07.05.08

„Ich bin ein naiver Mann, der noch denkt, dass Filme die Welt verändern könnten“ – Nic Balthazar im Interview zu seinem Film „Ben X“

Kinostart: 01.01.2005
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In seinem Film Ben X erzählt Nic Balthazar die Geschichte eines autistischen Jungen, der in der „normalen Welt“ nur schwer leben kann. Er flüchtet sich in die Online-Spiel-Welt von „Archlord“. Dort kann er so sein, wie er sein möchte. Stark, stolz und selbstbewusst. Im realen Alltag aber schafft er es nicht, sich gegen das Mobbing seiner Umwelt und seiner Klassenkameraden zu wehren. Monika Sandmann traf den belgischen Regisseur in Köln zu einem Gespräch über seinen Film.

Ihr Film bezieht sich auf einen wahren Fall, ein 17-Jähriger mit dem Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, hatte Selbstmord begangen. Was genau, war für Sie die Initialzündung, daraus einen Film zu machen?
In der Zeitung, in der auch über den Selbstmord geschrieben wurde, war auch ein Interview mit der Mutter. Das alles passierte übrigens in der Stadt, in der ich lebe. In Gent.

Der Jugendliche war ein Mobbing-Opfer.
Ja. Das ist eigentlich Mord. Ich habe auch Kinder und deshalb konnte ich mich sehr gut in die Mutter hinein versetzen. Was macht man, wenn der eigene Sohn in den Tod getrieben wird? Niemand konnte ihr Trost geben. Da fiel die Entscheidung. Wenn ich ihr schon keinen Trost geben kann, so will ich doch wenigstens helfen, dass die Familie eine Vorstellung bekommt, wie es zu dem Selbstmord kommen konnte. Ich wollte ihnen das Gefühl geben, dass sie mit ihrer Trauer nicht allein sind, sondern dass die ganze Welt an ihrem Schmerz teilhaben kann.

Wie reagierte die Familie?
Die Schwester kam in die Premiere. Für sie war es wie ein Begräbnis, das sehr schmerzt, aber bei dem man auch fühlt, dass man den Schmerz mit vielen Leuten teilt. Das macht es leichter.

Wie realistisch ist ihr Film?
Ich fürchte, der Film zeigt nur ein Viertel davon, was wirklich geschah. Zum Beispiel, dass nur wenige Tage nach dem Selbstmord der 14-Jährige Bruder ebenfalls Mobbing-Opfer wurde. Man lachte ihn aus, weil er der Bruder von dem Depp war, der sich vom Schloss gestürzt hatte. Da fragt man sich wirklich, wie kann so was geschehen.

Den Jugendlichen war es nicht bewusst, was sie machen?
Aber warum nicht? Autismus ist für diese Haltung die perfekte Metapher. Autismus, so heißt es, ist ein Problem mit Empathie. Man kann sich nicht in die Haut eines anderen einfühlen. Aber dieses Problem mit der Empathie haben nicht nur Autisten. Das haben soviele Leute. Junge wie Erwachsene. Man will gar nicht wissen, was alles an subtilem Mobbing und Erniedrigungen unter Erwachsenen passiert. Nach der Premiere in Köln erzählten mir so viele Leute, was ihnen alles an Mobbing passiert sei. Das waren schreckliche Geschichten.

Die Grenzen von „normal“ und „autistisch“ scheinen fließend zu sein. Wo fängt Autismus an, wo hört er auf?
Wir sind die Leute, die nie richtig sagen, was wir meinen und nie richtig meinen, was wir sagen. Wir sind die komplizierten Menschen. Autistische Menschen können zum Beispiel nicht lügen. Sie verstehen es nicht, das Konzept von Wahrheit umzudrehen. Wir verstehen nur das! (lacht). In einer Filmvorführung vor einigen Wochen in Belgien war eine Mutter mit ihrem Baby gekommen. Anschließend in der Diskussion sagte ein Junge mit Asperger-Syndrom, dass er es unmöglich fand, dass diese Frau mit ihrem schreienden Baby ins Kino gekommen ist. Es hat ihn sehr gestört, sich dabei gleichzeitig auf den Film zu konzentrieren. Ja, (lacht) wir anderen haben das alle auch gedacht, aber (betont) man sagt das doch nicht! Aber ein Mensch mit Autismus sagt das.

Rain Man war ja einer der ersten Film-Autisten
(lacht) Seitdem denken wir alle ein bisschen, wir wüssten, wie Autisten sind. Was aber auch zeigt, wie wichtig das Kino sein kann. Ohne Rain Man wäre Autismus wahrscheinlich noch weniger bekannt.

Aber es gibt auch den Dokumentarfilm von Sandrine Bonnaire über ihre Schwester Sabine, Elle s´appele Sabine (2007).
Ich fand Sandrine Bonnaires Film sehr interessant, weil er mit einigen Klischees aufräumt. Zum Beispiel, dass autistische Menschen keine Gefühle haben. Natürlich haben sie Gefühle. Nur, wir können sie nicht richtig begreifen und sie begreifen unsere Gefühle nicht. Autistische Menschen wissen nicht, wie sie ihre Gefühle zeigen sollen. Ein anderes Klischee ist, dass Autisten in einer anderen Welt leben. Das tun sie aber oft erst dann, wenn um sie herum viel Stress ist. Und je mehr Stress, desto stärker gehen sie in ihre eigene Welt. Da kommt nichts mehr rein. Das ist dann wie Beton. Aber es gibt noch einen anderen fantastischen Film, der heißt Autism: The Musical von Tricia Regan (2007). Ein Dokumentarfilm. Dort erzählt eine Mutter sehr schön, dass es mit ihrem Kind dann schwierig wird, wenn es sich nicht gut fühlt, wenn es Stress gibt. Es zieht sich dann in sich selbst zurück, verschwindet in einer Art Box. Die Mutter versucht dann alles, um die Box offen zu halten. Denn solange die Box geöffnet ist, kann ihr Kind alles begreifen und alles lernen. Am Ende spielen die Kinder ein Musical zusammen. Da ist zum Beispiel ein kleiner Junge, der spielt Brahms. Das ist unglaublich, was der da auf seiner Violine macht.

Wollten Sie keinen Dokumentarfilm über den Fall machen?
Doch, ich habe mit der Idee gespielt. Aber was ich zum Beispiel faszinierend finde, sind die zwei Jugendlichen, die den Jungen gequält haben. Wie gehen die heute damit um? Wie leben sie damit? Haben sie den Film gesehen und hat er sie verändert? Die Idee, darüber einen Dokumentarfilm zu machen, ist noch da.

Das Thema lässt sie nicht mehr los?
Ja, das ist ein bisschen eine „never ending story“. Das Thema berührt so viele und davon wird man selbst auch wieder berührt. Ich bin ein naiver Mann, der noch denkt, dass man mit Kino die Welt verändern kann. (lacht). Die Gefahr ist ja heute, dass es viele Menschen mit dem Asperger-Syndrom gibt, die man aber nicht erkennt. Man denkt, das seien einfach nur Freaks.

Aber ist das nicht auch ein normales Gefühl?
Natürlich. Ich kenne das von mir selbst. Ich frage mich dann auch, warum machen es sich diese Leute so schwer. Sie betteln ja fast schon darum, gemobbt zu werden. Leute mit Autismus sind ja keine sympathischen Leute. Sie haben keine Ahnung, warum man nett und charmant sein sollte? Bloß, wenn man heute nicht charmant ist, ist man sozial tot.

Ein gesellschaftliches Problem?
Ja, aber man kann ihnen trotzdem helfen. So wie man zum Beispiel Blinden hilft. Blinde werden immer blind bleiben, aber man kann ihnen helfen, am Leben teilzunehmen. Genauso kann man autistischen Menschen helfen, indem man zum Beispiel versucht, sehr klar und deutlich zu ihnen zu sein. Indem man versucht, deren Leben weniger kompliziert zu machen. Ich kenne zum Beispiel einen Mann mit Autismus, der sang in einem Chor. Das machte ihm großen Spaß. Das einzig schlimme für ihn war die halbe Stunde Pause. Er wusste nicht, was er da machen sollte. Die Lösung war ganz einfach. Man hat ihm gesagt, nimm einen Apfel mit. Den isst du in der Pause. Das ist dein Job in der Pause. Die Pause ist da, damit du deinen Apfel essen kannst. Und schon war das Problem gelöst.

Wie helfen Sie?
Ich bin der Pate einer Firma, die gerade gegründet wird. Dort konzentriert man sich nicht auf die Schwächen, sondern die Stärken von Menschen mit Autismus. Es gibt schon vier Leute, die dort beschäftigt sind. Sie machen Computer-Qualitätskontrolle. Macht man ihnen keinen Stress, dann funktioniert es. Das ist leider die Welt von Menschen mit Autismus. Stress und Panik.

Ihr Film läuft bereits sehr erfolgreich. Er hat Preise bekommen, u.a. den „Grand Prix des Amériques“ beim Filmfestival in Montreal.
Oh und ich habe auch schon das Angebot gekriegt, ein Remake in Amerika zu machen. Und das war noch vor Montreal.

Die Amerikaner sind schnell
Das muss man ihnen lassen. Aber man weiß auch, dass sie vieles vom Markt wegkaufen. Nur, damit es kein anderer kaufen kann. Und dann passiert oft nichts mehr mit dem Film.

Sie haben abgelehnt?
Nein. Wir machen eine Koproduktion. Die Rechte habe ich nicht verkauft. Ich will schließlich keinen Film machen, wo Ben am Ende vielleicht geheilt ist.

Und Bens Gefährtin aus dem Computerspiel, die Scarlite, ist echt.
(lacht) Bloß nicht. Aber das Ganze hat auch dazu geführt, dass ich gerade über Mobbing an amerikanischen Schulen recherchiere. Ein mexikanisches Mädchen erzählte mir zum Beispiel, dass sie in der Schule von ihren Mitschülern immer wieder die Treppe herunter geschubst wird. Das Mädchen hatte sich schon die Arme und Beine gebrochen. Und sie musste immer wieder in die Schule zurück. Für die anderen war das bloß ein Spiel.

Und die Lehrer reagierten nicht?
Man sagte, sie sei gefallen. Das ist jetzt nicht typisch amerikanisch. Sowas passiert überall.

Ist das Computerspiel „Archlord“ im Film Mittel zum Zweck, um auch Jugendliche zu erreichen, die sich eigentlich nicht für einen Film über einen Autisten interessieren? Oder hat diese Welt noch eine andere Bedeutung für Sie?
Zum einen ist es so, dass viele Leute mit Autismus in den Videogames eine Welt finden, wo sie so sein können, wie sie wollen. Außerdem ist ein Computerspiel für das Kino schöner, als wenn man nur eine Chatraum mit Schrift zeigt. Der reale Jugendliche spielte auch viel Videogames und saß oft in Chatrooms. Aber das ist schon fünf Jahre her. Heute ist Beides, also Games und Chatrooms, in den Online-Spielen vereint.

Stimmt. Die virtuelle Online-Welt „Second Life“ zum Beispiel?
Ja, jetzt erst begreift man, dass es mit Second Life oder World of Warcraft eine neue Welt gibt. Aber ich glaube, man hat noch gar nicht richtig realisiert, wie wichtig diese Welt schon jetzt im sozialen Leben Jugendlicher ist. In fünf Jahren oder so werden wir alle einen Avatar haben. Wer hätte früher denn gedacht, dass wir mal alle eine Email-Adresse haben?

Heutzutage gibt es viele Debatten, die brutalen Online-Spielen Schuld an der Verrohung der Jugend geben.
Ich hoffe, wir sind nicht in die gleiche Falle getappt. Oft gibt man der Technologie für etwas Schuld, woran eigentlich die Gesellschaft Schuld hat. Im Kino gibt es auch viel Gewalt und wir verdammen das Kino nicht. Aber vielleicht müsste man konkreter hinschauen, was wir genau auf der Leinwand und im Computerspiel machen. Es gibt ja Videospiele, da kriegt man einen Bonus, wenn man die alte Großmutter abschießt.

Ein Balanceakt, auch in Ihrem Film?
Ich hoffe, wir haben ein bisschen von beiden Seiten gezeigt. Im Internet finden soviele Leute auch Verständnis, Liebe und Freundschaft. Da ist egal, ob man zu dick, zu klein, zu alt, zu schwul oder was auch immer ist. Aber es hat natürlich auch Suchtpotential.

Ihr Film Ben X hat ein überraschend positives Ende.
Das war immer so gedacht. Es ist für mich aber kein Happy-End. Dennoch wollte ich immer einen Film machen, in dem nicht nur Trostlosigkeit übrigbleibt. Aber dieses Ende ist viel gefährlicher. Als wir die Szene in der Kirche drehten, wurde mir richtig bewusst, wenn das hier daneben geht, dann wird man dich begraben und nochmal aufmachen, erschießen und begraben. (lacht laut)

Sie arbeiten auch als Filmkritiker. Fällt es da nicht leichter, Fehler zu vermeiden, die man vielleicht schon in anderen Filmen gesehen hat?
Oh nein. Es gibt noch immer sehr viel im Film, was mir nicht gefällt.

Zum Beispiel?
(lacht) Das sage ich Ihnen lieber nicht.
MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
Bisherige Kommentare (Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Jutta Stork am: 12.05.08
Sehr geehrter Herr Balthazar, bleiben Sie bitte am Ball und machen Sie einen Doku-Film zum Thema Asperger-Autisten. dann nehmen Sie aber die alltäglichen " kleinen " Katasthrophen, die immer wiederkehren ( im Gegensatz zu Selbstmord ) und die den Aspis - wie sie sich nennen, das Leben so unendlich schwer machen. ich bewundere den Lebensmut meines aut.Sohnes! mit freundlichen Grüßen Jutta Stork
Von: Jutta Stork am: 12.05.08
Ausgezeichnet, da realistisch! Der Brückenschlag zwischen der Welt der " Normalos" und der des Autisten ist Ihnen gelungen. In meinem Kinderbuch,einer bebildertren Erzählung habe ich das Mittel des Traums verwendet.Mein Sohn ( 34 J.) wird sich aber diesen Film nicht ansehen, weil manche Stellen " die Leichen in seinem Keller " wieder hochspülen und seinen Alltag massiv belasten,sodass therapeutische Hilfen notwendig werden. Jutta Stork Diplom-Sozialpädagogin
   
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