09.03.10

"Als ich das Drehbuch durchlas, musste ich erstmal durchatmen" - Interview mit Sibel Kekilli zu Feo Aladags "Die Fremde"

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Feo Aladags atemberaubendes Debüt Die Fremde mit Sibel Kekilli zählt wohl zu den eigentlichen Gewinnern der diesjährigen Berlinale. Der Film, der im Panorama gezeigt wurde, wäre nach Ansicht vieler Experten im Wettbewerb des Filmfestivals besser aufgehoben gewesen und zählt zu den eindrücklichsten Filmen dieses noch jungen Kinojahres 2010. Und das nicht nur wegen des heiklen und immer wieder brisanten Themas der Ehrverbrechen, sondern vor allem wegen Sibel Kekillis herausragender darstellerischer Leistung, mit der sie endgültig aus dem Schatten ihres ersten großen Auftrittes in Fatih Akins Gegen die Wand herausgetreten sein dürfte. kino-zeit.de traf Sibel Kekilli während der Berlinale zu einem Gespräch.

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Film und zu einer sehr überzeugenden, zutiefst bewegenden schauspielerischen Leistung. Wie haben Sie sich auf diese schwierige, vielleicht Ihre schwierigste Rolle vorbereitet?
Wir haben vor dem Dreh sehr viel geprobt und eine sehr intensive Zeit als "Familie" miteinander verbracht, d.h. geprobt, wie die Familienstrukturen am besten funktionieren usw.

Besonders beeindruckend fand ich Ihr Zusammenspiel mit Nizam Schiller, der ihren Sohn Cem spielt. Das wirkt alles ganz natürlich und sehr berührend, funktioniert oft ausschließlich über Blicke, die aber mehr sagen, als langatmige Dialoge. Wie haben Sie sich auf diese Szenen mit ihm, aber auch mit den anderen Schauspielern, die im Film Ihre Familie spielen, vorbereitet?
Ich hatte zusammen mit verschiedenen Kindern ein Casting. Nizam Schiller war der einzige, der mich zu Tränen gerührt hat. Und natürlich musste ich zu ihm ein besonderes Verhältnis aufbauen. Alle Schauspieler mussten zusammenwachsen, wofür das Familiengefüge sehr genau analysiert wurde.

War oder vielmehr ist dieser Film eine Herzensangelegenheit?
Ja, es war eine Herzensangelegenheit, weil ich mich schon seit langem bei "Terre des Femmes" für das Thema engagiere. Der Film zeigt beide Seiten und stellt die Hauptfigur nicht nur als Opfer dar. Das hat mir besonders gefallen.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben? Gab es Momente, in denen Sie an Ihrer Entscheidung für den Film gezweifelt haben? Und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
Als ich das Drehbuch las, musste ich erstmal durchatmen, weil es mich schon beim Lesen sehr berührt hat. Es hat mir gefallen, dass es eben keine Schwarz-Weiß-Malerei ist, dass es keine hundertprozentigen Täter- oder Opferrollen gibt. Die Rolle hat mich schon Kraft gekostet, aber sie war es wert. Es war während der Dreharbeiten wichtig, abends zu versuchen, die Rolle tatsächlich am Set zu lassen und als Privatperson nach Hause zu gehen.

Waren Sie früh in das Projekt eingebunden? Gab es für Sie Einflussmöglichkeiten auf das Drehbuch? Wie war die Zusammenarbeit mit Feo Aladag, der Regisseurin?
Ich kam zu einem eher späten Zeitpunkt zu diesem Projekt. Trotzdem hatte ich die Möglichkeit, sehr intensiv an meiner Rolle mitzuarbeiten. Feo Aladag ist eine tolle, einfühlsame Regisseurin, die uns unseren Spielraum gelassen hat, aber uns gleichzeitig sehr genau und sehr gut geführt hat. Sie hatte mit diesem Film eine große Verantwortung: das Thema, die teilweise Sprachbarriere, Schauspieler, die zum ersten Mal vor einer Kamera standen, ein 5-jähriges Kind zu führen. Das hat sie alles sehr gut gemeistert.

Sie sind selbst türkischer Abstammung. Kannten oder kennen Sie solche Frauen aus Ihrer näheren Umgebung, denen so etwas widerfahren ist? Inwiefern konnten Sie für diesen Film auch aus Ihrem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen?
Ich kenne solche Frauen nicht aus meinem persönlichen Umfeld, habe aber immer wieder solche Schicksale mitbekommen. Und da ich mich für das Thema engagiere, habe ich natürlich immer wieder damit zu tun. Aber für die Rolle musste ich mich genauso dem Thema annähern, wie meine Kollegen.

Der Film zeigt auf den ersten Blick keine fundamentalistische Familie, sondern eine, die gut integriert wirkt. Das widerspricht dem Klischee, dass wir von den Hintergründen solcher Taten haben und das auch in den Medien so gezeichnet wird. Wie ist Ihre Erfahrung: Sind Ehrenmorde vor allem auf bestimmte Milieus beschränkt oder ziehen sie sich quer durch alle Schichten der (türkischen) Gesellschaft?
Ich denke, erstmal muss man klarstellen, dass es sich dabei nicht nur um ein türkisches Problem handelt. Es kann überall vorkommen. Und ich denke schon auch, dass es immer mehr Familien gibt, die nicht mehr in dieser archaischen Tradition leben.

Eine Rolle wie diese erfordert eine ganze Menge und hat während des Drehs und auch danach Auswirkungen auf das Denken und Fühlen. Was hat sich für Sie während des Films und nach dem Film verändert?
Währen der Dreharbeiten war ich manchmal wie in Trance, z.B. nach der Hochzeitsszene. Es war nicht so einfach, am Ende eines Drehtages abzuschalten. Ich hätte abends nicht auf Partys gehen können und habe Umay fast immer mit mir getragen. Nach den Dreharbeiten war ich erstmal ziemlich ausgelaugt, aber es war gut, einige Wochen später einen komplett anderen Film zu drehen.

Im Film kehrt Umay immer wieder zu ihrer Familie zurück, obwohl die sie längst verstoßen hat und sie bedroht und verprügelt wird, so dass man als Zuschauer immer das Bedürfnis hat, ihr zuzurufen "Mach das nicht." Woran liegt das? Hängt das mit einer anderen Bedeutung der Familie in der Türkei zusammen?
Die Familie hat eine ganz besondere Stellung bei den Türken. Zuerst kommt die Familie, nur mit ihr im Rücken ist man geschützt und nicht allein in der Gesellschaft. Aber das heißt auch, dass man sich unterordnen muss. Und Umay versteht eben nicht, warum sie auf ihre Familie, deren Liebe und Schutz verzichten muss, wo sie doch nur ein ganz normales, gewaltfreies Leben leben will. Mit ihrer Familie.

Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen und sprechen, wie Sie selbst sagen, besser deutsch als türkisch. Der Film beginnt in der Türkei, zudem wird häufig türkisch gesprochen. Wie eng sind heute noch Ihre Bindungen an die Türkei? War es schwierig, sich in Ihrer Rolle wieder auf das ganz andere Leben dort einzulassen?
Es war vor allem schwierig, sich auf die türkische Sprache einzustellen, denn meine Sprache ist die deutsche. Ich habe einige türkische Freunde hier und in der Türkei, die alle sehr modern leben und eher europäisch als türkisch sind. Trotzdem finde ich es toll, dass ich ein Teil der türkischen Kultur bin. Ich liebe die Sprache und die Musik. Und dass die Rolle von Umay meistens türkisch spricht, fand ich richtig, denn sie hat mit ihrem Mann und ihrem Kind in der Türkei gelebt, mit den Eltern spricht sie türkisch, also war es einfacher für mich, mich auf dieses Leben als Rolle einzulassen, weil es sich durch die Sprache so normal angefühlt hat.

Der Film endet tragisch. Was muss geschehen, dass solche "Ehrenmorde", von denen man immer wieder liest, nicht mehr passieren? Was muss sich Ihre Meinung nach verändern? Und was kann dieser Film dazu beitragen?
Ich finde, es muss viel mehr Aufklärung stattfinden. Kinder sollten über alle Religionen dieser Welt aufgeklärt werden. Wir müssten uns alle mehr aufeinander zubewegen und uns nicht gegenseitig mit feindlichen Augen betrachten. Ich hoffe wirklich sehr, dass dieser Film zeigt, dass es eben nicht nur schwarz/weiss gibt, dass es auch Grautöne gibt, dass man nicht immer hundertprozentig sagen kann, das sind die Täter, das sind die Opfer. Aber dass man auch nicht alles tolerieren darf und nur des Glaubens und der Kultur wegen.
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