Wolke 9 – Cannes 2008

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Andreas Dresens neuer Film in der Reihe „Un certain regard“

Abseits des Wettbewerbs von Cannes, bei dem Wim Wenders die Erwartungen mit seinem neuen Film Palermo Shooting enttäuschte, gab es in den Nebenreihen „Un certain regard“ und "Semaine de la Critique" zahlreiche weitere Filme mit deutscher Beteiligung zu sehen. Besonders interessant dabei dürfte vor allem die Aufnahme des neuen Films von Andreas Dresen sein, der mit Sommer vorm Balkon einen der großen deutschen Kinohits der letzten Jahre ablieferte und zeigte, dass sich künstlerischer Anspruch und beste Unterhaltung keineswegs ausschließen müssen.

In seinem neuen Film Wolke 9 thematisiert Andreas Dresen ein Thema, das einerseits nah am Puls der Zeit und andererseits immer noch mit einem Tabu behaftet ist – Liebe und Sexualität im Alter. Inge (Ursula Werner) und Werner (Horst Rehberg) sind schon seit langem ein Paar, sie ist Mitte Sechzig, er jenseits der Siebzig. Die Ehe und das Leben miteinander sind ein wenig eingerostet, aber was will man nach so vielen Jahren noch erwarten. Doch dann passiert es: Inge trifft den 76-jährigen Karl (Horst Westphal) und verliebt sich in ihn. Und mehr noch: Sie gibt diesen Gefühlen nach, lässt sich treiben, verhält sich kaum anders als ein verliebter Teenager. Ihre Ehe hält dies nicht aus...

Auch wenn das Thema einer späten Liebe mit all ihren Folgen auf den ersten Blick ungewöhnlich und sperrig erscheinen mag: Wolke 9 erhielt nach der Vorstellung in Cannes minutenlange stehende Ovationen und erntete viel Kritikerlob, sowohl national wie auch international. So schreibt Andreas Borcholte bei Spiegel Online: "Andreas Dresen filmt diesen riesigen Konflikt im Leben kleiner, einfacher Leute mit der ihm eigenen Intensität. Immer wieder fährt die Kamera ganz nah an die Gesichter der vom Leben gezeichneten Gesichter der drei Alten heran, zeigt, wie sich lange begraben geglaubte Emotionen ihren Weg durch faltige Landschaften bahnen. Ursula Werners wollüstiger Mund und die strahlenden, nach Leben gierenden Augen von ihrem Liebhaber sind Elemente, die viel dazu beitragen, dass Dresens Film echt wirkt und genau da trifft, wo er zum Denken anregen will." Auch Martin Rosefeldt von Arte ist begeistert und schreibt: "Keine Weichzeichner, keine diskreten Totalen oder keuschen Bettdecken, dafür viel verwelkte Haut in Nahaufnahme. Bilder, wie sie im Fernsehen oder gar in der Werbung nie zu sehen sind. Wohl deshalb, weil Menschen des dritten und schon recht nicht des vierten Lebensalters ein leidenschaftliches Liebes- oder gar Sexleben nicht mehr zugebilligt wird; wenn, dann nur in verkitschter, verklärter und verniedlichter Form. Geradezu dankbar ist man dafür, dass es endlich ein Regisseur auf der Leinwand vermocht hat, uns die Angst vor dem Älterwerden und die damit verbundenen Verlustängste zumindest ein Stück weit zu nehmen." Auch Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel schwärmt in den höchsten Tönen von Dresens neuem Film: "Ein unerhörtes Kino-Sujet, das in der Wirklichkeit so unerhört gar nicht ist“, und prophezeit dem Film einen großen Publikumszuspruch: "...diese Wolke 9 wird, wenn sie ab Spätsommer das große Publikum erreicht, lange über die Leinwände schweben.“ Und Sascha Rettig in der Netzzeitung zeigt sich mehr als angetan: "Er (Dresen, Anmerkung der Redaktion) zeigt die Zärtlichkeit, die etwas ungelenken Küsse und, was im Kino eigentlich nie stattfindet, auch den Sex. Mit der Intensität und Wirklichkeitsnähe, die man aus seinen anderen Filmen wie Halbe Treppe kennt, beleuchtet der Regisseur so nicht nur den Mut zu einer neuen Liebe im Alter, sondern auch die Gefühle des Verlassenen, der nach Jahrzehnten plötzlich einen schwer möglichen Neuanfang probieren muss."

Der Film erhielt bei der Preisverleihung von Cannes den Preis „Coup de Coeur“ und startet am 28. August in den deutschen Kinos.

(Red.)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Wolke 9 – Cannes 2008
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2008
Länge: 98 (Min.)
Verleih: Senator Filmverleih

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Bisherige Kommentare (Anzeige: 5 von insgesamt 9)
Von: claudia kiel am: 24.11.08
Tabubruch alleine macht noch keinen guten Film. - Das Ende ist unglaubhaft: der Ehemann verstirbt (oder bringt sich um?),etwas "weinwein" und dann weiter mit dem "jungen" Glück?! - Wozu um alles in der Welt "dient" es dem Thema, entstellten Körpern in epischer Breite und gleich mehrmals beim Geschlechtsverkehr zuschauen zu sollen. Ja, alte Leute vögeln, issja gut! Hut ab allerdings vor Herrn Westphal, seine Darstellung ist einfach anrührend. Gruß von Claudia Kiel, Bamberg
Von: A. Leroy am: 21.10.08
Buch zum Film kaufen!!!! Ohne bringt der Film und seine Aussage nichts! - absolut gar nichts! Warum irritiert es mich, beschämt, erstaunt, fasziniert mich... wenn "Alte" ne - stinknormale - Dreiecksbeziehung haben? In der Tat - hätte genauso die Geschichte von Mittdreißigern sein können - aber WARUM ist sie es nicht und WARUM ist es wie mit Lakritze: man scheut sich vor dem Film und dessen Aussage oder man traut sich, hinter die "gesellschaftlich verinnerlichte Doktrin" zu schauen: Das Buch zum Film behandelt Filmentwicklung und Thematik deutlich entscheidender!!!!, als der Film es selbst vermag!!! (weiterer Tip: "Liebe bleibt jung" lesen - Grundstein zum Film!)
Von: Birgit B am: 30.09.08
Ich war heute in diesem Film. Aber nicht bis zum Schluss. Ich fand ihn richtig ekelhaft. Mir war die Zeit echt zu schade bis zum Schluss auszuharren, obwohl ich extra einen Babysitter für meinen freien Abend organisiert habe. Nicht die Tatsache, dass Alte Sex haben fand ich abstoßend, sondern dass ich mir das ständig ohne weitere besondere Handlung anschauen soll. Ich hätte das bei Jungen auch zuviel gefunden. Nur weil es Alte sind, soll es plötzlich Kunst sein?
Von: Aust, Renate am: 21.09.08
Wir haben uns (mein Mann und ich) im Urlaub in Koblenz angeschaut, weil uns die anderen angebotenen Filme nicht zugesagt haben - also der blanke Zufall. Der Film hat uns sehr berührt, zumal wir uns dem Alter der Darsteller nähern (59 und 57 Jahre). Ich kann mir zwar nicht vorstellen, mit einem wesentlich älteren Mann in die "Kiste" zu steigen, aber wer weiß... Die einschlägigen Szenen fand ich überzeugend und überhaupt nicht peinlich. Das Filmende hat uns (allen Zuschauern im Kino) sehr betroffen gemacht. Danke für diesen sehr ausdruckstarken Streifen.
Von: Lore am: 20.09.08
Ich fande den Film wunderbar. Eben weil man die Menschen so sieht, wie sie sind, vor allem eben auch die Frau und es glaubhaft wird, dass sie begehrt wird, obwohl sie mollig ist, obwohl sie sich nicht vorteilhaft kleidet etc. Es nimmt ein bisschen die Angst, so etwas zu sehen. Es wird glaubhaft erzählt, dass man als Frau bis ins hohe Alter begehrenswert sein kann. Die Handlung ist nicht neu, die Geschichte hundertmal erzählt, aber das sie auch mit Menschen in diesem Alter funktioniert, das ist die Leistung des Regisseurs und der Schauspieler.
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