07.08.08
„Das Altmodische, das Naive, das gefällt mir“ - Emmanuel Mouret im Gespräch zu seinem Film „Küss mich bitte!“
Emmanuel Mourets neuer Film Küss mich bitte! / Un baiser, s’il vous plait ist der wahrscheinlich schönste Liebesfilm dieses Sommer und knüpft an die Traditionen der Screwball Comedies ebenso an wie an die typisch französische und stets sehr elegante Art und Weise des Filmemachens. Joachim Kurz traf den Regisseur während des Münchner Filmfestes und sprach mit ihm über Romantik, Sexualität und warum seit seinem letzten Film Changement d’adresse gerade mal ein Jahr vergangen ist.
Offensichtlich kam der Film sehr schnell zustande, denn seit Changement d’adresse ist gerade mal ein Jahr vergangen.
Ja, ich hatte großes Glück, dass die Finanzierung für meinen neuen Film sehr schnell zustande kam und dass alle Schauspieler, die ich gerne haben wollte, Zeit hatten. Außerdem bin ich recht ungeduldig und arbeite gerne schnell und konzentriert, weil man dadurch gezwungen ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zudem hatte ich das Glück, dass mein vorheriger Film recht erfolgreich war, so dass es kein Problem damit gab, die Gelder für Küss mich bitte! zu bekommen.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu Ihrem Film?
Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange. Heutzutage ist ein Kuss ja etwas Harmloses, doch ich fand es spannend, darüber nachzudenken, was ein Kuss alles bewirken kann und welche Auswirkungen er haben kann. Die Grundfrage war: Kann es überhaupt Küsse geben, die nichts bedeuten? Und wenn sich aus so einem eigentlich unschuldigen Kuss heraus Verlangen und Leidenschaft entwickelt, wie geht man damit um, wenn man zugleich versucht, einen Dritten, der ebenfalls involviert ist, vor schmerzhaften Erfahrungen zu bewahren?
Das ist ja ein sehr ernstes Thema. Trotzdem strahlt Ihr Film eine große Heiterkeit aus und hat oft Szenen, in denen Sie zeigen, wie unbeholfen, und beinahe naiv ihre Figuren sich verhalten. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich mag unbeholfene Menschen wie etwa Pierre Richard in seinen Filmen oder Jacques Tati. Das sind für mich die eigentlichen Helden des Kinos. Diese Unbeholfenheit und die Ernsthaftigkeit des Themas unter einen Hut zu bekommen und daraus einen Film zu machen, das war für mich die eigentliche Herausforderung.
Die Herausforderungen, die der Film an Sie gestellt hat, gab es ja auch noch auf einer anderen Ebene. Ich stelle mir das immer sehr schwierig vor, zur gleichen Zeit als Regisseur hinter und als Hauptdarsteller vor der Kamera zu agieren. Wie sind Sie an diesen Zwiespalt herangegangen?
Es ist eine Illusion zu glauben, man habe als Regisseur stets die totale Kontrolle über den Film. Ein Film ist ein arbeitsteiliger Prozess und hängt von so vielen Faktoren ab, dass man sich besser darauf einstellt und das Unkalkulierbare zulässt. Außerdem hat man als Darsteller und Regisseur in Personalunion natürlich den Vorteil, dass man ganz genau weiß, welche Vorstellungen der Regisseur von der Szene hat. In gewisser Weise ist es also sogar leichter.
Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Dazu muss man sagen, dass mich mit meinem Kameramann Laurent Desmet ein enges Vertrauensverhältnis verbindet, wir haben ja bereits Changement d’adresse zusammen realisiert. Letzten Endes haben wir von jeder Szene mehrere Takes gemacht und dann im Schneideraum entschieden, welchen Take wir nehmen.
Ein sehr wichtiger Faktor in Ihrem Film ist die klassische Musik, die den Film durchzieht.
Es lag natürlich auf der Hand, dass Musik von Schubert in dem Film eine große Rolle spielen würde, denn Claudio hat ja diese große Leidenschaft für Schubert, die sich Nicolas und Julie später zunutze machen, um ihn mit Caline zu verkuppeln. Im Schneideraum haben Martial Salomon und ich dann schnell entdeckt, dass Tschaikowski, Mozart und Dvorak die Geschichte optimal ergänzen oder kommentieren.
Was auffällt an Ihrem Film ist die ganz eigene Herangehensweise an die Themen Liebe und Sexualität. In Zeiten, in denen Sexualität von einer intimen zu einer quasi öffentlichen Angelegenheit geworden ist, deuten Sie an und lassen Raum für die Phantasien der Zuschauer. Sind Sie ein Romantiker?
Ich weiß nicht, ob ich mich als romantischen Menschen bezeichnen würde. Vielleicht liegt das, was Sie beschreiben, ja auch an meinem filmischen Vorlieben, an meiner Leidenschaft für die Filme der Dreißiger und Vierziger, für die „Screwball Comedies“. In diesen Filmen geht es sehr häufig um Liebe und um das Begehren. Und weil die Zeiten damals andere waren, hat man das alles eben verschlüsseln müssen. Dieses Altmodische, in unseren Augen vielleicht auch Naive, das gefällt mir.
Ich denke, in erster Linie ist mein Film eine Abhandlung über das Begehren und was daraus entstehen kann – im Guten wie im Schlechten
Auf der einen Seite gibt es ja in Ihrem Film das Begehren, auf der anderen sind da all die Hindernisse, die den Verliebten im Wege stehen...
Richtig, in Küss mich bitte! geht es nicht nur um das Begehren, sondern vor allem um den Konflikt zwischen dem Begehren und der Anständigkeit. Auch das geht ja eigentlich auf die Filme von Ernst Lubitsch, Billy Wilder und Howard Hawks zurück, denn auch dort finden wir echte Gentlemen, die sich verlieben und die dabei immer versuchen, moralisch einwandfrei zu sein. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wie man ja auch in meinem Film sieht.
Was mir aufgefallen ist an Ihrem Film ist, dass er sehr literarisch wirkt, vor allem durch die Rahmenhandlung, die ja sehr an die Erzählhaltung der literarischen Gattung Novelle erinnert. Wie kamen Sie auf die Idee, die eigentliche Geschichte durch die Episode von Emilie und Gabriel gewissermaßen zu spiegeln?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass Sprache, also die Dialoge für mich ein sehr wichtiges Element im Film ist. Deshalb mag ich ja die „Screwball Comedies“ auch so, weil dort so unglaublich viel gesprochen wird und weil sich in diesen Filmen das Begehren durch fast nichts anderes ausdrückt als durch die Sprache. Außerdem ist Sprache ja auch das bestimmende Element, wenn sich beispielsweise ein Mann und eine Frau aneinander annähern. Dabei geht es oft darum, die richtigen Worte zu finden, um abzutasten, ob denn Interesse besteht. In Küss mich bitte! ist Nicolas dafür ein gutes Beispiel: Gegenüber Julie spricht er immer von „körperlicher Zuneigung“, und doch geht es ihm um Sex. Darin steckt schon sehr viel von dieser Person, ihre ganze Unbeholfenheit, aber auch ihr Bemühen, die Form zu wahren.
Und die Rahmenhandlung?
Für den speziellen Aufbau der Geschichte mit der Begegnung von Emilie und Gabriel in Nantes gibt es verschiedene Gründe. Zum einen eröffnet die Rahmenhandlung einem Regisseur zahlreiche Möglichkeit, den Film stärker zu strukturieren und rhythmisieren, indem man zwischen den verschiedenen Ebenen der Erzählung hin und her wechselt. Außerdem mag ich es, wenn wir etwas über den Einfluss erfahren, den Geschichten auf bestimmte Personen ausüben. Unser Leben ist bestimmt von vielen verschiedenen Geschichten, die wir erfahren und die unser Denken und Handeln bestimmen. Und deshalb finde ich es interessant, es auch in einem Film zu thematisieren, welche Auswirkungen eine Geschichte, die man hört, für das weitere Geschehen haben kann und wie sich Handeln dadurch möglicherweise verändert.
Haben Sie denn schon Pläne für einen neuen Film?
Ja, darüber möchte ich zwar noch nicht allzu viel sprechen, aber es wird wieder um den Konflikt zwischen dem Begehren und der Anständigkeit gehen. Anscheinend entwickelt sich das zu einer Art Leitmotiv in meinen Filmen. (lacht)
Offensichtlich kam der Film sehr schnell zustande, denn seit Changement d’adresse ist gerade mal ein Jahr vergangen.
Ja, ich hatte großes Glück, dass die Finanzierung für meinen neuen Film sehr schnell zustande kam und dass alle Schauspieler, die ich gerne haben wollte, Zeit hatten. Außerdem bin ich recht ungeduldig und arbeite gerne schnell und konzentriert, weil man dadurch gezwungen ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zudem hatte ich das Glück, dass mein vorheriger Film recht erfolgreich war, so dass es kein Problem damit gab, die Gelder für Küss mich bitte! zu bekommen.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu Ihrem Film?
Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange. Heutzutage ist ein Kuss ja etwas Harmloses, doch ich fand es spannend, darüber nachzudenken, was ein Kuss alles bewirken kann und welche Auswirkungen er haben kann. Die Grundfrage war: Kann es überhaupt Küsse geben, die nichts bedeuten? Und wenn sich aus so einem eigentlich unschuldigen Kuss heraus Verlangen und Leidenschaft entwickelt, wie geht man damit um, wenn man zugleich versucht, einen Dritten, der ebenfalls involviert ist, vor schmerzhaften Erfahrungen zu bewahren?
Das ist ja ein sehr ernstes Thema. Trotzdem strahlt Ihr Film eine große Heiterkeit aus und hat oft Szenen, in denen Sie zeigen, wie unbeholfen, und beinahe naiv ihre Figuren sich verhalten. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich mag unbeholfene Menschen wie etwa Pierre Richard in seinen Filmen oder Jacques Tati. Das sind für mich die eigentlichen Helden des Kinos. Diese Unbeholfenheit und die Ernsthaftigkeit des Themas unter einen Hut zu bekommen und daraus einen Film zu machen, das war für mich die eigentliche Herausforderung.
Die Herausforderungen, die der Film an Sie gestellt hat, gab es ja auch noch auf einer anderen Ebene. Ich stelle mir das immer sehr schwierig vor, zur gleichen Zeit als Regisseur hinter und als Hauptdarsteller vor der Kamera zu agieren. Wie sind Sie an diesen Zwiespalt herangegangen?
Es ist eine Illusion zu glauben, man habe als Regisseur stets die totale Kontrolle über den Film. Ein Film ist ein arbeitsteiliger Prozess und hängt von so vielen Faktoren ab, dass man sich besser darauf einstellt und das Unkalkulierbare zulässt. Außerdem hat man als Darsteller und Regisseur in Personalunion natürlich den Vorteil, dass man ganz genau weiß, welche Vorstellungen der Regisseur von der Szene hat. In gewisser Weise ist es also sogar leichter.
Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Dazu muss man sagen, dass mich mit meinem Kameramann Laurent Desmet ein enges Vertrauensverhältnis verbindet, wir haben ja bereits Changement d’adresse zusammen realisiert. Letzten Endes haben wir von jeder Szene mehrere Takes gemacht und dann im Schneideraum entschieden, welchen Take wir nehmen.
Ein sehr wichtiger Faktor in Ihrem Film ist die klassische Musik, die den Film durchzieht.
Es lag natürlich auf der Hand, dass Musik von Schubert in dem Film eine große Rolle spielen würde, denn Claudio hat ja diese große Leidenschaft für Schubert, die sich Nicolas und Julie später zunutze machen, um ihn mit Caline zu verkuppeln. Im Schneideraum haben Martial Salomon und ich dann schnell entdeckt, dass Tschaikowski, Mozart und Dvorak die Geschichte optimal ergänzen oder kommentieren.
Was auffällt an Ihrem Film ist die ganz eigene Herangehensweise an die Themen Liebe und Sexualität. In Zeiten, in denen Sexualität von einer intimen zu einer quasi öffentlichen Angelegenheit geworden ist, deuten Sie an und lassen Raum für die Phantasien der Zuschauer. Sind Sie ein Romantiker?
Ich weiß nicht, ob ich mich als romantischen Menschen bezeichnen würde. Vielleicht liegt das, was Sie beschreiben, ja auch an meinem filmischen Vorlieben, an meiner Leidenschaft für die Filme der Dreißiger und Vierziger, für die „Screwball Comedies“. In diesen Filmen geht es sehr häufig um Liebe und um das Begehren. Und weil die Zeiten damals andere waren, hat man das alles eben verschlüsseln müssen. Dieses Altmodische, in unseren Augen vielleicht auch Naive, das gefällt mir.
Ich denke, in erster Linie ist mein Film eine Abhandlung über das Begehren und was daraus entstehen kann – im Guten wie im Schlechten
Auf der einen Seite gibt es ja in Ihrem Film das Begehren, auf der anderen sind da all die Hindernisse, die den Verliebten im Wege stehen...
Richtig, in Küss mich bitte! geht es nicht nur um das Begehren, sondern vor allem um den Konflikt zwischen dem Begehren und der Anständigkeit. Auch das geht ja eigentlich auf die Filme von Ernst Lubitsch, Billy Wilder und Howard Hawks zurück, denn auch dort finden wir echte Gentlemen, die sich verlieben und die dabei immer versuchen, moralisch einwandfrei zu sein. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wie man ja auch in meinem Film sieht.
Was mir aufgefallen ist an Ihrem Film ist, dass er sehr literarisch wirkt, vor allem durch die Rahmenhandlung, die ja sehr an die Erzählhaltung der literarischen Gattung Novelle erinnert. Wie kamen Sie auf die Idee, die eigentliche Geschichte durch die Episode von Emilie und Gabriel gewissermaßen zu spiegeln?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass Sprache, also die Dialoge für mich ein sehr wichtiges Element im Film ist. Deshalb mag ich ja die „Screwball Comedies“ auch so, weil dort so unglaublich viel gesprochen wird und weil sich in diesen Filmen das Begehren durch fast nichts anderes ausdrückt als durch die Sprache. Außerdem ist Sprache ja auch das bestimmende Element, wenn sich beispielsweise ein Mann und eine Frau aneinander annähern. Dabei geht es oft darum, die richtigen Worte zu finden, um abzutasten, ob denn Interesse besteht. In Küss mich bitte! ist Nicolas dafür ein gutes Beispiel: Gegenüber Julie spricht er immer von „körperlicher Zuneigung“, und doch geht es ihm um Sex. Darin steckt schon sehr viel von dieser Person, ihre ganze Unbeholfenheit, aber auch ihr Bemühen, die Form zu wahren.
Und die Rahmenhandlung?
Für den speziellen Aufbau der Geschichte mit der Begegnung von Emilie und Gabriel in Nantes gibt es verschiedene Gründe. Zum einen eröffnet die Rahmenhandlung einem Regisseur zahlreiche Möglichkeit, den Film stärker zu strukturieren und rhythmisieren, indem man zwischen den verschiedenen Ebenen der Erzählung hin und her wechselt. Außerdem mag ich es, wenn wir etwas über den Einfluss erfahren, den Geschichten auf bestimmte Personen ausüben. Unser Leben ist bestimmt von vielen verschiedenen Geschichten, die wir erfahren und die unser Denken und Handeln bestimmen. Und deshalb finde ich es interessant, es auch in einem Film zu thematisieren, welche Auswirkungen eine Geschichte, die man hört, für das weitere Geschehen haben kann und wie sich Handeln dadurch möglicherweise verändert.
Haben Sie denn schon Pläne für einen neuen Film?
Ja, darüber möchte ich zwar noch nicht allzu viel sprechen, aber es wird wieder um den Konflikt zwischen dem Begehren und der Anständigkeit gehen. Anscheinend entwickelt sich das zu einer Art Leitmotiv in meinen Filmen. (lacht)
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