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10 09/08

Cinema Jenin: Gelingt die Vision eines "cinema for peace"?

© www.kino-zeit.de
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Jenin - Abschluss eines gelungenen Opening Festivals des Kinos in Jenin, Palästina: Mit einem begeistert gefeierten Open Air Konzert der aus Nazareth stammenden Gruppe Salam Abu Amneh, einer von den "Volunteers“ selbst geschriebenen, erstmals zur Aufführung gebrachten, bewegenden "Cinema Jenin Hymne" und dem Open Air Screening von Deep Blue im "Cinema Garden" sind drei bewegende Tage zu Ende gegangen.

Neben umfangreichen Familienprogrammen und Konzerten standen während des zweiten und dritten Tages des Festivals in Jenin naturgemäß die Filme selbst im Mittelpunkt. Sowohl der jordanische Beitrag Captain Abu Raed als auch Hassan Wa Marcos, einer gelungenen ägyptischen Komödie über zwei Männer, die jeweils angeben, einer anderen Religion anzugehören und enge Freunde werden, ohne vom Versteckspiel des Anderen zu wissen, wurden wohlwollend beim Publikum aufgenommen, wobei man sich hier doch ein paar Besucher mehr im Kino hätte wünschen können.

Gut besucht waren dagegen die Veranstaltungen, die dem "politischen Dokumentarfilm" aus Palästina galten. Ob nun die Behandlung des Gaza-Krieges und dessen Folgen für die Zivilbevölkerung (To Shoot An Elephant; Spanien 2009; Regie: Alberto Arce), die Stürmunng des Flüchtlingslagers in Jenin 2002 und dessen Zerstörung (Jenin Jenin; Palästina 2002; Regie: Mohammad Bakri) oder die Geschichte von Arna Mer in Arna's Children (Palästina 2003; Regie: Juliano Mer Khamis) über die Gründung eines Theaters in Jenin während der ersten Intifada 1987, dessen anschließende Schließung: diese Filme sprachen gezielt diejenigen Themen an, für die sich die Menschen in Jenin interessieren, die sie bis zum heutigen Tage bewegen oder verfolgen und auch ein anschaulich enormes Diskussionsbedürfnis beim Publikum hervorriefen.

So war auch Regisseur Mohammad Bakri persönlich erschienen, um seinen Film Jenin, Jenin vorzustellen. Jenin, Jenin war nach seiner Fertigstellung umgehend vom Israel Film Rating Board als "Propaganda" verboten worden und kam erst nach einem langen Gerichtsstreit viele Jahre später in Israel zur Aufführung, wurde dann allerdings von Presse wie Publikum weitestgehend ignoriert und hatte in Israel seitdem nur fünf Vorstellungen. Bakri stellte sich den nach dem Film des kritischen Fragen und (zumeist wohlwollenden) Kommentaren des Publikums. Was ist Propaganda? Was kann ein Dokumentarfilm, der während eines Krieges entsteht, an inhaltlichen Standpunkten leisten? Kann dieser (sehr Israel-kritische) Film den Palästinensern auch heute (noch) helfen? Auch wenn die Invasion ein Unrecht war – sollte man heute nicht besser nach vorne schauen?

Inhaltlicher Höhepunkt des gesamten Festivals war sicherlich die Diskussion im Anschluss an den Film Arna's Children, bei der Zakaria Az-Zbaida, ehemaliger regionaler Führer der al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden, mit auf dem Podium saß. Mit seiner eindeutigen, unveränderlichen Ablehnung des Staates Israel und der Feststellung, dass sich für ihn "nichts geändert hat", die Besatzung in Palästina auch ohne israelische Soldaten spürbar sei und dass sich mit dem Cinema Jenin für ihn "die Möglichkeiten von Kultur, Kunst und Widerstand positiv vereinen", gab Zakaria Az-Zbaida den Ton vor – zur augenscheinlichen Überraschung der Cinema Jenin-Verantwortlichen, die sich wohl einen etwas versöhnlicheren Ton bei der Eröffnung ihres Kinos gewünscht hatten. Ohne dann auf den Film näher einzugehen, entspann sich eine heikle politische Diskussion, die im Anschluss auch ein wenig die Frage aufkomen ließ, inwieweit sich die ambitionierten, idealistischen Vorstellungen der Cinema Jenin-Macher und die Vision des Kinos als "cinema for peace" in der Praxis darstellen lassen. Die Europäer, speziell die Deutschen, redeten immer wieder vom Frieden, die Palästinenser eben ganz besonders von ihrer Freiheit. Was das für das Kino in Jenin für die Zukunft bedeuten wird, lässt sich heute noch nicht einschätzen und bleibt abzuwarten.

Zuvor gaben die Cinema Jenin-Macher Marcus Vetter und Fakhri Hamad bei einer kleineren Presserunde erneut eine Vorstellung davon, was sein könnte. Auch wenn die finanzielle Situation des Kinos zum Zeitpunkt der Eröffnung "schlecht" sei und man aktuell noch viele Probleme zu lösen habe (z.B. mit der arabischen Untertitelung, Stromausfälle) schaue man doch voller Optimismus in die Zukunft. Auch wenn man zukünftig nicht ohne institutionelle Förderung auskomme, um das Kino zu erhalten, könne man über die Produktion und den Vertrieb von Filmen sowie den Verkauf von Werbung doch einiges erreichen, um das Kino finanziell zu stützen. Man befinde sich nach der Eröffnung des Kinos, die unglaubliche Anstrengungen und Ressourcen verbraucht habe, nun sicherlich in einer Findungsphase – der am 11. August beginnende Fastenmonat Ramadan werde sicher helfen, erstmal ein wenig zur Ruhe zu kommen, sich zu sortieren und zu organisieren. Es würde, so Vetter, jetzt darum gehen, Dinge zu erproben, zu sehen, wie das Publikum auf das noch zu entwickelnde Programm reagieren wird – der Beginn eines "großen Dialoges, in dem sich das Kino, das auf Vertrauen basiert, von alleine entwickeln wird". Man hoffe im Juni oder September 2011 dann das erste große Internationale Filmfestival in Jenin stattfinden zu lassen.

kino-zeit.de wird weiter von diesem besonderen Kino berichten und möchte an dieser Stelle auch nochmals auf seine Spendenaktion aufmerksam machen. Weitere Informationen hier.

(Michael Spiegel)

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