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09 08/05

Ich bin kein Cineast! – Interview mit Mark Herman zu "Der Junge im gestreiften Pyjama / The Boy In The Striped Pyjama"

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Mark Herman, geboren 1954 in East Yorkshire, England, hat sich mit Filmen über die britische Arbeiterklasse wie Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten (1996) und Little Voice (1998) einen Namen gemacht. Jetzt hat er John Boynes Bestseller Der Junge im gestreiften Pyjama verfilmt. Was ihn an der Geschichte über eine Freundschaft zwischen einem achtjährigen Nazi-Sohn und einem gleichaltrigen jüdischen Jungen gereizt hat, erzählt er im Gespräch mit kino-zeit.de.

In Ihrer Filmographie stehen hauptsächlich Komödien wie Purely Belter (2003) oder Tragikomödien wie Brassed Off. Ihr letzter Film Hope Springs war eine romantische Komödie. Jetzt haben Sie ein Drama vor dem Hintergrund des Holocausts gedreht. Wie kam es dazu?

Ich will nicht immer wieder die gleichen Filme drehen. Ich versuche jedes Mal in eine andere Richtung zu gehen. Hope Springs war anders, aber das hat mir nicht soviel Spaß gemacht. Man muss bedenken, dass man als Drehbuchautor und Regisseur drei, vier Jahre mit einem Filmprojekt verbringt. Ich wollte nicht wieder leichte Kost inszenieren. Also habe ich mich nach etwas Anspruchsvollerem umgesehen und bin auf John Boynes Buch gestoßen. Das war eine echte Herausforderung für mich.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass es viele Gründe gab, den Film nicht zu drehen. Was hat sie dennoch dazu bewogen?

All die Gründe dagegen waren auch die Gründe für den Film: Drehen mit Kindern, die Thematik, eine Geschichte, vor der sich Filmstudios offenbar fürchteten. Bislang hatte noch kein Studio das Buch verfilmt – ein Grund mehr, es selbst in die Hand zu nehmen. Also habe ich mich auf eigene Kosten einige Monate zurückgezogen, einige Drehbuchfassungen geschrieben und diese dann zu Miramax geschickt. Die konnten sich vorstellen, mit mir den Film zu realisieren.

Wie haben Sie die beiden jungen Schauspieler Asa Butterfield (Bruno) und Jack Scanlon (Schmuel) gefunden?

Der Produzent des Films, David Heyman, hat auch alle Harry Potter-Filme produziert. Zum Vorsprechen für die Rolle standen zwanzig Mal mehr Kinder Schlange als ich eigentlich sehen wollte. Für das Casting der beiden Jungs hatten wir eine spezielle Casting-Agentin. Aus Tausenden von Kindern hat sie hunderte von jungen Darstellern für mich herausgefiltert. Asa Butterfield, der den Bruno spielt, habe ich auf dem ersten Video gesehen, das ich mir angeschaut habe. Er hat einfach nur über sein Leben geplaudert. Ich war begeistert, vor allem von seinen Augen und seinem Gesichtsausdruck. Uns war von Anfang klar: Der Film steht und fällt mit der Performance der beiden Jungs. Also haben wir sehr lange und sorgfältig gesucht.

Erzählen Sie doch bitte etwas über die Arbeit mit den Kindern am Set.

Wir haben mit einem speziellen Schauspielcoach für Kinder gearbeitet. Er hat sie auf die Szenen vorbereitet, sie in eine bestimmte Stimmung gebracht oder einfach nur mit ihnen gespielt. Das war ziemlich schwierig. Denn Asa und Jack sind im wirklichen Leben ganz andere Typen als ihre Figuren. Asa ist sehr ruhig und entspannt, während Jack ziemlich aufgedreht ist. Für Asa war es eine besonders große Herausforderung. Er ist ja in fast jeder Szene zu sehen. Je nachdem, ob wir sie beruhigen und anregen wollten, haben sie unterschiedliche Menge an Schokolade von uns bekommen. Die beiden haben das ganz wunderbar gemeistert.

Was war bei der Arbeit mit den Kindern zu beachten?

Das war eine ziemlich heikle Angelegenheit. Es gibt so viele Regeln, wenn man mit Kindern dreht. Sie brauchen genügend zu Essen, zu Trinken, freie Zeit und Unterhaltung. Das ist schon schwierig mit einem Kind, aber wir hatten ja gleich zwei am Set. Aber viele der Szenen am Zaun haben wir in einzelnen Einstellungen nur mit einem Kind gedreht. Einer von ihnen hat sozusagen mit einem Stück Holz gespielt.

Welche Szene im Film mögen Sie am liebsten?

Das ändert sich ständig. Im Moment gefällt mir die Dinner-Szene am besten. Sie war nicht schwierig zu inszenieren, aber die schauspielerische Leistung ist grandios.

Was war Ihnen bei der Inszenierung wichtig, vor allem auch um auch eine gewisse Distanz und Achtung zum Thema zu wahren?

Wir haben eine Fabel gedreht. Das hat die Art und Weise, vor allem die Bildgestaltung beeinflusst. Die Höhe der Kamera sollte ausdrücken, dass wir eine Kindergeschichte erzählen. Dass wir uns während des gesamten Films in Brunos Kopf befinden. Man hat uns kritisiert, dass das Lager unrealistisch sei. Aber wenn man eine Geschichte erzählt, in der ein Junge denkt, dass es ein Bauernhof sei, dann sollte es auch wie einer aussehen. So wollten wir das zeigen. Es ist wie in einem Horrorfilm, in dem das Monster erst zum Schluss gezeigt wird.

Wie war die Zusammenarbeit mit David Thewlis, der den Vater von Bruno spielt?

Großartig! Bei solch einem Film wollte das Filmstudio einen großen Namen als Zugpferd haben. Eigentlich finde ich so etwas nicht gut und ich stellte mich ziemlich stur. Aber mit David konnte ich mir das gut vorstellen. Ich wollte schon immer mit zusammenarbeiten. Schon bei Brassed Off, aber das hatte damals nicht geklappt. Er ist ein toller Schauspieler. Es ist auch nicht leicht, einen guten Schauspieler für solch eine Rolle zu finden, zumal sie nicht sehr groß ist und auch das Image beeinflussen kann. Es ist vor allem auch eine schwierige Rolle zu spielen. Auch Vera Farmiga als Brunos Mutter ist toll. Ich kannte sie vorher nicht. Sie hatte ein sehr gutes Gespür für diese Geschichte.

In Ihren Filmen spielt die Eltern-Kind-Beziehung immer wieder eine wichtige Rolle. Liegt Ihnen dieses Thema besonders am Herzen?

Nicht absichtlich. Das ist eher zufällig. Einige andere Leute haben mich schon auf diese besondere Vater-Sohn-Beziehung in meinen Filmen hingewiesen, bzw. die Mutter-Tochter-Beziehung in Little Voice. Das kommt aber immer ganz natürlich mit der Geschichte. Ich verarbeite dabei nicht meine eigenen familiären Probleme. In Der Junge im gestreiften Pyjama / The Boy In The Striped Pyjama gibt es viele dieser Vater-Sohn-Beziehungen: Zwischen Bruno und seinem Vater, zwischen Brunos Vater und seinem Vater, zwischen Leutnant Kotler und seinem Vater. Ich wollte ja auch einen Film über eine Familie drehen, nicht allein über den Holocaust. Der Film erzählt von dem Untergang einer Familie vor dem schrecklichen Hintergrund des Holocausts.

Haben Sie dahingehend Änderungen an der Romanvorlage vorgenommen?

70 Prozent des Buches sind Dialoge der Kinder am Lagerzaun. Das wäre als Film langweilig geworden. Diese Szenen allerdings immer wieder dazwischen zu schneiden und mit der Familiengeschichte zu bereichern, ist weitaus interessanter.

Was sind Ihre Lieblingsfilme?

Das ändert sich auch jede Woche. Aktuell sind das: The Godfather, All the President`s Men, Wallace and Gromit. Ich gehe nicht mehr so oft ins Kino. Ich verfolge wenig, was meine Kollegen machen. In den Siebzigern habe ich mir noch jeden aktuellen Kinofilm angesehen. Jetzt bin ich kein Cineast. Ich sehe mir viel lieber Fußball an.

Was haben Sie als Nächstes geplant?

Zwei, drei Projekte schwirren mir gerade im Kopf herum. Für den Film habe ich gerade die ganze Publicity gemacht. Jetzt brauche ich erstmal wieder Zeit, um mich in Ruhe zum Schreiben hinzusetzen. Als Nächstes mache ich einen Film über Northern Soulmusik. Das wird so in Richtung Brassed Off gehen. In den Siebziger Jahren gab es sehr erfolgreiche Clubs in Nordengland, die diese Musik spielten. Ich schreibe ein Drehbuch über ein Wiedersehen der Leute von damals.

Haben Sie je überlegt, ein fremdes Drehbuch zu inszenieren?

Ich bekomme viele Drehbücher zugeschickt. Aber ich bin da ziemlich egoistisch und will normalerweise etwas ändern. Das geht natürlich nicht und dann lasse ich es sein. Aber so richtig gefesselt hat mich noch keins.


(Das Gespräch führte Katrin Knauth)

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