29.01.08

„Der Mensch ist ein Bündel von Gegensätzen“ – Interview mit Sylke Enders zu „Mondkalb“

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Die Regisseurin und Drehbuchautorin Sylke Enders ist mit ihrem Kinodebüt Kroko 2003 auf den Hofer Filmtagen groß herausgekommen. Es gab viel Kritikerlob, gefolgt von Festivaleinladungen, Filmpreisnominierungen und die Auszeichnung mit dem Deutschen Filmpreis in Silber. Nach Hab mich lieb! (2004) startet nun ihr dritter Kinofilm Mondkalb. Im Interview mit Katrin Knauth spricht die Brandenburgerin über ihren neuen Film.

2003 wurdest du mit Kroko auf den Hofer Filmtagen entdeckt. 2007 lief Mondkalb dort als Eröffnungsfilm. Wie war es nach Hof zurückzukehren? Hat es dich unter Druck gesetzt?
Das ist etwas sehr Zwiespältiges. Man fühlt sich geschmeichelt, aber anderseits ist da dieser Vorführaspekt als Eröffnungsfilm zu laufen. Das hat so was von „Seht her, das muss gut sein!“ Ich ziehe mich lieber dezent zurück und überlasse die Zensurenverteilung anderen. Mit Mondkalb war es aber schon eine andere Erfahrung als mit Kroko, der zwischen vielen anderen Filmen lief und eventuell von jemandem als kleine Perle gesehen wurde. Das hatte mehr mit Entdecktwerden zu tun, jetzt hat man ein anderes Standing. Das muss man erstmal aushalten.

Gab es schon einen gewissen Druck beim Schreiben?
Nein, gar nicht. Der Prozess des Schreibens vollzog sich über mehrere Jahre. Ich habe lange ganz für mich allein hin und her probiert und fühlte mich zu nichts verpflichtet. Ich bin erst sehr spät auf eine wichtige Partnerin zugegangen, die Andrea Hanke vom WDR. Das war ein großer Pluspunkt, weil ich mich ihr gegenüber sehr verbunden fühlte. Sie hat das Ganze in einen neuen Diskurs gebracht. Es ist immer noch etwas anderes, wenn man zu einem Thema von einer Redaktion inspiriert wird und man viel stärker und viel früher in so eine Auftragssituation gerät. Da werden bestimmte Entscheidungen früher gefällt.

Die Konfrontation zweier völlig gegensätzlicher Welten, wie schon bei Kroko, war das die Grundidee des Films?
Die Haltung der beiden Hauptfiguren, also wer was von wem will, das war spannend für mich. Oft erlebe ich Menschen in meinem Umfeld, die sich ihr Leben je nach ihrer Befindlichkeit zurechtbasteln und glauben, so zurechtzukommen. Das empfinde ich als gefährlich und traurig. Dass ein Mensch sich in einen anderen verliebt und mit seiner ganzen Kraft auf den anderen zugeht, das gibt es selten. Das habe ich nicht umsonst in eine Kleinstadt manövriert, weil sich da jeder kennt und vielleicht ein Mann eher mal auf was Neues stößt und sich etwas zutraut. Ich fand interessant, wie viel Zeit so etwas braucht und welche Hürden dabei zu überwinden sind.

Die anderen Themen, wie Kindererziehung und Gewalt in der Familie, sind die beim Schreiben später noch hinzugekommen?
Eigentlich waren die schon immer da. Für mich ist der Mensch ein Bündel von Gegensätzen, der nie wirklich eins zu eins transparent für andere wird. Diese Ambivalenz bis hin zur Steigerung von sehr extremen Verhaltensäußerungen – das ist etwas, was mich grundlegend interessiert. Ich mag es, wenn man als Zuschauer oder Leser im Verhältnis zu seiner Figur ins Schwanken gerät. Natürlich urteilen wir, aber vielleicht haben wir über einen Diskurs die Möglichkeit, uns zu korrigieren. Es läuft darauf hinaus, dass wir akzeptieren müssen, dass wir manches nicht verstehen.

Gab es literarische Inspirationen für deinen Film?
Die Konstellation der Frau aus Fräulein Smillas Gespür für Schnee fand ich inspirierend. Das ist nicht eins zu eins übertragbar, aber mir fiel auf, dass es ähnlich ist. Ich finde, dass ein Kind tatsächlich etwas in einem Erwachsenen bewegen kann und dass der sich plötzlich gewahr wird, was er eigentlich will und seine wahren Bedürfnisse wiederentdeckt. Ein Satz aus einem Werk von Isabelle Allende hat mich sehr beeindruckt. In dem steckt die Problematik, dass sich die Erwachsenenwelt oft der Kinder für einen Moment annimmt. Und im nächsten Moment sich wegen ihrer Müdigkeit wieder zurückzieht. Genau dann wenn Kinder etwas anderes brauchen. Solche Schlüsselsituationen waren für mich beim Schreiben eine Bestätigung.

Wie waren deine Vorbereitung und die deiner Schauspieler vor Drehstart?
Was ich mir grundsätzlich erhalten will, ist so etwas wie ein gesunder Zweifel. Das heißt, dass ich nicht in die maximale Vorbereitung gehe. Diesmal waren die Produktionsbedingungen extrem hart, weil ich mich überhaupt nicht vorbereiten konnte, da ich die beiden Schauspieler vorher nie zusammen gesehen habe. Ich habe das als was Positives genommen, um die Angst loszuwerden und es auf mich zukommen lassen. Wenn ich weiß, dass ich nichts Vorgefestigtes haben will, gestatte ich mir und den anderen, dieses Unvorhersehbare zu genießen und zu nutzen und dann noch mal im Gesamtkontext zu betrachten.

Bislang hast du hauptsächlich mit Laiendarstellern und unerfahrenen Schauspielern gearbeitet. War die Arbeit mit professionellen Schauspielern wie Axel Prahl und Juliane Köhler einfacher?
Ich finde es toll, wenn da jemand kommt, der bereits weiß, dass er für etwas steht und er das dennoch alles raus lässt. Das nenne ich Professionalität. Der kommt mir nicht mit „Ich weiß schon, wie es geht.“ Ich hatte die Gewissheit, dass die beiden das nicht haben. Ich mag es, wenn jemand seine Unsicherheiten preisgibt. Professionell ist eher ein Schimpfwort für mich, weil es etwas unbedingt sein will. In dem Fall ist es einfach so, sie sind es, lassen es aber nicht raus. Eine Gabe.

Für mich war die Figur des Piet eine typische Axel Prahl-Rolle. Hattest du die beiden, auch Juliane Köhler, bereits beim Schreiben im Kopf?
Ich habe Axel in einem Kurzfilm von einem Studienkollegen gesehen, der mich auch mit ihm bekannt gemacht hat. Das ist schon sehr lange her. Das war noch vor Halbe Treppe. Der gute Mann ist schon lange in meinem Kopf. Und Juliane Köhler kam erst später hinzu. Das war rein intuitiv.

Hast du dir mehrere Schauspielerinnen beim Casting für die Rolle von Alex angesehen?
Nein, es gab kein Casting. Für die beiden Rollen nicht. Für die Rolle des Tom hingegen schon. Ein Jahr vorher gab es bereits einige Versuche, in Schulen zu gehen und dort mit den Lehrern über mögliche Kinder zu sprechen. Die waren alle sehr aufgeschlossen. Dennoch hat man festgestellt, dass die Kinder aus sehr schwierigen Milieus kommen und die nötigen Fähigkeiten nicht mitbringen. Dann wurden Castings mit Kindern veranstaltet, die bereits vor der Kamera gestanden haben. Auch da muss ich sagen, war die Auswahl reduziert auf diesen einen kleinen Menschen, Leonard Carow. Es gab keinen Anderen. Wir hatten nicht viel Zeit, aber es war auch eine Frage des Geldes.

Bislang hast du die Drehbücher für deine Filme immer selbst geschrieben. Könntest du dir vorstellen, auch ein fremdes Drehbuch zu verfilmen?
Aber sicher. Eigentlich verstehe ich mich in erster Linie als Regisseurin. Ich sehe es einerseits als Geschenk an, meine eigenen Drehbücher zu verfilmen. Anderseits ist mir klar, dass man sich da immer etwas mehr offenbart und es mehr Gefahren birgt als sich hinter einem fremden Drehbuch zu verstecken. Denn das kann wieder ganz andere Sachen von mir fordern, die ich noch gar nicht an mir ausprobiert habe. Ich sehe das als Herausforderung.

Mangelt es Drehbuchangeboten?
Sobald ich mit Produzenten in Kontakt trete und nach einem Drehbuch frage, sagen sie: „Mach du mal!“ Da fühlt man sich geschmeichelt. Aber man ist sich auch etwas unsicher, ob man wirklich diese Auftragsautorin sein kann. Es ist immer eine ambivalente Geschichte, man muss einfach so tun, als ob das kein Auftrag wäre. Oder ich tue so, wie bei Kroko, als ob es einer wäre. Da hatte ich diesen enormen Zeitdruck. Da war ganz klar für mich, das schaffe ich nur, indem ich mir selber einrede, dass es ein Auftrag sei. Das hat Konsequenzen dahingehend, dass man nicht so sehr an seinen Babys hängt. Dass man nicht Detailversessen ist und dass man das Große im Überblick behält.

Wie sieht’s mit der Verfilmung einer literarischen Vorlage aus?
Das würde ich auch gern machen. Ich bin für alles offen. Ich will mich auch nicht beklagen, wenn ich gerade sehr viel schreiben muss. Das hat sich jetzt einfach ergeben und ich wäre froh, wenn mir das weiterhin gestattet bleibt. Ich mache gern weiter und probiere gern vieles aus.
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