08.02.10

"Ausbrechen wollen wir immer" – Ein Interview mit Maximilian Erlenwein zu seinem Film "Schwerkraft"

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Mit seinem ersten langen Spielfilm hat Nachwuchsregisseur Maximilian Erlenwein den Max-Ophüls-Preis gewonnen. Schwerkraft erzählt mit schrägem Humor von einem jungen Bankangestellten, der aus seinem Leben ausbricht und immer verrücktere Dinge anstellt. Selbst sein Chef ist vor der erwachenden kriminellen Energie des Protagonisten nicht sicher. Peter Gutting sprach in Saarbrücken mit dem 34-jährigen Regisseur über die Bankenkrise, menschliche Abgründe und die Rolle der Musik im Film.

Ein Banker, der zum Rebell wird, weil sich ein Kunde vor seinen Augen erschießt – ist das der aktuelle Film zur Bankenkrise?
Nein, das Drehbuch habe ich 2007 geschrieben. Da war die Krise noch nicht absehbar. Ich bin kein großer Wirtschaftskenner und konnte das nicht vorausahnen. Ich glaube auch nicht, dass ein aktueller Aufhänger für den Film wichtig oder nützlich ist. Der kommt im März ins Kino, da ist das Thema wahrscheinlich schon durch.

Gab es in der Realität ein Vorbild für diese Figur?
Ein Vorbild gab es, aber das ist kein reales, sondern ein fiktives. Ich habe mit dem Hauptdarsteller Fabian Hinrichs schon einen Kurzfilm gedreht, der ein ähnliches Thema hat. Auch dort geht es um jemanden, der gegen seine Dämonen und seine dunkle Seite kämpft. Das scheint so ein bisschen mein Thema zu sein.

Dass sich der Kunde vor den Augen des Bankangestellten erschießt, ist also kein Kommentar zu den realen Geschehnissen der letzten Monate?
Dieser Selbstmord hat mit der Psychologie der Hauptfigur zu tun. Die Entwicklung, die Frederik Feinermann in dem Film durchmacht, ist so drastisch, dass ich dafür ein starkes auslösendes Moment brauchte. Es gab auch die Überlegung, ohne das traumatische Erlebnis auszukommen. Dann wäre er ein normaler Bankangestellter gewesen, der nach und nach ausrastet. Aber das wäre ein betroffener, langsamer, düsterer Film geworden. Ich wollte das hohe Tempo und die komödienhaften Elemente. Das Expressive und das Unterhaltende liegen mir sehr am Herzen, das sollte unbedingt in diesem Film drin sein, bei aller Ernsthaftigkeit des Themas.

Steht der Bankangestellte Frederik Feinermann für eine ganze Generation, also für Leute mit Anfang 30, die früher von einem wilden Leben träumten und heute ganz brav sind?
Ich glaube nicht. Dass man in äußeren Strukturen gefangen ist, das hat es in der Geschichte der Menschen immer gegeben und wird es immer geben. Vielleicht wird es uns heute stärker bewusst, weil wir mehr Entscheidungsmöglichkeiten haben. Aber das Prinzip, dass man ausbricht, weil man im falschen Leben steckt, ist schon immer ein Element gewesen, um eine Geschichte zu erzählen.

Für die Figur des Vince, sozusagen des "Buddys" von Frederik, brauchten Sie einen Darsteller mit starker Präsenz. Wie schwierig war es, jemanden wie Jürgen Vogel für dieses Projekt zu gewinnen?
Wir haben ihm das Drehbuch zukommen lassen und dann habe ich Wochen und Monate nichts gehört. Eines Tages rief er mich dann überraschend an, wollte mich treffen und sagte anschließend zu. Eigentlich hatte ich nicht in meinen kühnsten Träumen damit gerechnet, dass das klappen könnte. Obwohl ich ihn beim Schreiben des Drehbuchs immer im Kopf hatte. Das war ein riesiger Glücksfall für den Film. Er ist einfach perfekt für die Rolle.

Und ungeheuer schweigsam...
Das war ein wichtiger Teil des Konzepts. Ich habe zu ihm gesagt, bitte alles weglassen, was zwar erstmal im Drehbuch steht, aber von dem du denkst, dass es nicht ausgesprochen werden muss. Ich wollte, dass er so wenig redet wie möglich. Das hat ihm gut gefallen und da hat er perfekt mitgezogen.

In der Bildsprache des Films ist spüren, dass die Hauptfigur ihre Gefühle unterdrückt und in einer komplett glatten, unterkühlten Welt lebt. Sie haben selber auch schon als Kameramann gearbeitet. Wie viel Einfluss haben Sie auf das optische Konzept genommen?
Ich bin ich ein sehr visueller Regisseur, aber das schmälert in keinster Weise die Leistung meines Kameramanns Ngo The Chau. Er hat seine eigene Vision.

Im Kontrast zu der kühlen Optik steht die wilde, wuchtige Musik. Sind Sie persönlich ein Fan der Stilrichtung Psychobilly, die für die Hauptfigur eine so große Rolle spielt?
Ja, aber auch von anderen Stilrichtungen. Musik ist für mich ein irrsinnig wichtiger Faktor im Film. Psychobilly ist eigentlich nicht die Musik von Jakob Ilja, dem Gitarristen von Element of Crime, der den Soundtrack geschrieben hat. Aber er war offen für was anderes und wir haben nächtelang an der Musik gefeilt. Das war sehr intensiv und befriedigend.

Ich habe gehört, Sie haben Jakob Ilja über die Wohngemeinschaft kennengelernt, in der Sie gelebt haben.
Genau. Als ich das Drehbuch schrieb, wohnte ich mit Fabian Hinrichs und dem Regisseur Till Franzen zusammen. Jakob Ilja ist ein guter Freund von Fabian, so habe ich den getroffen.

Gibt es schon Pläne für den nächsten Film?
Ich schreibe wieder an einer Geschichte, in der es um innere Dämonen geht. Dieses Mal um die eines älteren Mannes. Im Unterschied zu Schwerkraft will ich aber noch mehr fantastische Elemente einbauen.

Zur Person
Maximilian Erlenwein wurde 1975 in Berlin geboren. Er studierte Soziologie und Medienwissenschaften, daneben war er als Kameraassistent und Kameramann tätig. 1999 begann er ein Regiestudium und erhielt diverse Auszeichnungen für seine Kurzfilme. Sein Langfilmdebüt Schwerkraft wurde mit dem First Steps Award ausgezeichnet und erhielt den Max Ophüls Preis 2010 als bester Film.
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