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13 17/01

"Für mich ist es das Schönste, wenn meine Filme die Menschen berühren" - Interview mit Irene Langemann zu "Das Lied des Lebens"

© Lichtfilm / Foto Jane Dunker
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Tags: Chor, Senioren, Dokumentarfilm
Die Dokumentation Das Lied des Lebens, jüngst für den Deutschen Filmpreis vorausgewählt, begleitet den Konzertpädagogen und Komponisten Bernhard König dabei, wie er alten Menschen zu neuem Leben verhilft: durch Musik. Mit der Regisseurin Irene Langemann sprach Stefan Otto in Mannheim.

Wie wurden Sie auf Bernhard König aufmerksam, den Sie in Das Lied des Lebens bei seiner Arbeit begleiten?
Bernhard König hat mich persönlich angesprochen. Er kannte und mochte meine Musikfilme und konnte sich vorstellen, dass ich auch über seine Arbeit einen Film machen könnte. Er hat ja zwei Projekte und vor allem das, was er in dem Seniorenheim in Stuttgart macht, ist ja sehr intim und findet nur im Heim selbst statt. Sein Wunsch war es, dass die Öffentlichkeit etwas mehr davon mitbekommt. Ich selbst war aber zunächst bei einer Probe seines Chores "Alte Stimmen" in Köln dabei. Da war ich sofort fasziniert und begeistert von der Dynamik, die ich da erlebt habe, von der Energie und der Lebensfreude, die die professionellen Musiker mit ihren Übungen und Experimenten da bei den Alten hervorgerufen haben. Im Altenheim in Stuttgart war das ein bisschen anders, aber auch dort hat mich seine Arbeit dann auf emotionaler Ebene sehr berührt.

Haben Sie eine Vorstellung davon, welche Ihrer Filme Bernhard König besonders angesprochen haben könnten? Was haben Sie denn in dieser Richtung schon gedreht?
Ein recht bekannter Musikfilm von mir heißt Martins-Passion. Da geht es um den brasilianischen Pianisten João Carlos Martins, der aufgrund eines Unfalls plötzlich ein einarmiger Pianist wurde. Er wollte nicht aufgeben und sagte, er macht ein Comeback mit der linken Hand. Eigentlich sind bei Virtuosenstücken schon zwei Hände zu wenig und er hat die Stücke von Rachmaninow und anderen umkomponiert für eine Hand. Wir haben ihn bei diesem Prozess begleitet, bei all diesen schrecklichen Anstrengungen. Es war sehr dramatisch und irgendwann hat auch seine linke Hand versagt. Am Ende konnte er bei einer großen Veranstaltung die brasilianische Nationalhymne nur mit einem Finger spielen. Aber der ganze Film erzählt davon, eine Passion zu haben und ihr treu zu bleiben. Das ist dann wie eine Hymne auf das Nichtaufgeben. Als Martins den Film gesehen hat und seine Hände nicht mehr funktionierten, hat er beschlossen, Dirigent zu werden. Jetzt ist er einer der bekanntesten Dirigenten, er ist Musiker geblieben und hat in São Paulo ein eigenes Orchester. Das ist die Geschichte, die, denke ich, Bernhard König besonders beeindruckt hat, weil es darin auch um ein Handicap geht und darum, aus einer unmöglichen Situation trotzdem etwas zu machen.

Was haben Sie in Bernhard Königs Projekten gesehen, was Sie gerne abbilden wollten? Hat Sie da etwas besonders angesprochen?
Ich war besonders fasziniert von seinem biografischen Ansatz. Davon, wie er mit den alten Menschen Gespräche führt und durch die Lieder aus ihrer Kindheit und ihrer Jugend, wie er selbst sagt, "Erinnerungsbrücken" schafft. Die Lebensgeschichten dieser Menschen werden mit Musik verbunden und sie können die eigenen Lebensfragen mit dem Komponisten in Form von Musik mitkomponieren, mitgestalten und mitentwickeln. Wie Bernhard König die Menschen aus ihrer Vereinsamung, ihrer Stummheit oder Erstarrung im Altenheim rausholt, so etwas hatte ich noch nie gesehen oder erlebt.

Haben Sie sich als Regisseurin möglicherweise auch in Herrn König wiedererkannt?
Für mich ist es das Schönste, wenn meine Filme die Menschen berühren, bewegen und ihnen neue Horizonte eröffnen. In dem Sinne gibt es auch eine große Ähnlichkeit mit Bernhard König, würde ich sagen. Und ich liebe Musik. Wenn ich Musikfilme mache, kommen auch ganz neue, kreative Ideen und Inspirationen.

Wie haben Sie die Form Ihres Films gefunden? Welche Entscheidungen haben Sie da getroffen?
Die Arbeit von Bernhard König ist ja sehr vielseitig und vielschichtig, aber ich habe entschieden, dass wir ganz viel davon außen vor lassen, weil das sonst den Rahmen des Films gesprengt hätte. Ein Film braucht eine Geschichte, und es war eine Herausforderung, so etwas herauszukristallisieren. Ich habe mich dann ziemlich schnell darauf konzentriert, dass wir mit den Protagonisten nur in deren persönliche Geschichte gehen. Wir haben mit biografischen Interviews begonnen und da hat sich sofort gezeigt, welches Lied oder welche Geschichte im Vordergrund stehen kann. Das war zuerst nicht so einfach, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, aber wenn man dann im Gespräch war, waren sie sehr offen. Ich habe schon über 20 Dokumentarfilme gemacht und hatte, was die Protagonisten betrifft, noch nie so ein berührendes Projekt wie dieses. Ich fühlte mich auch sehr reich beschenkt durch die alten Menschen. Zusammen mit Bernhard König habe ich dann besprochen, wie wir mit den Menschen arbeiten können, auch um ihre Geschichten filmisch umzusetzen. Bei Frau Thost waren das die Schwarzen-Tasten-Improvisationen auf dem Klavier, bei Herrn Günther haben wir schnell festgestellt, dass er kein Akkordeon mehr spielen kann und hatten dann die Idee, einen Akkordeonspieler dazu zu holen, der ihn quasi ersetzt. Die Lieder des Lebens haben wir richtig inszeniert, zum Beispiel in der Puppenklinik mit Frau Reisinger. Für mich lief das unter dem Titel "Das schwangere Kind", weil sie ja erst 14 Jahre alt war, als sie schwanger wurde und da hat sie ja eigentlich noch mit Puppen gespielt. Man sieht auch zerstörte Puppenkörper und so sollte die Puppenklinik ein Symbol für ihr Leben sein. Das Symbol für Frau Thosts Geschichte war der Himmel.

Wie würden Sie Das Lied des Lebens selbst in Ihre Filmografie einordnen? Würden Sie sagen, er ähnelt Ihren vorangegangenen Filmen?
Also, meine Handschrift ist die gleiche. Ich liebe Filme, die eine Metaebene haben und nicht nur auf einer Ebene etwas erzählen. Bei Das Lied des Lebens habe ich versucht, soviel wie möglich zu reduzieren, weil die wichtigste Aussage für mich in dieser Einfachheit und Klarheit lag. Diese Wahrhaftigkeit des dokumentarischen Erlebens und Dabeiseins war für mich das absolut Wichtigste. Etwas, das man nicht mit Kommentartexten oder mit zusätzlichen Informationen versehen muss, sondern das man wirklich so stehen lassen kann. Ich denke, das war so eine Erkenntnis, die mich jetzt auch weiter begleiten wird, weil das funktioniert.

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