleicht noch, dass wir beide ein Händchen für Bösewichte haben. Wir arbeiten sehr unterschiedlich. Er unterhält viel mehr, während es mir um meine persönliche Geschichte geht. Ich bin wütender.

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