11.12.09

Die Rätselhafte - Die Ausstellung "Romy Schneider. Wien - Berlin - Paris" in der Berliner Kinemathek

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Über Romy Schneider scheint alles gesagt zu sein. Ihr Privatleben wurde bis ins letzte Detail beleuchtet. Die Ausstellung "Romy Schneider. Wien - Berlin - Paris" in der Berliner Kinemathek, die von 5. Dezember 2009 bis 30. Mai 2010 zu sehen ist, offenbart jedoch einmal mehr die unendliche Rätselhaftigkeit dieser scheinbar öffentlichen Frau.

Die Romy-Vermarktungsmaschine läuft seit 2008 wie geschmiert, denn im letzten Jahr wäre die Schauspielerin siebzig Jahre alt geworden. Grund genug, den Fernsehfilm Romy mit Jessica Schwarz zu drehen und mehrere Biografien auf den Markt zu bringen. Die Ausstellung "Romy Schneider. Wien - Berlin - Paris" in der Berliner Kinemathek konzentriert sich neben dem filmischen Vermächtnis der Schauspielerin ebenfalls auf ihre private Seite. Präsentiert werden 275 Exponate, Fotos von F.C. Gundlach, Robert Lebeck, Heinz Köster und anderen, Briefe von und an Romy und Originalkostüme wie das Krönungskleid aus Sissi, die junge Kaiserin (1956) und ein Chanel-Kostüm, das für das Biopic Romy (2009) angefertigt wurde.

Ganz bewusst wird also auch der Mensch Romy miteinbezogen, denn bei wenigen Schauspielern ist die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem so verschwommen wie bei ihr. Jede Affäre, jede Filmfigur, jedes Interview wurde endlos zitiert, studiert und kommentiert. Schneider selbst war daran nicht unschuldig, indem sie die Neugier an ihrem Privatleben bediente. So spielte sie wenige Monate nach dem Unfalltod von Sohn David im Jahr 1981 als Elsa Wiener eine Szene in Die Spaziergängerin von Sans-Souci, in der sie ein Junge, etwa so alt wie ihr verstorbenes Kind, mit seinem Geigenspiel zu Tränen rührt. Die Medien weideten die Parallelen zwischen persönlichen Schicksalsschlägen und ihren Rollen naturgemäß aus.

Der Titel der Ausstellung ist als Reminiszenz an Romys Geburts-, Wohn- und Todesort zu verstehen. In Wien wird sie 1938 geboren, in Berlin lebt sie in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre während ihrer Ehe mit dem Theaterregisseur Harry Meyen ("Ich habe dort die schönsten und glücklichsten Jahre meines Lebens verbracht", sagt sie später) und in Paris stirbt sie am 29. Mai 1983 mit 43 Jahren an Herzversagen. Die Ausstellung mit unveröffentlichten Aufnahmen ist in fünf Stationen mit ebenso schlichten, wie prägnanten Titeln gegliedert: Tochter, Aufbruch, Weltstar, Zerstörung und Mythos.

Als Tochter des Schauspielerehepaares Magda Schneider und Wolf Albach-Retty spielt sie ab 1953 in deutschen Heimatfilmen und der Sissi-Trilogie. Ihr Aufbruch nach Frankreich 1958 zur großen Liebe Alain Delon ist gleichzeitig eine Absage an diese Heile-Welt-Filmindustrie, in der sie sich zunehmend unwohl fühlt. 1964 trennt er sich von ihr. Der Umzug nach Berlin 1966 und das Familienleben mit Harry Meyen und Sohn Christopher im gutbürgerlichen Milieu sind eine weitere Station ihres Lebens. Die Rückkehr nach Frankreich nach dem legendären Anruf von Alain Delon, der sie für Der Swimmingpool (1968) von Jacques Deray zurückholt, markieren schließlich den Beginn ihrer Karriere als Weltstar. In diese Zeit fällt auch die Ehe mit dem Filou Daniel Biasini, festgehalten in der Fotoserie von Robert Lebeck von 1976, in der Biasini in einem Schaukelstuhl thront, während Romy ergeben vor ihm kniet. Der Unfalltod des Sohnes David 1981 leitet schließlich eine Phase der Zerstörung bis zu ihrem Tod ein: Alkohol, Ängste und Medikamente werden Romy zum Verhängnis.

Kuratorin Daniela Sannwald von der Kinemathek Berlin sieht Romy als "professionelle und empfindsame Schauspielerin, die unglaublich präsent und überzeugend wirkt". Die Ausstellung betone erstmals die sechziger Jahre als spannende Zeit von Schneiders Schaffen. In dieser äußerst produktiven Zeit zeigt Romy alle Facetten ihres schauspielerischen Könnens. Zwischen zwei Männern (einer davon ist Jean-Louis Trintignant, mit dem sie zum ersten Mal dreht) steht Romy 1962 in Der Kampf auf der Insel von Alain Cavalier, ihrer Premiere im französischen Film. Sie dreht mit Otto Preminger Der Kardinal (1963), mit Luchino Visconti Der Job als Episode des Vierteilers Boccaccio '70 und Der Prozess (1962) unter Regisseur Orson Welles. Als Komödiantin profiliert sie sich in zwei amerikanischen Filmen: Leih mir Deinen Mann von David Swift (1964) an der Seite von Jack Lemmon, der ein großer Erfolg in den USA ist, und Was gibt's Neues, Pussy? (1965) neben Peter Sellers nach dem Drehbuch des jungen Woody Allen. 1964 beginnen die Dreharbeiten zum nie vollendete Film Die Hölle von Henri-Georges Clouzot, die abgebrochen werden, nachdem Clouzot einen Herzinfarkt erleidet.

Während die sechziger Jahre für Romy eine Zeit des Ausprobierens sind, stellt sie in den siebziger Jahren häufig zwei Frauentypen dar: Die sexuell freizügige Frau in Das Mädchen und der Kommissar (1971) und Nachtblende (1975) oder die verfolgte, gedemütigte und verzweifelte Frau in Filmen, die sich mit dem nationalsozialistischen Regime auseinandersetzen wie Das alte Gewehr von Robert Enrico (1975), Die Spaziergängerin von Sans-Souci von Jacques Ruffio (1982) oder private Dramen schildern wie Mado (1976), Die Liebe einer Frau (1979) und Der gekaufte Tod (1979).

In der Kinemathek wird auch die Beziehung zwischen Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy dokumentiert. Hildegard Knef hatte sich in ihrem 1984 erschienenen Buch Romy. Betrachtungen eines Lebensweges mit der Kollegin befasst. Dietrich quittierte es nach der Lektüre mit einem lakonischen "She did not know her", das sie auf den Buchdeckel kritzelte. Denn während sich Knef und Schneider nur flüchtig kannten, tauschen Romy und Marlene gelegentlich Geschenke und Grußkarten aus. Gezeigt wird Knefs Buch mit der handschriftlichen Anmerkung aus dem Besitz von Marlene Dietrich.
Die Ausstellung verdeutlicht die Widersprüchlichkeit von Romy Schneiders Leben. Sie wählte einen öffentlichen Beruf, war besessen von der Schauspielkunst und spielte emotional-aufwühlende Rollen, die bis an die Grenze des Erträglichen menschliches Scheitern und Zerfall darstellen. Sie gab die erotische Ikone, flirtete ostentativ mit der Kamera, mal als Verführerin, mal als Prostituierte, und ließ sich nackt für einen Stern-Titel fotografieren. Das Publikum nahm im Gegenzug Anteil an den Höhen und Tiefen ihres Lebens und gierte nach persönlichen Geschichten. Die Paparazzi verfolgten sie gnadenlos.

Ihren letzten Film Die Spaziergängerin von Sans-Souci (1982) widmete sie ihrem verstorbenen Sohn David und Ex-Mann Harry Meyen, der 1979 Selbstmord begangen hatte. Regisseur Jacques Rouffio sprach Romy auf diese sehr private Widmung an. Romys Erwiderung: "Was ist heut noch persönlich? Man scheint doch jedem zu gehören".

Was bleibt, ist eine ambivalente Künstlerin: hin und hergerissen zwischen einer unstillbaren Gier nach dem Scheinwerferlicht und der nervösen Flucht vor der Öffentlichkeit. "Ihr Faszinosum besteht in dem Umstand, dass sie enigmatisch und offenbarend zugleich wirkt", schreibt ihr Biograf Günter Krenn.

Eine abschließende Interpretation ihrer Persönlichkeit vermag die neue Ausstellung nicht zu geben. Der Mythos bleibt bestehen - auch 27 Jahre nach Romy Schneiders Tod.

(Annette Walter)
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