There Will Be Blood

Kinostart: 14.02.2008
FSK: 12
Leserbewertung:
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Diese verfluchte Gier nach öl

Es beginnt mit einem Wummern auf der Tonspur, einem dissonanten Kreischen, das schließlich in eine sirenenartige Tonfolge übergeht, bevor die Leinwand für einen kurzen Moment hell wird und den Blick auf eine Mondlandschaft freigibt. Es ist das Jahr 1898, und dies ist die Geschichte von Daniel Plainview. Dieser Mann, gespielt von Daniel Day-Lewis, ist einer von vielen, die sich in mühevoller und gefährlicher Arbeit in die Erde wühlen, um nach Bodenschätzen zu suchen und so ihr Glück zu machen. Am Anfang ist es noch das Silber, nach dem er schürft, doch bald schon hat ihn die Gier nach dem schwarzen Gold gepackt, das nun, an der Schwelle zum neuen Jahrhundert der Mobilität, zum neuen Fetisch aller Glückssucher und Geschäftemacher wird. Schnell zeigt sich, dass Daniel der geborene "Ölmann" ist, wie er immer wieder in Gesprächen betont – gerissen, ohne Gefühl und immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Solchermaßen mit Pioniergeist, Visionen und einer großen Portion Skrupellosigkeit ausgestattet beginnt sein Aufstieg vom kleinen Bergmann zum Ölbaron, der mit allen Tricks den großen Konzernen wie Standard Oil trotzt. Sein treuer Wegbegleiter ist H.W. (Dillon Freasier), der Sohn eines verunglückten Kameraden aus früheren Tagen, doch wer hinter der Sorge des Adoptivvaters eine Spur von (Mit-)Menschlichkeit vermutet, geht dem knallharten Geschäftsmann ebenso auf den Leim wie viele törichte Landbesitzer, denen er mit treuherzigen Reden und dem Hochhalten uramerikanischer Werte wie Familiensinn das Land abschwatzt. Einzig der Laienprediger Eli Sunday (Paul Dano) wagt es, sich dem Egomanen in den Weg zu stellen, doch auch dessen Motive sind mehr als fragwürdig…

Betrachtet man das bisherige Werk von Paul Thomas Anderson mit Filmen wie Boogie Nights, Magnolia und Punch-Drunk Love, so kommt man nicht umhin, in ihm einen der wirklich vielversprechendsten und außergewöhnlichsten US-amerikanischen Regisseure auszumachen. Mit seinem neuen Film aber stößt Anderson nun in eine neue Dimension vor, die fast schon ein wenig bange macht. Lose auf Upton Sinclairs Buchvorlage Öl! basierend zaubert der Regisseur ein Sittengemälde des frühen 20.Jahrhunderts auf die Leinwand, das seinesgleichen sucht und das immer wieder assoziativ an die Ölmänner der Familie Bush und deren evangelikale Grundhaltung erinnert. Die Gier des Ölbarons Daniel Plainview und die Heuchelei des Mannes Gottes Eli Sunday – nimmt man sie zusammen, so bekommt man eine Ahnung davon, welche Art von Mensch die Geschicke der USA lenkt und leitet. Betrachtet man es auf diese Weise, ist There will be Blood kein "history piece", sondern eine gnadenlose Analyse des Kapitalismus bis in unsere unmittelbare Gegenwart hinein.

Daniel Day-Lewis spielt den Ölbaron Daniel Plainview mit vibrierender Energie und als Mischung aus Citizen Kane, John Huston in Chinatown und James Finlayson, dem legendären Gegenspieler von Stan und Olli. Wie Letzterer pflegt er den Blick von unten, mit zusammengekniffenen Augen und bebendem Schnauzbart. Überhaupt ist There will be Blood voller Verbeugungen vor großen Filmen aus der glorreichen Vergangenheit Hollywoods, neben Chinatown und Citizen Kane fühlt man sich immer wieder an Giganten / Giant von George Stevens (USA 1956) erinnert, der als letzter Film von James Dean in lebhafter Erinnerung geblieben ist. Doch Paul Thomas Anderson ist mehr als nur ein genialer Sammler von Zitaten – sein Film hat das Zeug dazu, aus dem Schatten der genannten nicht eben kleinen Vorbilder herauszutreten und selbst einen gewichtigen Rang in der neueren Filmgeschichte einzunehmen – zumindest bei jenem Publikum, das keine Scheu vor schweren, bedeutungsschwangeren Dramen hat. Eines ist klar – für das Rennen um die Oscars ist There will be Blood, der in acht Kategorien nominiert ist, ein ganz heißer Kandidat. Und selten war eine Nominierungsflut so nachvollziehbar, denn Paul Thomas Andersons Film ist in nahezu jeder formalen Hinsicht ein bemerkenswertes Meisterwerk, das sich nicht scheut, auch gewaltige Schnitzer und dramaturgische Fehler in Kauf zu nehmen. Denn er weiß um seine unbändige Kraft und seine beinahe mythologische Wucht.

(Joachim Kurz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: There Will Be Blood
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
Länge: 158 (Min.)
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 14.02.2008

Trailer

Fotogalerie

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FILMBEWERTUNG

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Von: am: 22.06.08
Der Film ist einzigartig, monolithisch, ein Fels in der Filmflut, die Jahr für Jahr aus den Studios quillt. Diese faszinierende, zeitweise beklemmende Mischung aus großartiger Kamera, kongenialer Musik und überragender Schauspiel- kunst hat mich zutiefst beeindruckt und noch über Wochen beschäftigt
Von: crazyhorse am: 09.04.08
Grandioser Anfang, verflacht dann zusehends und versickert in einem unverständlichen Schluss.
Von: Frank Schneider am: 12.03.08
Eine schwere, aber lohnende Kost. was watrtet man am anfang bis das erste Wort gesprochen wird. Stattdessen? Taten. Es wird gearbeitet, gemacht. es werden Tatsachen geschaffen. Und am Ende? Da steht ein Satz, der den ganzen Film statt "The end" dort stehen kann. Einfach großartig, was dazwischen gezeigt wird.
Von: kinomi am: 03.03.08
Der Film erschlägt einen gradezu - sehr düster und schwer. Ein Epos für den man sich Zeit lassen muss.
Von: PottU am: 18.02.08
Grandioses Epos von geradezu biblischer Bild- und Ausdrucksgewalt, ästhetisch nahezu vollkommen, handwerklich (Kamera!Musik!)perfekt(fühlte mich qualitativ an "Citizen Kane" erinnert). Wer in Andersons Meisterwerk lediglich schnöde Kapitalismuskritik aus sozialromantischem Impetus entdeckt, springt zu kurz. Gezeigt wird das Elend der unweigerlich in totaler (Selbst- und Fremd)zerstörung endendenden Besessenheit des Erfolgtreichen, aus Sicht puritanischer Ethik des "von Gott Gesegneten". Day-Lewis spielt diesen in seiner Einsamkeit, Misanthropie und Pessimismus an einen Shakespearetragöden erinnernden Mann mit faszinierend beklemmender Eindringlichkeit: Plainview, ein King Lear des Industriezeitalters, dessen äußere und innere Versehrtheit mit seinem Reichtum zunimmt, ein Midas, dem alles zu Gold wird, was er anpackt, und zugleich zum Fluch gerät, weil sein Bestreben einzig in dessen Mehrung besteht, die ja letztlich nichts anderes ist als Zerstörung des Gegenüber; der in seinem Wahn selbst Gott funktionalisiert, um den Preis, dass aus dem von Gott Gesegneten der von Gott Verlassene wird. Eine gebrochene Figur, die am Ende beinahe Mitleid erzeugt. Eine der bedeutendsten Charakterzeichnungen mindestens der jüngeren Filmgeschichte. Das wird auch die wahrscheinliche Auszeichnung mit tausend Oscars nicht verhindern können.
   
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