23.08.06

Der freie Wille - Ein Interview mit Jürgen Vogel

Kinostart: 01.01.2006
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Die schonungslose und drastische Darstellung des Sexualstraftäters Theo durch Jürgen Vogel in Matthias Glasners Der freie Wille sorgte bereits auf der Berlinale 2006 für kontroverse Diskussionen. Schauspieler Jürgen Vogels Darbietung wurde mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet und auch auf dem angesehenen New Yorker Tribeca Filmfestival konnte Vogel einen Preis erringen. Am Donnerstag den 24.8. startet Der freie Wille nun in den deutschen Kinos. Jürgen Vogel sprach mit kino-zeit.de über seine Rolle.

kino-zeit.de: Versucht man sich als Schauspieler in die Charaktere, die man spielt hinein zu versetzen? Wie ist das, wenn man einen Menschen wie den Vergewaltiger Theo darstellt?

Jürgen Vogel: Das ist nicht der erste schlechte Mensch, den ich spiele. Was ist ein schlechter Mensch, was ist ein guter Mensch? Natürlich macht Theo Dinge, die grausam sind aber so gehe ich nicht an eine Rolle heran, sonst würde ich mir den Zugang verwehren. Ich muss das von einer anderen Perspektive sehen. Er ist in erster Linie ein Mensch, der etwas Schlimmes getan hat. Mich interessiert das, mich interessieren auch Filme, die damit zu tun haben. Es besteht geradezu eine filmische Tradition Geschichten von Menschen zu erzählen, die Schlimmes getan haben.

Wir gucken ohne Weiteres Filme, in denen die Helden andere Menschen umbringen. In Der freie Wille geht es eben um sexuellen Missbrauch und da gehen gleich die Sirenen los. Man muss sich auch einmal fragen, warum eigentlich? Warum ist das Interesse daran noch grösser als an allem anderen? Ist das die Nähe dazu, die einen so abschreckt und die einem das Gefühl gibt, wir müssen das mal ganz weit weg packen, weil uns das als Mann so nahe ist? Und deshalb müssen wir dann in eine extreme Ablehnung verfallen? Damit kämpfe ich ja auch, aber als Schauspieler habe ich mir gedacht, das mache ich jetzt. Wenn man das jetzt reduziert auf das Thema Vergewaltigung – wir wissen, dass wir dazu fähig sind genauso, wie wir wissen, dass wir morden können. Es gibt eben nicht viele Filme, die eine Nähe zu so einer Figur aufbauen.

kino-zeit.de: Das ist ein sehr physischer Film, Theo ist sehr physisch angelegt im Gegensatz zu Nettie, die eher ein psychologisierendes Moment darstellt.

Jürgen Vogel: Das macht es ja auch interessant und ist bewusst so gewählt. Wir haben wahnsinnig viel Recherche gemacht mit Psychologen, Therapeuten und Psychiatern, aber auch mit Tätern Interviews geführt und gesprochen. Das haben wir dann aber auch irgendwann einmal weggepackt, weil wir gesehen haben, dass es nicht den Täter schlechthin gibt. Täter sind so individuell wie Menschen generell. Man kann das nicht verallgemeinern. Theo steht nicht stellvertretend für alle Vergewaltiger.

kino-zeit.de: Interessant ist, dass Theo nicht erklärt wird, sondern nur gezeigt.

Jürgen Vogel: Damit Theo von Anfang bis Ende auch Täter bleibt. Er wird von uns nicht zum Opfer gemacht.

kino-zeit.de: Es geht mir mehr um die Frage der Balance des Films, die sich auch auf seine Länge auswirkt. Warum wird Theos Gegenspielerin Nettie so aufgebaut?

Jürgen Vogel: Weil es ganz wichtig ist, um zu verstehen, warum so ein Mensch wie Nettie überhaupt mit so einem Mensch wie Theo zusammen kommt. Eigentlich wollen ja beide von dem anderen Geschlecht nichts. Beide sind jedoch gut füreinander, weil sie erst mal voneinander gar nichts wollen. Das macht auch den Reiz beider Figuren zueinander aus. Theo hat ja eindeutig Angst vor Kommunikation mit Frauen, vor Berührung und vor Nähe zu Frauen. Nettie wiederum hat überhaupt keinen Bezug zu Männern und deswegen sind sie gut füreinander was wiederum tragisch ist. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wenn man Nettie als Opfer ihres Vaters betrachtet, dann scheint es fast schon normal zu sein, dass sie als Opfer wieder an einen Täter gerät. Darüber hinaus sind es auch zwei Menschen die Sehnsüchte haben – eine große Sehnsucht zu lieben.

kino-zeit.de: In der Anfangssequenz haben Sie mich sehr an Klaus Kinski erinnert.

Jürgen Vogel (lacht): Das hat mir schon mal jemand gesagt. Die Szene ist einfach so geworden, denke ich. Ich habe dabei sicherlich nicht an Klaus Kinski gedacht. Der Vergleich ehrt mich, ich mag Klaus Kinski. Ich habe mich für die Rolle von unseren Recherchen inspirieren lassen.

Das Gespräch führte Mike Swain für kino-zeit.de.
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