12.09.07
Ein Film sollte kompliziert sein - Interview mit Christian Petzold zu „Yella“
Christian Petzold ist einer der wichtigsten deutschen Regisseure. Sein Film Yella wurde auf der diesjährigen Berlinale gezeigt. Für ihre Rolle als Yella erhielt Nina Hoss den Silbernen Bären. Der Film handelt von einer jungen Frau, die aus einer ostdeutschen Kleinstadt aufbricht, um im Westen ihr Glück zu suchen. Was Gespenstergeschichten, Hitchcock und eine von Männern bestimmte Welt damit zu tun haben, erzählt Christian Petzold im Interview mit Katrin Knauth.
Wie bist du zu dem Film gekommen?
Es hat mehrere Ursachen. Ich komme aus einer Kleinstadt bei Wuppertal und da gab es, seit ich acht, neun Jahre alt war, kein Kino mehr. Die Stadtbücherei ist für mich der Kinoersatz gewesen. Nach der Schule bin ich immer dorhin gegangen und habe eine Zeitlang fast nur schwarze Romantik- und Horrorbücher gelesen. Da gab es die Kompilation von Mary Hottinger Gespenstergeschichten mit der Ambrose-Bierce-Geschichte Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke, die mich wahnsinnig beeindruckt hat.
Worum geht es in dieser Geschichte?
Es geht um einen Deserteur im amerikanischen Bürgerkrieg, der gehängt werden soll. Aber das Seil reißt, er fällt in den Fluss und kann sich schwimmend dieser Exekution entziehen und versucht, nach Hause zurückzukehren. Er krabbelt ans Ufer, schlägt sich durch die Nacht, die sehr merkwürdig ist: Die Sternzeichen, an denen er sich orientiert sind nicht ganz die Sternzeichen, an die er sich erinnert, der Wald nicht mehr der, an den er sich erinnert. Und dann kommt er zu seiner Farm, zu seiner Frau und seinem Kind zurück, aber die gucken ihn gar nicht an, stehen mit dem Rücken zu ihm. Als er sie ruft und sie sich umdrehen, spürt er einen unfassbaren Schmerz im Nacken - und dann objektiviert die Geschichte – und er hängt an der Brücke und ist tot. Das ist so eine Geschichte, die die amerikanische Populärkultur, also Kino, Literatur, Musik, unfassbar beeindruckt hat
Und an diese Geschichte hast du dich zurückerinnert?
Als wir mit Nina Hoss in Wittenberge Toter Mann gedreht haben, erzählte ich ihr angesichts dieses Flusses Elbe, der sehr schön ist in Wittenberge, von dieser Geschichte. Und da dachte ich, eigentlich müsste man diese Geschichte in Deutschland erzählen. Außerdem ging es in Toter Mann um eine Frau, die von West nach Ost geht und da habe ich gedacht, man müsste diese Bewegungen umkehren. Und dann haben wir an einer Brücke gedreht und da dachte ich an einen Autounfall und an Männer, die nicht einsehen, dass sie nicht mehr geliebt werden und es nicht ertragen können. Das kam alles irgendwie so zusammen. Es hat aber noch ein paar Jahre gedauert, bis ich schließlich dieses Projekt mit Harun Farocki in Angriff genommen habe.
Die Stadtbücherei war in deiner Kindheit und Jugendzeit eine wichtige Anlaufstelle für dich. Wie kam es zur Liebe zum Kino?
Es gab dieses Buch von François Truffaut Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? Und das habe ich mit 14, 15 Jahren gelesen. Ich merkte, dass ich viele von den Filmen, die da besprochen wurden, schon im Fernsehen gesehen hatte. Die sind mir in Erinnerung geblieben. Und plötzlich wusste ich durch das Lesen, warum sie mir in Erinnerung geblieben sind. Dann fand im Wallraf-Richartz-Museum in Köln in der Kinemathek eine Retrospektive aller Hitchcock-Filme statt. Nach der Schule bin ich dorthin gefahren und habe mir jeden Film angeguckt. Damit fing das Cineastentum an.
Zur Vorbereitung auf Yella hast du deinen Schauspielern Marnie von Hitchcock gezeigt...
Ich habe verschiedene Filme ausgesucht, in denen eine Frau die Heldin spielt. Und habe geguckt, was sind das für Frauen, die aufgebrochen sind und aus dem System herauswollten. Das war auch bei Marnie der Fall. Die Marnie ist so unfassbar sexualisiert. Die Wanda von Barbara Loden ist wiederum nicht sexualisiert, aber ausgebeutet und ausgebrannt. Wir haben diese ganzen Filme mit den Schauspielern gesehen und überlegt, wie es 2006 ist, Frauen bei ihrem Aufbruch, bei ihrer Glückssuche zu filmen. Wir wollen ja keine alten Geschichten erzählen. Wir wollen ja im Deutschland von heute zeigen.
Hast du dich von diesen Filmen beeinflussen lassen?
Am ersten Drehtag habe ich Nina Hoss wie Marnie gedreht. Als ich die Muster gesehen habe, sah ich, dass das völlig falsch ist. Die ist ja nicht von Männern beschrieben und begehrt, sondern sie ist selbstbewusster als Marnie. Sie ist kein Spielball. Und dann haben wir den ganzen ersten Drehtag weggeschmissen. Aber es war eine fantastische Erfahrung, dass man niemals einfach nur zitieren darf.
Warum hast du Yella in eine komplette Männerwelt gesetzt?
Wir hatten keine anderen Schauspielerinnen außer Barbara Auer. Ich habe immer noch das Gefühl, dass durch die Männer alles bestimmt wird. Und auch in der Private-Equity-Welt, in den Materialien, die ich gesehen habe, sind unfassbar wenig Frauen dabei. Es gibt jetzt langsam Frauen, die sind z.B. Pressesprecherinnen, wie bei der Deutschen Bahn. Aber viele sind immer noch die Sekretärinnen und das Management ist meistens männlich.
Dein Film berührt viele Themen: Kritik am Kapitalismus, Abschied und Anfang, Ausbruch aus dem Alltag. Was ist deine wichtigste Botschaft?
Ich finde es immer schön, wenn man viele Botschaften hat. Ich hatte keine richtige Hauptbotschaft, bis auf diese Metapher: Frau bricht in die Moderne auf, ist aber gleichzeitig nicht genug ausgestattet dafür. Die Zerrissenheit war ein bisschen das körperliche Ziel. Aber sonst muss ein Film kompliziert sein und darf keine einfache Wahrheiten liefern. Die Verhandlungen in der Private-Equity-Welt sind ja nicht etwas, was ich ekelhaft finde und ich möchte die Protagonisten auch nicht als Karikaturen darstellen. Die haben eine Physis, die man so noch nicht kennt. Alle Bereiche, nicht nur Natur und Stadt, auch das Verhandeln, das Fahren, das Liegen, das Nachhausekommen – das muss alles gleich respektiert sein.
Warum hast du gerade in Hannover gedreht und nicht in München oder Frankfurt?
In Hannover gab es das Expo-Gelände, das ich kannte und dort spielt auch der Film. Das Expo-Gelände ist so etwas wie die Documenta des Kapitalismus. Das sieht heute schon aus wie eine Ruine. Da dachte ich, das ist die richtige Reise: Von einer ruinösen Industriestadt wie Wittenberge zu einer modernen, kapitalistischen Stadt, die aber auch schon Zeichen des Verfalls insich trägt.
Yella – Woher kommt dieser Name?
Er hat natürlich mit der jungen Schauspielerin Yella Rottländer aus dem Wim-Wenders-Film Alice in den Städten zu tun, der mich schwer beeindruckt hat. Als ich mit Nina Hoss damals in Wittenberge über das Yella-Projekt sprach, hieß sie in dem Film, den wir gedreht haben, Leyla – und das ist das Anagramm. Und meine Frau erzählte mir, dass im Arabischen "Yella/Yalla" "Komm, Los, Mach!" heißt. Das waren genügend Gründe für diesen Namen.
Gibt es schon neue Projekte?
Ich drehe nächstes Jahr eine Art Remake von The Postman Always Rings Twice in Magdeburg. Der Film heißt Jericho und ist wieder mit Nina Hoss. Es geht um zwei Menschen, die einen dritten töten wollen und nicht nur an sein Geld, sondern auch an seine Vitalität, seine Lebenslust kommen wollen. Das war hart gewesen, zu schreiben.
Würdest du gern mal was anderes machen als das reduzierte, minimalistische Kino der Berliner Schule?
Ich würde gern mal was Lustiges machen. Aber Komödien zu schreiben, ist extrem schwierig.
Wie bist du zu dem Film gekommen?
Es hat mehrere Ursachen. Ich komme aus einer Kleinstadt bei Wuppertal und da gab es, seit ich acht, neun Jahre alt war, kein Kino mehr. Die Stadtbücherei ist für mich der Kinoersatz gewesen. Nach der Schule bin ich immer dorhin gegangen und habe eine Zeitlang fast nur schwarze Romantik- und Horrorbücher gelesen. Da gab es die Kompilation von Mary Hottinger Gespenstergeschichten mit der Ambrose-Bierce-Geschichte Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke, die mich wahnsinnig beeindruckt hat.
Worum geht es in dieser Geschichte?
Es geht um einen Deserteur im amerikanischen Bürgerkrieg, der gehängt werden soll. Aber das Seil reißt, er fällt in den Fluss und kann sich schwimmend dieser Exekution entziehen und versucht, nach Hause zurückzukehren. Er krabbelt ans Ufer, schlägt sich durch die Nacht, die sehr merkwürdig ist: Die Sternzeichen, an denen er sich orientiert sind nicht ganz die Sternzeichen, an die er sich erinnert, der Wald nicht mehr der, an den er sich erinnert. Und dann kommt er zu seiner Farm, zu seiner Frau und seinem Kind zurück, aber die gucken ihn gar nicht an, stehen mit dem Rücken zu ihm. Als er sie ruft und sie sich umdrehen, spürt er einen unfassbaren Schmerz im Nacken - und dann objektiviert die Geschichte – und er hängt an der Brücke und ist tot. Das ist so eine Geschichte, die die amerikanische Populärkultur, also Kino, Literatur, Musik, unfassbar beeindruckt hat
Und an diese Geschichte hast du dich zurückerinnert?
Als wir mit Nina Hoss in Wittenberge Toter Mann gedreht haben, erzählte ich ihr angesichts dieses Flusses Elbe, der sehr schön ist in Wittenberge, von dieser Geschichte. Und da dachte ich, eigentlich müsste man diese Geschichte in Deutschland erzählen. Außerdem ging es in Toter Mann um eine Frau, die von West nach Ost geht und da habe ich gedacht, man müsste diese Bewegungen umkehren. Und dann haben wir an einer Brücke gedreht und da dachte ich an einen Autounfall und an Männer, die nicht einsehen, dass sie nicht mehr geliebt werden und es nicht ertragen können. Das kam alles irgendwie so zusammen. Es hat aber noch ein paar Jahre gedauert, bis ich schließlich dieses Projekt mit Harun Farocki in Angriff genommen habe.
Die Stadtbücherei war in deiner Kindheit und Jugendzeit eine wichtige Anlaufstelle für dich. Wie kam es zur Liebe zum Kino?
Es gab dieses Buch von François Truffaut Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? Und das habe ich mit 14, 15 Jahren gelesen. Ich merkte, dass ich viele von den Filmen, die da besprochen wurden, schon im Fernsehen gesehen hatte. Die sind mir in Erinnerung geblieben. Und plötzlich wusste ich durch das Lesen, warum sie mir in Erinnerung geblieben sind. Dann fand im Wallraf-Richartz-Museum in Köln in der Kinemathek eine Retrospektive aller Hitchcock-Filme statt. Nach der Schule bin ich dorthin gefahren und habe mir jeden Film angeguckt. Damit fing das Cineastentum an.
Zur Vorbereitung auf Yella hast du deinen Schauspielern Marnie von Hitchcock gezeigt...
Ich habe verschiedene Filme ausgesucht, in denen eine Frau die Heldin spielt. Und habe geguckt, was sind das für Frauen, die aufgebrochen sind und aus dem System herauswollten. Das war auch bei Marnie der Fall. Die Marnie ist so unfassbar sexualisiert. Die Wanda von Barbara Loden ist wiederum nicht sexualisiert, aber ausgebeutet und ausgebrannt. Wir haben diese ganzen Filme mit den Schauspielern gesehen und überlegt, wie es 2006 ist, Frauen bei ihrem Aufbruch, bei ihrer Glückssuche zu filmen. Wir wollen ja keine alten Geschichten erzählen. Wir wollen ja im Deutschland von heute zeigen.
Hast du dich von diesen Filmen beeinflussen lassen?
Am ersten Drehtag habe ich Nina Hoss wie Marnie gedreht. Als ich die Muster gesehen habe, sah ich, dass das völlig falsch ist. Die ist ja nicht von Männern beschrieben und begehrt, sondern sie ist selbstbewusster als Marnie. Sie ist kein Spielball. Und dann haben wir den ganzen ersten Drehtag weggeschmissen. Aber es war eine fantastische Erfahrung, dass man niemals einfach nur zitieren darf.
Warum hast du Yella in eine komplette Männerwelt gesetzt?
Wir hatten keine anderen Schauspielerinnen außer Barbara Auer. Ich habe immer noch das Gefühl, dass durch die Männer alles bestimmt wird. Und auch in der Private-Equity-Welt, in den Materialien, die ich gesehen habe, sind unfassbar wenig Frauen dabei. Es gibt jetzt langsam Frauen, die sind z.B. Pressesprecherinnen, wie bei der Deutschen Bahn. Aber viele sind immer noch die Sekretärinnen und das Management ist meistens männlich.
Dein Film berührt viele Themen: Kritik am Kapitalismus, Abschied und Anfang, Ausbruch aus dem Alltag. Was ist deine wichtigste Botschaft?
Ich finde es immer schön, wenn man viele Botschaften hat. Ich hatte keine richtige Hauptbotschaft, bis auf diese Metapher: Frau bricht in die Moderne auf, ist aber gleichzeitig nicht genug ausgestattet dafür. Die Zerrissenheit war ein bisschen das körperliche Ziel. Aber sonst muss ein Film kompliziert sein und darf keine einfache Wahrheiten liefern. Die Verhandlungen in der Private-Equity-Welt sind ja nicht etwas, was ich ekelhaft finde und ich möchte die Protagonisten auch nicht als Karikaturen darstellen. Die haben eine Physis, die man so noch nicht kennt. Alle Bereiche, nicht nur Natur und Stadt, auch das Verhandeln, das Fahren, das Liegen, das Nachhausekommen – das muss alles gleich respektiert sein.
Warum hast du gerade in Hannover gedreht und nicht in München oder Frankfurt?
In Hannover gab es das Expo-Gelände, das ich kannte und dort spielt auch der Film. Das Expo-Gelände ist so etwas wie die Documenta des Kapitalismus. Das sieht heute schon aus wie eine Ruine. Da dachte ich, das ist die richtige Reise: Von einer ruinösen Industriestadt wie Wittenberge zu einer modernen, kapitalistischen Stadt, die aber auch schon Zeichen des Verfalls insich trägt.
Yella – Woher kommt dieser Name?
Er hat natürlich mit der jungen Schauspielerin Yella Rottländer aus dem Wim-Wenders-Film Alice in den Städten zu tun, der mich schwer beeindruckt hat. Als ich mit Nina Hoss damals in Wittenberge über das Yella-Projekt sprach, hieß sie in dem Film, den wir gedreht haben, Leyla – und das ist das Anagramm. Und meine Frau erzählte mir, dass im Arabischen "Yella/Yalla" "Komm, Los, Mach!" heißt. Das waren genügend Gründe für diesen Namen.
Gibt es schon neue Projekte?
Ich drehe nächstes Jahr eine Art Remake von The Postman Always Rings Twice in Magdeburg. Der Film heißt Jericho und ist wieder mit Nina Hoss. Es geht um zwei Menschen, die einen dritten töten wollen und nicht nur an sein Geld, sondern auch an seine Vitalität, seine Lebenslust kommen wollen. Das war hart gewesen, zu schreiben.
Würdest du gern mal was anderes machen als das reduzierte, minimalistische Kino der Berliner Schule?
Ich würde gern mal was Lustiges machen. Aber Komödien zu schreiben, ist extrem schwierig.
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