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10 30/12

Abgerechnet wird zum Schluss – Unsere Filme des Jahres 2010

© Sylvia Ballhause
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Man kennt das ja zu Genüge so kurz vor Silvester: In der an sich recht nachrichtenarmen Zeit beherrschen Rückblicke auf Vergangenes das Programm, die Ereignisse, Bücher, CDs und Sportevents des ausklingenden Jahres werden gekürt. Klar, dass auch wir bei unseren Kritikern und Autoren nach den ganz persönlichen Top-Filmen des Jahres gefragt haben – fünf an der Zahl sollten es sein. Die Antworten haben uns dann teilweise doch überrascht und Lust gemacht, so manchen der genannten (und versäumten) Filme schnellstmöglich nachzuholen. Die Ergebnisse dieser Jahresendabrechnung gibt es nun also noch rechtzeitig vor Silvester zum Nachlesen.

Wer übrigens das Jahr noch mal im Schnelldurchlauf passieren lassen will – bei youtube findet sich ein sehenswerter Zusammenschnitt des Filmjahres 2010. Zugegeben, die Auswahl der Filme ist zwar vor allem auf Produktionen US-amerikanischer Herkunft fokussiert, bietet aber einen ebenso unterhaltsamen wie überzeugend umgesetzten Jahresrückblick.


Die kino-zeit-Redaktionscharts 2010

Lida Bach
Zeit des Zorns von Rafi Pitts
Die beklemmende Atmosphäre des iranischen Dramas in Worte zu fassen, ist so schwer wie die Blicke der toten Fensteraugen im Teheran des Regisseurs zu beschreiben. Harper Lee kann es besser als ich: "Das Herz ist ein einsamer Jäger."
Ponyo von Hayao Miyazaki
Der alte Mann und das Meer überfluten die Leinwand mit einem magischen Bilderrausch. Ein handgezeichnetes Meisterwerk für jung gebliebene Greise, altkluge Kinder und alle, die ozeanische Gefühle im Herzen tragen.
My Winnipeg von Guy Maddin
Mad, madder, Guy Maddin! Die bizarre cineastische Verschmelzung von subjektiver Erinnerung, Stummfilmgroteske und zärtlichem Familienporträt. Glühende Hommage an eine der kältesten Städte Kanadas. Wundervolle Obiturarie an die nach Drehschluss verstorbene Noir-Ikone Ann Savage.
Banksy - Exit through the Gift Shop von Banksy
Beißend spöttisch, vernichtend abgründig. Nach der Ideologie des Pseudo-Künstlers "Mr. Brainwash" wäre ich die neue Louise Bourgeoise, hätte ich über meinen siebenten Geburtstag hinaus "Malen nach Zahlen" gespielt. Every society has the kind of vandalism it deserves.
L´Illusionist von Sylvain Chomet
Der tragisch-komischen Bühnenzauberer mit der Figur Jacques Tatis beherrscht den Verschwinde-Trick so gut, das er in hiesigen Kinos unsichtbar blieb. Auch ich habe L´Illusionist nicht gesehen. Er steht hier für alle ungewöhnlichen, kuriosen, kleinen Werke, die untergehen, damit ein paar Prollkomödien und Blockbuster mehr die Leinwand zupflastern.

Beatrice Behn
La Nana – Die Perle von Sebastián Silva
Erfrischendes chilenisches Kino mit einem herrlich bösen Humor, der ganz genau die sozialen Differenzen in der lateinamerikanischen Gesellschaft aufzeigt. Angenehm und erfrischend fand ich, wie ungewöhnlich klar und realistisch der Film geschossen war.
Moon von Duncan Jones
Lakonisch, berührend und durch und durch menschlich ist Duncan Jones Erstlingswerk definitiv einer der besten Filme des Jahres. Eine mit viel Liebe zum Detail erzählte Allegorie auf die Einsamkeit des Menschen im Kapitalismus.
Rammbock von Marvin Kren
Ein deutsch-österreichischer Zombiefilm. Schon allein das ist es wert, diesen Film zu sehen. Und man wird nicht enttäuscht. Rammbock präsentiert einen Film, der nicht in Blut oder Pathos ertrinkt, sondern, getragen durch perfekt getimten, trockenen österreichischen Humor, dem Genre viel Neues abgewinnt.
Frauenzimmer von Saara Aila Waasner
ist ein sehr mutiger, offener und stets respektvoller Film über ältere Damen, die als Prostituierte arbeiten. Dieser Dokumentarfilm enthält meines Erachtens ein paar der stärksten Frauenfiguren des diesjährigen Kinojahres. Und das Gute ist: Sie sind allesamt echt.
My Name is Khan von Karan Johar
My Name is Khan ist wirklich unglaublich. Ich habe noch nie einen Film gesehen, in dem so viele gesellschaftspolitische Themen auf einmal bearbeitet werden. Behinderung, Krieg, 9/11, Terrorismus, Katrina, Liebe, Religion, Obama… die Liste ist lang. Das Unfassbare ist, dass Karan Johar es tatsächlich schafft dieses Bollwerk an Nebenhandlungen zu einem befriedigenden Ende zu bringen und einen muslimischen, geistig behinderten Inder als Retter Amerikas zu positionieren.

Peter Gutting
Schwerkraft von Maximilian Erlenwein
Weil er die Geschichte eines Ausbruchs aus einem festgefahrenen Leben einmal ganz anders erzählt als sonst im Autorenkino, nämlich mit den Mitteln des Genrekinos, die hier verblüffend souverän in den Dienst der Geschichte gestellt werden. Fabian Hinrichs spielt den Banker, der in ein falsches Leben geraten ist, mit grandioser Lakonie und vibrierender Energie. Und die geheimnisvolle Nora von Waldstätten startete mit dem Auszeichnung als Beste Nachwuchsdarstellerin beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival in ein Kinojahr, das noch weitere Erfolge für sie bereithielt, etwa aufgrund ihrer Rolle als Magdalena Kopp in Carlos.
Mahler auf der Couch von Percy und Felix Adlon
Für mich einer der besten Filme über die Psychoanalyse, gerade weil er mit dem therapeutischen Duell zwischen dem Komponisten Gustav Mahler und Sigmund Freud nicht bierernst umgeht. Die Regisseure Percy und Felix Adlon lassen den Vater der Psychoanalyse aber auch nicht zur Karikatur verkommen, sondern zeichnen den schmerzhaften Weg nach, den Gustav Mahler allen Widerständen zum Trotz zu gehen bereit ist. Kein Historienschinken, sondern eine emotionale Bildsprache, die ein neues Licht auf die Figur von Alma Mahler-Werfel (wundervoll nuancenreich gespielt von Barbara Romaner) werfen, deren Freiheitswille der hier einmal gar nicht frauenfeindliche Freud auf der Spur ist.
Kinshasa Symphony von Claus Wischmann und Martin Baer
Natürlich nicht der erste und natürlich nicht der einzige Film über die Bedeutung der Musik für ein würdevolles und selbstbewusstes Leben. Aber dennoch gelingen den Dokumentarfilmern Claus Wischmann und Martin Baer Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben. Wahrscheinlich, weil sie einfach für sich sprechen und keine weiteren Erläuterungen bleiben. Weil sie klar sind in ihrer Einfachheit und trotzdem eine Wahrheit aussprechen, die man nicht oft genug wiederholen kann: Welch ein Geschenk es ist, ein Instrument spielen zu dürfen oder in einem Chor zu singen.
Der letzte schöne Herbsttag von Ralf Westhoff
Ein Film, der die Gemüter spaltet. Entweder man ist hingerissen oder angeödet. Ich war hingerissen und kam aus dem Staunen fast nicht mehr heraus: Mit welch einfachen Mitteln man so lustig und gleichzeitig so wahrheitsgetreu über die Probleme von Paarbeziehungen reflektieren kann – über die Paradoxien wechselseitiger Erwartungen und über die Endlosschleifen der Kommunikation. Nach dem Motto: Was denkt sie, dass ich denke, dass sie denkt usw. Ebenfalls eine Entdeckung von zwei jungen Schauspielern, von denen man vermutlich noch einiges hören und sehen wird: Julia Koschitz und Felix Hellmann.
Small World von Bruno Chiche
Gérard Depardieu war in diesem Jahr so oft auf der Kinoleinwand zu sehen wie schon lange nicht mehr. Ähnlich wie in dem wundervollen Mammuth, wo er einen ebenso hilflosen Charakter spielt, ist dem sanften Koloss die Rolle des in die Demenz abgleitenden Außenseiters wahrlich auf den Leib geschrieben. Zudem gelingt dem Drehbuchautor und Regisseur Bruno Chiche eine Romanverfilmung in ebenso eleganten wie emotional aufgeladenen Bildern, die zielsicher ihren eigenen Weg geht. Und die Vorlage von Martin Suter gerade dadurch kinotauglich macht, dass sie sich ein paar Freiheiten erlaubt.

Christian Horn
Moon von Duncan Jones
Ein vorzüglich inszeniertes Science-Fiction-Kammerspiel, das selbstbewusst die richtigen Vorbilder zitiert – 2001: A Space Odyssey vor allem, Silent Running, Alien und andere – und doch zu keiner Zeit in bloßes Epigonentum verfällt. Zwei oder drei emotionale Szenen stehen wie Inseln in der kühlen und spannungsgeladenen Atmosphäre.
Der fantastische Mr. Fox von Wes Anderson
Die herrlich antiquiert wirkende und liebevoll-detailreiche Stop-Motion-Ästhetik liefert Wes Anderson den Hintergrund für die Erzählung einer humorvollen und rührenden, stets ehrlichen Fabel. Sicher einer der schönsten Filme des zurückliegenden Kinojahres.
Inception von Christopher Nolan
Christopher Nolan macht die überzeugendsten und größten Hollywood-Blockbuster der Gegenwart. Die stilsichere Inszenierung und der komplexe, klar erzählte Plot von Inception stehen beinahe singulär im Reigen der diesjährigen Kinohits.
Der Ghostwriter von Roman Polanski
Die durchweg konventionelle, im besten Sinne an Hitchcock angelehnte Inszenierung, die klar gezeichneten Figuren, das Echo aus Der Mieter und die paranoide Atmosphäre überzeugen nachhaltig – wenngleich es wünschenswert gewesen wäre, dass Polanski seinen Thriller zum Ende hin stärker konturiert.
Das Schreiben und das Schweigen von Carmen Tartarotti
Eine Szene werde ich nie vergessen: Friederike Mayröcker besucht ein Archiv, in dem die Hinterlassenschaften ihres verstorbenen Geliebten, des Literaten Ernst Jandl, akribisch geordnet aufgebahrt sind – alphabetisch sortiert, systematisch verstaut. Mayröcker, in deren Wohnung ein für Außenstehende undurchschaubares Chaos herrscht, steht wie verloren zwischen den hohen, beschrifteten Regalen.

Lena Kettner
Herbst von Özcan Alper und Summer Book von Seyfi Teoman
Zwei türkische Filme, die davon erzählen, wie uns die Orte prägen, an denen wir leben. Beide Filme bieten einen eindrucksvollen Blick auf eine Gesellschaft im Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne.
Lebanon von Samuel Maoz
Ein Anti-Kriegsfilm, der aus einer völlig neuen Perspektive erzählt: aus dem Inneren eines Panzers. Von einem Regisseur, der den Libanon-Krieg Anfang der 1980er Jahre selbst als Soldat der israelischen Armee miterlebt hat. Selten waren die Grausamkeit und die Perversion des Krieges so hautnah spürbar.
From Beginning to End von Aluizio Abranches:
Ein brasilianischer Film über eine ungewöhnliche und skandalöse Liebesbeziehung zwischen zwei Brüdern. Weniger ein Skandalfilm über homosexuelle Neigungen als ein Film, der die subtilen Machtmechanismen des Mikrokosmos Familie entlarvt.
Renn, wenn du kannst von Dietrich Brüggemann: Kein typisches Betroffenheitsdrama über Menschen mit Behinderung, sondern ein Film, der sich dem Thema Behinderung ohne Berührungsängste und mit viel Humor nähert. Und dabei jedoch die Schattenseiten im Leben des Rollstuhlfahrers Ben nicht ausblendet. Der deutsche Film des Jahres.

Kirsten Kieninger
Moon von Duncan Jones
Jemand aus meinem Jahrgang macht einen großartigen, intelligenten Sci-Fi für kleines Geld, in dem es um große menschliche Fragen geht. Und es ist ausgerechnet der Sohn von David Bowie!!!
Carlos von Olivier Assayas
5 1/2 meisterhaft genutzte Stunden Film, die ich ohne Pause hätte gucken können: Der Pate in der Welt des Terrorismus.
Mary & Max oder Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?
Verschrobene Knetmännchen mit Seele machen Spaß, rühren zu Tränen und erzählen wahrhaftig was übers Leben.
Inception von Christopher Nolan
Als Fan der Montage von verschiedenen Realitätsebenen der "perfekte" Film zur Unterhaltung (incl. Popcorn u. Bier)
Drei von Tom Tykwer
Tom Tykwer spielt endlich wieder nach eigenem Drehbuch mit der Kontingenz des Lebens und der Sprache des Films! Das freut mich sehr.

Katrin Knauth
Lola von Brillante Mendoza 14000
...wegen des unermüdlichen Einsatzes der Großmütter für ihre Enkel in einem bildgewaltigen Manila der Regenzeit
Fish Tank 11924 von Andrea Arnold
...wegen der rotzfrechen, wütenden Art von Mia, wundervoll gespielt von Katie Jarvis.
Tall Dark Stranger - Ich sehe den Mann deiner Träume von Woody Allen
...weil es richtig Spaß macht, den Figuren dabei zuzusehen, wie sie mit offenen Augen in ihr Unglück rennen
Banksy - Exit Trough the Gift Shop von Banksy
...weil es eine gelungene Satire auf den schwer durchschaubaren Kunstmarkt ist
A Serious Man von Ethan und Joel Coen
...ist ein echter Coen und einfach immer wieder schön

Florian Koch
Ein Prophet von Jacques Audiard
Endlich ein packendes Gefängnisdrama ohne Knastklischees - intensiv gespielt, außergewöhnlich dicht erzählt und perfekt abgerundet durch einen in sich stimmigen Schluss.
Enter the Void von Gaspar Noé
Faszinierendes bis verstörendes Filmexperiment vom Berufs-Provokateur Gaspar Noé; dank der visuellen Brillanz und der Sogwirkung der ersten halben Stunde ein lange nachwirkender Kinodrogentrip, der vielfältige Interpretationen zulässt.
The Social Network von David Fincher
Präzise, wahrscheinlich sogar oscargekrönte, Studie über das Facebook-Phänomen und seine Gründungsväter; Finchers kluger Film profitiert erheblich von den geschliffenen Stakkato-Dialogen Aaron Sorkins.
Up in the Air von Jason Reitman
Intelligent unterhaltende, temporeiche Tragikomödie mit einem George Clooney in Bestform, die den Zeit(Un)geist trifft und wieder einmal beweist, was Jason Reitman (Thank You for Smoking und Juno) doch für ein großartiges Regietalent ist.
The Road von John Hillcoat
Hervorragende Adaption der Pulitzer-Preis gekrönten Vorlage von Cormac McCarthy, werktreu, beklemmend, und für mich, auch dank der hervorragend besetzten Vater/Sohn-Paarung, der bewegendste Film des Jahres.

Tomasz Kurianowicz
Shutter Island von Martin Scorsese
Ein Verwirrspiel, eine Höllenfahrt, ein psychologisches Inferno. Mit Shutter Island findet Martin Scorsese zu seinen brillanten Qualitäten zurück und hinterlässt einen Film, der das Verhältnis zwischen Wahnsinn und Norm eindrucksvoll verhandelt.
Mr. Nobody von Jaco Van Dormael
Robert Musils großer, eigentlich als unverfilmbar geltender Roman Der Mann ohne Eigenschaften hat mit Mr. Nobody, dieser kleinen und trotzdem teuren Produktion, ein filmisches Pendant erhalten. Nicht immer einfach, nicht immer verständlich, doch alles in allem ein anregendes Experiment über die Konstruktionsmechanismen menschlicher Identität.
The Social Network von David Fincher
Auf jeden Fall ein heißer Oscar-Kandidat. David Fincher zeigt mit sparsamen erzählerischen Mitteln (als Repräsentant der Welt-1.0-Generation), wie Menschen der Dot.Com-2.0-Ära ticken. Das Drehbuch ist gelungen, die Umsetzung mitreißend und der Film insgesamt eine kluge Reflexion über die verklemmte Menschheit einer digitalen Epoche.
Carlos von Olivier Assayas
Gab's das wirklich? Einen anti-kapitalistischen Anschlag auf ein israelisches Flugzeug mit Panzerfäusten am hellen Tag auf dem Flughafen Charles de Gaulles in Paris? Anscheinend ja. Der Regisseur Olivier Assayas erteilt uns eine 5 Stunden währende Geschichtsstunde über den Terrorismus der 70er Jahre und zeigt uns dabei auf, in welche Widersprüche sich ideologische Gesinnungen verwickeln.
Inception von Christopher Nolan
Auch wenn man die Story zu komplex findet, widersprüchlich oder für einen großen Hollywood-Film inadäquat: Der Engländer Christoper Nolan weiß, wie eine tiefgründige Story unterhaltend verpackt werden kann. Das werden wir hochnäsigen Kontinental-Intellektuellen wohl nie lernen. Chapeau!

Joachim Kurz
Banksy – Exit through the Gift Shop
Ein furioses Schurkenstück mit echten und falschen Künstlern, der die Mechanismen des Kunstbetriebs clever zerlegt und zugleich das Manifest der künstlerischen Befreiung namens „Street Art“, das stets zu schlau ist um zu glauben, es würde ihr gelingen, dem Kreislauf des Geldes zu entkommen. Grell, trashig und unglaublich klug – mit Sicherheit der klügste „Dokumentarfilm“ (sofern diese Zuordnung überhaupt stimmt) seit Jahren.
Bal – Honig von Semih Kaplanoglu
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit im Kino. Selten wurde eine Kindheit in solch magische Bilder gebrannt, lud ein Film so sehr zum Träumen und zum Versinken ein wie Semih Kaplanoglus Berlinale-Gewinner.
Von Menschen und Göttern von Xavier Beauvois
Auch dieser Film ist im Getöse der Kinomaschinerie eine willkommene Insel der Ruhe und zugleich eine großartige Parabel auf das gefährdete Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen.
Lourdes von Jessica Hausner
Ein Film zwischen allen Stühlen: Auf den Spuren der Wundergläubigkeit bietet Jessica Hausner einen faszinierenden Einblick in den Mikrokosmos des französischen Wallfahrtsortes, an dem tatsächlich ein Wunder zu geschehen scheint – oder vielleicht doch nicht. Am Ende ist nur eines gewiss: Das Wunder, das wir gesehen haben, ist der Film selbst – alles andere ist und bleibt fragil, rätselhaft und vielschichtig.
Amer von Hélène Cattet und Bruno Forzani
Eine Meta-Hommage an die italienischen „giallos“ der Sechziger und Siebziger als Kino der reinen Form und puren Sehlust, eher sinnliches Experiment und Film gewordene Installation als klassisches Erzählkino, von dem sich dieser Film weitgehend verabschiedet hat. Wozu braucht es Geschichten, wenn es solche Bilder, Schnitte und solch einen hypnotisierenden Soundtrack gibt?

Bianka Piringer
Women Without Men von Shirin Neshat
Eindringliche Bilder voller Poesie appellieren an die Lebensgeister der unterdrückten iranischen Gesellschaft.
Mademoiselle Chambon von Stéphane Brizé
Ein bezaubernder Liebesfilm, in dem Blicke die Hauptrolle spielen.
Mammuth von Benoit Delépine und Gustave de Kervern
Gérard Depardieu fährt als Hans im Glück durch ein marodes Land.
I Am Love von Luca Guadagnino
Ach, Italien! So kühl und mondän, so flirrend mediterran...
Suicide Club von Olaf Saumer
Ein deutscher Erstlingsfilm, der Optimismus verbreitet.

Silvy Pommerenke
Troubled Water von Erik Poppe
Pål Sverre Valheim Hagen als grandioser Hauptdarsteller und das phänomenale Orgelspiel sind einfach der Hammer!
Sin Nombre von Cary Fukunaga
Selten sind Gewalt und unerbittliche Bandenkriege so ästhetisch und wie ein durchgehender Music-Clip dargestellt worden!
Verdammnis von Daniel Alfredson
Spätestens seit diesem zweiten Teil der Trilogie von Stieg Larsson ist Noomi Rapace nicht mehr aus dem internationalen Kino wegzudenken. Bestes schwedisches Thriller-Kino!
Women Without Men von Shirin Neshat
Poesie in wunderschönen Bildern. Nicht mehr und nicht weniger!
Enter the Void von Gaspar Noé
Eine visuelle und psychologische Grenzerfahrung, die irgendwo zwischen Andy Warhol und Trainspotting liegt.

Michael Spiegel
Wendy and Lucy von Kelly Reichardt
Ein wunderbarer, kleiner US-Indie über eine junge Frau und ihre Hündin - unterwegs nach Alaska, ohne Geld in der Tasche, aber mit Würde und Stolz bei der Sache, wenn es darum geht, in einer solchen Gesellschaft überleben zu wollen. Michelle Williams spielt diese junge Frau unglaublich authentisch und kraftvoll. Wendy und Lucy ist weit weg vom Kitsch eines Hachiko und dennoch ausgesprochen bewegend.
Welcome von Philippe Lioret
Welcome verknüpft das politisch brisante Thema Migration mit existenziellen Werten wie Freundschaft und Liebe in all ihren Facetten. Das vielschichtige Drama besticht durch genaue Figurenzeichnung, viel Sinn für Realismus und große Emotionalität. In einer universellen Geschichte ohne Schwarz-Weiss-Malerei beschreibt Regisseur Philippe Lioret Individuen in Ausnahmesituationen, die gegen vermeintliche Schicksalhaftigkeit kämpfen. Ein herausragendes Plädoyer für die Menschlichkeit.
The Exploding Girl von Bradley Rust Gray
Mein persönlicher Liebling des Jahres. Dieser ruhige, fantastisch bebilderte Film ist eine der schönsten und zärtlichsten Liebesgeschichten, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Gleichzeitig ist The Exploding Girl ein wunderbarer Film über die Freundschaft, poetisch, leicht, dem Leben zugewandt. Bezaubernd: Hauptdarstellerin Zoe Kazan, Enkeltochter des berühmten Regisseurs Elia Kazan.
Moon von Duncan Jones
Das Regiedebüt von Duncan Jones ist ein ganz und gar brillanter Film, den man gar nicht oft genug loben kann. Lakonisch, melancholisch, witzig, das Herz am rechten Fleck - für mich auch eine Art Wiederentdeckung des "Science Fiction" Genre als solches.
The Road von John Hillcoat
Die niederschmetternde Geschichte einer äußerst schwierigen Reise in einer trostlosen Welt... The Road ist ein verstörender Endzeitthriller, der exzellent und ohne Tabus in düsteren Bildern und auf direktem, persönlichen Wege der Frage nachgeht, zu welchen Dingen Menschen in Notsituationen fähig sind und dabei sehr überzeugend grundlegende Überlegungen zu „Gut“ und „Böse“ anstellt.

Annette Walter
A Single Man von Tom Ford
Was kommt heraus, wenn einer der größte Ex-Modedesigner der Welt einen Film macht? Eine Couture-Show? Ein langer Werbespot? Tom Fords A Single Man schafft das Kunststück, Schönheit und Tiefgang zu verbinden. Irrsinnig schöne und gebildete Menschen tummeln sich an den glamourösesten Schauplätzen, die man sich vorstellen kann. Eine oberflächliche Glorifizierung von Äußerlichkeiten, keine Frage. Doch Ford gelingt das Kunststück, dieser Schönheit Tiefe zu verleihen und überzeugend von Sinnsuche, von Furcht vor dem Tod und von ewiger Liebe zu erzählen. "Don't you miss this what we could have been together?", fragt Charley, George Falconers Jugendliebe, als sie neben ihm auf dem Flokati-Teppich ihrer glamourösen Villa liegt, trunken nicht nur vom Champagner, sondern von der Sehnsucht. Die verpasste Option als ewiges Damoklesschwert über dem Haupt. Unbetretene Wege und versäumte Träume werden zu Albträumen und rauben Nacht für Nacht den Schlaf. Unerfüllte Liebe leuchtet als ewige Vision den Weg aus dem Dunkel. Genau davon erzählt Fords Film.
Somewhere von Sofia Coppola
Wie macht man einen der besten Filme 2010? Man engagiert einen Hollywood-Beau (Stephen Dorff), der heruntergekommen-müde durch den Film irrlichtert, baut das Filmset im Chateau Marmont auf und guckt einfach mal, was passiert. So stellt man sich die Entstehungsgeschichte von Somewhere vor. Sofia Coppolas Filme lullen mich als Zuschauerin immer ein bisschen ein und zwar auf eine schöne Art und Weise. Sie wirken weniger auf den Intellekt, sondern erzeugt Stimmungen. So ist es auch bei Somewhere, der dem Ungefähren, dem Vagen verhaftet ist. Der Film konserviert und bebildert Schwebe- und Wartezustände und demonstriert nonchalant einen positiven Gegenentwurf zur Geschwätzigkeit, die viele Filme so unerträglich macht. Coppola schafft all das ohne plakative Szenen. Vielmehr wird man eher zufällig Zeuge scheinbar wahllos aneinandergereihter Alltagserlebnisse des Filmstars Johnny Marco. Somewhere demonstriert die Belanglosigkeit des menschlichen Seins und setzt ihr gleichzeitig einen optimistischen Entwurf entgegen.
The Exploding Girl von Bradley Rust Gray
The Exploding Girl ist eine bedächtige Geschichte von erster Liebe und Freundschaft und hatte eines der schönsten Kinoplakate 2010: Vögel steigen in den Himmel, darunter sitzt die Heldin des Films, in hoffnungsvoller Erwartung der Zukunft. Diese behutsame Teenager-Sommergeschichte war so hinreißend, das man sich gleich ein paar andere Mumblecore-Filme ansah, um das Geheimnis dieser Filmschule mit dem komischen Namen zu ergründen. Das Schöne an dem Film ist, das man sich immens mit Ivy und Al identifizieren kann und ihre Ängste mitfühlt und miterlebt. Das Schöne an The Exploding Girl ist, dass der Film nie so tut, als ob er irgendwelche Antworten oder Erklärungen parat hätte. Er gibt sich ratlos wie seine Protagonisten.
Vorsicht Sehnsucht von Alain Resnais
"Kommt man aus dem Kino, wundert einen nichts. Alles kann passieren. Nichts überrascht einen". Mit diesen lakonischen Worten kommentiert der Off-Erzähler einen Kinobesuch von Hauptdarsteller André Dussollier in Alain Resnais’ Vorsicht Sehnsucht Ein wunderbares Zitat, das exakt erfasst, was man auch nach der Rezeption von Resnais’ Werk empfindet. Der Film ist Huldigung dessen, was Kino sein kann, was virtuose Montage auslöst, was grandiose Bilder auslösen, wie Film mit unseren Sehgewohnheiten spielt und sie gegen den Strich bürstet. Ein Plädoyer für Unvernunft und Extravaganz und deshalb so liebenswert.
Von Menschen und Göttern von Xavier Beauvois
Eine der bewegendsten Filmzenen des Jahres war die Schlussszene aus Von Menschen und Göttern: Die Trappistenmönche, die von den Terroristen der "arme" verschleppt worden, laufen mit ihren Entführern durch eine verschneite Landschaft irgendwo im Atlas-Gebirge in Algerien. Sie sind der Kälte schutzlos ausgeliefert. Sie haben keine wärmenden Schals, keine Mützen, schließlich wurden sie von den Terroristen mit Gewalt aus ihrem Klosterleben herausgerissen. Einem der Mönche scheint der Atem zu versagen. Er schleppt sich nur mit der Hilfe seines Mitbruders Christian den Berg hinauf. Die Mönche und ihre Peiniger laufen weiter und die stillstehende Kamera folgt ihnen so lange, bis sie um weißen Nebel verschwunden. Man wird sie nie mehr lebendig sehen. Die Szene ist wie der gesamte Film wohltuend leise. Er befasst sich konzentriert mit einer authentischen Geschichte und besticht durch die Kunst des Weglassens.

Patrick Wellinski
Bal - Honig von Semih Kaplanoglu
Eine Kindheit in Anatolien: satte, grüne Wälder und ein kleiner Junge, der jeden in seinen Bann zieht. Kaplanoglus Berlinale-Sieger ist ein Film über den Verlust der kindlichen Unschuld, die starke Bindung zwischen Mensch und Natur - und natürlich ist er auch die intimste Vater-Sohn-Geschichte des Kinojahres.
A Serious Man von den Coen-Brüdern
Nur die Coens können eine moderne Hiobgeschichte so inszenieren, als hätte Kafka höchstpersönlich Regie geführt. Ein wahnsinniger, schwarzhumoriger Mix aus jiddischer Sage, erkenntnistheoretischer Komödie und Schrödingers Katzenexperiment.
Still Walking von Hirokazu Kore-Eda
Ein Werk wie von Ozu. Ein Familienfilm voller stiller Epiphanien, Momente von poetischer Schönheit. Kore-Eda zeigt das Leben, wie es nur das japanische Kino zu zeigen vermag.
Von Menschen und Göttern von Xavier Beauvois
Manchmal löst sich das Kino vom reinen Erzählen. Dann können Filme zu großen Metaphern auf unsere Zeit werden und uns die Augen öffnen für die Welt in der wir Leben. Beauvoirs humanes Meisterstück ist so ein Werk.
Uncle Boonmee who can recall his past lives von Apichatpong Weerasathekul
Es ist sicher unmöglich das Erlebnis des allerersten Kinobesuches zu reproduzieren. Aber das Kino von Apichatpong Weerasathekul kommt dem sehr nah. Er macht Bilder, die man so noch nie gesehen hat. Poetisch, philosphisch und politisch - ein Kino der neuen Horizonte.

Rochus Wolff
2011 war ein gutes Jahr für den Animationsfilm, und auch wenn einige der besten es nicht in deutsche Kinos geschafft haben – Sylvain Chomets L'illusioniste zum Beispiel – und stattdessen fast nur amerikanische Produktionen zu sehen waren, so gab es doch unter diesen wirklich herausragende Beispiele.

Toy Story 3 von Lee Unkrich
Ja doch, ein Film über sprechendes Spielzeug war einer der Höhepunkte des Kinojahres 2010, da gibt es nichts zu deuteln. Toy Story 3 ist spannend, witzig, aufregend, ergreifend, kindisch und sehr, sehr erwachsen. Die Macher aus den Pixar-Studios haben im dritten Film der Reihe bewiesen, dass man dem Publikum „mehr des Gleichen“ und dennoch mit klugen Weiterentwicklungen etwas völlig Neues bieten kann. So nimmt der Film zum Beispiel seine Stars Woody und Buzz deutlich zurück und lässt dem über die Jahre gewachsenen Ensemble viel Raum. Ein kleines Meisterstück.
Mary & Max oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet? von Adam Elliott
Obgleich der australische Regisseur Adam Elliot für seine Erzählung eine eigenartig distanzierte Perspektive wählt – fast kontinuierlich spricht ein allwissender, reichlich ironischer Off-Kommentar den Knetgummibildern Leben ein, nur in den Briefen zwischen dem autistischen Max und der jungen Mary kommen die beiden Protagonisten selbst zur Sprache – ist Mary & Max oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet? eines der emotionalsten Dramen des Kinojahres. Und herzergreifend komisch.
Drachenzähmen leicht gemacht von Dean DeBlois und Chris Sanders
Die beiden Regisseure Dean DeBlois und Chris Sanders knüpften mit diesem Film an ihre Kooperation bei Lilo & Stitch vor acht Jahren an, und Dreamworks schaffte es einigermaßen erfolgreich, die eigentlichen Qualitäten des Films hinter einer eher rabaukigen Marketingmaschinerie zu verbergen. Denn zwar geht es hier auch um Kämpfe mit Drachen, ihre Zähmung und Steuerung im Flug – aber vor allem ist Drachenzähmen leicht gemacht eine Wickie-artige Geschichte darüber, dass Gehirnschmalz und Gefühl oft sinnvollere Wege aufzeigen als dies reine Muskelkraft vermöchte. Darüber hinaus ist dies eigentlich der cleverere Avatar – mit ganz ähnlichen visuellen Reizen und einer ähnlichen Botschaft, aber viel weniger verbissen und größenwahnsinnig und vor allem ohne das ganze militaristische Geknalle.
Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen von Chris Miller und Phil Lord
Auch Sony setzte in diesem Jahr mit Erfolg auf einen Underdog, den eigentlich erfolglosen Erfinder Flint Lockwood. Der lässt schließlich das Schlaraffenland mit einer Maschine Wirklichkeit werden , die aus Wasser Essen produziert. Natürlich geht dann alles schief, und das mit so viel Charme, Tempo und anspielungsreichem Augenzwinkern, dass man dem Film sein nicht eben originelles Handlungskonstrukt gerne nachsieht.
ICH - Einfach unverbesserlich von Pierre Coffin, Chris Renaud und Sergio Pablos
Das gilt auch für ICH – Einfach unverbesserlich, der hauptsächlich von seinem außergewöhnlichen Protagonisten getragen wird. Gru ist nicht nur ein halbwegs gemeiner Bösewicht, sondern auch eine bezaubernde Persönlichkeit, deren Entwicklung vom Bösen zum Ziehvater dreier Waisenkinder zwar nicht besonders überraschend sein mag, sich jedoch mit immer wieder überraschenden Volten, etwa aus dem Agentenfilm, absurden Gadgets und einem alten Warner-Cartoons entliehenen Brachialslapstick vollzieht – schließlich ist auch ein Weltbeherrschungsplan umzusetzen und ein noch böserer Bösewicht zu bekämpfen.

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