Zurück zur Übersicht

The Tree of Life

Meinungen
48

244 Bewertungen

Kinostart: 16.06.2011
FSK: 12
Genre: Drama
Tags: Natur, Vater-Sohn-Beziehung, Glauben, Sinn des Lebens, Cannes 2011, Cannes 2011 Wettbewerb
 

Das fliegende Auge Gottes und das heisere Raunen der Engel

Manchmal kann einem Filmemacher auch der eigene Ruf zum Verhängnis werden oder zumindest zu einer Bürde. Das gilt erst recht dann, wenn man innerhalb der Branche solch eine legendäre Reputation genießt wie Terrence Malick. Mit nur zwei Filmen in den 1970ern (Badlands - Zerschossene Träume / Badlands, 1973 und In der Glut des Südens / Days of Heaven, 1978) machte er auf sich aufmerksam und galt als begnadeter Poet des US-amerikanischen Kinos. Der Mythos wurde zudem genährt durch seine Begeisterung für Philosophie und durch seine rätselhaften Rückzüge aus der Filmbranche, die in seiner mittlerweile 40 Jahre andauernden Karriere dafür sorgten, dass Malick insgesamt in dieser Zeit nur vier Langfilme realisiert hat. Kein Wunder also, dass nach dieser Vorgeschichte die Erwartungen an Terrence Malicks seit langem angekündigten Film The Tree of Life riesig waren - vielleicht ja auch zu riesig. Bei der Pressevorführung in Cannes wurde der Film jedenfalls neben stillerem Beifall mit deutlich vernehmbaren Buhrufen bedacht. Was die Jury aber nicht daran hinderte, dem monumentalen Werk am Ende des Festivals die Goldene Palme zuzusprechen. Zwischen diesen beiden Extremen – einerseits beinahe schon wütende Unmutsäußerungen, andererseits frenetische Zustimmung – bewegt sich The Tree of Life. Selten hat ein Film die Kritikerschar so gespalten.

Oberflächlich betrachtet erzählt Malick von dem Widerstreit zweier konkurrierender Prinzipien in der Welt, deren Existenz und Rivalität er anhand einer Familie darstellt. Diese lebt während der späten 1950er und frühen 1960er Jahren in Waco, Texas und besteht aus einem gestrengen Vater (Brad Pitt) und einer milden, oftmals ein wenig verträumt wirkenden, verständnisvollen und zur Empathie befähigten Mutter (Jessica Chastain) und deren drei Söhnen, von denen vor allem Jack (Hunter McCracken) im Mittelpunkt steht, weil vor allem er immer wieder mit seinem Vater aneinander gerät. Als bei einem Schwimmunfall ein Freund der Brüder stirbt, steht die Familie, die vom cholerischen Vater mit Strenge und Unnachgiebigkeit geführt wird, vor einer Zerreißprobe. In späteren Jahren erinnert sich Jack (als Erwachsener gespielt von Sean Penn) an diese Zeit und versucht durch Erinnerungsarbeit mit seinem Leben ins Reine zu kommen. Allerdings gibt es innerhalb der Geschichte vieles, was offen bleibt, weil Etliches nur angedeutet wird, so etwa auch der Tod eines der Brüder in späteren Jahren. Und es für beinahe jede Wendung auch eine andere Erklärung geben könnte.

Dass Malick eine große Vorliebe für ausführliche Naturbeschreibungen hat, ist spätestens seit seinen magischen Bildern aus den 1970ern, bei denen sich Weizenfelder wie ein gigantischer roter Ozean im Wind wiegen, bekannt. In The Tree of Life wagt der Regisseur gar einen knapp halbstündigen Exkurs in die Welt der Elemente und zeigt dabei Bilder von erlesener Schönheit, die die Sequenz beinahe schon zu einem visuellen Drogentrip werden lassen. Bizarr geformte Felsformationen, Unterwasseraufnahmen, sich im Wind wiegende Sonnenblumenfelder, Vulkanausbrüche und andere Illustrationen der Mächte der Natur sind in Summe wahrscheinlich über die gesamte Laufzeit des Filmes länger im Bild zu sehen als die Menschen, deren Geschichte der Film erzählt.

Auch die Story, die die Basis für diese kontemplativen Exkurse bildet, lebt vor allem durch die Kraft der Bilder und deren Außergewöhnlichkeit. Es gibt kaum eine Einstellung, die nicht den besonderen Blick, das Detail, die dynamische Lösung sucht (und findet). Ständig ist die Kamera in Bewegung, schwebt zwischen den Menschen, schneidet die Personen an, springt dann wieder in Detailaufnahme oder extreme Weitwinkel, die von sorgfältig komponierten Landschaftstotalen abgelöst werden und formt so ein Bilderpuzzle von elegischer Eleganz, das beinahe so aussieht als habe man einen „stream of consciousness“ auf Filmmaterial gebannt. Darüber liegt auf der Tonebene ein Mix aus spärlichen Dialogen, die allenfalls rudimentäre Informationen über die Ereignisse liefern, einer ausführlichen Off-Erzählstimme, Naturgeräuschen und viel klassisch-sakraler Musik, häufig von einem Chor vorgetragen, die den getragenen Tonfall der Narration noch verstärkt.

Es besteht kein Zweifel: Für Terrence Malick ist das Kino ein pantheistischer Gottesdienst voll betörender Schönheit und Transzendenz, den man weniger mit dem Verstand als vielmehr mit dem (gläubigen) Herz erfassen und verstehen kann. Atheisten haben es freilich in diesem cineastischen Hochamt schwer: Für sie scheitert Malick mit seiner Feier des universellen Weltgeistes auf ähnliche Weise, wie dies Jahre zuvor Darren Aronofskys mit The Fountain widerfuhr. In dessen Film ging es um die Suche nach eben jenem Baum des Lebens, den Malick als Titel für sein Werk wählte. Es wäre durchaus interessant, nun nach der Erfahrung, die man mit The Tree of Life gemacht hat, The Fountain nochmal einer neuerlichen Sichtung zu unterziehen.

The Tree of Life ist ein durch und durch zwiespältiges Werk, das (zumindest streckenweise) ebenso fasziniert wie Rätsel aufgibt und mindestens zwei- drei- oder viermal gesehen werden muss, bis man sich einen Weg durch das Dickicht der Interpretationen und möglichen Lesarten geschlagen hat. Und selbst dann, in Diskussionen mit anderen, ergeben sich im Gespräch immer weitere Spuren und Hinweise oder wie Malicks Vorbild Martin Heidegger sagen würde, "Wege und Holzwege". Ein Film für Sinnsucher - und das durchaus im doppelten Wortsinne.

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
Länge: 138 (Min.)
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 16.06.2011

Cast & Crew

Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: Jay Rabinowitz, Mark Yoshikawa, Billy Weber, Daniel Rezende, Hank Corwin
Musik: Alexandre Desplat
Hauptdarsteller: Sean Penn, Brad Pitt, Fiona Shaw, Jessica Chastain, Kari Matchett

MEINUNGEN

Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)

Kommentar Seiten « 1 2 3 4 5 »

Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 48)
Von: gs am: 08.08.11
ein bewegender film. beschrieben wird die ehe zwischen einem schwachen, verzweifelten mann mit wenig selbstachtung, der dies vor sich und der welt verbirgt und durch karriere und gier nach bewunderung kompensiert, der immer ein anderer sein wollte, und einer frau, die ihm reflektiv überlegen, aber körperlich unterlegen ist; dennoch dominiert sie durch ihre integrität und güte, kann diese jedoch auch um einiges leichter bewahren in der behüteten seifenblase, die sie nie verlassen musste. schließlich muss er, und nicht sie sich der realität und jeder art menschlichen verhaltens stellen, um seine familie zu ernähren. am ende dominiert mitleid zwischen den beiden und respektverlust in der kompletten familie. die in diesem ungleichgewicht aufwachsenden, charakterlich ungleichen kinder erfahren seelische und körperliche gewalt durch den vater und ihre geschwister, werden geprägt durch die ungleichen charaktäre ihrer eltern und die väterliche unausgeglichenheit/zerrissenheit/sadistische ader, der offensichtlich an dem punkt angelangt ist, an dem er gern schwächere quält und dominiert. sie haben kein gutes vorbild und kämpfen darum, nicht zu dem schlechten zu mutieren, das ihnen vorgelebt wird ohne jegliche erklärung. sie können nichts verstehen, erkennen aber sehr klar, was gut und was böse ist. geredet wird nicht, nur in wortfetzen kommen die probleme, die jede familie zu bewältigen hat, an die oberfläche, erklärungen gibt es nicht. die kinder haben keine chance, sie werden den eltern ähnlich. insbesondere der älteste ist sein leben lang zerrissen. malick hat für sich erkannt, dass diese kinder ihr inneres gleichgewicht nur durch lebenslanges fragen, nachdenken, reflektieren und kämpfen, liebevolle zuwendung anderer menschen, toleranz, integration, verzeihen und vergeben sowie den blick auf die schönheit der welt/natur (sonnenblumenfeld in der letzten szene) finden können, auch und insbesondere als erwachsene. nur dies verschafft verletzten seelen linderung, wenn auch keine heilung, oder sie sterben früh, wie der mittlere. malick gehört vielleicht dazu, vielleicht ist es sein weg, seine kindheit aufzuarbeiten, vielleicht hilft dieser weg denjenigen, die ihn auch gehen müssen und können, wenn auch nicht so prätentiös. aber wie hätte man der welt eine form der lösung, einen weg nach rom einschlagender erklären können. wenn er hilft, etwas zu begreifen, umso besser; wenn (noch) nicht, dann vielleicht später, alles braucht seine zeit, incl. das verstehen. vielleicht hätte man es subtil auch besser zeigen können; malick hat dies nicht gereicht, dies lässt einiges erahnen von einem bedürfnis nach antworten auf das warum, erklärungen, der bitte um vergebung!
Von: albern am: 31.07.11
Der Film kommt mir vor wie eine bewegender SAT1-Familienfilm bei dem während der Werbung auf Discovery Channel umgeschalten wird. Bei der letzten Szene wird ein Sonnenblumenfeld eingeblendet und nur die Erwartung enttäuscht, dass kein Kitsch unten aus der Leinwand tröpfelt.
Von: Jan Rosenbaum am: 18.07.11
ärgerlicher schwachsinn, nur geeignet für guru-empfängliche religionsneurotiker.
Von: wignanek-hp am: 17.07.11
Das Göttliche in der Natur hat nichts mit Gnade zu tun. Es geht eher um die Schöpfung, die den göttlichen Funken in sich trägt. Und diese Schöpfung ist auch gewalttätig und zeigt, wie klein wir Menschlein letztlich doch sind, gerade im Vergleich zu einem Vulkan, der mit seinem Ausbruch alles Leben vernichten kann. Gleichzeitig hat die gleiche Schöpfung wunderschöne, auch tröstende Dinge hervorgebracht. Wenn man das eine sieht, sollte man das andere nicht vergessen. Ob ich als Mensch in der Natur Trost finde, liegt an mir selbst. Ich kann ihn auch im Glauben an einen Gott, der mich beschützt, suchen. Aber leider fällt das in der heutigen Welt mit ihren Katastrophen und Kriegen immer schwerer.
Von: Jörg am: 17.07.11
Die Naturszenen sind für mich gewaltig bis "gewaltätig", wie z.b. Lava, die in Wasser fliesst.Ich kann da keinen Gott finden und auch nichts Gnädiges. Erst am Schluß, mit dem Licht der Sonne kommt ein Symbol, was als göttlich verstanden werden kann.

Kommentar Seiten « 1 2 3 4 5 »

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Cineplex Kinos
  • Sala Web