02.04.08

Ein Tribut an Yasuhiro Ozu – Interview mit Wayne Wang zu "Mr. Shi und der Gesang der Zikaden"

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Wayne Wang ist einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Independent-Kinos. Neben großen Hollywood-Filmen wie Töchter des Himmels (1993) drehte er auch kleine Independentfilme wie Smoke (1995) und Blue in the Face (1995). Seinen ersten abendfüllenden Spielfilm drehte er 1975. Wayne Wang wurde in Hongkong geboren, das er Anfang der 1980er Jahre gen USA verlassen hat. In seinem neuen Film Mr. Shi und der Gesang der Zikaden beschäftigt er sich mit chinesischen Immigranten in Amerika. Wayne Wang ist ein sehr sympathischer Mensch, der viel lacht und während des Interviews in bester Laune war.

Herr Wang, Ihr Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Yiyun Li. Was hat Sie an dieser Story fasziniert?

In den letzten Jahren habe ich hauptsächlich Hollywood-Filme gedreht. Diesmal wollte ich zu meinen Wurzeln zurückkehren und etwas über Chinesen in Amerika machen. Es gibt dort sehr viele chinesische Immigranten. Ein guter Freund hat mir von der Kurzgeschichte A Thousand Years of Good Prayers von Yiyun Li erzählt. Ich habe sie gelesen und war sehr fasziniert, weil sie, ohne direkt politisch zu sein, die ganzen Geheimnisse und Lügen Chinas der letzten dreißig, vierzig Jahre auf einer sehr persönlichen Ebene behandelt. Außerdem hat mich an der Geschichte das Thema Sprache gereizt und Sprache hat mich schon immer fasziniert.

Sie selbst sprechen sowohl Chinesisch als auch Englisch. Welche Sprache bevorzugen Sie?

Ich wurde bereits zweisprachig aufgezogen. Zu Hause haben wir Chinesisch gesprochen und in der Schule musste ich Englisch lernen. Die chinesische Sprache ist sehr förmlich, besonders Mandarin. Außerdem gibt es sehr viele Regeln, die man beachten muss. Wie man mit jemandem spricht, hängt davon ab, wer er ist, z.B. kann ich zu meinem Vater nur schwer „nein“ sagen. Denn selbst wenn ich „nein“ meine, muss ich so etwas wie „ja“ sagen, sonst wäre das unhöflich. Englisch hingegen ist eine sehr direkte Sprache. Es ist sehr ausdrucksstark und es fällt mir einfacher, mich auf Englisch auszudrücken. Meine Frau und ich sprechen Kantonesisch zusammen. Kantonesisch ist eine Sprache der Bauern, aber auch sehr modern, weil es sich hauptsächlich in Hongkong entwickelt hat. Aber wenn wir uns streiten, dann schalte ich wieder auf Englisch um, weil ich dann viel besser argumentieren und meine Gefühle aussprechen kann.

Mr. Shis Tochter Yilan sagt im Film, dass sie durch die englische Sprache ihre Freiheit gefunden hat. Bezieht sich das direkt auf Englisch oder Amerika oder generell auf eine andere Sprache?

In meinem Film bezieht sich das definitiv auf Englisch und Amerika. Über andere Sprachen wie Deutsch oder Französisch weiß ich zu wenig. Englisch ist eine sehr befreiende, ausdrucksstarke Sprache. Und damit kommt eben auch diese Art von Freiheit. Aber was ich an Yilan interessant finde ist, dass sie ein Gefühl von Freiheit in der neuen Sprache und Kultur gefunden hat, aber gleichzeitig auch darin gefangen ist. Sie ist in einen verheirateten Mann, der eine Tochter hat, verliebt. Damit wiederholt sie ungefähr die Geschichte ihres Vaters. Das ist sehr tragisch, denn obwohl man plötzlich frei ist, macht man Fehler und lebt immer noch so wie vorher. Es bleibt also die Frage, was Freiheit wirklich bedeutet.

Sich frei auszudrücken...

Klar, seine Gefühle auszudrücken, das stimmt. Am Ende des Films kann sie das gegenüber ihrem Vater tun, ihm ihre Gefühle zu sagen, die sie all die Jahre unterdrückt hat, weil ihr Vater nie etwas über seine Affäre erzählt hat und darüber, warum er nicht mehr als Raketenwissenschaftler gearbeitet hat. Aber mehr Freiheit muss man immer für sich selbst definieren.

Haben Sie das ebenfalls so erlebt?

Ja, damit habe auch ich meine Erfahrungen gemacht. Als ich zu Beginn in Amerika in die Schule gegangen bin, war ich sehr ruhig und passiv. Ich entschloss mich, wie die Amerikaner zu werden und das hat mir sehr gut getan. Ich wurde sehr aggressiv und direkt mit dem, was ich sagte. Jetzt wo ich älter werde, merke ich, dass ich mit dieser Aggressivität die Gefühle meiner Mitmenschen verletze. Es ist auch wichtig, diese Gefühle zu verstehen und die richtige Balance in der Kommunikation zu finden. Ich fühle mich sowohl chinesisch als auch amerikanisch und ich versuche, beiden Kulturen und Sprachen etwas abzugewinnen. Beide haben ihre Vor- und Nachteile.

Identifizieren Sie sich mit der Figur der Yilan?

In vielen Aspekten identifiziere ich mich mit ihr: Dass sie aus einer traditionellen chinesischen Familie stammt, nach Amerika gegangen ist und dort eine neue Sprache, Freiheit und Kultur kennen gelernt hat. Aber wie ich schon sagte, ist sie auch darin gefangen. Ich hoffe, dass es bei mir anders ist und ich meine Freiheit und die Art wie ich leben möchte, gefunden habe. Das ist auch der große Unterschied zwischen ihr und mir. Der schmerzhafteste Moment im Film ist für mich als sie zu ihrem russischen Freund sagt, er solle seine Familie nach Amerika bringen, da seine Tochter auch ihn brauche. Dabei denkt sie an sich selbst. Sie steckt eben in diesem Dilemma. Das ist interessant, aber eben auch sehr tragisch.

Glauben Sie, dass das offene Gespräch mit ihrem Vater ein weiterer Weg dahin ist, sich zu befreien?

Das ist auf jeden Fall ein Anfang. Ich glaube auch, dass sie ihren russischen Freund verlassen wird. Als sie am Ende des Films mit ihrem Vater auf der Parkbank sitzt und ihn konfrontiert, ist das ein erster Anfang, die Kommunikation zwischen ihnen zu beginnen. Es ist Hoffnung, zumindest ein Anflug von Hoffnung.

Was ist ihrer Meinung nach die wichtigste Botschaft des Films?

Ich kann mich in meinen Filmen nur schwer auf eine Sache fokussieren. Die Filme, die mir nicht so gut gelungen sind, haben meist eine klare Intention. Aber z.B. Smoke oder dieser Film nicht. Ich bin immer auf der Suche nach echter Menschlichkeit zwischen meinen Figuren, ehrlicher Kommunikation, obwohl ich manchmal gar nicht so genau sagen kann, was das eigentlich heißt. Ich kann es auch schwer beschreiben. In meinen Filmen wie auch im wirklichen Leben bin ich an einfachen zwischenmenschlichen Verbindungen interessiert.

Ein besonderes Augenmerk scheinen Sie auf familiäre Beziehungen zu legen...

Das liegt daran, weil meine eigene Familie nicht sehr glücklich ist. Ironischerweise gibt es viele Probleme zwischen meinen Eltern und mir. Die Kommunikation zwischen meinem Vater und mir funktionierte sogar schlechter als die zwischen Mr. Shi und Yilan. Leider konnte ich das nicht mehr ändern wie die beiden am Ende des Films, weil mein Vater ganz plötzlich bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Ich wollte mit ihm noch über so viele Dinge reden, aber das war leider nicht mehr möglich. Vielleicht ist der Film ein Versuch, darüber zu sprechen.

Spielt dabei die spezifisch chinesische Politik und Geschichte eine Rolle oder ist das ein generelles Problem?

Ich denke schon, dass die Besonderheiten einer Kultur und die jeweilige Geschichte des Landes eine Rolle dabei spielen. Gleichzeitig ist es auch ein universales Thema. Das geht Hand in Hand miteinander. Was Mr. Shi während der Kulturrevolution durchgemacht hat und dann später auch seine Tochter, das kann man nicht einfach so außen vorlassen. Anderseits ist das, was sich zwischen den beiden abspielt, auch allgemein ohne den spezifischen kulturellen Hintergrund denkbar. Als wir den Film in Spanien zeigten, hat sich jeder mit der Story identifizieren können.

Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind sehr komplex. Können Sie dazu etwas sagen.

Da ich keine eigenen Kinder habe, weiß ich nicht einmal, was das bedeutet. Aber in meinem Beruf als Regisseur bin ich sehr aufmerksam und beobachte andere Eltern und ihre Kinder. Yasuhiro Ozu, den ich sehr verehre, – mein Film soll auch ein Tribut an ihn sein – kannte seinen Vater auch nicht sehr gut. Er lebte mit seiner Mutter und hatte keine große Familie, aber er hat dreißig, vierzig Filme immer wieder über das gleiche Thema, die Familie, gedreht.

Mr. Shi und die Iranerin sprechen verschiedene Sprachen, aber trotzdem kommunizieren sie miteinander.

Inzwischen bin ich schon sehr lange verheiratet, aber davor hatte ich einige schwierige Beziehungen. Es gab immer Probleme, die mit Sprache, Semantik oder Missverständnissen zu tun hatten. Ich glaube fest daran, dass die Sprache in Beziehungen einfacher sein sollte. Ich glaube an die emotionale Musik in der Sprache, welche weitergeht als die Bedeutung der Wörter. Wörter können sehr verschieden definiert werden und dann wird es kompliziert. Beziehungen sollten emotionaler und direkter sein. Wörter sind auch wichtig, aber man sollte nicht mit ihnen spielen. Das ist jedenfalls meine Philosophie. Ich habe die Szenen mit Mr. Shi und der Iranerin auch nicht untertiteln lassen, weil man die genaue Bedeutung nicht verstehen muss, diese aber spüren wird.

Sie kommen aus Hongkong, einer sehr dynamischen Filmindustrie, ihre Filme drehen Sie in den USA. Verfolgen Sie, was ihre Kollegen in Hongkong bzw. China machen?

Das beobachte ich. Ich habe noch viele Freunde in Hongkong, die in der Filmbranche tätig sind. Auch was in China gemacht wird, verfolge ich, obwohl ich dort weniger Freunde habe. Ich besuche viele Festivals in der Region. Koreanische Filme finde ich besonders interessant, die versuche ich alle zu sehen. Aber ich bin anders als meine Freunde in Hongkong und China. Sie leben dort. Ich kenne zwar ihre Kultur, lebe aber in den USA. Und das schon seit dreißig Jahren. Ich mache keine Filme wie Johnnie To oder wie die koreanischen Regisseure. Ich fokussiere mich hauptsächlich auf die Chinesen in Amerika.

Wollen Sie weiterhin Filme über chinesische Immigranten in Amerika machen?

Nein, ich will damit nicht in eine Schublade gesteckt werden. Das ist auch der Grund, warum ich damals Smoke gedreht habe. Ich würde gern wieder ein Film machen, der nicht chinesisch ist, vielleicht ein Sequel von Smoke oder so etwas Ähnliches. Ich liebe die Figur von Harvey Keitel.

(Das Gespräch führte Katrin Knauth)
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