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10 20/12

"Am Anfang hätte der Film 'Zwei' heißen müssen" – Interview mit Tom Tykwer zu seinem Film "Drei"

© X Verleih
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Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat Tom Tykwer wieder einen Langfilm nach eigenem Drehbuch verfilmt. Das ist ein großes Glück für die Zuschauer, denn die Geschichte von Drei ist höchst innovativ. So etwas hat es in der an Dreiecksbeziehungen gewiss nicht armen Filmgeschichte noch nie gegeben: dass sich Mann und Frau in denselben Dritten verlieben und alle drei Beziehungen glücklich verlaufen.

Auf der Preview-Tour des Films hat sich Peter Gutting in Heidelberg mit dem Regisseur über Langzeitbeziehungen, Monogamie und die Liebe im Kino unterhalten.

Herr Tykwer, Sie drehen sonst eher ernste Filme. Was hat Sie am Genre der Komödie gereizt?
Drei ist keine Komödie im traditionellen Sinn. Aber der Film entscheidet sich im Zweifelsfall für eine leichte und unverspannte Perspektive in durchaus komplizierten Situationen. Er verliert nie einen Hauch von Hoffnung. Das ist gemessen an den Problemen, denen man sich in diesem Beziehungsgeflecht aussetzen muss, manchmal eine Herausforderung gewesen. Für meine Verhältnisse ist es sicherlich ein überdurchschnittlich lustiger Film.

Sie und die Schauspieler hatten offensichtlich viel Spaß bei den Vorbereitungen und Dreharbeiten.
Ja, wir haben viel gelacht, auch in den schwierigen Momenten. Für die Schauspieler war das alles andere als einfach. Es gibt viele Szenen, die man nicht einfach mal so abdrehen kann, sondern bei denen man abwägen, nachdenken und zwischen verschiedenen Möglichkeiten balancieren muss. Wo es also darum geht, eine Plausibilität der Situation und der Handlung zu bewahren.

Stand die Idee mit der Dreierbeziehung schon ganz am Anfang?
Nein, der Film hätte am Anfang eigentlich „Zwei“ heißen müssen. Er ist entstanden aus einer Materialsammlung aus Fragmenten und Anekdoten, die ich über die Jahre angehäuft habe. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie es zwei Menschen in einer langjährigen Beziehung miteinander aushalten. Da ist einerseits dieser Sehnsuchtsraum von uns allen, eine Liebe über viele Jahre bewahren zu wollen. Aber andererseits entsteht der Widerspruch, dass sich eine Langzeitbeziehung gerade dadurch definiert, dass die rasende Verliebtheit vorbei ist und dass sich Verschleißerscheinungen einstellen, zum Beispiel der Libidoverlust.

Dass ein Dritter Bewegung in die eingefahrene Situation bringt, hat man schon in vielen Filmen gesehen.
Ja, aber ich fand die Idee sehr reizvoll, dass sich beide Partner jeweils für sich in den Dritten verlieben und es dabei sogar noch schaffen, ihre bisherige Beziehung neu zu beleben. Das hat man, glaube ich, so noch nie im Kino gesehen. Als ich dann diesen Plot vor Augen hatte, konnte ich das Drehbuch für meine Verhältnisse sehr schnell schreiben.

Haben Sie beim Schreiben schon an bestimmte Schauspieler gedacht?
Nicht an alle drei. Aber ich verehre Sophie Rois schon sehr lange. Bereits in der Fragmentphase waren die Texte von der Vorstellung inspiriert, dass Sophie das spielt. Sie ist die einzige, die mit dieser Art von Texten so umgehen kann, dass immer ein Geheimnis und eine bestimmte Art von Humor gleichermaßen lebendig bleiben. Aber ich verstehe auch, warum sie mich eine Woche lang hat schmoren lassen, als ich ihr das Drehbuch gab. Sie fragte mich, als sie dann zusagte, warum ich ihr die Rolle nicht vor 25 Jahren angeboten hätte. Damals hätte sie es nicht so anstrengend gefunden, sich ständig ausziehen zu müssen.

Dass diese Frau einen anderen Mann kennenlernt, ahnt man lange, bevor es wirklich eintritt. Von den äußeren Umständen her gesehen ist es aber fast ein Wunder, dass Sie ihn mehrmals trifft. Was bedeutet für Sie Zufall?
Unser Leben ist nach meiner Erfahrung chaotisch und von Abstrusitäten übersät. Aber wir tun in unserem Alltag so, als ob der Zufall keine Rolle spielen würde. Filme bieten die Möglichkeit, die Einbrüche des Zufalls mitzumachen, die uns das Leben ständig aufoktroyiert. So stirbt in Drei überraschend die Mutter von Simon. Er weiß nicht, wie es weitergeht und der Film weiß es für eine Weile auch nicht. Aber die Möglichkeit, den Zufall im Film zuzulassen, wird für meinen Geschmack zu wenig genutzt.

Wie sehr muss der Zuschauer bereit sein, sich auf Neues einzulassen?
Ich möchte ein Kino verteidigen, das das Unvorhersehbare zulässt und trotzdem genügend narrative Struktur besitzt, dass man weiß: Die Geschichte wird auch wieder auf ihren Weg zurückfinden. Ich fühle mich am meisten zu Hause in Filmen, die mir einerseits eine narrative Befriedigung geben, aber andererseits die gewohnten Strukturen aufbrechen. Ich bewege mich gern auf dem schmalen Grat zwischen den Extremen. Das eine Extrem wäre die Weigerung, den Zuschauer überhaupt in den Film hineinzuziehen. Das andere Extrem ist die Überwältigungsmaschine.

Sehen Sie die in dem Film gezeigte Art der Dreierbeziehung und Bisexualität als Modell, sich aus den Problemen einer langjährigen Zweierbeziehung zu lösen?
Nein, der Film will in dieser Hinsicht gar nichts vorschlagen oder vorgeben. Jeder soll auf seine Art glücklich werden. Die Form der Dreierbeziehung, in der ich im Moment lebe, ist die von Vater, Mutter und Kind. Mir geht es gut dabei. Warum sollte ich ein Sendungsbewusstsein entwickeln? Der Film zeigt, wie zwei Menschen in Fallen tappen, die man nicht vermeiden kann. Wie sie versuchen, eine Energie am Leben zu erhalten, die sie an die Zeit ihres ersten Verliebtseins erinnert. Aber auch diese gute Beziehung ist nicht gefeit vor Versuchungen.

Hat sich die Monogamie überlebt?
Wir sind alle nicht auf die Welt gekommen mit der Disposition, unser Glück mit einer einzigen Person zu finden. Es entstehen Spannungsfelder, die der Film untersucht, ohne eine Lösung anbieten zu wollen. Die beiden sind einander auf eine Weise ähnlich geworden, die sie fast geschwisterlich macht. Da erschien es mir schlüssig, dass sie dieselben Defizite in ihrem Leben empfinden und sich in denselben Mann verlieben, auf den sie ihre Sehnsüchte projizieren. Fast alle Menschen suchen nach einer Perspektive für den Widerspruch, dass wir die Sehnsucht nach dem verbindlichen Zweisamkeitsmodell haben, aber unsere Triebe uns auch immer wieder davon wegtreiben.

Welche Rolle spielt dabei der Wunsch, die Grenzen unserer Endlichkeit zu transzendieren?
Wenn man Filme macht über Liebe, geht es nicht ohne Transzendenz. Dafür ist die Liebe da. Sie gibt uns Momente, in denen wir die Endlichkeit unseres banalen Lebens vergessen. Das ist ein großes Geschenk. Deswegen ist die Liebe das wichtigste Thema unseres Lebens und das wichtigste Thema der meisten Filme.

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